Antike und AltertumRatgeber

Hurriter und das Reich Mittani

Die Hurriter waren ein Volk in Nordmesopotamien, Nordsyrien und Ostanatolien, nachweisbar seit dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. Ihre Sprache war weder semitisch noch indogermanisch. Im 16. Jahrhundert v. Chr. entstand ihr Reich Mittani, das im 14. Jahrhundert unter den Druck der Hethiter und Assyrer geriet und zerfiel.

Ein flacher Ruinenhügel zwischen grünen Weizenfeldern in einer Ebene, im Hintergrund blaue Hügel im Morgenlicht
Bild: KI-generiert

Die Hurriter sind seit dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. am nordöstlichen Gebirgsrand Mesopotamiens nachgewiesen. Ende des 18. Jahrhunderts v. Chr. breiteten sie sich nach Ostanatolien, Nordmesopotamien und Syrien aus [1]. Im 16. Jahrhundert v. Chr. entstand zwischen Euphrat und Tigris ihr Reich Mittani [1]. Es verhandelte mit Ägypten auf Augenhöhe und verschwand im 13. Jahrhundert v. Chr. zwischen den Hethitern und den Assyrern [2].

Eine Sprache ohne nahe Verwandte

Das Hurritische gehört weder zu den semitischen noch zu den indogermanischen Sprachen. Seine engste Verwandte ist das Urartäische, eine entfernte Verbindung zu den ostkaukasischen Sprachen ist möglich [1]. Die Verwandtschaft mit dem Urartäischen fiel früh auf: Der Sprachforscher Archibald Sayce erkannte 1890 Gemeinsamkeiten mit den Inschriften vom Vansee. Daraus entstand die Gruppe, die heute hurro-urartäisch heißt [7]. Mehr über das spätere Reich am Vansee steht im Beitrag über Urartu.

Lange war unklar, wie die Sprache überhaupt heißt. Forscher nannten sie zuerst "Mitanni", auch "Subaräisch" wurde vorgeschlagen. Der Name Hurritisch setzte sich erst durch, als Texte aus Hattuscha, der Hauptstadt der Hethiter, bekannt wurden [7]. Auch der wichtigste hurritische Text aus Mittani ist in Keilschrift auf eine Tontafel geschrieben [7].

Urkesch, die frühe Stadt der Hurriter

Die bekannteste frühe Stadt der Hurriter ist Urkesch, heute der Ruinenhügel Tell Mozan in der Region Hasaka im Nordosten Syriens. Die Stadt entstand im 3. Jahrtausend v. Chr., möglicherweise als Gründung der Hurriter, und wurde um 1350 v. Chr. weitgehend aufgegeben [3]. Systematische Grabungen begannen 1984 unter Giorgio Buccellati von der University of California in Los Angeles und Marilyn Kelly-Buccellati. Wegen des Bürgerkriegs in Syrien ruht die Arbeit seit 2011 [3].

Eine freigelegte Steintreppe und Lehmziegelmauern einer alten Tempelterrasse am Hang, ringsum Grabungsschnitte
Bild: KI-generiert

Siegelabdrücke nennen einen Herrscher namens Tupkisch, der um 2250 v. Chr. regierte und sich "König von Urkesch und Nagar" nannte. Er ließ einen großen Palast bauen, den nach ihm noch zwei weitere Herrscher nutzten [3]. Von seiner Frau Uqnitum fanden sich mehr Siegel als vom König selbst. Mit ihnen wurden vor allem Türen und Behälter verschlossen [3]. Zum Palast gehört ein unterirdischer Schacht, der Abi, in dem man nach Deutung der Ausgräber Kontakt zu den Toten suchte [3]. Stadtgott von Urkesch war Kumarbi, der Vater des Wettergottes Teschub [3].

Die Löwen des Tischatal

Zwei Gründungsnägel aus Bronze in Form von Löwen gehören zu den bekanntesten Funden aus Urkesch. Einer steht heute im Louvre in Paris, der andere im Metropolitan Museum in New York [3]. Zum Pariser Löwen gehört eine Steintafel mit einer Inschrift in hurritischer Sprache, in der sich Tischatal als König von Urkesch nennt [4]. Die Forscher André Parrot und Jean Nougayrol veröffentlichten die Stücke 1948 [4]. Gernot Wilhelm legte 1998 eine neue Lesung vor und berichtigte dabei den Königsnamen, den man vorher als Tischri gelesen hatte. Er datiert die Inschrift vorsichtig in die frühe Zeit des Reiches von Akkad [4]. Sie gilt als ältester bekannter Text in hurritischer Sprache [3].

Das Reich Mittani

Das Reich hat mehrere Namen. Die Könige Schuttarna I. und Sauschtatar nannten es Maitani, die Assyrer sprachen von Hanigalbat und die Ägypter von Naharina [2]. Im 15. und frühen 14. Jahrhundert v. Chr. reichte es vom Norden Mesopotamiens bis nach Nordsyrien [2]. Hauptstadt war Waschukanni. Es lag vermutlich am Tell Fecheriye nahe Ras al-Ain, wo Sauschtatar seinen Palast hatte [2]. Im Reich lebten Hurriter, Amurriter und Assyrer [2].

Ein früher Beleg für den Staat ist die Statue des Idrimi. Idrimi war aus Halab, dem heutigen Aleppo, vertrieben worden. Um 1500 v. Chr. unterwarf er sich König Parrattarna und erhielt dafür die Herrschaft über Alalach [2]. Als 2018 der Wasserstand niedrig war, kam bei Kemune ein Palast zum Vorschein, der vierte bekannte Palast aus der Zeit Mittanis [2].

KönigRegierungszeit (etwa, v. Chr.)Was über ihn bekannt ist
Parrattarna1500 bis 1470 [2]Oberherr des Idrimi von Alalach [2]
Sauschtatar1450 bis 1410 [2]Palast in Waschukanni [2]
Tuschratta1370 bis 1350 [2]Briefe an die Pharaonen, Heirat seiner Tochter nach Ägypten [7]
Schattiwazza1340 bis 1320 [2]Vasall des Hethiterkönigs [8]
Schattuara II.1280 bis 1267 [2]letzter belegter Herrscher, von Salmanassar I. besiegt [2]

Die Regierungszeiten folgen der mittleren Chronologie und sind Näherungswerte [2]. Andere Darstellungen setzen etwa Tuschratta auf etwa 1358 bis 1335 v. Chr. [8].

Mittani und Ägypten

Zuerst trafen sich Ägypten und Mittani als Gegner. Im Jahr 1446 v. Chr. besiegte Thutmosis III. den König von Mittani westlich von Halab. Es ist der erste sicher belegte Zusammenstoß der beiden Mächte [2]. Später schlossen sie Frieden und tauschten Briefe, Gesandte und Bräute. Tuschratta schrieb, das hurritische und das ägyptische Land seien "wie ein einziges Land einig" [2].

Mehrere glatte rötliche Tontafeln liegen auf einem groben Holztisch in einem dämmrigen Lagerraum
Bild: KI-generiert

Der wichtigste dieser Briefe ist der sogenannte Mitanni-Brief. Er wurde 1887 in Tell el-Amarna gefunden, wo auch die Archive von Amenophis III. und Echnaton lagen [7]. Tuschratta schrieb ihn in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. Von ursprünglich 494 Zeilen sind 466 ganz oder teilweise erhalten. Nur 16 Zeilen mit Grußformeln sind akkadisch, der Rest hurritisch [7]. Es geht um die Heirat von Tuschrattas Tochter Taduchepa mit Amenophis III. und um ihre Mitgift [7]. Die Tafel liegt im Ägyptischen Museum in Berlin und gehört bis heute zu den wichtigsten Quellen für die hurritische Sprache [7]. Mehr über den Partner am Nil steht im Beitrag über das Alte Ägypten.

Pferde, Streitwagen und indoarische Wörter

Mittani war für Pferdezucht und Kampf mit Streitwagen bekannt [2]. Das bekannteste Zeugnis dafür ist der Kikkuli-Text, benannt nach einem Pferdetrainer aus Mittani. Er wurde 1906 in Hattuscha gefunden und umfasst vier Tafeln. Er ist in hethitischer Sprache abgefasst und enthält hurritische und indoarische Fachwörter [9]. Der Text stammt aus dem 15. Jahrhundert v. Chr., die erhaltene Fassung ist eine Abschrift aus dem 13. Jahrhundert [6]. Er beschreibt ein Training über 184 Tage mit Anweisungen für Futter, Wasser und Laufstrecken [5]. Der Tübinger Altorientalist Frank Starke hat den Text mit heutigem Wissen über Pferde neu übersetzt [5].

Zwei schlanke fuchsfarbene Pferde traben bei Sonnenaufgang auf einer staubigen Bahn vor trockenen Hügeln
Bild: KI-generiert

Für die Zahl der Runden verwendet der Text indoarische Ausdrücke wie aikawartanna für "eine Runde" und sattawartanna für "sieben Runden". Auch die Bezeichnung für den Pferdetrainer, aššuššanni, führen die meisten Fachleute auf ein indoarisches Wort für "Pferd" zurück, die Einzelheiten sind umstritten [9]. Im Vertrag des Schattiwazza mit den Hethitern werden die Götter Mitra, Indra, Varuna und die Nasatya angerufen [2]. Welche Rolle sie im Kult spielten, ist unklar. Die indoarischen Namen und Wörter sprechen nach einer Deutung für eine kleine indoarische Oberschicht, die zur Blütezeit Mittanis schon hurritisiert war [1]. Eine andere Deutung rechnet nur mit hurritischen Eliten, die indoarisches Kulturgut übernommen hatten. Mangels Belegen lässt sich die Frage derzeit nicht entscheiden [2].

Götter und Mythen

An der Spitze der hurritischen Götterwelt standen der Wettergott Teschub, die Göttin Hebat und Kumarbi. Scharruma galt als Sohn von Hebat und Teschub, Schauschka wird meist mit der mesopotamischen Ischtar gleichgesetzt [1]. Tuschratta nennt in seinen Briefen Schauschka, Teschub und Schimige [2].

Die hurritische Religion hatte großen Einfluss auf die Hethiter [1]. Zwei Dichtungen sind besonders bekannt: "Königtum im Himmel" und der "Gesang des Ullikummi". Sie erzählen vom Wechsel der Götterdynastien, und Spuren davon finden sich in der "Theogonie" des griechischen Dichters Hesiod [1]. Wie die Hethiter diese Götter übernahmen, steht im Beitrag über die Hethiter, die Götterwelten der Antike im Vergleich unter Polytheismus.

Der Untergang Mittanis

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. wuchs der Druck aus Anatolien. Der Hethiterkönig Suppiluliuma I. regierte etwa von 1350 bis 1322 v. Chr. [8]. Tuschratta klagte in einem Brief nach Ägypten, das Land Hatti sei gegen sein Land gezogen [8]. Später wurde er von Leuten seines eigenen Hofes ermordet [8]. Suppiluliuma setzte Tuschrattas Sohn Schattiwazza als Vasallen ein und verheiratete ihn mit einer seiner Töchter. Nach dem Vertrag sollte die hethitische Prinzessin in Mittani die Königin sein, und keine andere Frau durfte ihr gleichgestellt werden [8]. Um 1335 v. Chr. war Mittani von den Hethitern abhängig [1].

Im Osten nutzte Assyrien die Schwäche. Um 1330 v. Chr. unterstützte Assur-uballit I. einen Gegenkönig, Schuttarna III., der den Königsschatz Mittanis abgeben musste [2]. Adad-nerari I. besetzte zwischen 1307 und 1274 v. Chr. Gebiete am Habur [2]. Im Jahr 1267 v. Chr. besiegte Salmanassar I. ein Bündnis, zu dem Schattuara II. gehörte, der letzte belegte Herrscher mit einem indoarischen Namen in der Region [2]. Hurritische Fürstentümer lassen sich danach noch nachweisen [1]. Wie Assyrien zur Großmacht wurde, steht im Beitrag über Assyrien.

  1. Hurriter. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  2. Mittani. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  3. Urkesh. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Gernot Wilhelm: Die Inschrift des Tišatal von Urkeš (Bibliotheca Mesopotamica 26, S. 117 bis 146), Zusammenfassung. Urkesh Project (urkesh.org). Stand 1998. abgerufen am 29.10.2026
  5. Die galoppierende Kulturrevolution. wissenschaft.de (DAMALS). Stand 01.09.2001. abgerufen am 29.10.2026
  6. Kikkuli. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  7. Mitanni Letter. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Alice Mandell: Suppiluliuma I of Hatti: Pharaoh's "Brother" and Rival. TheTorah.com. Stand 18.03.2025. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation āššuššanni(-) (eDiAna, Digital Philological-Etymological Dictionary of the Minor Languages of Ancient Anatolia). Ludwig-Maximilians-Universität München. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.