Antike und AltertumRatgeber

Hieroglyphen: die Schrift der Ägypter und wie man sie liest

Hieroglyphen sind die Schrift des Alten Ägypten, belegt von etwa 3200 v. Chr. bis 394 n. Chr. Die meisten Zeichen stehen für Konsonanten, dazu kommen Wortzeichen und stumme Deutzeichen. Jean-François Champollion entzifferte die Schrift 1822 mit Hilfe des Steins von Rosette.

Eine verwitterte Tempelwand aus Sandstein mit flachen, abgeriebenen Reliefs von Schilf und Lotusblüten im Abendlicht
Bild: KI-generiert

Hieroglyphen sind die Bilderschrift des Alten Ägypten. Der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet "heilige Einritzungen". Die Ägypter selbst sprachen von den "Gottesworten" oder der "Schrift der Gottesworte" [2]. Die ältesten bekannten Zeichen stammen aus der Zeit um 3200 v. Chr., die jüngste datierte Inschrift aus dem Jahr 394 n. Chr. [1]. Danach konnte lange niemand mehr die Schrift lesen, bis Jean-François Champollion sie 1822 entzifferte [7].

Die ältesten Funde aus Abydos

In Abydos in Oberägypten liegt der Friedhof Umm el-Qaab, auf dem frühe Herrscher bestattet wurden. Ein Team des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo unter Günter Dreyer legte dort 1988 das Grab U-j frei, eine Anlage mit zwölf Kammern [5]. Darin lagen kleine Täfelchen aus Knochen und Elfenbein mit eingeritzten Zeichen, die einst an Gefäßen hingen [4, 5]. Proben für die C14-Datierung verlegen das Grab in die Zeit um 3200 v. Chr. [4]. Dreyer las einige Zeichengruppen als Lautschrift, darunter den Ortsnamen Abydos. Er folgerte daraus, dass die Ägypter schon um 3300 v. Chr. phonetisch schrieben [4].

Eine flache Wüstenebene am Rand des Niltals mit Tonscherben und einem flachen Grabungsgraben im Morgendunst
Bild: KI-generiert

Ob die Schrift zuerst in Ägypten oder in Mesopotamien entstand, ist offen. Die sumerische Keilschrift wird ebenfalls um 3200 v. Chr. angesetzt. Möglicherweise entwickelten sich beide Schriften unabhängig voneinander, angetrieben vom Bedarf an Buchführung [5]. Längere hieroglyphische Inschriften sind ab der 3. Dynastie belegt, also um 2600 v. Chr. [2]. Wie andere Kulturen zur Schrift kamen, erklärt der Beitrag über die Erfindung der Schrift.

Wie die Zeichen funktionieren

Hieroglyphen sehen aus wie Bilder, man liest sie aber wie eine Buchstabenschrift [2]. Die meisten Zeichen sind Lautzeichen, sogenannte Phonogramme. Ihr Lautwert besteht aus einem, zwei oder drei Konsonanten [3]. Die Einkonsonantenzeichen bilden das sogenannte Hieroglyphenalphabet [3]. Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München zählt 24 davon, darunter die Eule für m, den Mund für r und die Hand für d [2]. Mehrkonsonantenzeichen stehen für eine Lautfolge, vergleichbar einer Silbe [2].

Daneben gibt es Logogramme, die ein ganzes Wort darstellen [3]. Determinative, auf Deutsch Deutzeichen, stehen am Ende eines Wortes. Sie werden nicht ausgesprochen, markieren aber das Wortende und geben einen Hinweis auf die Bedeutung [2]. Ein Frauenname bekommt zum Beispiel als Deutzeichen eine sitzende Frau, ein Männername einen sitzenden Mann [2]. Ein und dasselbe Zeichen kann je nach Zusammenhang als Lautzeichen, als Logogramm oder als Determinativ dienen [3].

In welche Richtung man liest

Hieroglyphen können von rechts nach links, von links nach rechts oder von oben nach unten laufen [2]. Ursprünglich schrieb man meist in Spalten von oben nach unten und von rechts nach links [1]. Die Leserichtung verraten die Zeichen selbst: Menschen und Tiere blicken zum Anfang des Textes, man liest ihnen also "ins Gesicht" [1, 2]. Schaut ein Vogel nach rechts, beginnt die Zeile rechts.

Aus gestalterischen Gründen konnte die Richtung wechseln. Zeilen in abwechselnder Richtung kamen dagegen selten vor [1]. Die Schreiber ordneten die Zeichen nach Möglichkeit in gedachten Quadraten an, damit das Schriftbild ausgewogen wirkte [2]. Geschrieben wurde auf allem, was Schrift tragen konnte: auf Papyrus, auf Ostraka, also Scherben aus Kalkstein oder Keramik, auf Wänden und auf Gebrauchsgegenständen [2].

Kartuschen und Königsnamen

Namen von Königen und Göttern hoben die Schreiber mit einer Kartusche hervor, einer ovalen Schleife um das Wort [1]. Für die Entzifferung wurden diese Rahmen wichtig, weil sie zeigten, wo ein Name stand. Der Engländer Thomas Young erkannte auf dem Stein von Rosette die Lautzeichen für den Namen Ptolemaios. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1819 im Artikel "Egypt" der Encyclopaedia Britannica [6]. Champollion erkannte 1823 an Abschriften von Kartuschen aus Abu Simbel die Namen der Pharaonen Ramses und Thutmosis. Zuvor hatte er an Abschriften vom Obelisken von Philae die Namen Ptolemaios und Kleopatra gelesen [6]. Mehr über den bekanntesten dieser Könige steht im Lebensbild von Ramses II.

Hieratisch, Demotisch und Koptisch

Für Briefe, Abrechnungen und Akten wären Hieroglyphen zu aufwendig gewesen. Neben den "Druckbuchstaben" gab es deshalb Schreibschriften [2]. Das Hieratische ist so alt wie die Hieroglyphen und eine kursive Form davon. Man schrieb es mit einer Binse auf Papyrus oder auf Scherben [1]. Um 650 v. Chr. entstand das Demotische, eine noch stärker verkürzte Schreibschrift [1]. Das Koptische ist die ägyptische Sprache in griechischen Buchstaben mit einigen Zusatzzeichen [2]. Es löste im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. das Demotische ab [1].

Eine Binse, ein Block schwarzer Tusche und ein leeres Papyrusblatt auf einer hölzernen Schreibpalette neben einer Wasserschale
Bild: KI-generiert
SchriftArtZeitraum
HieroglyphenBildzeichen, vor allem für Inschriftenum 3200 v. Chr. bis 394 n. Chr. [1]
Hieratischkursive Schreibschrift mit der Binseso alt wie die Hieroglyphen [1]
Demotischstark verkürzte Schreibschriftab etwa 650 v. Chr. [1]
Koptischgriechische Buchstaben mit Zusatzzeichenverdrängt das Demotische im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. [1, 2]

Wie viele Zeichen es gab

Das Münchner Museum nennt für die klassische Schrift etwa 750 bis 1.000 Zeichen. Ab der ptolemäischen Zeit wuchs die Zahl auf bis zu 5.000, von denen manche nur vereinzelt vorkommen [2]. Andere Darstellungen gehen von ursprünglich etwa 700 Zeichen aus und nennen für die griechisch-römische Zeit etwa 7.000. Ein Schreiber der Ramessidenzeit verwendete demnach höchstens rund 700 [1].

Die letzte Inschrift auf Philae

Auf der Nilinsel Philae im Süden Ägyptens stand ein großer Tempel der Isis. Dort ritzte ein Priester namens Nesmeterakhem, auch Esmet-Achom genannt, am 24. August 394 n. Chr. eine Figur des nubischen Gottes Mandulis und einen kurzen Text in Hieroglyphen in ein Tor, das Kaiser Hadrian hatte errichten lassen [8]. Es ist die jüngste bekannte hieroglyphische Inschrift [8, 11].

Ein Inseltempel mit Sandsteinsäulen am Nil bei Sonnenaufgang, Palmen am Ufer und ruhiges Wasser
Bild: KI-generiert

Das Demotische hielt sich etwas länger. Die letzte bekannte demotische Inschrift auf Philae stammt vom Dezember 452 [8]. Zwischen 535 und 537 ließ Kaiser Justinian I. den Tempel schließen, die Priester wurden gefangen gesetzt, und der Bau wurde zu einer Kirche [8].

Der Stein von Rosette

Im Juli 1799, während Napoleons Feldzug in Ägypten, stieß der französische Offizier Pierre-François Bouchard bei Rosette, arabisch Raschid, im Nildelta auf einen Stein. Er war im Fort Julien als Baumaterial verbaut [6]. Die Stele aus Granodiorit ist an der höchsten Stelle 112,3 Zentimeter hoch, 75,7 Zentimeter breit und wiegt etwa 760 Kilogramm [6]. Sie trägt ein Dekret, das eine Versammlung von Priestern in Memphis im Jahr 196 v. Chr. für König Ptolemaios V. erließ. Der Text steht dreimal darauf: in Hieroglyphen, in demotischer Schrift und auf Griechisch [6]. Das Griechische konnten Gelehrte lesen, damit gab es einen Vergleichstext.

Die raue Rückseite eines großen dunkelgrauen Granitblocks auf einem Sockel in einem ruhigen Museumssaal
Bild: KI-generiert

Nach der Kapitulation der Franzosen in Alexandria 1801 brachten die Briten den Stein nach London. Seit 1802 ist er fast ununterbrochen im British Museum ausgestellt [6]. Ägypten verlangt ihn zurück. Der frühere Antikenchef Zahi Hawass erhob die Forderung 2003 und wiederholte sie im August 2022 [6]. Eine Nachbildung in voller Größe schenkte das Museum 2005 Ägypten, sie steht im Nationalmuseum in Raschid [6].

Champollion und das Jahr 1822

Jean-François Champollion wurde am 23. Dezember 1790 in Figeac im Süden Frankreichs geboren. Von 1807 bis 1809 lernte er in Paris Arabisch, Persisch und Koptisch [7]. Mit dem Koptischen kannte er die jüngste Stufe der ägyptischen Sprache [2, 7]. Schon mit 17 Jahren sprach er in einem Vortrag über mögliche Verbindungen zwischen dem Koptischen und der Hieroglyphenschrift [7].

Im September 1822 hatte er ein vollständiges System zur Entzifferung beisammen. Am 27. September 1822 trug er es der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres in Paris vor, im Oktober erschien seine "Lettre à M. Dacier" im Druck [7]. Darin stellte er ein Alphabet der Lautzeichen vor [6]. Von 1826 bis 1832 leitete er die Abteilung für ägyptische Altertümer im Louvre [7]. Von August 1828 bis Dezember 1829 führte er eine französisch-toskanische Expedition den Nil hinauf bis Wadi Halfa. Er starb am 4. März 1832 in Paris mit 41 Jahren an einem Schlaganfall [7]. Wie aus seiner Arbeit ein eigenes Fach wurde, steht im Beitrag über die Ägyptologie.

Hieroglyphen heute

Seit Unicode 5.2 vom 1. Oktober 2009 lassen sich Hieroglyphen nach der Zeichenliste des Ägyptologen Alan Gardiner als Computerzeichen schreiben [9]. Der Block reicht von U+13000 bis U+1342F [1]. Mit Unicode 16.0 vom 10. September 2024 kamen 3.995 weitere ägyptische Hieroglyphen hinzu [10].

Wer die Schrift selbst ausprobieren will, findet Einführungen bei Museen und Universitäten. Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München stellte 2020 einen Hieroglyphenkurs mit Übungen ins Netz, in dem man unter anderem den eigenen Namen in Hieroglyphen schreibt [2]. Wie die Welt aussah, in der die Schrift entstand, zeigen die Beiträge über das Alte Ägypten und die Pyramiden von Gizeh.

  1. Ägyptische Hieroglyphen. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Hieroglyphenkurs, Stunde 1. Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München. Stand 04.2020. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Hieroglyphen. Institut für Ägyptologie und Koptologie, Universität Münster. Stand 2025. abgerufen am 29.10.2026
  4. Michael Zick, Günter Dreyer: König Skorpion I. und die erste Schrift. wissenschaft.de (bild der wissenschaft). Stand 01.01.1999. abgerufen am 29.10.2026
  5. Andrew Fulton: The discovery of Tomb U-j (Ancient Egypt 152). The Past. Stand 15.12.2025. abgerufen am 29.10.2026
  6. Rosetta Stone. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  7. Jean-François Champollion. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  8. Graffito of Esmet-Akhom. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  9. Gesetz Unicode 5.2.0. Unicode Consortium. Stand 01.10.2009. abgerufen am 29.10.2026
  10. Gesetz Unicode 16.0.0. Unicode Consortium. Stand 10.09.2024. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation Philae (Colortour). Institute of Egyptian Art & Archaeology, University of Memphis. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.