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Die Pocken und ihre Ausrottung: von den Pharaonen bis 1980
Die Pocken waren eine Viruskrankheit, die seit mindestens 3.000 Jahren belegt ist und bis zu 30 Prozent der Erkrankten tötete. Nach der Kuhpockenimpfung von 1796 und einem weltweiten Programm der WHO ab 1967 trat der letzte natürliche Fall 1977 in Somalia auf. Am 8. Mai 1980 erklärte die Weltgesundheitsversammlung die Welt für pockenfrei.

Die Pocken begleiten die Menschheit seit mindestens 3.000 Jahren [1, 2]. Erreger ist das Variola-Virus. Von den Erkrankten starben im Durchschnitt drei von zehn [1], die WHO spricht von bis zu 30 Prozent [2]. Allein im 20. Jahrhundert starben nach Angaben der Ärzte Zeitung weltweit etwa 300 Millionen Menschen an der Krankheit [7]. Die Pocken sind die bislang einzige Infektionskrankheit des Menschen, die ausgerottet wurde [2]. Ihre Geschichte reicht von ägyptischen Mumien über die Eroberung Mexikos bis zu den Impfteams der 1970er-Jahre.
Krankheit und Erreger
Das Virus ging von Mensch zu Mensch über. Nach der Ansteckung vergingen 7 bis 17 Tage, bis die Krankheit ausbrach [2]. Zwei bis drei Tage nach den ersten Beschwerden folgte der typische Ausschlag [2]. Fachleute unterscheiden die schwere Variola major und die mildere Variola minor; der letzte natürliche Fall der Welt war eine Erkrankung an Variola minor [1].
Frühe Spuren in Ägypten und Asien
Die ältesten Hinweise stammen aus Ägypten. Auf ägyptischen Mumien fanden Forscher Hautveränderungen, die einem Pockenausschlag gleichen, darunter auf dem Kopf der rund 3.000 Jahre alten Mumie von Pharao Ramses V. [1]. Die früheste schriftliche Beschreibung der Krankheit entstand im 4. Jahrhundert n. Chr. in China [1]. Frühe Beschreibungen gibt es außerdem aus Indien im 7. Jahrhundert und aus Kleinasien im 10. Jahrhundert [1]. Im Europa des 16. Jahrhunderts waren die Pocken vor allem eine Kinderkrankheit und verliefen vergleichsweise mild [4].
Die Pocken in Mexiko 1520
Mit den spanischen Eroberern gelangte das Virus nach Amerika. Die Bevölkerung dort war ihm nie zuvor begegnet. Der früheste bekannte spanische Bericht über die Pocken in Zentralmexiko stammt von dem Richter Lucas Vázquez de Ayllón aus dem Jahr 1520. Er führte die Krankheit auf Menschen aus Kuba zurück, die mit der Expedition von Pánfilo de Narváez gekommen waren [4].

Was die Nahua-Quellen berichten
Die Nahua, deren Hauptstadt Tenochtitlan war, hatten kein eigenes Wort für die neue Krankheit. Ihre Texte beschreiben sie mit Begriffen wie huey zahuatl, was der Historiker Robert McCaa mit "große Pockenpest" wiedergibt [4]. Die Annalen von Tenochtitlan berichten, dass Cuitlahuac, der Nachfolger Moctezumas, 1520 an den Pusteln starb [4]. Die Gewährsleute des Franziskaners Bernardino de Sahagún schilderten, dass die Seuche etwa 60 Tage dauerte. Sehr viele Menschen starben, und viele verhungerten, weil niemand die Kranken versorgen konnte [4].
Wie viele Menschen starben
Genaue Zahlen gibt es nicht, und die Schätzungen gehen weit auseinander. Der Autor Richard Gunderman nennt für Tenochtitlan rund 200.000 Einwohner vor der Seuche und einen Rückgang um 40 Prozent in einem einzigen Jahr [5]. McCaa schätzt, dass die Pocken 1520 zwischen einem Zehntel und der Hälfte der Bevölkerung töteten, wahrscheinlich etwa die Mitte davon [4]. Der Forscher Brooks hielt den Ausbruch dagegen für weniger verheerend, McCaa widerspricht ihm [4]. Für das ganze 16. Jahrhundert gehen Fachleute in Zentralmexiko von einem Bevölkerungsrückgang um mehr als die Hälfte aus, wahrscheinlich um mehr als drei Viertel. Zu diesem Rückgang trugen neben den Pocken auch Masern, Hunger und die Eroberung bei [4]. Gunderman schreibt, dass eingeschleppte Krankheiten manche indigene Bevölkerungen Amerikas um 90 Prozent oder mehr verringerten [5].
Wie Azteken, Maya und Inka vor der Ankunft der Europäer lebten, beschreibt der Artikel über Maya, Azteken und Inka. Die Fahrten, mit denen die Erreger über den Atlantik kamen, behandelt der Artikel über die Entdeckung Amerikas.
Variolation: Schutz durch Ansteckung
Lange vor der Impfung kannten Heilkundige in Asien eine Methode, um sich vor schweren Verläufen zu schützen. Bei der Variolation bliesen sie getrocknete Pockenkrusten in die Nase. Die Behandelten erkrankten meist leicht und waren danach immun [3]. Um 1700 war das Verfahren in Afrika, Indien und im Osmanischen Reich verbreitet [3]. Von den Variolierten starben 1 bis 2 Prozent, von den auf natürlichem Weg Erkrankten 30 Prozent [3].
Nach Europa kam die Methode über Konstantinopel. Dort lernte Lady Mary Wortley Montagu, die Frau des britischen Botschafters, sie 1717 kennen [3]. 1721 wurden in England auf ihr Drängen und das der Prinzessin von Wales mehrere Gefangene und verlassene Kinder unter der Haut variolisiert. Keiner von ihnen erkrankte, als man sie Monate später den Pocken aussetzte, und danach ließen sich Mitglieder der Königsfamilie behandeln [3]. Im selben Jahr wurde das Verfahren bei einer Epidemie in Boston erprobt. Der Pfarrer Cotton Mather hatte es von Onesimus erfahren, einem Afrikaner, den er versklavt hielt [3]. Ungefährlich war die Variolation nicht. Sie konnte tödlich enden und neue Ausbrüche auslösen, und König Georg III. verlor einen Sohn durch den Eingriff [3].
Edward Jenner und die Kuhpockenimpfung
1796 übertrug der englische Arzt Edward Jenner Material aus einer Kuhpockenblase der Melkerin Sarah Nelmes auf den achtjährigen James Phipps. Als Phipps später mit dem Pockenvirus in Kontakt kam, erkrankte er nicht [1]. Die WHO bezeichnet Jenners Impfstoff als ersten erfolgreichen Impfstoff überhaupt [2]. Seine Ergebnisse veröffentlichte Jenner 1801 [1]. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wechselte das Impfvirus: An die Stelle des Kuhpockenvirus trat das Vacciniavirus [1].

Impfpflicht in Deutschland
Die deutschen Staaten regelten die Pockenimpfung zunächst unterschiedlich. In Bayern bestand seit 1807 ein Impfzwang, in Württemberg seit 1815 [6]. Preußen empfahl 1835 eine allgemeine Impfung und schrieb sie nur bei einem Ausbruch vor [6]. Nach der Pockenepidemie im Krieg von 1870/71 erließ das Deutsche Reich 1874 das Reichs-Impfgesetz. Die Statistik hatte gezeigt, dass geimpfte deutsche Soldaten verschont blieben, während die Krankheit von französischen Kriegsgefangenen auf die ungeimpfte Zivilbevölkerung übersprang [6].
Das Gesetz verpflichtete Kinder im zweiten Lebensjahr zur Impfung und schrieb mit zwölf Jahren eine Wiederholung vor [6]. Staatliche Impfärzte impften kostenlos, und den Impfschein musste man etwa bei der Einschulung vorzeigen [6]. Mit dem Gesetz wurde die sogenannte Impffrage, ob Impfungen und Impfzwang nötig seien, in der Gesellschaft breit diskutiert [6]. In der DDR galt die Pflicht bis 1982, Erstimpfungen gab es dort seit 1980 nicht mehr [6]. In der Bundesrepublik wurde ab 1976 außer bei Risikopersonen nur noch nachgeimpft, 1983 fiel die Impfpflicht weg [6].
Das Ausrottungsprogramm der WHO
1959 beschloss die Weltgesundheitsorganisation einen Plan zur weltweiten Ausrottung. Ihm fehlten Geld, Personal und gespendeter Impfstoff, und 1966 waren die Pocken noch weit verbreitet [1]. Die WHO setzte 1966 den US-Epidemiologen Donald Henderson als Leiter des Programms ein [7]. 1967 begann das verstärkte Ausrottungsprogramm [1, 2]. Geholfen haben gefriergetrockneter Impfstoff, die Gabelnadel, die gezielte Suche nach Fällen und Massenimpfungen [1].

Bei einem Ausbruch suchten die Teams die ersten Überträger und impften dann alle Kontaktpersonen. Diese Strategie heißt Ringimpfung [7]. Die Kampagnen setzten auch auf städtische Märkte und Verkehrsknoten, an denen viele Menschen zusammenkamen [7]. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC nennt diese Jahre, in denen die Pocken in den einzelnen Erdteilen verschwanden [1]:
| Region | pockenfrei seit |
|---|---|
| Nordamerika | 1952 |
| Europa | 1953 |
| Südamerika | 1971 |
| Asien | 1975 |
| Afrika | 1977 |
Die Ärzte Zeitung datiert einzelne Etappen etwas anders: West- und Zentralafrika 1970, Südostasien mit Bangladesch 1975, Äthiopien 1976, Kenia und andere Länder Ostafrikas 1977 [7].
Die letzten Fälle
Die dreijährige Rahima Banu aus Bangladesch war Ende 1975 der letzte bekannte Mensch, der sich auf natürlichem Weg mit Variola major ansteckte [1]. Am 30. Oktober 1977 wurde bei Ali Maow Maalin, einem Krankenhauskoch in Merca in Somalia, Variola minor festgestellt. Er wurde gesund und starb am 22. Juli 2013 an Malaria [1]. Danach gab es noch einen Laborunfall: Die medizinische Fotografin Janet Parker in Birmingham starb am 11. September 1978 als letzter Mensch an den Pocken [1].
Im Dezember 1979 bestätigte eine unabhängige Kommission aus Fachleuten von 19 Staaten in Genf die Ausrottung [2]. Am 8. Mai 1980 erklärte die 33. Weltgesundheitsversammlung die Welt für pockenfrei [1].
Was vom Virus geblieben ist
1981 lagerten noch die USA, England, Russland und Südafrika Pockenviren. England und Südafrika vernichteten ihre Bestände oder gaben sie bis 1984 ab [1]. Heute bewahren nur zwei Labore das Virus unter Aufsicht der WHO auf: die CDC in Atlanta und das Institut VECTOR in Kolzowo in Russland [1]. 1996 beschlossen die Mitgliedstaaten der WHO, die Bestände im Juni 1999 zu vernichten und nur kleine Proben für die Forschung zu behalten [2]. Ein Beratungsausschuss der WHO überwacht die Forschung an diesen Beständen und tagt einmal im Jahr [2].
Wie andere Seuchen die Geschichte geprägt haben, zeigt der Überblick Medizin und Seuchen in der Geschichte. Die Grippepandemie am Ende des Ersten Weltkriegs beschreibt der Artikel über die Spanische Grippe.
- Behörde History of Smallpox. Centers for Disease Control and Prevention. Stand 23.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Smallpox (Health topics). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Smallpox: Variolation (Ausstellung "Smallpox: A Great and Terrible Scourge"). U.S. National Library of Medicine. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Robert McCaa: Spanish and Nahuatl Views on Smallpox and Demographic Catastrophe in the Conquest of Mexico (Teile in: Journal of Interdisciplinary History 25:3, 1995, S. 397 bis 431). University of Minnesota. Stand 14.03.1994. abgerufen am 29.10.2026
- Richard Gunderman: How smallpox devastated the Aztecs, and helped Spain conquer an American civilization 500 years ago (zuerst in The Conversation). PBS NewsHour. Stand 23.02.2019. abgerufen am 29.10.2026
- Studie S. Klein, I. Schöneberg, G. Krause: Vom Zwang zur Pockenschutzimpfung zum Nationalen Impfplan (Bundesgesundheitsblatt 55, S. 1512 bis 1523). Robert Koch-Institut, Springer-Verlag. Stand 21.10.2012. abgerufen am 29.10.2026
- Dr. Donald Henderson ist gestorben. Ärzte Zeitung. Stand 24.08.2016. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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