Das lange 19. JahrhundertRatgeber
Wie die Elektrizität die Welt veränderte
Die Geschichte der Elektrizität als Technik beginnt 1799 mit Voltas Säule, der ersten Quelle für dauerhaften Strom. Faraday entdeckte 1831 die Induktion, Werner von Siemens 1866 das dynamoelektrische Prinzip, mit dem sich Strom billig erzeugen ließ. Ab den 1880er-Jahren brachten Kraftwerke Licht und Antrieb in Städte und Fabriken.

Elektrische Erscheinungen kannten Menschen schon lange, von Blitzen bis zu Funken an geriebenen Stoffen. Eine nutzbare Technik wurde daraus erst im 19. Jahrhundert. Innerhalb von rund 90 Jahren führte der Weg von einer Säule aus Metallscheiben im Labor zu Kraftwerken, die ganze Stadtteile versorgten. Die wichtigsten Schritte waren die erste Stromquelle, die Entdeckung der Induktion, der Telegraf, der Dynamo, die Glühlampe und der Streit um die richtige Stromart.
Voltas Säule: der erste dauerhafte Strom
1799 baute der italienische Physiker Alessandro Volta die erste elektrische Batterie. Er stapelte Scheiben aus Kupfer und Zink aufeinander und legte zwischen jedes Paar ein Stück Flanell, das mit verdünnter Säure getränkt war [1]. Diese Voltasche Säule lieferte zum ersten Mal einen Strom, der dauerhaft floss und sich jederzeit wieder erzeugen ließ. Volta zeigte damit auch, dass sich Elektrizität chemisch erzeugen lässt. Er lehrte von 1774 bis 1804 in Pavia. Napoleon holte ihn 1801 nach Paris und ließ ihm zu Ehren eine Medaille prägen. Die Einheit der elektrischen Spannung, das Volt, trägt seinen Namen [1].

Mit dieser Stromquelle konnten Forscher nun gezielt mit Strom experimentieren. Das IEEE hält fest, dass die Grundlagen der Elektrizitätslehre bis 1831 gelegt waren, als Faraday seinen ersten Generator baute [1].
Faraday: Magnetismus erzeugt Strom
Den nächsten großen Schritt machte Michael Faraday an der Royal Institution in London. Er wickelte zwei Spulen aus Kupferdraht auf gegenüberliegende Seiten eines Eisenrings. Am 29. August 1831 stellte er fest: Schickte er Strom durch die eine Spule, floss in der anderen kurz ein Strom, obwohl die beiden Drähte nicht miteinander verbunden waren [2]. Diese elektromagnetische Induktion ist die Grundlage von Transformator und Generator. Die Royal Institution bezeichnet Faradays Ring als ersten Transformator überhaupt. Wenige Monate später baute Faraday ein einfacheres Gerät, das als sein erster Generator gilt [1, 2].
Der Telegraf: die erste große Anwendung
Die erste Technik, die Elektrizität im Alltag nutzte, war die Nachrichtenübermittlung. 1833 verbanden die Göttinger Wissenschaftler Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber das Physikalische Institut der Universität mit der Sternwarte durch einen elektromagnetischen Telegrafen. Eine industrielle Nutzung verfolgten sie nicht [3]. Das taten andere. Die Eisenbahngesellschaften brauchten ein Meldesystem, das schneller war als der Zug selbst. 1843 setzte die Rheinische Eisenbahn bei Aachen den ersten elektrischen Telegrafen des Engländers Charles Wheatstone ein. Werner Siemens und Johann Georg Halske entwickelten daraus ihren Zeigertelegrafen [3].

Siemens & Halske wurde mit dem Telegrafenbau zu einem international bekannten Unternehmen. Für die rund 11.000 Kilometer lange Linie von London nach Kalkutta lieferte die Firma große Teilstrecken. Am 12. April 1870 zeigte William Siemens in London, dass eine Depesche jetzt in 28 Minuten nach Kalkutta gelangte statt in 30 Tagen. 1874 begannen die Siemens-Brüder ein Seekabel durch den Nordatlantik zu verlegen, das Ende 1875 in Betrieb ging. Bis zum Ende des Jahrhunderts verlegte Siemens insgesamt neun Transatlantikkabel [4].
Der Dynamo macht Strom billig
1866 entdeckte Werner von Siemens das dynamoelektrische Prinzip. Damit ließ sich elektrische Energie in großen Mengen wirtschaftlich erzeugen und verteilen. Andere Forscher arbeiteten zur selben Zeit an dem Problem, aber Siemens sicherte sich 1867 Patente in Deutschland und England [4]. Nach rund zehn Jahren Entwicklung war der Dynamo 1875 reif für die Serie. Die Zeitgenossen nannten das neue Gebiet Starkstromtechnik [4].
In schneller Folge entstanden Anwendungen, die bis dahin niemand gesehen hatte [4]:
- 1879 fuhr auf der Berliner Gewerbeausstellung die erste elektrische Eisenbahn der Welt. Zur selben Messe installierte Siemens in der Berliner Kaisergalerie, einer Ladenpassage nach Pariser Vorbild, neu entwickelte Bogenlampen.
- 1880 baute Siemens in Mannheim den ersten elektrischen Personenaufzug.
- 1881 fuhr in Groß-Lichterfelde bei Berlin die erste elektrische Straßenbahn.
- 1882 bekam Berlin seine erste ständige elektrische Straßenbeleuchtung.
Den Elektromotor gab es schon vorher. Moritz Hermann von Jacobi hatte 1834 einen Motor gebaut, den eine Batterie antrieb [3]. Erst der Dynamo machte solche Motoren aber im Betrieb bezahlbar.
Licht: Glühlampe und erste Kraftwerke
Die Glühlampe hat mehrere Väter. Der Engländer Joseph Wilson Swan ließ seine Lampe schon 1878 patentieren. 1879 entwickelte Thomas Alva Edison in den USA eine Kohlefadenlampe [5]. Edison baute zu seiner Lampe auch die Stromversorgung. Am 4. September 1882 nahm seine Pearl Street Station in New York den Betrieb auf und versorgte einen Bezirk im Süden Manhattans. Am ersten Tag waren es rund 85 Kunden mit etwa 400 Lampen, nach einem Jahr 513 Kunden mit rund 10.000 Lampen. Sechs Dynamos mit je etwa 100 Kilowatt lieferten den Strom; die Bauart war an einen früheren Entwurf von Werner Siemens angelehnt [6].

In Deutschland erwarb der Unternehmer Emil Rathenau 1881 die Lizenz auf Edisons Patente. 1883 gründete er die Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Electricität, aus der 1887 die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft hervorging, die AEG [5]. 1884 ging in der Berliner Friedrichstraße das erste Kraftwerk der Stadt in Betrieb [10]. Ab den 1880er-Jahren versorgten Kraftwerke zuerst einzelne kleinere Betriebe, dann Stadtteile und ab etwa 1890 ganze Städte [9].
Gleichstrom oder Drehstrom
Die ersten Kraftwerke erzeugten Gleichstrom mit Spannungen von 110, 220 oder 440 Volt. Damit stießen sie bald an Grenzen: Neue Fabriken am Stadtrand ließen sich immer schwerer versorgen, und die Wartung der Generatoren war aufwendig und gefährlich [10]. In den 1880er-Jahren erforschten unter anderen Galileo Ferraris und Nikola Tesla den Wechselstrom. Seine Maschinen waren leichter und sicherer zu handhaben, aber die Motoren liefen unter Last nicht an. Abhilfe brachte der dreiphasige Wechselstrom, kurz Drehstrom. Ihn führten die Ingenieure Haselwander von Siemens und Michael von Dolivo-Dobrowolsky von der AEG ein [10].

Eine Antwort gab die Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main, die am 16. Mai 1891 öffnete. Organisiert hatte sie der Ingenieur Oskar von Miller [7, 8]. Ihr wichtigstes Projekt: Strom aus einem Wasserkraftwerk in Lauffen am Neckar, 175 Kilometer entfernt, sollte nach Frankfurt fließen. Die Leitung arbeitete mit Drehstrom bei 15.000 Volt. Die Maschinenfabrik Oerlikon lieferte Generatoren und Transformatoren, die AEG die Drehstrommotoren. Deren Chefingenieur Michael von Dolivo-Dobrowolsky hatte am 8. März 1889 den Drehstrom-Asynchronmotor zum Patent angemeldet [7].
Am 24. August 1891 erreichte der Strom aus Lauffen gegen 20 Uhr das Ausstellungsgelände. Am 28. August leuchteten 1.000 Glühlampen am Eingangstor, und ein Drehstrommotor trieb die Pumpe eines künstlichen Wasserfalls von rund sechs Metern Höhe an. Als Tag der vollen Leistung gilt der 12. September 1891 [7]. Der Versuch zeigte, dass sich Strom über weite Strecken übertragen ließ. Frankfurt selbst bekam ein Elektrizitätswerk, das am 16. Oktober 1894 erstmals Strom ins städtische Netz einspeiste [7].
Strom für Fabriken und Städte
Mit dem Ausbau der Netze kam der Strom in Werkstätten, Fabriken und Wohnviertel. Die Nachfrage wuchs mit den Städten, und nach den Dynamos kamen Fernleitungen und große Kraftwerke [9]. Damit bekam die Dampfmaschine, bis dahin der wichtigste Antrieb der Industrie, einen Konkurrenten. Die deutsche Elektroindustrie wurde zur Weltspitze: 1914 stammte jede zweite elektrische Maschine und Installation weltweit von Siemens oder der AEG [9]. Siemens & Halske hatte beim Tod des Gründers Werner von Siemens 1892 rund 6.500 Beschäftigte, davon 4.775 in Deutschland. Um gelernte Arbeiter zu halten, gründete die Firma schon 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse und senkte 1873 die tägliche Arbeitszeit auf neun Stunden, 1891 auf achteinhalb [4].
Zusammen mit der Chemie bildete die Elektrotechnik die neuen Leitbranchen der Hochindustrialisierung ab den 1870er-Jahren, die der Artikel über die Industrielle Revolution beschreibt. Das elektrische Licht prägte auch das Bild der Großstädte um 1900, von dem der Artikel über die Belle Époque erzählt. Wie es mit Computer und Internet weiterging, steht unter Geschichte des Internets und der Digitalisierung, einen Längsschnitt durch alle Epochen bietet Wissenschaft und Technik in der Geschichte.
Die wichtigsten Daten
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1799 | Volta baut die erste Batterie |
| 1831 | Faraday entdeckt die elektromagnetische Induktion |
| 1833 | Telegraf von Gauß und Weber in Göttingen |
| 1834 | Elektromotor von Jacobi |
| 1866 | Siemens entdeckt das dynamoelektrische Prinzip |
| 1870 | Depesche von London nach Kalkutta in 28 Minuten |
| 1878/79 | Glühlampen von Swan und Edison |
| 1879 | erste elektrische Eisenbahn in Berlin |
| 1881 | erste elektrische Straßenbahn in Groß-Lichterfelde |
| 1882 | Pearl Street Station in New York |
| 1887 | Gründung der AEG |
| 1891 | Drehstromübertragung von Lauffen nach Frankfurt |
- Organisation Milestones: Volta's Electrical Battery Invention, 1799. IEEE, Engineering and Technology History Wiki. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Michael Faraday's ring-coil apparatus. Royal Institution. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Anke Schrader: Wissenschaft, Forschung und Technik (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 27.11.2019. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Siegeszug der Starkstromtechnik und internationale Großprojekte 1865 bis 1896. Siemens Historical Institute. Stand 2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Rosmarie Beier de Haan: AEG (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 11.11.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Milestones: Pearl Street Station, 1882. IEEE, Engineering and Technology History Wiki. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Drehstromübertragung Lauffen-Frankfurt. VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Wilhelm Füßl: Miller, Oskar von, in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 517 bis 519. Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Stand 1994. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Nina Reusch: Neue Industrien (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 11.11.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Entwicklung der Elektrotechnik (Schülerlexikon Physik). Duden Learnattack. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Induktion (Elektrotechnik). wissen.de (Konradin Mediengruppe). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
19. JahrhundertDie Soziale FrageWas die Soziale Frage im 19. Jahrhundert war: Pauperismus, Weberaufstand, Kinderarbeit, Arbeiterbewegung, Bismarcks …
19. JahrhundertDie Bauernbefreiung in EuropaWie Bauern zwischen 1789 und 1861 frei wurden: Oktoberedikt 1807, Ablösung der Lasten, Reichstag 1848 in Wien, Russland 1861.
19. JahrhundertDie Reichsgründung 1871Drei Kriege, die Novemberverträge und die Kaiserproklamation in Versailles: wie 1871 das Deutsche Reich entstand und wie …