Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Die Soziale Frage: Armut, Arbeiterbewegung und erste Sozialgesetze

Als Soziale Frage bezeichnete man im 19. Jahrhundert die Not der Unterschichten, vor allem der Fabrikarbeiter: Armut, lange Arbeitszeiten, schlechte Wohnungen und fehlende politische Rechte. Der Begriff kam um 1848 auf. Antworten gaben Arbeiterbewegung, Kirchen und Staat, in Deutschland ab 1883 mit der ersten gesetzlichen Sozialversicherung.

Ein dunkler Kellerraum mit einem hölzernen Handwebstuhl, Garnspulen und einem Hocker im fahlen Licht eines Fensters
Bild: KI-generiert

Mit der Industrialisierung arbeiteten immer mehr Menschen gegen Lohn für einen Unternehmer. Die alten Schutzverbände, also Grundherrschaft, Gemeinde und Zunft, fingen sie nicht mehr auf, und ihre Not wurde öffentlich sichtbar [2]. Für diese Lage kam ab 1848 der Begriff "soziale Frage" auf. Er richtete sich zunächst auf die Fabrikarbeiter: auf ihre Armut, ihre Arbeits- und Wohnverhältnisse und darauf, dass sie in der bürgerlichen Gesellschaft kaum politische Rechte hatten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen weitere Themen hinzu, etwa die Wohnverhältnisse in den Städten und die Hygiene [1]. Wie Fabriken und Maschinen die Arbeitswelt veränderten, erklärt der Artikel zur Industriellen Revolution.

Pauperismus: Massenarmut vor der Fabrik

Die große Armut begann schon vor den Fabriken. Zeitgenossen nannten die Massenarmut der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts "Pauperismus", nach dem lateinischen Wort pauper für arm [3]. Nach 1815 wuchs die Bevölkerung stark, während Landwirtschaft und Gewerbe kaum produktiver wurden. Missernten, Hungersnöte und der Niedergang der Heimarbeit verschärften die Not. Am schlimmsten traf es Gegenden ohne Industrie, etwa Südwestdeutschland, Hessen und Schlesien, wo viele Menschen als Tagelöhner oder Heimarbeiter lebten [3]. Wie sich die Lage auf dem Land veränderte, beschreibt der Artikel zur Bauernbefreiung.

Die Zahlen zeigen das Ausmaß. In Köln lebten im Krisenwinter 1816/17 rund 18.000 Almosenempfänger bei etwa 49.000 Einwohnern [3]. In Preußen bekamen 1842 in den gewerblichen Provinzen 6 bis 10 Prozent der Bevölkerung Armenunterstützung, in Elberfeld waren es 25,2 Prozent, in Breslau 55,6 Prozent [1]. Berlin wuchs von etwa 200.000 Einwohnern im Jahr 1816 auf etwa 450.000 im Jahr 1849, und in den Armenvierteln verbreiteten sich Ruhr und Typhus [3]. Viele sahen nur einen Ausweg: In den 1840er-Jahren wanderten 418.000 Menschen aus, allein 1847 waren es 80.000 [3]. Ihren Höhepunkt erreichte die Not in den Krisenjahren 1846/47 [3, 5], die zur Revolution von 1848/49 beitrugen.

Großbritannien, wo der Begriff Pauperismus schon um 1800 gebräuchlich war, reagierte 1834 mit einem neuen Armengesetz. Arbeitsfähige Arme sollten nur noch im Arbeitshaus unterstützt werden, damit sie sich Arbeit suchten. Das Gesetz wurde nur teilweise umgesetzt, trotzdem sanken die Armenausgaben von 1834 bis 1838 um 27 Prozent. Es setzte einen Grundsatz durch, der lange nachwirkte: Fürsorge sollte immer unter dem Lohn der am schlechtesten bezahlten Arbeiter liegen [1].

Wie die Bürger die Armut erklärten, war umstritten. Konservative Publizisten machten die Armen selbst verantwortlich, Friedrich Engels dagegen die Industrialisierung, die Handarbeit durch Maschinen ersetzte [3].

Der Weberaufstand von 1844

Das bekannteste Beispiel für den Niedergang des Heimgewerbes ist der Aufstand der schlesischen Weber. Vom 4. bis 6. Juni 1844 erhoben sich in Peterswaldau und Langenbielau Baumwollweber. Die preußische Regierung ließ den Aufstand niederschlagen, elf Menschen starben [4]. Hintergrund war unter anderem das Bevölkerungswachstum in Schlesien von etwa 1,9 Millionen Menschen im Jahr 1815 auf fast 3 Millionen im Jahr 1844. Es gab mehr Arbeitskräfte als Arbeit [4].

Ein schlesisches Dorf mit Holzhäusern am Fuß bewaldeter Hügel im Frühsommer, ein Bach und ein Feldweg
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Der Aufstand fand im ganzen Deutschen Bund Beachtung. Heinrich Heine veröffentlichte etwa einen Monat danach sein Gedicht "Die armen Weber". Wie heikel das Thema blieb, zeigte sich fast 50 Jahre später: Gerhart Hauptmanns Drama "Die Weber" von 1892 verbot der Berliner Polizeipräsident [4].

Fabrikarbeit und Kinderarbeit

In den Fabriken arbeiteten Männer, Frauen und Kinder für niedrige Löhne, oft musste die ganze Familie mitverdienen [6]. Den Anfang des Arbeiterschutzes machte Großbritannien. Ein Gesetz von 1819 verbot in Baumwollspinnereien, Kinder unter neun Jahren zu beschäftigen, 1833 entstand dort eine staatliche Fabrikinspektion [1].

Eine große Spinnereihalle des 19. Jahrhunderts mit langen Reihen eiserner Spinnmaschinen und hohen Fenstern
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In Preußen folgte 1839 das Regulativ über die Kinderarbeit. Es verbot, Kinder unter neun Jahren in Fabriken zu beschäftigen, begrenzte die Arbeitszeit für Jugendliche unter 16 Jahren auf zehn Stunden am Tag und untersagte ihnen Sonn- und Feiertagsarbeit [1]. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt vor allem militärische Gründe: Kinder, die früh arbeiteten, galten als untauglich für das Heer [6]. Ein Gesetz von 1853 hob das Mindestalter auf zwölf Jahre, Kinder von 12 bis 14 Jahren durften höchstens sechs Stunden am Tag arbeiten und mussten täglich drei Stunden zur Schule gehen [11]. Fabrikinspektoren gab es danach nur in den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf und Arnsberg, zusammen drei [1].

Die Arbeiterbewegung

Sich zusammenzuschließen war den Arbeitern lange verboten. Koalitionsverbote galten in Großbritannien ab 1799, im Deutschen Bund ab 1840 und nach der preußischen Gewerbeordnung von 1845 [1]. Eine radikale Antwort gaben Karl Marx und Friedrich Engels. Sie schrieben das "Manifest der Kommunistischen Partei" als Programm des Bundes der Kommunisten, es erschien im Februar 1848 in London [10]. Mehr dazu steht in den Artikeln über Karl Marx und den Kommunismus.

In Deutschland entstand am 23. Mai 1863 in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unter Ferdinand Lassalle, die erste Arbeiterpartei mit gesamtdeutschem Anspruch. Er forderte Produktivgenossenschaften und eine Mehrheit der Arbeiter in freien Wahlen. 1869 gründete sich in Eisenach die konkurrierende Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Vom 22. bis 27. Mai 1875 vereinigten sich beide in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei. Das Sozialistengesetz verbot sie 1878, 1890 entstand daraus die SPD [7].

Daneben wuchs die Selbsthilfe. Unternehmen, Gemeinden und Gewerkschaften gründeten Kassen für Krankheit und Begräbnis, und Preußen förderte sie mit der Gewerbeordnung von 1845/49 und einem Kassengesetz von 1854 [1]. Auch die Armenpflege der Städte änderte sich. Im Elberfelder System ab 1853 betreute ein ehrenamtlicher Pfleger nur noch 4 bis 10 Arme statt bisher 50 und mehr. Zahlreiche deutsche Städte übernahmen das Modell [1].

Bismarcks Sozialversicherung

Reichskanzler Otto von Bismarck ging gegen die Sozialdemokratie mit dem Sozialistengesetz vor, das von 1878 bis 1890 galt. Die Sozialpolitik der 1880er-Jahre sollte diese Unterdrückung ergänzen und die Arbeiter an den Staat binden [2]. Deutschland führte als erstes Land Europas eine Pflichtversicherung für Arbeiter ein [1].

Ein Büro aus dem 19. Jahrhundert mit Holztresen, geschlossenen Aktenschränken und einer Messinglampe
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GesetzWer zahlteLeistung
Krankenversicherung, 15.06.1883Arbeiter zwei Drittel, Arbeitgeber ein DrittelArzt und Arznei, ab dem dritten Krankheitstag Krankengeld von 50 Prozent des Durchschnittslohns für bis zu 13 Wochen, höchstens 2 Mark je Arbeitstag
Unfallversicherung, 1884nur die Arbeitgeber, organisiert in Berufsgenossenschaftenbei völliger Erwerbsunfähigkeit zwei Drittel des Lohns, unabhängig vom Verschulden
Invaliditäts- und Altersversicherung, 24.05.1889Versicherte und Arbeitgeber je zur Hälfte, dazu 50 Mark Reichszuschuss je RenteAltersrente ab 70 Jahren nach 30 Beitragsjahren, Invalidenrente nach mindestens fünf Beitragsjahren

Die Angaben stammen aus dem Lebendigen Museum Online [8]. Vor der Unfallversicherung galt seit 1871 ein Haftpflichtgesetz, nach dem ein verletzter Arbeiter dem Unternehmer ein Verschulden nachweisen musste. Das gelang selten, weil kaum jemand den Zustand einer Fabrik vor dem Unfall dokumentiert hatte [2]. Die Krankenversicherung galt für gewerbliche Arbeiter mit bis zu 2.000 Mark Jahreseinkommen [8] und erfasste etwa 40 Prozent der Lohnarbeiter [2]. Eine vierköpfige Familie brauchte damals etwa 25 Mark in der Woche, das Krankengeld reichte also nicht aus [8]. Die durchschnittliche Altersrente lag 1891 bei 123 Mark im Jahr, etwa einem Sechstel des Jahresverdienstes eines Industriearbeiters, und das Rentenalter von 70 Jahren erreichte um 1900 nur etwa ein Viertel der Männer [2].

Nach Bismarcks Entlassung 1890 baute das Reich den Arbeiterschutz aus. Ein Gesetz von 1891 brachte strengere Sicherheitsauflagen, verbot in vielen Gewerben die Arbeit an Sonn- und Feiertagen und regelte die Arbeit von Jugendlichen und Frauen. 1911/12 kamen die Versicherung der Angestellten und die Witwen- und Waisenversicherung hinzu [2]. Ein Ziel Bismarcks erreichte die Versicherung nicht: Ihre Selbstverwaltung wurde zur Basis der Arbeiterbewegung [2]. Mehr zum Kanzler steht im Artikel über Otto von Bismarck.

Die Antwort der katholischen Kirche

Am 15. Mai 1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. die Enzyklika "Rerum novarum" über die Lage der Arbeiter [9]. Er lehnte den sozialistischen Vorschlag ab, das Privateigentum abzuschaffen, und verlangte zugleich, dass Arbeitgeber ihre Arbeiter nicht als bloßes Werkzeug für Gewinn behandeln. Der Lohn sollte ausreichen, um einen genügsamen Arbeiter zu ernähren. Arbeitervereinigungen bezeichnete der Papst als natürliches Recht, das der Staat schützen solle. Kinder sollten erst in Fabriken arbeiten, wenn Körper und Geist genug entwickelt sind, und die Sonntagsruhe sollte gelten [9].

Was aus der Sozialen Frage wurde

Bis 1914 entstand in Deutschland ein Netz aus Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung, Arbeiterschutz und städtischer Fürsorge [2]. Pfister sieht in der Sozialversicherung einen wichtigen Ausgangspunkt für die moderne staatliche Leistungsverwaltung: Sie erkannte die Risiken abhängiger Arbeit an und gab einen Rechtsanspruch auf Unterstützung [2]. Wie das Grundgesetz den Sozialstaat heute festschreibt, erklärt demokratie.domain-root.de unter Das Sozialstaatsprinzip.

  1. Ulrich Pfister: "Soziale Frage" und frühe Sozialpolitik (Vorlesung Industrialisierung im ausgehenden 18. und 19. Jh., Kurzskript). Universität Münster, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stand 25.01.2022. abgerufen am 29.10.2026
  2. Ulrich Pfister: Entwicklung der Sozialpolitik I: Von den Anfängen bis 1914 (Vorlesung Sozialpolitik und Gesellschaft seit dem späten 19. Jh.). Universität Münster, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stand 11.11.2020. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Christopher Jütte: Pauperismus (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 30.03.2015. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Arnulf Scriba: Der Weberaufstand 1844 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 10.10.2014. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Christopher Jütte: Die Krisenjahre 1846/47 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 04.07.2025. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Verbot von Kinderarbeit (Deine tägliche Dosis Politik). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Christian Sprenger: Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein (ADAV) (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Katharina Draheim: Sozialgesetzgebung (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Leo XIII.: Rerum novarum. Enzyklika über die Arbeiterfrage. Heiliger Stuhl, vatican.va. Stand 15.05.1891. abgerufen am 29.10.2026
  10. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (Einleitung der Online-Ausgabe). Marxists Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation Preußisches Gesetz über die Fabrikinspektion vom 16. Mai 1853 (Online-Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis 1918). FES-Bibliothek, Friedrich-Ebert-Stiftung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.