Das lange 19. JahrhundertRatgeber
Die Revolution von 1848/49: von Paris bis Rastatt
Die Revolution von 1848/49 war eine Kette von Aufständen, die im Februar 1848 in Paris begann und sich rasch über weite Teile Europas ausbreitete. Ihre Träger forderten Verfassungen, Freiheitsrechte und Nationalstaaten. Bis zum Sommer 1849 schlugen Armeen die Bewegungen fast überall nieder, in Deutschland endete sie mit der Kapitulation von Rastatt am 23. Juli 1849.

Im Frühjahr 1848 gerieten innerhalb weniger Wochen Regierungen von Paris bis Budapest ins Wanken. In Frankreich entstand eine Republik, in Wien floh Staatskanzler Metternich, in Berlin kämpften Bürger und Handwerker auf Barrikaden, in Mailand und Venedig vertrieben Aufständische die österreichischen Behörden. Der Historiker Jörn Leonhard beschreibt diese Ereignisse als gesamteuropäischen Zusammenhang, der von Paris ausging, sich aber von Land zu Land sehr unterschiedlich entwickelte [1]. Dieser Artikel verfolgt den Verlauf in Europa. Die Verfassung der Frankfurter Paulskirche und ihre Bedeutung für die deutsche Demokratie erklärt politische-news.de im Beitrag Revolution 1848 und Paulskirchenverfassung.
Hunger und Unruhe vor 1848
Seit dem Wiener Kongress 1815 versuchten die Monarchen, liberale und nationale Bewegungen kleinzuhalten. Zu dem politischen Druck kam in den Jahren 1846 und 1847 eine schwere Versorgungskrise. Missernten trafen auf die Kartoffelfäule, die sich seit 1844 ausbreitete, und das Deutsche Historische Museum nennt diese Jahre die letzte große Hungersnot der frühen Industrialisierung [6]. Im Frühjahr 1847 kam es zuerst in Böhmen, ab Mai auch in Deutschland zu Protesten. In Berlin plünderten Menschen am 21. und 22. April 1847 rund 30 Bäckereien, Zeitgenossen sprachen von der "Kartoffelrevolution" [6]. Wie groß die Armut damals war, beschreibt der Artikel zur Sozialen Frage.
Paris im Februar 1848
Den Anstoß gab Frankreich. Dort regierte seit 1830 König Louis-Philippe. Als die Regierung im Februar 1848 ein geplantes Bankett der Opposition verbot, gingen am 21. Februar in Paris Menschen auf die Straße. Ministerpräsident François Guizot trat zurück, am 24. Februar dankte der König ab und floh nach Großbritannien. Eine provisorische Regierung unter dem Dichter Alphonse de Lamartine rief die Republik aus [1].

Die neue Ordnung geriet schnell unter Spannung. Im Juni 1848 kam es in Paris zu Kämpfen, die nach Leonhard einem Bürgerkrieg nahekamen [1]. Am 10. Dezember 1848 wählten die Franzosen Louis Napoléon Bonaparte, einen Neffen Napoleons I., mit 74 Prozent der Stimmen zum Präsidenten. Am 2. Dezember 1851 entmachtete er mit Hilfe des Militärs die Nationalversammlung, ein Jahr später ließ er sich als Napoléon III. zum Kaiser ausrufen. Damit endete die Zweite Republik [7].
Wien, Prag und die Habsburgermonarchie
Am 13. März 1848 kam es in Wien zu Kämpfen, Staatskanzler Metternich trat zurück und verließ die Stadt [3, 1]. Kaiser Ferdinand I. berief ein neues Ministerium und schaffte am 28. März die Frondienste ab. Am 22. Juli trat in Wien ein verfassunggebender Reichstag zusammen [3]. Wie dieser Reichstag die Untertänigkeit der Bauern beendete, steht im Artikel zur Bauernbefreiung.
Die Gegenbewegung setzte zuerst in Prag ein. Dort schlug Fürst Windisch-Graetz am 16. Juni 1848 einen Aufstand nieder [3]. Im Oktober eskalierte die Lage in Wien: Truppen sollten gegen Ungarn marschieren, es kam zu Kämpfen, Kriegsminister Theodor Baillet de Latour wurde gelyncht, und der Hof floh nach Olmütz [2]. Ende Oktober eroberten kaiserliche Truppen die Stadt zurück. Beim Sturm unter Windisch-Graetz starben nach Leonhard mehr als 2.000 Zivilisten [2]. Am 9. November 1848 wurde Robert Blum, Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, in Wien standrechtlich erschossen, obwohl er als Abgeordneter Immunität besaß [2, 1].
Am 2. Dezember 1848 dankte Ferdinand I. zugunsten seines Neffen Franz Joseph ab. Der Reichstag tagte inzwischen im mährischen Kremsier. Am 7. März 1849 löste die Regierung ihn auf und erließ selbst eine Verfassung [3].
Ungarn: vom Reformgesetz zum Krieg
In Ungarn begann die Revolution am 15. März 1848 mit Massenkundgebungen in Pest und Buda. Der kaiserliche Statthalter nahm zwölf Forderungen an, darunter Pressefreiheit und das Ende der Fronarbeit. Eine Reformregierung unter Lajos Batthyány trat ihr Amt an, neue Gesetze machten Ungarn weitgehend selbstständig [8]. Der Konflikt mit Wien und mit dem kroatischen Banus Jelačić, der im September 1848 den Kampf gegen Ungarn aufnahm, mündete im Herbst 1848 in einen offenen Krieg [13]. Nach Siegen im Frühjahr 1849 erklärte Lajos Kossuth im April 1849 die volle Unabhängigkeit Ungarns [8].

Gegen die ungarische Armee half dem jungen Kaiser Franz Joseph das Zarenreich. Russische Truppen marschierten im Mai und Juni 1849 ein und waren den Ungarn etwa zwei zu eins überlegen. Am 13. August 1849 kapitulierte General Artúr Görgey bei Világos vor den Russen [13]. Am 6. Oktober 1849 ließ der österreichische General Haynau in Arad zwölf ungarische Generäle und einen Oberst hinrichten [16], Kossuth ging ins Exil [8]. Der 15. März ist in Ungarn bis heute Nationalfeiertag [17]. Welche Rolle Russland damals in Europa spielte, beschreibt der Artikel Russland im 19. Jahrhundert.
Italien: Mailand, Venedig und der Krieg gegen Österreich
Auch in Italien ging es um Verfassung und Nation. Im März 1848 vertrieben die Mailänder in den fünf Tagen vom 18. bis 22. März die österreichischen Truppen aus der Stadt [18]. In Venedig rief Daniele Manin am 22. März 1848 die Republik San Marco aus, die bis zur Kapitulation im August 1849 bestand [12]. Das Königreich Sardinien-Piemont erklärte Österreich noch im März 1848 den Krieg [18]. Feldmarschall Radetzky siegte Ende Juli 1848 bei Custozza und am 23. März 1849 bei Novara, danach dankte König Karl Albert zugunsten seines Sohnes Viktor Emanuel II. ab [13]. Die Römische Republik fiel im Juli 1849 [13].
Eine Errungenschaft überstand die Niederlage: Sardinien-Piemont behielt seine Verfassung von 1848 [4, 18]. Von diesem Staat ging später die Einigung Italiens aus, mehr dazu im Artikel zur Einigung Italiens.
Der Deutsche Bund: von Mannheim bis zur Paulskirche
Am 27. Februar 1848 stellte eine Volksversammlung in Mannheim die sogenannten Märzforderungen auf: Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit, Volksbewaffnung und eine Nationalversammlung [5]. Schon am 3. März hob der Deutsche Bund die Pressezensur auf [1]. In Berlin fielen am 18. März 1848 auf dem Schlossplatz Schüsse. Bei den Barrikadenkämpfen starben über 250 Menschen, mehr als 1.000 wurden verletzt. Drei Tage später zeigte sich König Friedrich Wilhelm IV. in den Farben Schwarz-Rot-Gold [1].

In Frankfurt am Main tagte vom 31. März bis 3. April ein Vorparlament mit 574 Mitgliedern. Im Mai wurde in 597 Wahlkreisen gewählt, am 18. Mai 1848 trat die Nationalversammlung in der Paulskirche zusammen [1]. Sie zählte rund 600 Abgeordnete aus allen Staaten des Deutschen Bundes [5]. Die wichtigsten Schritte zeigt die Übersicht:
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 29.06.1848 | Erzherzog Johann wird mit 436 von 548 Stimmen zum Reichsverweser gewählt |
| 21.12.1848 | Die Nationalversammlung verabschiedet die Grundrechte des deutschen Volkes |
| 27.03.1849 | Die Nationalversammlung verabschiedet die Reichsverfassung |
| 28.03.1849 | Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum "Kaiser der Deutschen" |
| 03.04.1849 | Der preußische König lehnt die Krone ab |
| 14.04.1849 | 28 deutsche Staaten nehmen die Reichsverfassung an |
Die Daten stammen aus der Chronologie der Bundeszentrale für politische Bildung, aus Leonhards Darstellung und aus den Schlaglichtern des Bundesarchivs [3, 1, 2, 11]. Österreich, Preußen, Bayern, Hannover und Sachsen erkannten die Reichsverfassung nicht an [5]. Was von den damaligen Grundrechten im heutigen Grundgesetz steht, erklärt demokratie.domain-root.de unter Die Grundrechte im Überblick.
Gegenrevolution und Ende 1849
In Preußen gewann der König im Herbst 1848 die Kontrolle zurück. Er setzte eine gegenrevolutionäre Regierung ein, ließ die Berliner Bürgerwehr entwaffnen und löste am 5. Dezember 1848 die preußische Nationalversammlung auf. Zugleich erließ er aus eigener Macht eine Verfassung [2].
Als die Kaiserkrone abgelehnt war, versuchten Demokraten im Frühjahr 1849, die Reichsverfassung mit Aufständen durchzusetzen. Diese Reichsverfassungskampagne erfasste Sachsen, die Pfalz und Baden [2]. Preußische und sächsische Truppen schlugen vom 5. bis 9. Mai den Aufstand in Dresden nieder. Am 11. Mai meuterten badische Soldaten in der Festung Rastatt, zwei Tage später floh Großherzog Leopold [3, 20]. Die Reste der Nationalversammlung zogen als Rumpfparlament nach Stuttgart, wo württembergische Truppen sie am 18. Juni 1849 auseinandertrieben [2, 3]. Am 21. Juni unterlag die badische Revolutionsarmee bei Waghäusel, am 23. Juli 1849 kapitulierte die Festung Rastatt [3, 19]. Es folgten standrechtliche Erschießungen, Bundestruppen besetzten Baden bis 1851 [2].
Viele Demokraten gingen ins Exil, in andere Länder Europas und nach Amerika. Einer von ihnen, Carl Schurz, wurde später Innenminister der USA (1877 bis 1881) [2]. Am 2. September 1850 trat die Bundesversammlung des Deutschen Bundes wieder zusammen [15].
Was von der Revolution blieb
Die meisten Erhebungen endeten mit einer Niederlage, und es folgte eine Zeit der Reaktion [5]. Leonhard betrachtet die Revolution jenseits der Kategorien "Erfolg" und "Scheitern" [4]. Sie beseitigte die letzten feudalen Relikte. Viele Menschen lernten in Vereinen, Volksversammlungen, Petitionen und Parlamentsfraktionen, ihre Interessen zu organisieren, und die Arbeiter- und Frauenbewegung bekam wichtige Anstöße [4]. Die Paulskirche zeigte mit ihrem Grundrechtskatalog, dass parlamentarische Arbeit funktionieren konnte [4].
Auch die Sieger übernahmen manches. Preußen und Sardinien-Piemont hatten nach 1849 Verfassungen. Napoléon III. stützte seine autoritäre Herrschaft auf Plebiszite. Bismarck führte 1867 im Norddeutschen Bund und 1871 im Kaiserreich ein allgemeines Wahlrecht für Männer ein, das nach Leonhard an 1848 anknüpfte [4]. Innerhalb von etwa zwölf Jahren entstanden Nationalstaaten in Italien und Deutschland, allerdings unter der Führung von Regierungen und Armeen [2]. Wie es in Deutschland weiterging, erzählt der Artikel zur Reichsgründung 1871.
Einen eigenen Weg ging die Schweiz. Nach dem Sonderbundskrieg im November 1847 erklärte die Tagsatzung am 12. September 1848 die Bundesverfassung für angenommen, und die Schweiz wurde damit zum Bundesstaat [14].
- Studie Jörn Leonhard: Die Vielfalt der Revolutionsaufbrüche. Die deutsche Erfahrung des Frühjahrs 1848 (Informationen zur politischen Bildung 364). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.10.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Jörn Leonhard: Von der Krise zum Revolutionsende. Die Veränderung der Handlungsspielräume seit dem Herbst 1848 (Informationen zur politischen Bildung 364). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2025. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Chronologie (Informationen zur politischen Bildung 364: Die Revolution von 1848/49). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2025. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Jörn Leonhard: Die Widersprüche der Revolution. 1848/49 jenseits von "Erfolg" und "Scheitern" (Informationen zur politischen Bildung 364). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Die Revolution von 1848/49 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Christopher Jütte: Die Krisenjahre 1846/47 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 04.07.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Julian Plenefisch, Johannes Leicht: Napoléon III. (LeMO Biografie). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Ungarische Revolution 1848/1849. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Erster Italienischer Unabhängigkeitskrieg. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Revolutionen 1848/1849. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Juli 1848 (Schlaglichter einer Revolution). Bundesarchiv. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Daniele Manin (Dizionario Biografico degli Italiani). Istituto della Enciclopedia Italiana, Treccani. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Erfolgreiche Gegenrevolution (Informationen zur politischen Bildung 265: Revolution von 1848). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Auf dem Weg zum Bundesstaat (1815 bis 1848). Präsenz Schweiz, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten. Stand 2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Der Deutsche Bund (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde The Execution of Lajos Batthyány and the Martyrs of Arad, 6th October 1849. honvedelem.hu, Nachrichtenseite der ungarischen Streitkräfte. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Ungarn (Kosmos Weltalmanach). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Rivoluzioni del 1848 (Dizionario di Storia). Istituto della Enciclopedia Italiana, Treccani. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Juni 1849 (Schlaglichter einer Revolution). Bundesarchiv. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Mai 1849 (Schlaglichter einer Revolution). Bundesarchiv. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
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