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Der Liberalismus: Geschichte einer politischen Denkfamilie

Der Liberalismus ist eine politische Weltanschauung, die die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt und staatlichen Zwang begrenzen will. Er geht auf die Aufklärung zurück, vor allem auf John Locke und Adam Smith. Man unterscheidet einen politischen Liberalismus der Grundrechte und Gewaltenteilung und einen wirtschaftlichen Liberalismus des freien Marktes.

Das Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung nennt den Liberalismus eine Weltanschauung, die die Freiheit des einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt und jede Form von geistigem, sozialem, politischem oder staatlichem Zwang ablehnt [1]. Er gilt als eine Hauptströmung der Moderne und geht auf Ideen der Aufklärung zurück [1]. Das Lexikon beschreibt ihn heute als "Denkfamilie", zu der auch gegensätzliche Flügel gehören [1].

Vier Grundprinzipien

Das Politiklexikon fasst den Liberalismus in vier Grundsätzen zusammen: Selbstbestimmung auf der Grundlage von Vernunft und Einsicht, Begrenzung politischer Macht, Freiheit gegenüber dem Staat und Selbstregulierung der Wirtschaft auf der Grundlage persönlichen Eigentums [1]. Den Staat lehnen Liberale dabei nicht ab [1]. Ihre Ziele sollen Rechtsstaat, Grundrechte, Verfassung und Rechtssicherheit sichern, einschließlich des staatlichen Gewaltmonopols [1]. Die Reichweite staatlicher Gewalt wird nach diesem Verständnis durch die Freiheit des Individuums begrenzt [1].

Aus diesen Grundsätzen ergeben sich zwei Stränge, die das Lexikon unterscheidet. Der politische Liberalismus will die Freiheit des Einzelnen fördern, etwa die Glaubens- und Meinungsfreiheit, und politische Herrschaft begrenzen. Der wirtschaftliche Liberalismus setzt auf Privateigentum, freien Wettbewerb und Freihandel [1].

Frühe Vordenker

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy sieht frühe Wurzeln schon in der Magna Carta von 1215, mit der die Auffassung begann, dass auch der König an das Recht gebunden ist [2]. Thomas Hobbes zählt die Enzyklopädie wegen seines "Leviathan" von 1651 zu den Anstößen liberaler Philosophie, weil er fragte, mit welchem Recht der Herrscher Gehorsam verlangen kann [2].

John Locke

Die Idee des politischen Liberalismus geht nach dem Politiklexikon auf John Locke zurück [1]. Seine zweite Abhandlung über die Regierung erschien 1689 [2]. Locke vertrat Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum, die nicht von den Gesetzen einer bestimmten Gesellschaft abhängen [3]. Politische Gemeinschaften entstehen nach ihm durch die Zustimmung der Einzelnen. Regierungen sollen diese Rechte schützen, und wenn sie das nicht tun, darf das Volk sie auflösen [3]. Die Stanford Encyclopedia weist auch darauf hin, dass Locke mit den Angelegenheiten der amerikanischen Kolonien befasst war und dass seine Eigentumslehre das Land der Indigenen Nordamerikas als unbewirtschaftet behandelte. Möglicherweise wirkte er auch an der Überarbeitung der Grundordnung der Kolonie Carolina mit [3].

Montesquieu und Adam Smith

Die von Montesquieu formulierte Gewaltenteilung wurde zu einem zentralen Element moderner Verfassungen [1]. Wie die Trennung von Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung heute im Grundgesetz geregelt ist, erklärt demokratie.domain-root.de unter Gewaltenteilung. Für den wirtschaftlichen Liberalismus steht Adam Smith: Er sah 1776 Privateigentum, vor allem an Produktionsmitteln, freien Wettbewerb und Freihandel als Voraussetzungen für den Wohlstand einer Gesellschaft [1]. Wie diese Denker in die Zeit der Aufklärung gehören, steht im Artikel zur Aufklärung.

Verfassungen und Rechteerklärungen

Als wichtige Etappen des politischen Liberalismus nennt das Politiklexikon die englische Bill of Rights von 1689, die Bill of Rights von Virginia von 1776, die Verfassung der USA von 1787 und die Erklärung der Menschenrechte in der Französischen Revolution von 1789 [1]. In Europa setzten sich dadurch Individualrechte und das gesetzte Recht als Grundlage staatlichen Handelns durch [1].

Ein leerer Sitzungssaal des frühen 19. Jahrhunderts mit geschwungenen Holzbänken und hohen Fenstern im Nachmittagslicht
Bild: KI-generiert

Das Wort "liberal" als Name einer politischen Richtung entstand in Spanien. Roberto Breña schreibt im "Diccionario de la Independencia de México", der Begriff sei auf der Iberischen Halbinsel in den Cortes von Cádiz (1810 bis 1814) aufgekommen, für eine der beiden Gruppen, die dort um die Macht stritten [5]. In diesen Cortes saßen auch Abgeordnete aus den amerikanischen Gebieten Spaniens [5]. Die Liberalen von beiden Seiten des Atlantiks setzten sich durch, wie die Verfassung von 1812 zeigt [5]. Das Vizekönigreich Neuspanien folgte dieser Verfassung nur kurz, 1812 bis 1814 und 1820 bis 1821. Nach Breña reichten diese Jahre, um die politische Kultur im Vizekönigreich zu verändern [5].

Liberale im Deutschland des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert war der Liberalismus eine weltweite Bewegung des aufstrebenden Bürgertums, in Deutschland blieb er politisch aber weitgehend machtlos [1]. Vom 27. bis 30. Mai 1832 versammelten sich beim Hambacher Fest 20.000 bis 30.000 Menschen, die bis dahin größte politische Massenveranstaltung in Deutschland [6]. Die Redner forderten nationale Einheit, Freiheit und Meinungsfreiheit sowie ein Ende der Fürstenherrschaft. Der Deutsche Bund verbot danach politische Vereine und Versammlungen [6]. Dreizehn Teilnehmer standen wegen versuchten Umsturzes vor Gericht und wurden freigesprochen. Die Mitorganisatoren Johann August Wirth und Philipp Jakob Siebenpfeiffer erhielten später wegen Beamtenbeleidigung Haftstrafen und flohen nach Frankreich und in die Schweiz [6].

Eine Burgruine auf einem bewaldeten Hügel über Weinbergen in der Pfalz an einem klaren Frühlingstag
Bild: KI-generiert

Auf einer Volksversammlung in Mannheim am 27. Februar 1848 erhoben Liberale und Demokraten die "Märzforderungen": Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, politische Gleichberechtigung aller Staatsbürger und eine Nationalversammlung [7]. Diese trat am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche zusammen, verabschiedete im Dezember 1848 Grundrechte und am 27. März 1849 eine Reichsverfassung [7]. Mit der Kapitulation der badischen Revolutionäre in Rastatt am 23. Juli 1849 war die Revolution beendet [7]. Das Bürgertum konnte danach keine politische Führungsrolle übernehmen [1]. Den Verlauf schildert der Artikel zur Revolution von 1848/49.

Fortschrittspartei und Nationalliberale

Am 6. Juni 1861 gründeten liberale und demokratische Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses die Deutsche Fortschrittspartei, nach LeMO die erste deutsche Programmpartei [8]. Sie wollte Deutschland unter einer starken preußischen Zentralgewalt einigen, verlangte eine gemeinsame deutsche Volksvertretung und in Preußen die Durchsetzung der verfassungsmäßigen Rechte [8]. Von 1861 bis 1866 war sie stärkste Fraktion im Abgeordnetenhaus [8]. Als Bismarck nachträglich Straffreiheit für die verfassungswidrige Finanzierung der Heeresreform verlangte, spalteten sich seine Unterstützer ab und gründeten 1867 die Nationalliberale Partei [8]. Diese war in den ersten Jahren nach der Reichsgründung die stärkste Reichstagsfraktion, ihr Stimmenanteil sank aber von etwa 30 Prozent 1871 auf 14 Prozent 1912 [9]. Sie unterstützte Bismarck im Kulturkampf, folgte ihm beim Sozialistengesetz nur widerstrebend und verlor 1880 noch einmal 28 führende Mitglieder, denen die enge Bindung der Parteiführung an Bismarck zu weit ging [9]. Kleinere liberale Gruppen hatten ebenfalls Einfluss. Die Liberale Reichspartei, die sich nach der Reichstagswahl vom 3. März 1871 mit 30 Abgeordneten bildete, forderte Presse- und Vereinsfreiheit. 1873 unterstützte sie maßgeblich die Lex Miquel-Lasker, die das Zivil-, Straf- und Verfahrensrecht der Reichsgesetzgebung übertrug und damit das Bürgerliche Gesetzbuch vorbereitete, das am 1. Januar 1900 in Kraft trat [12]. Insgesamt vollzog sich die Industrialisierung in Deutschland aber unter einem konservativen, obrigkeitsstaatlichen Staatsverständnis, und es entstand ein konservativer Sozialstaat [1]. Mehr zu Bismarck steht im Artikel über Otto von Bismarck.

Liberalismus im 20. Jahrhundert

In der Weimarer Republik zerfiel der politisch gespaltene deutsche Liberalismus weitgehend [1]. Am 11. und 12. Dezember 1948 gründete sich in Heppenheim die FDP, ihr erster Vorsitzender war Theodor Heuss, der am 12. September 1949 erster Bundespräsident wurde [10]. Ihren Einfluss verdankt die FDP nach dem Politiklexikon weniger einer großen Wählerschaft als ihrer häufigen Regierungsbeteiligung [1]. Nach Jan Treibel endete 1998 eine Phase von 29 Jahren ununterbrochener Regierungsverantwortung [10].

Eine Marktstraße in einer deutschen Kleinstadt der frühen 1950er Jahre mit Ständen für Gemüse und Stoffe
Bild: KI-generiert

Wirtschaftspolitisch wandte sich der Liberalismus nach 1945 vom Laissez-faire ab. Der Staat sollte den Rahmen für freien Wettbewerb setzen und eingreifen, damit dieser erhalten bleibt [1]. Diese Richtung entwickelte vor allem die Freiburger Schule um Walter Eucken als Ordo- oder Neoliberalismus. Als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft gelten Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack [1]. Der Ordoliberalismus sieht die Aufgabe des Staates darin, die marktwirtschaftliche Ordnung und besonders den Wettbewerb zu sichern und Störungen durch "marktkonforme" Eingriffe zu beseitigen [11].

Klassischer und "neuer" Liberalismus

Die Stanford Encyclopedia unterscheidet zwei Richtungen. Klassische Liberale verbinden Freiheit mit Privateigentum und Marktordnung. Der "neue" Liberalismus des frühen 20. Jahrhunderts zweifelte an der Stabilität der Märkte, vertraute stärker dem Staat und vertrat, dass Eigentumsrechte ungerechte Macht festigen können [2]. Als Vertreter nennt sie Thomas Hill Green und Leonard Trelawny Hobhouse. John Rawls begründete 1971 mit "Eine Theorie der Gerechtigkeit" die moderne liberale Theorie sozialer Gerechtigkeit, Friedrich August von Hayek verteidigte dagegen klassisch liberale Positionen [2]. In den USA steht "liberal" heute vor allem für Bürgerrechte, öffentliche Kontrolle wirtschaftlicher Macht und soziale Verbesserungen, was sich vom europäischen Gebrauch unterscheidet [1].

John Stuart Mill und die Kritik

John Stuart Mill (1806 bis 1873) veröffentlichte 1859 "Über die Freiheit" [4]. Darin vertrat er den Grundsatz, dass die Gesellschaft in die Freiheit eines Menschen nur eingreifen darf, um andere vor Schaden zu schützen. Seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Harriet Taylor schrieb er die Mitautorschaft an vielen seiner Werke zu [4].

Das Politiklexikon verweist darauf, dass die wirtschaftliche Liberalisierung zwar Industrialisierung brachte, in der Mitte bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber große Teile der Bevölkerung verelendeten [1]. Diese Lage beschreibt der Artikel zur Sozialen Frage, die sozialistische Gegenposition der Artikel zum Kommunismus. Forschende wie Bhikhu Parekh, Uday Singh Mehta und Jennifer Pitts untersuchen, wie Mill über "Barbaren" und Despotie schrieb, und kritisieren darin imperialistische und möglicherweise rassistische Annahmen [2].

  1. Behörde Klaus Schubert, Martina Klein: Liberalismus, in: Das Politiklexikon, 7. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Shane D. Courtland, Gerald Gaus, David Schmidtz: Liberalism. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford University. Stand 25.02.2026. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Alex Tuckness: Locke's Political Philosophy. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford University. Stand 06.10.2020. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie John Stuart Mill. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford University. Stand 25.08.2016. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde El liberalismo español (nach Roberto Breña: Liberalismo, in: Diccionario de la Independencia de México, UNAM 2010). Secretaría de Educación Pública, Mexiko. Stand 06.02.2025. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Dorlis Blume: Das Hambacher Fest 1832 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 05.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Arnulf Scriba: Die Revolution von 1848/49 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Johannes Leicht, Arnulf Scriba: Deutsche Fortschrittspartei (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Burkhard Asmuss, Rosmarie Beier de Haan, Arnulf Scriba: Nationalliberale Partei (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Jan Treibel: FDP (Freie Demokratische Partei), in: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, 8. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2021. abgerufen am 29.10.2026
  11. Behörde Klaus Schubert, Martina Klein: Ordoliberalismus, in: Das Politiklexikon, 7. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Johannes Leicht, Rosmarie Beier de Haan, Arnulf Scriba: Liberale Reichspartei (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 08.09.2016. abgerufen am 29.10.2026

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