Themen quer durch die GeschichteRatgeber
Die Erfindung der Schrift: wo und wie Menschen zu schreiben begannen
Die ältesten Schriften entstanden im späten 4. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien und Ägypten, zuerst für Verwaltung und Buchführung. Unabhängig davon entwickelten Menschen in China um 1200 v. Chr. und in Mesoamerika eigene Schriften. Der Kurator Christopher Woods nennt vier Orte, an denen Schrift ganz neu erfunden wurde.

Christopher Woods, Kurator einer Ausstellung zur Entstehung der Schrift am Oriental Institute der University of Chicago, nennt vier Orte, an denen Menschen die Schrift ganz neu erfanden: Mesopotamien, Ägypten, China und Mesoamerika [1]. Alle anderen Schriftsysteme haben sich nach seiner Einschätzung wahrscheinlich aus diesen vier entwickelt [1]. Die ältesten Zeugnisse stammen aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr., wobei die Datierungen je nach Fundort und Quelle auseinandergehen [1, 2, 4]. Am Anfang standen dabei vor allem Listen, Lieferungen und Namen [2, 4].
Vor der Schrift: Zählsteine und Tonhüllen
Im Vorderen Orient gab es schon in der Jungsteinzeit ein Zählsystem aus kleinen Tonobjekten, die in der Forschung Tokens heißen [3]. Die Archäologin Denise Schmandt-Besserat hat es untersucht: Verschiedene Formen standen für verschiedene Waren und dienten der Buchführung und Verteilung [3]. Die Tokens wurden in versiegelte Tonhüllen gelegt, die vermutlich eine Schuld festhielten [3]. Damit man den Inhalt sehen konnte, ohne die Hülle zu öffnen, drückte man jedes Stück vorher außen in den weichen Ton [3].

Aus diesen Abdrücken leitet Schmandt-Besserat den nächsten Schritt ab. Im Abstract des Gesprächs wurden dreidimensionale Gegenstände "reduced to two-dimensional representations", also auf flache Zeichen zurückgeführt (eigene Übersetzung) [3]. An die Stelle der Hüllen traten Tafeln mit Bildzeichen, auf denen eigene Zahlzeichen die Menge angaben; so entstand nach ihrer Deutung die abstrakte Zahl [3]. Das Verfahren gilt ihr als erste Form der Schrift, die zur Keilschrift beitrug [3]. Forscher des Oriental Institute nutzten nach eigener Angabe als Erste Computertomografie, um in versiegelte Tonkugeln zu blicken [1].
Mesopotamien: von Uruk zur Keilschrift
Die World History Encyclopedia setzt die Anfänge der sumerischen Schrift um 3600 bis 3500 v. Chr. an und schreibt, sie sei in Uruk um 3200 v. Chr. weiterentwickelt worden [2]. Die ältesten Keilschrifttafeln, die das Oriental Institute 2010 als Leihgabe des Vorderasiatischen Museums Berlin zeigte, werden auf etwa 3200 v. Chr. datiert [1]. Zunächst diente die Schrift der Verwaltung, für Warenlisten, Geschäfte und Quittungen [2]. Der Altorientalist Jeremy Black beschrieb sie als "a mnemonic device designed to aid accountants and bureaucrats", eine Gedächtnisstütze für Buchhalter und Beamte (eigene Übersetzung) [2].
Vom Bild zum Lautzeichen
Die frühesten Tafeln waren bildhaft [2]. In Uruk traten um 3200 v. Chr. Lautzeichen an die Stelle mancher Bildzeichen, und nach dem Rebusprinzip ließen sich auch grammatische Bezüge ausdrücken [2]. Konsequent nach Lauten geschrieben wurde etwa ab 2600 v. Chr. [2]. Die Zahl der Zeichen sank dabei von über 1.000 auf etwa 600 [2]. Geschrieben wurde mit einem Griffel, der keilförmige Eindrücke in weichem Ton hinterließ; der Name Keilschrift kommt vom lateinischen cuneus für Keil [2].
Eine Schrift für viele Sprachen
Keilschrift diente nicht nur dem Sumerischen. Die World History Encyclopedia nennt Akkadisch, Babylonisch, Elamisch, Hattisch, Hethitisch, Assyrisch und Hurritisch [2]. Mit der Zeit hielten die Schreiber fast alles fest, von Literatur und Religion bis zu Recht und Wissenschaft [2]. Die Erzählungen um Gilgamesch entstanden etwa zwischen 2100 und 1200 v. Chr. [2]. Nach 100 v. Chr. gaben die Menschen die Keilschrift zugunsten alphabetischer Schriften auf [2]. Wieder lesbar wurde sie im 19. Jahrhundert: Georg Friedrich Grotefend legte vor 1823 erste Grundlagen, Henry Creswicke Rawlinson entzifferte ab 1837 die Inschrift von Behistun, Edward Hincks und Jules Oppert trugen weiter bei [2]. Der Brite George Smith übersetzte 1872 das Gilgamesch-Epos und stieß darin auf die mesopotamische Erzählung von einer großen Flut [2]. Die Städte, in denen die Keilschrift entstand, stellt der Beitrag Sumer: die erste Hochkultur vor.
Ägypten: die Täfelchen aus Abydos
Lange galten die sumerischen Zeichen als Vorläufer aller anderen Schriften [4]. Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo unter Günter Dreyer im Friedhof U von Abydos haben das in Frage gestellt [4]. Aus dem Sand des Grabes U-j siebten die Ausgräber 180 gelochte Anhängetäfelchen aus Knochen oder Elfenbein, auch auf vielen Ölkannen fanden sich Zeichen [4]. Radiokarbonproben datieren das Grab in die Zeit um 3200 v. Chr., etwa 150 Jahre vor die Erste Dynastie [4]. Die Ausstellung in Chicago datierte frühe Etiketten aus den Gräbern der ersten Könige auf etwa 3320 v. Chr. [1]. Das Deutsche Archäologische Institut führt Grab U-j als Fundort der bislang ältesten Schriftbelege Ägyptens und ordnet es der Stufe Naqada IIIA1 zu [8].
Auf den Täfelchen erscheinen Tiere wie Skorpion, Fisch, Elefant und Hund, jeweils mit einem Baum, den Dreyer als Plantage oder Wirtschaftsgut deutet, die Tiere als Königsnamen [4]. Den Ortsnamen Abydos liest er aus den Lautzeichen für Elefant und Berg [4]. Zu den Beigaben des Grabes gehörten nach dem Bericht rund 4.500 Liter geharzter Wein aus Palästina [4]. Dreyer folgerte, dass die Ägypter schon um 3300 v. Chr. nach Lauten schrieben [4]. Die Schrift sei nicht einfach aus Mesopotamien übernommen worden, dafür seien die Zeichen zu verschieden, auch wenn Handelsbeziehungen zwischen Oberägypten und dem Vorderen Orient belegt sind [4]. In beiden Regionen entstand die Schrift für die Verwaltung staatlicher Strukturen [4]. Wie das ägyptische System später funktionierte, erklärt Hieroglyphen: die Schrift der Ägypter.
China: Orakelknochen der Shang-Zeit
Die frühesten Zeugnisse der chinesischen Schrift sind Inschriften auf Orakelknochen [5]. Die gefundenen Stücke stammen nach der World History Encyclopedia aus der Zeit von etwa 1250 bis 1046 v. Chr., die ältesten Inschriften aus der Regierungszeit des Shang-Königs Wu Ding [5]. Die Chicagoer Ausstellung nennt für die Entstehung der Schrift in China die Zeit um 1200 v. Chr. [1]. Der Historiker Harold M. Tanner bezeichnet die Orakelknochen als "the earliest written records of Chinese civilization", die frühesten schriftlichen Zeugnisse der chinesischen Zivilisation (eigene Übersetzung) [5].

Wie die Orakel funktionierten
Als Material dienten Schulterblätter von Rindern und Bauchpanzer von Schildkröten [5]. Man ritzte Zeichen ein, bohrte ein Loch und erhitzte das Stück, bis Risse entstanden, deren Verlauf als Antwort galt [5]. Die Hauptstadt der Shang lag am Ort des heutigen Anyang [5]. Wiederentdeckt wurden die Inschriften 1899, als der Gelehrte Wang Yirong als Arznei verkaufte "Drachenknochen" erhielt und darauf mit seinem Freund Liu E alte Schriftzeichen erkannte [5]. Liu E veröffentlichte 1903 das erste Buch über die Inschriften, Luo Zhenyu fand 1908 den Fundort bei Anyang [5]. Aus den eingeritzten Zeichen entwickelte sich die chinesische Schrift [5]. Mehr zur frühen Geschichte Chinas steht in Das antike China.
Mesoamerika: die Schrift der Maya
Die Schrift der Maya entstand vermutlich in der zweiten Hälfte der Mittleren Präklassik um 300 v. Chr. [6]. Ob sie aus älteren Systemen wie dem der Olmeken hervorging oder eigenständig entstand, ist umstritten [6]. Sie verbindet Wortzeichen mit Silbenzeichen, wobei Wortzeichen häufiger sind [6]. Bekannt sind etwa 1.000 verschiedene Zeichen, die Schreiber einer Epoche nutzten 300 bis 500 davon [6]. Allein für Silben gibt es rund 200 Zeichen, obwohl die Sprache nur fünf Vokale und 19 Konsonanten kennt [6]. Die Azteken bauten später auf der Maya-Schrift auf und ergänzten mehr Lautzeichen [6]. Ab der Frühklassik nahm die Zahl der beschrifteten Steinmonumente deutlich zu, ihre Blütezeit hatte die Schrift in der Klassik von 250 bis 900 n. Chr. [6].

Die Maya schrieben auf Altäre, Stelen und Bauteile aus Stein, auf Keramik und in Faltbücher aus Rindenpapier [6]. Viele dieser Bücher gingen durch das tropische Klima und durch gezielte Zerstörung nach der spanischen Eroberung verloren [6]. Erhalten sind drei Handschriften aus der späten Postklassik in Paris, Madrid und Dresden sowie einige Seiten einer vierten in Mexiko-Stadt [6]. Die Entzifferung gelang im 20. Jahrhundert, heute lassen sich etwa 75 Prozent der erhaltenen Texte verstehen [6]. Den Überblick über die Kulturen Amerikas gibt Maya, Azteken und Inka.
Die Indus-Schrift: bis heute nicht entziffert
Im Industal gab es eine eigene Schrift, die niemand mehr lesen kann [7]. Die frühesten Zeichen stammen aus der frühharappischen Phase, die die World History Encyclopedia auf etwa 3500 bis 2700 v. Chr. datiert, voll entwickelt war die Schrift in der städtischen Periode von etwa 2600 bis 1900 v. Chr. [7]. Bekannt sind tausende Inschriften von rund 60 Fundorten, im Durchschnitt fünf Zeichen lang, die längste mit 26 Zeichen [7]. Identifiziert sind etwas über 400 Grundzeichen, von denen nur 31 mehr als hundertmal vorkommen [7]. Tonanhänger an Warenbündeln zeigen, dass die Schrift auch im Handel diente; einige wurden sogar in Mesopotamien gefunden [7].
Die meisten Inschriften stehen auf kleinen quadratischen Stempelsiegeln, meist aus Steatit [7]. Zweisprachige Texte, die beim Entziffern helfen könnten, fehlen, und die Sprache dahinter ist unbekannt [7]. Vermutet werden vor allem eine indoeuropäische oder eine dravidische Sprache [7]. Um 1800 v. Chr. begann der Niedergang der Indus-Kultur, und die Schrift verschwand [7]. Mehr über die Städte am Indus steht in Die Indus-Kultur.
Vom Bildzeichen zum Alphabet
Die frühen Schriften brauchten viele hundert Zeichen [2, 6, 7]. Einen anderen Weg zeigen Inschriften vom Sinai: Das älteste Alphabet leitet sich nach der Chicagoer Ausstellung von ägyptischen Hieroglyphen ab, möglicherweise schon ab etwa 1800 v. Chr. [1]. Lange hatte man Phönizien um 1000 v. Chr. als Ursprungsort angesehen [1]. Wie daraus die griechischen und lateinischen Buchstaben wurden, beschreibt der Beitrag Wie das Alphabet entstand.
- Organisation Origins of writing make for engaging new exhibition at Oriental Institute Museum. University of Chicago News. Stand 27.09.2010. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Cuneiform. World History Encyclopedia. Stand 10.03.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Denise Wilding, Clare Rowan u. a.: Tokens, Writing and (Ac)counting. A Conversation with Denise Schmandt-Besserat and Bill Maurer (Exchanges, Bd. 5, Nr. 1). University of Warwick. Stand 2017. abgerufen am 29.10.2026
- Michael Zick: König Skorpion I. und die erste Schrift. wissenschaft.de (bild der wissenschaft). Stand 01.01.1999. abgerufen am 29.10.2026
- Emily Mark: Oracle Bones. World History Encyclopedia. Stand 26.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Maya Writing. World History Encyclopedia. Stand 12.02.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Cristian Violatti: Indus Script. World History Encyclopedia. Stand 05.06.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Release of AV 93: Umm el-Qaab III, Friedhof U in Abydos. Deutsches Archäologisches Institut. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
ThemenWie das Alphabet entstandVom Sinai über Phönizien, Griechenland und Rom bis Korea: wie aus ägyptischen Bildzeichen Buchstaben wurden und welche …
ThemenLingua francaWas eine Lingua franca ist und welche Sprachen es waren: Akkadisch, Aramäisch, Griechisch, Latein, Arabisch, Französisch …
ThemenFrauen in der GeschichteHatschepsut, Hildegard von Bingen, Nzinga, Olympe de Gouges und der lange Weg zum Frauenwahlrecht: Stationen der …