Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Die Industrielle Revolution: von der Spinnmaschine zur Sozialversicherung

Die Industrielle Revolution begann um 1770 in England mit der Mechanisierung der Baumwollspinnerei und dauerte dort bis etwa 1850. In Deutschland setzte die Industrialisierung in den 1840er-Jahren ein, getragen vor allem vom Eisenbahnbau. Sie brachte Fabriken, Kohle als Energiequelle und schnell wachsende Städte, aber auch die Soziale Frage.

Eine große Baumwollspinnerei aus rotem Backstein mit hohem Schornstein an einem Kanal im Morgendunst
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Mit der Industriellen Revolution bezeichnen Historiker den Übergang von Handarbeit und Wasserkraft zu Maschinen, Fabriken und Kohle. In England fällt diese Phase etwa in die Jahre 1770 bis 1850. In Deutschland lag die erste Phase der Industrialisierung ungefähr zwischen den 1840er- und den 1870er-Jahren, danach folgte bis 1913 die Hochindustrialisierung mit neuen Branchen wie Chemie und Elektrotechnik [1]. Hier liest du, warum die Entwicklung mit Baumwolle begann, welche Rolle Kohle und Eisenbahn spielten und wie die Gesellschaft auf die neuen Lebensverhältnisse reagierte.

Was sich grundlegend änderte

Der Wirtschaftshistoriker Ulrich Pfister fasst die Industrielle Revolution in vier Punkten zusammen [1]. Erstens setzte ein stetiger technischer Fortschritt ein, zuerst in der Baumwollverarbeitung und der Eisenherstellung. Waren wurden billiger, der Absatz wuchs und mit ihm die Produktion. Zweitens wechselte die Energiebasis: Statt Holzkohle, Wasser und Muskelkraft trieb nun Steinkohle Hochöfen und Dampfmaschinen an. Drittens beschleunigten Straßen, Kanäle, Eisenbahn ab den 1830er-Jahren und Dampfschiffe den Verkehr, und ab den 1850er- und 1860er-Jahren übertrug der elektrische Telegraf Nachrichten in kurzer Zeit. Viertens verlagerte sich die Arbeit aus dem eigenen Haushalt in Fabriken, die Unternehmern gehörten und Lohnarbeiter beschäftigten.

Die Industrialisierung erfasste zuerst einzelne Regionen innerhalb der Länder. Das Wachstum konzentrierte sich auf wenige Leitsektoren mit raschem technischem Fortschritt, die andere Branchen mitzogen [1].

Gewerbe vor der Fabrik

Textil- und Metallverarbeitung waren schon lange vor der Industrialisierung wichtige Gewerbe. Vom 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert entstanden in vielen Gegenden Europas Gewerberegionen, in denen auch ein großer Teil der Landbevölkerung für überregionale Märkte spann, webte oder Metall verarbeitete. Die Forschung nennt das Protoindustrialisierung [1]. Organisiert war die Arbeit oft im Verlag: Ein Kaufmann stellte Rohstoffe, ließ zu Hause verarbeiten und verkaufte das Ergebnis. Die frühen Industriestandorte entstanden meist in solchen Regionen. Dort gab es bereits Märkte, Kapital, Unternehmer und Arbeitskräfte mit Erfahrung im Gewerbe [1].

Eine Frau arbeitet in einer niedrigen Stube an einem Spinnrad, daneben steht ein Handwebstuhl
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Baumwolle: der erste Leitsektor in England

Seit dem späten 17. Jahrhundert waren bedruckte Baumwollstoffe aus Indien in Europa sehr gefragt. In Europa bemühten sich Gewerberegionen, die schon Mischgewebe mit Baumwolle herstellten, diese Stoffe selbst zu fertigen. Der Engpass war das Garn: Auf einen Webstuhl kamen etwa acht Spinnerinnen und Spinner [2]. Die Erfindungen der folgenden Jahrzehnte setzten genau dort an [2].

Eine lange Fabrikhalle mit Reihen historischer Spinnmaschinen und Treibriemen von der Decke
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JahrErfindungWirkung
1733Schnellschütze von John Kayverdoppelte etwa die Leistung beim Weben und verschärfte den Garnmangel
1767Spinning Jenny von James Hargreavesviele Spindeln auf einem Rahmen, nutzbar im Haushalt
1769Water Frame von Richard ArkwrightSpinnen mit Walzen, angetrieben durch Wasserkraft, lohnend nur in großen Betrieben
1779Mule Jenny von Samuel Cromptonfeine Garne auf bis zu 400 Spindeln
1785 bis 1788mechanischer Webstuhl von Edmund Cartwrightproduktiv erst ab den 1830er-Jahren

Bis etwa zum zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts stieg die Arbeitsproduktivität in der Spinnerei ungefähr um den Faktor 100, in der Weberei um den Faktor 10. Garn wurde zwischen 1780 und 1827 real um 80 bis 90 Prozent billiger [2]. Lancashire blieb das Zentrum. 1787 gab es dort 44 zentralisierte Fabriken, 1825 waren es 600 und 1841 schon 1.105. Der Anteil der Baumwollindustrie an der Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Großbritannien stieg von 1 Prozent 1770 auf 10 Prozent 1841 [2].

Auch der Rohstoff wurde billiger. Zwischen 1770 und 1830 sank der Preis von Rohbaumwolle im Verhältnis zu Flachs und Wolle um 70 bis 85 Prozent. Dazu trugen die Entkörnungsmaschine (cotton gin) aus den USA von 1793, bessere Sorten und der Anbau in fruchtbaren Gebieten im Süden der USA bei [2]. Wie groß der britische Vorsprung blieb, zeigt der Verbrauch an Rohbaumwolle in den Jahren 1850 bis 1854: Großbritannien verarbeitete 320.000 Tonnen im Jahr, Frankreich 67.000 und Deutschland 26.000 [2].

Kohle, Dampf und Eisenbahn

Die Dampfmaschine war anfangs vor allem eine Pumpe für Kohlengruben. Ausgereift und breit einsetzbar war sie erst in den 1830er- und 1840er-Jahren [3]. Wie es dazu kam, erklärt der Artikel über die Dampfmaschine. Mit ihr wurden Fabriken unabhängig vom Standort am Fluss, und die Eisenbahn veränderte den Verkehr. 1830 eröffnete zwischen Liverpool und Manchester die erste Bahn, die ganz mit Dampf fuhr. Großbritannien hatte 1840 rund 1.400 und 1850 schon 10.600 Kilometer Strecke [3].

Deutschland holt auf

Deutschland übernahm die englischen Neuerungen zunächst langsam. Die Kontinentalsperre Napoleons von 1807 bis 1813 löste eine erste Welle von Spinnereigründungen aus, von denen viele nach 1813 wieder eingingen. In Sachsen, im Rheinland und in anderen Regionen setzte sich die Maschinenspinnerei vor allem zwischen 1835 und 1875 durch [2].

Ein Eisenhüttenwerk des 19. Jahrhunderts in der Dämmerung mit glühenden Hochöfen und Kohlewagen
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Politisch half der 1834 von Preußen angestoßene Zollverein. Ab 1854 umfasste er die Staaten des Deutschen Bundes mit Ausnahme von Österreich, Mecklenburg, Holstein und einigen kleineren Gebieten, mit über 33 Millionen Menschen [6]. Der wichtigste Antrieb war aber die Eisenbahn. Nach der ersten Strecke zwischen Nürnberg und Fürth am 7. Dezember 1835 wuchs das Netz bis 1850 auf rund 5.700 Kilometer [4]. Der Eisenbahnsektor kam in den Jahren 1875 bis 1879 auf 25,8 Prozent aller Nettoinvestitionen in Deutschland. Der Transportpreis je Tonne sank zwischen 1840 und 1879 um 73 Prozent [3]. Pfister nennt den Bahnbau den wichtigsten Leitsektor der frühen deutschen Industrialisierung, weil das gebirgige Binnenland kaum über Wasserstraßen erschlossen war [3].

Die Bahn brauchte Kohle, Eisen und Lokomotiven, und genau diese Branchen wuchsen. Im Ruhrgebiet stieg die Roheisenerzeugung von rund 12.000 Tonnen um 1850 auf rund 430.000 Tonnen 1870. Preußen förderte 1850 rund 4,5 Millionen Tonnen Steinkohle, 1869 kamen im Gebiet des späteren Reichs rund 26 Millionen Tonnen aus der Erde. Die Firma Krupp in Essen wuchs von etwa 250 Arbeitern 1850 auf fast 12.000 im Jahr 1873 [5].

Chemie und Elektrotechnik

Ab den 1870er-Jahren kamen neue Branchen dazu, die stärker auf wissenschaftlichem Wissen beruhten. Die Forschung spricht von der Zweiten Industriellen Revolution [1]. Deutschland übernahm hier eine Spitzenstellung. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hielt es 28 Prozent des Weltexports an chemischen Produkten, Großbritannien folgte mit 16 Prozent. Bayer beschäftigte 1881 rund 300 Menschen und 1914 über 10.000 sowie etwa 600 Chemiker mit Hochschulabschluss. Jede zweite elektrische Maschine und Installation weltweit stammte 1914 von Siemens oder der AEG [10]. 1913 war Deutschland knapp vor Großbritannien und den USA der wichtigste Exporteur von Maschinen [3]. Wie Strom Städte und Fabriken veränderte, beschreibt der Artikel Wie die Elektrizität die Welt veränderte.

Leben in den Industriestädten

Zehntausende Menschen zogen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Industriestädte [7]. Berlin hatte um 1850 rund 412.000 Einwohner, 1907 etwa zwei Millionen. 1871 gab es im Deutschen Reich nur acht Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, 1910 waren es 48, und 21,3 Prozent der Bevölkerung lebten in einer Großstadt [8]. Die Wohnungen waren oft überbelegt. Viele Familien vermieteten ein Bett stundenweise an sogenannte Schlafgänger [8].

Ein enger Hinterhof zwischen hohen Mietshäusern mit Wäscheleinen und Kopfsteinpflaster
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In den Fabriken waren Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden und Sonntagsarbeit üblich, die Bedingungen schadeten oft der Gesundheit [9]. Akkordlöhne waren meist so hoch angesetzt, dass Arbeiter sie kaum erreichten. In Berlin, Leipzig und Dresden waren viele Familien auf Suppenküchen von Kirchen und Stiftungen angewiesen [7]. Die Geschichtswissenschaft fasst diese Probleme unter dem Begriff Soziale Frage zusammen. Mehr dazu steht im Artikel Die Soziale Frage.

Antworten auf die Soziale Frage

1848 veröffentlichten Karl Marx und Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest". In den 1860er-Jahren entstand aus Handwerkerbünden sowie Hilfs- und Gesellenvereinen die deutsche Arbeiterbewegung [7]. Die Lebensgeschichte von Marx erzählt der Artikel über Karl Marx.

Der Staat antwortete in den 1880er-Jahren mit der Sozialversicherung. 1883 kam die Krankenversicherung für gewerbliche Arbeiter mit einem Jahreseinkommen bis 2.000 Mark. Die Arbeiter zahlten zwei Drittel der Beiträge, die Arbeitgeber ein Drittel. 1884 folgte die Unfallversicherung, die allein die Unternehmer bezahlten, 1889 die Alters- und Invalidenversicherung. Altersrente gab es erst ab dem 70. Lebensjahr und nach 30 Beitragsjahren [9]. Insgesamt waren 4,7 Millionen gewerbliche Arbeiter gesetzlich versichert [9]. Nach 1890 begrenzte das Reich die Kinderarbeit, führte die Sonntagsruhe ein und setzte eine tägliche Höchstarbeitszeit von elf Stunden fest. Den Achtstundentag setzte erst die Revolution von 1918/19 durch [9].

Wie das Sozialstaatsprinzip heute im Grundgesetz steht, erklärt die Seite Das Sozialstaatsprinzip.

Industrie und Weltmacht

Die Industrialisierung veränderte auch das Verhältnis Europas zur übrigen Welt. Die Industrieländer brauchten Rohstoffe wie Kupfer, Kautschuk und Erdöl, und vor allem britisches Kapital suchte Anlagemöglichkeiten im Ausland. Die Historikerin Gabriele Metzler zählt beides zu den wirtschaftlichen Motiven der kolonialen Expansion am Ende des Jahrhunderts [11]. Wie diese Expansion ablief, zeigt der Artikel über den Imperialismus.

  1. Ulrich Pfister: Einführung, Vorgeschichte der Industrialisierung (Kurzskript zur Vorlesung Industrialisierung, WS 2021/22). Universität Münster, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stand 12.10.2021. abgerufen am 29.10.2026
  2. Ulrich Pfister: "König Baumwolle": Die Mechanisierung der Textilindustrie (Kurzskript zur Vorlesung Industrialisierung, WS 2021/22). Universität Münster, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stand 19.10.2021. abgerufen am 29.10.2026
  3. Ulrich Pfister: Die Dampfmaschine, ihre Anwendungen und die Maschinenbauindustrie (Kurzskript zur Vorlesung Industrialisierung, WS 2021/22). Universität Münster, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stand 02.11.2021. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Dorlis Blume: Eisenbahnbau (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 06.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Johannes Leicht: Schwerindustrie (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 23.06.2010. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Arnulf Scriba: Der Deutsche Zollverein (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Dorlis Blume: Fabrikproletariat (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 06.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Klaus Strohmeyer: Urbanisierung im Deutschen Reich (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.06.2022. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Katharina Draheim: Die Sozialgesetzgebung (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Nina Reusch: Neue Industrien (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 11.11.2015. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Gabriele Metzler: Die Epoche des Hochimperialismus, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 338. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.