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Medizin und Seuchen in der Geschichte: von Hippokrates bis heute

Die Geschichte der Medizin reicht von der Säftelehre der Antike über Ibn Sinas "Kanon der Medizin" und die Anatomie der Renaissance bis zur Bakteriologie des 19. Jahrhunderts. Seuchen wie der Schwarze Tod von 1346 bis 1353, die Pocken und die Spanische Grippe forderten jeweils Millionen Tote. Impfungen, sauberes Wasser und Antibiotika veränderten den Umgang mit ihnen.

Ein altes Apothekenregal mit Keramikgefäßen, Glasflaschen mit getrockneten Kräutern und einem Messingmörser im Kerzenlicht
Bild: KI-generiert

Von der Antike bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts prägte die Lehre von den vier Körpersäften die Medizin in Europa [2]. Seuchen wie Pest, Pocken, Cholera und Grippe forderten über die Jahrhunderte viele Millionen Tote, vom Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert bis zur Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 [4, 14].

Antike: Hippokrates und Galen

Hippokrates wird traditionell auf etwa 460 bis 370 v. Chr. datiert. Er stammte von der griechischen Insel Kos und gründete dort eine Ärzteschule [1]. Über sein Leben ist nur lückenhaft und unzuverlässig etwas bekannt. Die Schriften, die man unter seinem Namen sammelt, stammen nach heutigem Wissen von mehreren Verfassern [1]. Hippokrates wird zugeschrieben, die Medizin von übernatürlichen und religiösen Erklärungen gelöst und auf Beobachtung und Einteilung gestützt zu haben. Der Hippokratische Eid entstand vermutlich erst nach seinem Tod. Wer ihn leistete, schwor bei den Gottheiten Apollon, Hygieia und Panakeia. Gelöbnisse von Medizinstudierenden greifen ihn bis heute auf [1].

Der Arzt Galen (129 bis 216) wurde in Pergamon geboren, behandelte zunächst Gladiatoren und ging 162 nach Rom. Dort wurde er Leibarzt der Kaiser Mark Aurel, Commodus und Septimius Severus [2]. Galen übernahm die Lehre von den vier Körpersäften Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle: Krankheit galt als Ungleichgewicht dieser Säfte. In öffentlichen Vorführungen sezierte er Schweine, Affen, Schafe und Ziegen. Seine Lehren prägten die Medizin bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts [2].

Medizin in der islamischen Welt

Der Arzt und Philosoph Ibn Sina, in Europa Avicenna genannt, wurde um 970 in Afschana bei Buchara geboren und starb 1037 [3]. Sein "Kanon der Medizin" (al-Qanun fi t-tibb) wurde ins Lateinische übersetzt und mehrfach überarbeitet. Nach Dimitri Gutas bildete er bis ins 17. Jahrhundert die Grundlage des medizinischen Unterrichts an europäischen Universitäten [3]. Wie griechische Fachliteratur ins Arabische kam, erklärt der Artikel zur Lingua franca.

Der Innenhof eines mittelalterlichen Krankenhauses im Nahen Osten mit Arkaden, Brunnen und Pflanzen im Morgenlicht
Bild: KI-generiert

Der Schwarze Tod

Die Pest wird durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht und unter anderem durch Flöhe übertragen. Die WHO unterscheidet drei Hauptformen: Beulenpest, Lungenpest und die Pest als Blutvergiftung [4]. Die Weltgesundheitsorganisation nennt für den Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert mehr als 50 Millionen Tote in Europa [4]. Die Seuche wütete in Europa zwischen 1346 und 1353 und tötete nach Angaben der Max-Planck-Gesellschaft bis zu 60 Prozent der Bevölkerung [5]. Ihren Ursprung fanden Forschende 2022 in Zentralasien: In Gräbern am See Yssykköl im heutigen Kirgistan, mit Inschriften aus den Jahren 1338 und 1339, wiesen sie das Erbgut von Yersinia pestis nach [5]. Mit dem Schwarzen Tod begann die Zweite Pestpandemie, die bis ins frühe 19. Jahrhundert andauerte [5]. Ausgestorben ist die Pest nicht: Die meisten Fälle meldeten nach der WHO in den Jahren 2019 bis 2025 die Demokratische Republik Kongo und Madagaskar [4]. Die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft und die Pogrome gegen Jüdinnen und Juden beschreibt der Artikel zum Schwarzen Tod.

Pocken in Amerika

Die Pocken erreichten Zentralmexiko mit der Expedition von Pánfilo de Narváez, die im April oder Mai 1520 bei Veracruz landete, und erreichten im September oder Oktober Tenochtitlan [6]. Auf Nahuatl hieß die Seuche huey zahuatl, "die große Pockenseuche". Ein genaues Wort für Pocken gab es nicht, die Bezeichnungen beschrieben die sichtbaren Krankheitszeichen [6]. Nahua-Gewährsleute schilderten im Florentiner Codex des Bernardino de Sahagún, dass die Krankheit viele tötete und Hunger brachte und dass sich niemand mehr um die anderen kümmerte [6].

Robert McCaa zählt die Epidemie von 1520 zu den drei schwersten Sterbekrisen des 16. Jahrhunderts in Mexiko. Er nennt Schätzungen, nach denen die Bevölkerung Zentralmexikos im 16. Jahrhundert um mehr als die Hälfte, wahrscheinlich um mehr als drei Viertel schrumpfte, in manchen tropischen Tieflandgebieten um mehr als 90 Prozent [6]. Wie viele Menschen vor der Eroberung im Gebiet des heutigen Mexiko lebten, ist umstritten: Die Schätzungen, die McCaa anführt, reichen von etwa 4,5 Millionen bis 30 Millionen [6]. Die Stadt Texcoco hatte nach einem zeitgenössischen Bericht rund 15.000 Bürger und in den 1580er-Jahren weniger als 600 [6]. Wie die Pocken später ausgerottet wurden, erklärt der Artikel über die Pocken.

Anatomie und Blutkreislauf

Andreas Vesalius wurde im Dezember 1514 in Brabant geboren und starb im Juni 1564 nach einem Schiffbruch. Er sezierte selbst, auch in seinen Vorlesungen, statt die Arbeit einem Gehilfen zu überlassen [7]. 1543 erschien sein Werk "De humani corporis fabrica" mit rund 250 Holzschnitten. Nach J. Henry (World History Encyclopedia) fand Vesalius über 200 Fehler in Galens Werk [7]. Der englische Arzt William Harvey (1578 bis 1657) entdeckte 1628 den Blutkreislauf und bestimmte das Verhältnis von Arterien und Venen [8]. Vesalius und Harvey widerlegten nach der World History Encyclopedia die Säftelehre [2].

Ein leeres anatomisches Theater des 16. Jahrhunderts mit steilen ovalen Holzrängen um einen Tisch
Bild: KI-generiert

Impfung und Bakteriologie

Edward Jenner entwickelte 1796 die Pockenimpfung, den ersten erfolgreichen Impfstoff. Er hatte beobachtet, dass Melkerinnen, die an Kuhpocken erkrankt waren, keine Pocken bekamen [9]. 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet, als bisher einzige Infektionskrankheit des Menschen. Der letzte natürliche Fall trat 1977 in Somalia auf [9].

Ein Labor des späten 19. Jahrhunderts mit Messingmikroskop, Glaskolben und Petrischalen auf einer Werkbank
Bild: KI-generiert

Robert Koch

Robert Koch (1843 bis 1910) wies 1876 nach, dass Milzbrand von einem einzigen Erreger ausgelöst wird. Damit war erstmals belegt, dass ein Mikroorganismus eine Infektionskrankheit verursacht [10]. Am 24. März 1882 verkündete er in Berlin die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers, Anfang 1884 identifizierte er in Kalkutta den Cholera-Erreger, den der Italiener Filippo Pacini schon 1854 beschrieben hatte [10]. 1905 erhielt er den Nobelpreis für Medizin [10]. Das Robert Koch-Institut benennt auch die Schattenseiten: Sein Tuberkulin von 1890 erwies sich als unwirksam, und auf einer Expedition gegen die Schlafkrankheit in Ostafrika 1906 und 1907 verdoppelte er die Dosis des arsenhaltigen Mittels Atoxyl, obwohl er die Risiken kannte. Viele Behandelte litten unter Schmerzen und Koliken, manche erblindeten. Das Institut nennt die Reise "das unrühmlichste Kapitel" seiner Laufbahn [10]. Am 1. Juli 1891 wurde in Berlin das Königlich Preußische Institut für Infektionskrankheiten eröffnet, der Vorläufer des heutigen Robert Koch-Instituts, das Koch bis 1904 leitete [10].

Cholera in Hamburg 1892

1892 brach in Hamburg die Cholera aus. Knapp 17.000 Erkrankungen wurden offiziell erfasst, 8.605 Menschen starben [11]. Das Trinkwasser kam meist ungereinigt aus Elbe und Alsterfleeten. Im benachbarten Altona, wo Sandfilter das Wasser reinigten, trat die Seuche nicht in vergleichbarem Ausmaß auf [11]. Robert Koch empfahl Verhaltensregeln, die die Verantwortlichen der Stadt zunächst nicht befolgten. Nach Kochs Besuch änderte sich der Kurs, und Hamburg baute ein modernes Wasser- und Abwassernetz [11].

Röntgenstrahlen und Penicillin

Am späten Abend des 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Würzburger Labor eine unbekannte, unsichtbare Strahlung [12]. Er meldete kein Patent an, weil ihre Nutzung der Forschung und der Menschheit frei zur Verfügung stehen sollte. Eine frühe Aufnahme von 1895 zeigt die linke Hand seiner Frau Anna und belegte, dass es die Strahlen gab. 1901 erhielt er den ersten Nobelpreis für Physik [12].

1928 bemerkte Alexander Fleming im St. Mary's Hospital in London einen Schimmelpilz, Penicillium notatum, in einer Schale mit Staphylokokken [13]. Ab 1939 bauten Howard Florey und Ernst Chain in Oxford auf seiner Arbeit auf, Anfang 1941 begannen die ersten Versuche am Menschen [13]. Für die Massenherstellung schlossen sich in Großbritannien und den USA 15 Arzneimittelfirmen zusammen, bis zur Landung der Alliierten in der Normandie 1944 gab es genug Penicillin. 1945 erhielten Fleming, Florey und Chain gemeinsam den Nobelpreis für Medizin [13].

Pandemien im 20. und 21. Jahrhundert

Die Spanische Grippe verlief in drei Wellen von 1918 bis 1920. Die erste Welle im Frühjahr 1918 verlief meist mild [14]. Die zweite Welle ab August 1918 begann gleichzeitig in Brest, Boston, Freetown und Dakar und verbreitete sich über Schiffe. Eine dritte Welle Anfang 1920 traf nur einige Länder, darunter Deutschland [14]. Weltweit starben bis zu 50 Millionen Menschen, in Indien 10 bis 20 Millionen, in den USA etwa 675.000, in Italien mehr als 450.000 und im Deutschen Reich mehr als 300.000. Weil viele Länder kaum Daten erhoben, sind diese Zahlen unsicher [14]. Den Namen erhielt sie, nachdem der spanische König erkrankt war und der Gesundheitsdirektor Spaniens im Juni 1918 erklärt hatte, eine ähnliche Krankheit sei im übrigen Europa nicht bekannt. Aus der "Spanischen Krankheit" wurde bald die "Spanische Grippe" [14]. Mehr dazu im Artikel zur Spanischen Grippe.

Die COVID-19-Pandemie war nach Schätzung der WHO in den Jahren 2020 und 2021 mit etwa 14,9 Millionen zusätzlichen Todesfällen verbunden, in einer Spanne von 13,3 bis 16,6 Millionen [15]. Ihren Verlauf beschreibt der Artikel zur COVID-19-Pandemie. Die Geschichte der Homöopathie und ihres Begründers Samuel Hahnemann beschreibt homoeopathie.domain-root.de.

|Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford University|31.10.2025|https://plato.stanford.edu/entries/ibn-sina/|abgerufen 29.10.2026]
  1. Mark Cartwright: Hippocrates. World History Encyclopedia. Stand 20.04.2016. abgerufen am 29.10.2026
  2. Donald L. Wasson: Galen. World History Encyclopedia. Stand 15.10.2019. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Dimitri Gutas: Ibn Sina [Avicenna.
  4. Behörde Plague (Fact sheet). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 29.09.2026. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Ursprung des Schwarzen Todes identifiziert (zu Spyrou u. a., Nature 2022). Max-Planck-Gesellschaft. Stand 15.06.2022. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Robert McCaa: Spanish and Nahuatl Views on Smallpox and Demographic Catastrophe in the Conquest of Mexico (Teile in: Journal of Interdisciplinary History 25:3, 1995, S. 397 bis 431). University of Minnesota. Stand 14.03.1994. abgerufen am 29.10.2026
  7. Mark Cartwright: Andreas Vesalius. World History Encyclopedia. Stand 28.08.2023. abgerufen am 29.10.2026
  8. William Harvey. World History Encyclopedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Smallpox (Health topics). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Robert Koch: Der Mitbegründer der Mikrobiologie. Robert Koch-Institut. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Peter Körner: Die vermeidbare Hamburger Katastrophe von 1892 (Pharmazeutische Zeitung 04/1999). Avoxa, Pharmazeutische Zeitung. Stand 25.01.1999. abgerufen am 29.10.2026
  12. Behörde Röntgenstrahlen (Meilensteine, Erfindungen mit Geschichten). Deutsches Patent- und Markenamt. Stand 16.12.2025. abgerufen am 29.10.2026
  13. Studie Monika Lobanovska, Giulia Pilla: Penicillin's Discovery and Antibiotic Resistance: Lessons for the Future? (Yale Journal of Biology and Medicine 90, S. 135 bis 145). Yale University, PubMed Central. Stand 2017. abgerufen am 29.10.2026
  14. Organisation Wilfried Witte: Spanische Grippe (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 24.03.2023. abgerufen am 29.10.2026
  15. Behörde 14.9 million excess deaths associated with the COVID-19 pandemic in 2020 and 2021. Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 05.05.2022. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.