Antike und AltertumRatgeber
Der Alte Orient: Städte, Schrift und Reiche zwischen Euphrat und Tigris
Als Alter Orient bezeichnet die Forschung die frühen Kulturen Vorderasiens, mit dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak als Kern. Dort entstanden im 4. Jahrtausend v. Chr. die ersten Städte und die Keilschrift. Danach lösten sich Großreiche wie Akkad, Babylonien, Assyrien und das Perserreich ab.

Die ältesten Schriftzeugnisse der Welt sind Tontafeln aus dem Süden des heutigen Irak. Sie stehen am Anfang einer Geschichte, die die Forschung unter dem Namen Alter Orient zusammenfasst: Kulturen, die über drei Jahrtausende hinweg in Keilschrift schrieben, Städte mit Zehntausenden Einwohnern bauten und Gesetze in Stein meißeln ließen. Ausführlicher behandelt werden einzelne Kulturen unter Sumer, Babylonien und Assyrien.
Was der Begriff Alter Orient umfasst
Die Assyriologie, die Wissenschaft von den Keilschriftkulturen, beschäftigt sich mit den Hochkulturen des alten Vorderasiens und ihren Sprachen, mit deren Geschichte, Religion, Recht, Wirtschaft und Literatur [1]. Ihr Kerngebiet ist das südliche Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak [1]. Die Vorderasiatische Archäologie zieht den Rahmen weiter. Sie reicht vom Bosporus und Kaukasus im Norden bis zum Jemen im Süden und vom östlichen Mittelmeer bis zum Indus, mit dem Schwerpunkt auf dem heutigen Irak, Syrien, Jordanien, der Türkei und Iran [2].
Auch zeitlich ist der Begriff weit. Die Münsteraner Archäologen behandeln die Zeit vom vorkeramischen Neolithikum im 10. Jahrtausend v. Chr. bis zur Ausbreitung des Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. [2]. Die Ägyptologie ist ein eigenes Fach, die Universität Heidelberg führt sie neben der Assyriologie gesondert auf [1]. Mehr dazu steht auf der Seite über das Alte Ägypten.
Von Dörfern zu den ersten Städten
Zwischen etwa 10.000 und 5.000 v. Chr. lebten die Menschen in der Region in Dörfern. Daraus entwickelten sich gestufte Siedlungssysteme und schließlich in Mesopotamien die ersten Städte [2]. Im 3. Jahrtausend v. Chr. bildeten sich Stadtstaaten, die einander Land und Wasser streitig machten [2]. Wie die Menschen überhaupt sesshaft wurden, beschreibt die Seite zur Neolithischen Revolution.
Uruk im Süden Mesopotamiens war einer der wichtigsten Orte dieser Entwicklung. Gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. wurde dort die Keilschrift eingeführt, und die Archäologen bringen das mit der wachsenden Größe und Komplexität der Gesellschaft in Verbindung [2]. Wer Vorräte, Abgaben und Arbeitskräfte einer ganzen Stadt verwalten wollte, brauchte ein Mittel, um Mengen und Namen festzuhalten.
Die Keilschrift
Die Universität Heidelberg datiert die ältesten Tontafeln auf etwa 3200 v. Chr. [1]. Planet Wissen setzt die Erfindung der Schrift durch die Sumerer etwas früher an, um 3300 v. Chr. [3]. Die Schreiber drückten die Zeichen mit einem Schilfrohr in feuchten Ton. Aus Bildzeichen wurden mit der Zeit abstrakte Zeichen, die auch für Silben standen [3].

Über drei Jahrtausende blieb die Keilschrift das wichtigste Schriftsystem Vorderasiens. Mit ihr schrieb man Sumerisch und Akkadisch in Mesopotamien, Hethitisch in Anatolien, Elamisch in Iran und weitere Sprachen [1]. Erst um die Zeitenwende verdrängten die aramäische und die griechische Schrift sie [1]. Die Entwicklung der Schrift in allen Weltregionen verfolgt die Seite Die Erfindung der Schrift.
Akkad: das erste Großreich
Lange bestand Mesopotamien aus vielen Stadtstaaten. Das änderte sich mit Sargon von Akkad. Er regierte nach der gängigen Datierung von 2334 bis 2279 v. Chr., das Reich von Akkad bestand bis etwa 2154 v. Chr. [7]. Seine Schreiber beanspruchten ein Gebiet vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer, wie groß das Reich wirklich war, ist aber umstritten [7]. Die Hauptstadt Akkad haben Archäologen bis heute nicht gefunden [7].
Unter Naram-Sin, der von 2254 bis 2218 v. Chr. regierte, erreichte das Reich seinen Höhepunkt [7]. Über das Ende gibt es zwei Erklärungen. Die Überlieferung macht das Bergvolk der Guti verantwortlich, neuere Untersuchungen denken eher an Klimaveränderungen, Hungersnöte und gestörten Handel [7]. Sargons Tochter Enheduanna war um 2300 v. Chr. Hohepriesterin in Ur und gilt als die erste Autorin der Welt, deren Name bekannt ist [7]. Mehr steht auf der Seite Akkad: das erste Großreich.
Babylon unter Hammurabi
Im 18. Jahrhundert v. Chr. wurde Babylon zum Zentrum eines großen Reiches. König Hammurabi, der von 1792 bis 1750 v. Chr. herrschte, vereinte mehrere Stadtstaaten zu einem Königreich, ließ Kanäle und Befestigungen bauen und eroberte nach einem Bündnis gegen Elam seine früheren Verbündeten [5]. Bekannt ist er vor allem durch seine Gesetzessammlung, eine der ältesten schriftlich erhaltenen [5].

Das berühmteste Exemplar steht heute im Louvre in Paris: eine 2,25 Meter hohe Stele aus Basalt. Gefunden wurde sie 1901 und 1902 in Susa im heutigen Iran. Oben zeigt ein Relief den Gott Schamasch und den König, darunter steht der Gesetzestext in altbabylonischer Sprache und Keilschrift [6]. Was in den Paragrafen steht, erklärt die Seite zum Codex Hammurabi.
Hethiter, Ägypter und die Diplomatie
Aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. ist ein Friedensvertrag zwischen zwei Großmächten überliefert. Im 13. Jahrhundert v. Chr. einigten sich der ägyptische Pharao Ramses II. und der hethitische Großkönig Hattušili III. auf einen Frieden. Das Jahr wird unterschiedlich angegeben: Die Wikipedia nennt etwa den 10. November 1259 v. Chr. [8], das Center for Online Judaic Studies das Jahr 1258 v. Chr. [12]. Der Vertrag ist in zwei Fassungen erhalten: in Hieroglyphen an einer Tempelwand in Karnak und auf Akkadisch in Keilschrift [8]. Die Bruchstücke der Keilschriftfassung kamen 1906 und 1907 in der hethitischen Hauptstadt Hattuša zutage [8]. Ein Auszug in englischer Übersetzung ist über dem Eingang des UN-Sicherheitsrats in New York angebracht [12].
Die Hethiter selbst stellt die Seite Die Hethiter vor.
Assyrien und das Neubabylonische Reich
Ninive beim heutigen Mossul war die Hauptstadt des Assyrischen Reiches. 612 v. Chr. belagerten Meder unter König Kyaxares und Babylonier unter Nabopolassar die Stadt etwa drei Monate lang und nahmen sie ein [9]. Der assyrische König Sin-šar-iškun kam dabei ums Leben [9]. Sein Nachfolger Aššur-uballiṭ II. richtete in Harran ein neues Reich ein. Nachdem Nabopolassar ihn vertrieben hatte, scheiterte 609 v. Chr. ein ägyptischer Versuch, die Stadt zurückzuerobern, und Assyrien verschwindet aus den Quellen [13]. Mit dem Fall von Harran endete nach der Wikipedia das Assyrische Reich [9].
Babylon erlebte danach seine zweite Blüte. Nebukadnezar II., der wichtigste Herrscher des Neubabylonischen Reiches, regierte von 605 bis 562 v. Chr. Er besiegte Ägypter und Assyrer, eroberte Jerusalem und ließ Teile der jüdischen Bevölkerung nach Babylon bringen [5]. Die Eroberung Jerusalems datiert Planet Wissen auf den 16. März 597 v. Chr. [4]. In Babylon ließ er Stadtmauern, die Prozessionsstraße und das Ischtar-Tor bauen [5]. Deutsche Archäologen fanden viele Bruchstücke des Tores. Rekonstruiert steht es seit 1930 im Pergamonmuseum in Berlin [4]. Der Südflügel mit dem Vorderasiatischen Museum, dem Ischtar-Tor und der Prozessionsstraße ist seit dem 23. Oktober 2023 wegen Sanierung geschlossen und soll nach den Staatlichen Museen zu Berlin voraussichtlich 2037 wieder öffnen. Nordflügel und Mittelbau eröffnen am 4. Juni 2027 [10]. Die Folgen für Juda beschreibt die Seite Israel und Juda in der Antike.
| Zeit (v. Chr.) | Ereignis | Quelle |
|---|---|---|
| um 3200 | älteste Tontafeln mit Keilschrift | Universität Heidelberg |
| 2334 bis 2154 | Reich von Akkad | World History Encyclopedia |
| 1792 bis 1750 | Hammurabi herrscht in Babylon | Louvre, Planet Wissen |
| 1259 oder 1258 | Friedensvertrag zwischen Ägypten und den Hethitern | Wikipedia, Center for Online Judaic Studies |
| 612 | Fall von Ninive | Livius.org, Wikipedia |
| 605 bis 562 | Nebukadnezar II. in Babylon | Planet Wissen |
| 539 | Kyros II. erobert Babylon | Planet Wissen |
| 331 | Alexander der Große erobert Babylon | Planet Wissen |
Wissen aus Mesopotamien
Einige Errungenschaften aus dem Zweistromland sind bis heute im Alltag zu finden. Die Babylonier rechneten mit einem Zahlensystem auf der Grundlage der Zahl 60, das sie von den Sumerern übernommen hatten [3]. Schreiber lernten, Felder zu vermessen, Abrechnungen zu führen und Bauwerke zu berechnen. Eine Tontafel aus dem Jahr 1770 v. Chr. enthält bereits die Beziehung, die später als Satz des Pythagoras bekannt wurde, rund 1.200 Jahre vor Pythagoras [3].

Auch den Himmel beobachteten die Babylonier genau. Sie erkannten Sternbilder, nutzten sie für den Kalender und teilten das Jahr in zwölf Abschnitte. Viele heutige Namen von Planeten, Sternen und Tierkreiszeichen sind lateinische oder arabische Übersetzungen babylonischer Bezeichnungen [3].
Das Ende der altorientalischen Reiche
539 v. Chr. eroberte der Perserkönig Kyros II. Babylon und beendete das Neubabylonische Reich [5]. Mesopotamien wurde Teil des Perserreichs. Zwei Jahrhunderte später zog Alexander der Große gegen die Perser und nahm 331 v. Chr. Babylon ein. Er wollte die Stadt zu seiner Hauptstadt machen, starb aber vorher [4].
Die Kultur lebte in diesen fremden Reichen weiter, die Keilschrift wurde noch bis um die Zeitenwende geschrieben [1]. Danach geriet vieles in Vergessenheit. Die Ruinen Babylons wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts ausgegraben, seit 2019 gehören sie zum Welterbe der UNESCO [4]. Die Stadt hatte in ihrer Blütezeit nach Schätzungen rund 200.000 Einwohner und galt als die größte Stadt des Altertums [4].
- Organisation Assyriologie: Studienfachbeschreibung. Universität Heidelberg. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Fachbeschreibung Vorderasiatische Archäologie. Universität Münster, Institut für Altorientalistik und Vorderasiatische Archäologie. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Errungenschaften der Babylonier (Martina Janning). WDR, Planet Wissen. Stand 16.08.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Babylon (Martina Janning). WDR, Planet Wissen. Stand 09.08.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Babylonien. WDR, Planet Wissen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Code de Hammurabi, roi de Babylone (Stele, Inventar Sb 8). Musée du Louvre. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Akkad und das Akkadische Reich (Joshua J. Mark, übersetzt von Marina Wrackmeyer). World History Encyclopedia. Stand 04.03.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Ägyptisch-Hethitischer Friedensvertrag. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Fall of Nineveh. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Pergamonmuseum: Profil und Sanierung. Staatliche Museen zu Berlin. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Ramesses the Great and the Hittite Treaty, 1258 BCE. Center for Online Judaic Studies. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- ABC 3 (Fall of Nineveh Chronicle). Livius.org. Stand 11.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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