Antike und AltertumRatgeber

Die Hethiter: Großmacht der Bronzezeit in Anatolien

Die Hethiter waren ein Volk in Zentralanatolien, das im 2. Jahrtausend v. Chr. von der Hauptstadt Hattuša aus ein Großreich aufbaute. Sie sprachen die älteste schriftlich belegte indogermanische Sprache und schlossen um 1259 oder 1258 v. Chr. einen Friedensvertrag mit Ägypten. Im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. zerfiel das Reich.

Ein antikes Stadttor aus großen Steinblöcken mit zwei verwitterten Löwenfiguren vor hügeliger Landschaft
Bild: KI-generiert

Die Hethiter lebten im 2. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien, ihr Einfluss reichte bis nach Syrien und Kanaan [1]. Ihre Hauptstadt Hattuša lag im Norden Zentralanatoliens, in der heutigen Türkei [1]. Über Jahrhunderte waren die Hethiter vergessen. Bis ins späte 19. Jahrhundert kannte man sie nur aus der Bibel und aus Texten des Alten Orients [1]. Erst Ausgrabungen in Hattuša und die Entzifferung ihrer Sprache machten aus dem biblischen Namen wieder ein Großreich, das mit Ägypten und Babylon konkurrierte [1].

Herkunft und Sprache

Die Hethiter sprachen Hethitisch, eine indogermanische Sprache, die sie in Keilschrift schrieben. Sie ist die älteste schriftlich belegte indogermanische Sprache [1]. Sie selbst nannten sie nešili, "die Sprache von Neša" [2]. Neša, auch Kaneš genannt, war eine Stadt in Zentralanatolien, deren Blütezeit die englische Wikipedia auf etwa 1750 bis 1650 v. Chr. datiert [2].

Den Namen Hatti übernahmen die Hethiter von den Hattiern. Dieses Volk lebte schon vorher in Zentralanatolien und sprach keine indogermanische Sprache [1]. Wann die Sprecher indogermanischer Sprachen nach Anatolien kamen, ist umstritten. Die Schätzungen reichen weit auseinander, eine Annahme setzt die Einwanderung spätestens um 2300 v. Chr. an [1].

Vom Fürstentum zum Reich

Hattuša war zunächst eine Siedlung der Hattier [3]. König Anitta von Kuššara, dessen Herrschaft die Forschung auf etwa 1745 bis 1720 v. Chr. datiert, zerstörte die Stadt wahrscheinlich und belegte jeden mit einem Fluch, der sie wieder besiedeln würde. Andere Darstellungen setzen die Zerstörung um 1700 v. Chr. an [2, 3].

Der Fluch hielt nicht lange. Um 1650 v. Chr. machte Hattušili I. Hattuša zu seiner Hauptstadt, er gilt als Gründer des hethitischen Reiches [2]. Sein Nachfolger Muršili I. zog den Euphrat hinab, plünderte Aleppo und dann Babylon. Nach der mittleren Chronologie geschah das 1595 v. Chr., nach einer etwas kürzeren Zählung 1587 v. Chr. [2]. Babylonien fiel danach an die Kassiten, wie im Artikel Babylonien beschrieben.

Auf diese frühe Ausdehnung folgte eine lange Schwächephase, die als "Mittleres Reich" bezeichnet wird [2]. Thronstreitigkeiten waren häufig. König Telipinu versuchte um 1460 v. Chr., sie mit einem Erlass zur Thronfolge zu beenden. Der Erlass gab auch dem Rat, dem Panku, eine Rolle bei Verfahren gegen den König [1].

Das Großreich

Den Höhepunkt erreichte das Reich in der Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. unter Šuppiluliuma I., dessen Regierungszeit je nach Zählung etwa 1350 oder 1344 bis 1322 v. Chr. angesetzt wird [2, 11]. Er drängte das Reich Mitanni im Norden Syriens zurück. Das Thema behandelt der Artikel Hurriter und das Reich Mitanni. In der Großreichszeit ab etwa 1350 v. Chr. setzten die Hethiter in Karkemiš und Ḫalpa, dem heutigen Aleppo, eigene Vizekönige ein [1].

Steinerne Grundmauern eines bronzezeitlichen Palastes auf einem felsigen Hügel im Nachmittagslicht
Bild: KI-generiert

An der Spitze stand ein Großkönig. Die Königin trug den Titel Tawananna und hatte großen Einfluss, dazu kamen der Rat Panku und abhängige Vasallenkönige [1]. Für die Datierung dieser Zeit ist eine totale Sonnenfinsternis unter Muršili II. wichtig, für die die Forschung derzeit das Jahr 1312 v. Chr. bevorzugt [1].

Kadesch und der Vertrag mit Ägypten

In Syrien stießen die Hethiter auf Ägypten. Im 5. Regierungsjahr Ramses' II., nach der gängigsten Chronologie um 1274 v. Chr. (nach der hohen Chronologie etwa 20 Jahre früher), kam es bei Kadesch am Fluss Orontes zur Schlacht zwischen dem Pharao und dem hethitischen König Muwattalli II. [2, 9]. Ramses geriet in einen Hinterhalt, kämpfte sich frei und zog wieder ab, ohne Kadesch einzunehmen. Heutige Historiker sehen das Ergebnis meist als Unentschieden, beide Seiten beanspruchten den Sieg [9]. Über den Pharao selbst informiert der Artikel Ramses II..

Einige Jahre später einigten sich beide Reiche. Ramses II. und Hattušili III. schlossen im 21. Regierungsjahr Ramses' II. einen Friedensvertrag. Die Quellen nennen dafür 1259 oder 1258 v. Chr. [4, 10, 11]. Er gilt als ältester erhaltener Friedensvertrag [4]. Darin versprachen sich beide Seiten, einander nicht anzugreifen und sich gegenseitig gegen Angreifer von außen und gegen Aufstände zu helfen. Politische Flüchtlinge und Straftäter sollten ausgeliefert werden. In der hethitischen Fassung sicherte Ramses zu, die Nachfolger Hattušilis gegen Widersacher zu unterstützen [4].

Der Vertrag ist in zwei Fassungen erhalten. Die ägyptische steht in Hieroglyphen im Ramesseum und im Bezirk des Amun-Re in Karnak. Die hethitische Fassung ist auf Tontafeln in akkadischer Keilschrift überliefert, die in Hattuša gefunden wurden. Zwei davon liegen im Museum des Alten Orients in Istanbul, eine in Berlin [4]. Die Texte gehen auf heute verlorene Silbertafeln zurück, von denen jede Seite eine erhielt [4]. Eine Nachbildung ist im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York ausgestellt [4]. Hinweise sprechen dafür, dass Ramses II. in seinem 34. Regierungsjahr eine hethitische Prinzessin heiratete [4]. Im September 2026 meldete das türkische Kulturministerium aus Hattuša außerdem das Bruchstück einer Tontafel mit einer akkadischen Fassung des Vertrags, dessen lesbare Zeilen sich auf die Artikel 12 bis 20 beziehen. Eine vollständige wissenschaftliche Übersetzung liegt noch nicht vor [10].

Religion und Alltag

Die Hethiter verehrten mehr als tausend Götter. An der Spitze standen der Wettergott Tarhunna und die Sonnengöttin von Arinna [1]. Nahe der Hauptstadt liegt das Felsheiligtum Yazılıkaya. Dort ist eine Reihe von zwölf Göttern der Unterwelt in den Fels gehauen [3].

Ein Felsheiligtum unter freiem Himmel mit verwitterten Reliefs an einer Kalksteinwand
Bild: KI-generiert

Eisen kannten die Hethiter früh. Schon zur Zeit Anittas, zwischen etwa 1800 und 1720 v. Chr., war ein weiches Eisen bekannt, spätestens um 1400 v. Chr. beherrschten sie die Verhüttung von Eisenerz sowie das Aufkohlen und Vergüten [1]. Eisen war sehr wertvoll und wurde auch im Krieg eingesetzt [1]. Wie sich der Werkstoff später in ganz Europa und Vorderasien durchsetzte, erklärt der Artikel Die Eisenzeit. Gegen Dürren bauten die Hethiter Staudämme. Unter Tudhalija IV. entstanden als Antwort auf eine Dürre um 1240 v. Chr. zehn Dämme, darunter der von Gölpınar [1].

Hattuša und das Archiv der Tontafeln

Auf ihrem Höhepunkt umfasste Hattuša 1,8 Quadratkilometer, davon etwa 0,8 Quadratkilometer Innenstadt und rund 1 Quadratkilometer Außenstadt. Die Tore der Außenstadt schmückten Reliefs von Kriegern, Löwen und Sphingen [3]. Ein Paar Sphingen aus dem Südtor war auf Deutschland und die Türkei verteilt und wurde 2011 wieder vereint [3].

Kleine gebrannte Tontafeln liegen auf einem Tuch neben Pinseln und Kelle auf einem Grabungstisch
Bild: KI-generiert

Die ersten Probegrabungen machte Ernest Chantre 1893 und 1894 [3]. Ab 1906 grub Hugo Winckler und fand ein königliches Archiv mit mehreren tausend, nach anderen Angaben rund 10.000 Tafeln [2, 3]. Insgesamt kamen in Hattuša etwa 30.000 Tontafeln und Bruchstücke ans Licht [3, 7]. Die Hethiter hielten darauf Staatsverträge, Erlasse, Gebete, Mythen und Beschwörungsrituale fest [7]. Bedřich Hrozný legte die Entzifferung des Hethitischen am 24.11.1915 in einem Vortrag vor, veröffentlicht wurde sie 1917 [1]. Systematische Grabungen führte das Deutsche Archäologische Institut zusammen mit der Deutschen Orient-Gesellschaft durch, seit 2006 leitet Andreas Schachner die Arbeiten [3]. Seit 1986 gehört Hattuša zum Welterbe der UNESCO [3].

Das Ende des Reiches

Im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. zerfiel das Großreich [1]. Hattuša wurde um 1190 v. Chr. nach und nach aufgegeben, und Teile der Stadt brannten, wohl erst nach dem Abzug des Königshauses und der Führungsschicht. Der Zusammenbruch des Staates wird auch um 1200 v. Chr. angesetzt [3, 11]. Die Ursachen sind nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden Dürre und Hunger, Angriffe der sogenannten Seevölker und der Kaškäer als mögliche Teilursachen, innere Konflikte, ein Krieg gegen Tarhuntašša und Kupfermangel [1]. Baumringdaten weisen auf eine schwere Dürre in den Jahren 1198 bis 1196 v. Chr. hin, mit einer Unsicherheit von drei Jahren [1]. Den Zusammenbruch der Reiche am Ende der Bronzezeit beschreibt der Artikel Der Alte Orient.

Ganz verschwand die hethitische Welt nicht. In Anatolien und Nordsyrien entstanden kleine Nachfolgestaaten, die die Forschung späthethitisch oder syro-hethitisch nennt. Sie bestanden mehrere Jahrhunderte, bis Assyrien sie unterwarf [1, 2].

Die Luwier

Im Hethiterreich war neben dem Hethitischen eine zweite Sprache weit verbreitet, das Luwische [6]. Die Luwier lebten in der Bronze- und Eisenzeit in Kleinasien und Nordsyrien [5]. Ihr Name geht auf das Wort luwili zurück, mit dem hethitische Texte aus den Archiven von Hattuša die luwische Sprache bezeichnen. Ob sich die Sprecher als eigenes Volk verstanden, ist unsicher, denn kein hethitischer oder luwischer Text spricht von einem solchen Volk [5]. Luwisch war im 2. Jahrtausend v. Chr. in großen Teilen des Reiches verbreitet, vor allem im Süden und Südwesten Anatoliens [6]. Im 13. Jahrhundert v. Chr. war der sprachliche Austausch zwischen Luwisch und Hethitisch besonders stark, und das Hethitische enthält viele luwische Lehnwörter. Einige Forschende vermuten, dass Luwisch im späten 13. Jahrhundert die Umgangssprache wurde, das ist aber eine Hypothese [6].

Luwische Länder standen teils unter hethitischer Herrschaft. Arzawa hatte sein Kerngebiet im Tal des Mäander. Muršili II. zerschlug es in mehreren Feldzügen, danach wurde es in Vasallenstaaten aufgeteilt. Kizzuwatna im Süden stand zeitweise unter der Oberhoheit von Mittani, wechselte um 1420 v. Chr. auf die hethitische Seite und gehörte danach fest zum Reich [5]. Nach dem Zusammenbruch entstanden Staaten wie Karkemiš, Tabal, Melid und Hamath, in denen Luwisch weiterlebte [5].

Die Luwier schrieben mit zwei Schriften. Hethitische Schreiber nutzten die Keilschrift vor allem für Ritualtexte des 16. und 15. Jahrhunderts v. Chr. Daneben gab es eine eigene Hieroglyphenschrift mit rund 350 Zeichen. Die meisten dieser Inschriften stammen aus dem 12. bis 7. Jahrhundert v. Chr. [6]. Den Durchbruch bei der Entzifferung brachte 1947 eine Inschrift aus Karatepe, die denselben Text auf Phönizisch und in luwischen Hieroglyphen bietet [6]. Belegt ist Luwisch bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. [6].

Oft diskutiert wird eine Verbindung zu Troja. Hethitische Texte nennen ein Land Wiluša, das die vorherrschende Meinung in der Troas im Nordwesten Kleinasiens sucht. Die Gleichsetzung gilt aber als unsicher und strittig, und die These, die Luwier hätten den Trojanischen Krieg ausgelöst, findet in der Forschung kaum Unterstützung [5]. Was über Troja bekannt ist, steht im Artikel Der Trojanische Krieg.

Die Hethiter in der Bibel

In der Bibel tauchen Hethiter mehrfach auf. Bekannt ist Uria, der Mann der Bathseba. Die Lutherbibel von 1912 nennt Bathseba im zweiten Buch Samuel "das Weib des Urias, des Hethiters" [8]. Eine Einführung in dieses Buch gibt es auf bibel.domain-root.de: Das 2. Buch Samuel.

Die wichtigsten Daten

ZeitEreignis
um 1745 bis 1720 v. Chr.Anitta von Kuššara [2]
um 1650 v. Chr.Hattušili I. macht Hattuša zur Hauptstadt [2]
1595 v. Chr. (oder 1587)Muršili I. plündert Babylon [2]
um 1460 v. Chr.Erlass des Telipinu zur Thronfolge [1]
um 1350 v. Chr.Šuppiluliuma I., Beginn der Großreichszeit [1, 2]
um 1274 v. Chr.Schlacht bei Kadesch [2]
1259 oder 1258 v. Chr.Friedensvertrag mit Ägypten im 21. Regierungsjahr Ramses' II. [4, 10, 11]
um 1190 v. Chr.Aufgabe und teilweiser Brand von Hattuša [3]
1906Hugo Winckler beginnt in Hattuša zu graben [3]
1915 bis 1917Bedřich Hrozný legt die Entzifferung des Hethitischen vor [1]
  1. Hethiter. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Hittites. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Hattusa. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Egyptian-Hittite peace treaty. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Luwier. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Luwische Sprache. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Pressemitteilung: Hethitologie-Portal Mainz (Tontafeln aus Hattusa). Johannes Gutenberg-Universität Mainz über idw. Stand 23.09.2020. abgerufen am 29.10.2026
  8. 2. Samuel 11 (Lutherbibel 1912). eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Battle of Kadesh. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Teile des ältesten bekannten Friedensvertrags im türkischen Çorum entdeckt. Euronews. Stand 22.09.2026. abgerufen am 29.10.2026
  11. The Hittites. World History Encyclopedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.