Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Die Belle Époque: Fortschritt, Weltausstellungen und ihre Schattenseiten

Belle Époque, französisch für "schöne Epoche", ist ein rückblickender Name für die Jahrzehnte zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg 1914. Sie steht für Frieden zwischen den Großmächten, technischen Fortschritt und die Pariser Weltausstellungen. Kolonialverbrechen wie der Völkermord an den Herero und Nama und die Dreyfus-Affäre gehören ebenso zu dieser Zeit.

Ein Pariser Boulevard in der Abenddämmerung um 1900 mit Kutschen, leuchtenden Laternen und Steinfassaden
Bild: KI-generiert

Belle Époque heißt auf Französisch "schöne Epoche". Gemeint ist meist die Zeit zwischen dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 [1]. Der Name ist ein nostalgischer Rückblick aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg [2]. Wer die Jahre vor 1914 so nennt, vergleicht sie mit den Weltkriegen und Krisen, die danach kamen.

Ein Name aus dem Rückblick

Der Begriff stammt aus Frankreich, die Zeit selbst hatte in jedem Land eigene Namen. In Großbritannien spricht man vom späten viktorianischen und vom edwardianischen Zeitalter, in den USA vom Gilded Age. Im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn ist von der Gründerzeit die Rede, für das Kaiserreich unter Wilhelm II. auch vom Wilhelminismus. Für die Jahre vor 1900 ist zudem der Ausdruck Fin de Siècle verbreitet [2]. Als Ende der Belle Époque gilt allgemein der Ausbruch des Ersten Weltkriegs [2].

Der Historiker Eric Hobsbawm fasste die Jahre von 1875 bis 1914 als "das imperiale Zeitalter" zusammen, den letzten Abschnitt seines langen 19. Jahrhunderts [3]. Mehr zur Einordnung findest du im Bereich Das lange 19. Jahrhundert.

Paris und die Weltausstellungen

Paris war in diesen Jahren Gastgeber zweier Weltausstellungen, die das spätere Bild der Epoche stark prägten. Die Ausstellung von 1889 lief vom 6. Mai bis zum 6. November und fiel in das hundertste Jahr nach der Französischen Revolution. Sie zählte 32,35 Millionen Besuche [4]. Ihr Mittelpunkt war der Eiffelturm, der als großes Eingangstor zur Ausstellung gebaut worden war und nachts beleuchtet wurde [1, 4].

Ein hoher Turm aus genietetem Eisenfachwerk über einem Park mit Kieswegen und Springbrunnen im Abendlicht
Bild: KI-generiert

Noch größer war die Weltausstellung von 1900. Sie dauerte vom 15. April bis zum 12. November 1900, die Japanische Nationalbibliothek nennt 50.861.000 Besuche [5]. Zu den Anziehungspunkten gehörten ein rollender Gehsteig mit einer elektrischen Bahn daneben und der Palast der Elektrizität, vor dem eine Statue der Fee Elektrizität stand. Das französische Kunsthandwerk, das dort gezeigt wurde, trug zum Aufstieg des Art nouveau bei, im deutschen Sprachraum Jugendstil genannt [5]. Am 19. Juli 1900 eröffnete die erste Linie der Pariser Métro zwischen Porte Maillot und Porte de Vincennes. Sie sollte die Ausstellungsorte miteinander verbinden [6]. Für dieselbe Ausstellung wurden im Frühjahr 1900 auch der Grand Palais, der Petit Palais und die Brücke Pont Alexandre III eröffnet. Die Eingänge der Métro gestaltete Hector Guimard im Stil des Art nouveau [13].

JahrEreignis
1871Ende des Deutsch-Französischen Krieges
1889Weltausstellung in Paris mit dem Eiffelturm
1894Verhaftung von Alfred Dreyfus
1896erste Olympische Spiele der Neuzeit in Athen
1900Weltausstellung in Paris, erste Métro-Linie
1903Nobelpreis für Marie Curie, erster Motorflug der Brüder Wright
1904 bis 1908Völkermord an den Herero und Nama
1914Beginn des Ersten Weltkriegs

Wissenschaft und Technik

Henri Becquerel entdeckte 1896 die Radioaktivität. Marie Curie erhielt 1903 den Nobelpreis für Physik und 1911 den für Chemie [1]. Im Jahr 1903 gelang den Brüdern Wright mit dem Wright Flyer der erste dauerhafte, gesteuerte Motorflug. In Frankreich entwickelten die Brüder Lumière mit dem Autochrome-Verfahren 1907 eine Methode der Farbfotografie, und 1910 baute das Land die erste staatliche Luftwaffe der Welt auf. Schon in den 1890er-Jahren hatte Édouard Michelin abnehmbare Luftreifen erfunden, 1907 experimentierten Louis Breguet und Paul Cornu mit frühen Hubschraubern [1].

Ein frühes Doppeldecker-Flugzeug aus Holz und Stoff steht bei Sonnenaufgang auf einer Wiese im Morgennebel
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Wie die Elektrizität sich durchsetzte, erklärt der Artikel Wie die Elektrizität die Welt veränderte. Die wirtschaftliche Grundlage dieser Entwicklung beschreibt der Artikel zur Industriellen Revolution.

Wien um 1900

Neben Paris war Wien ein zweites Zentrum der Zeit. Am 4. November 1899 erschien bei Franz Deuticke in Leipzig und Wien Sigmund Freuds Buch "Die Traumdeutung". Auf dem Titelblatt stand bereits die Jahreszahl 1900. Die erste Auflage von 600 Exemplaren brauchte rund acht Jahre, bis sie verkauft war [11].

In der Malerei entstand 1908 und 1909 Gustav Klimts Gemälde "Der Kuss". Klimt zeigte es zuerst 1908 auf der Kunstschau, einer Ausstellung auf dem Gelände des heutigen Wiener Konzerthauses. Das zuständige Ministerium kaufte es dort für 25.000 Kronen, heute gehört es zur Sammlung des Belvedere in Wien [12].

Sport und Freizeit

Auch der moderne Sport bekam in dieser Zeit seine Form. Auf einem Kongress in Paris im Juni 1894 gründete sich das Internationale Olympische Komitee, an dessen Entstehung der französische Adlige Pierre de Coubertin beteiligt war. Vom 6. bis 15. April 1896 fanden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt. Nach der Zählung von Olympedia traten 176 Sportler aus 13 Nationen an, ausschließlich Männer. Die meisten Goldmedaillen gewann die Mannschaft der USA mit elf, die meisten Medaillen insgesamt Griechenland mit 47 [7]. Vier Jahre später fanden Wettbewerbe der Spiele von 1900 im Bois de Vincennes statt, den die neue Métro-Linie ebenfalls anfuhr [6]. Wie die Spiele in der Antike aussahen, steht im Artikel Die Olympischen Spiele der Antike.

Ein leeres antikes Stadion aus Marmor mit langen weißen Sitzreihen in Hufeisenform unter blauem Himmel
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Die Schattenseiten der schönen Epoche

Frieden herrschte in diesen Jahrzehnten nur zwischen den europäischen Großmächten. Außerhalb Europas führten sie Kolonialkriege, und auch im Inneren ihrer Länder gab es scharfe Konflikte.

Die Dreyfus-Affäre

Am 15. Oktober 1894 wurde in Paris Hauptmann Alfred Dreyfus verhaftet. Man warf ihm vor, vertrauliche Unterlagen an Deutschland weitergegeben zu haben. Ein Kriegsgericht verurteilte ihn im Dezember 1894 zu lebenslanger Verbannung [8]. Am 13. Januar 1898 veröffentlichte der Schriftsteller Émile Zola in der Zeitung L'Aurore seinen offenen Brief "J'accuse". Bei einem neuen Prozess in Rennes 1899 wurde Dreyfus erneut schuldig gesprochen, diesmal mit mildernden Umständen, und am 19. September 1899 begnadigt. Erst am 12. Juli 1906 wurde er rehabilitiert und am nächsten Tag wieder in die Armee aufgenommen [8].

Kolonialherrschaft und Völkermord

Die europäischen Mächte teilten in diesen Jahrzehnten große Teile Afrikas und Asiens unter sich auf. Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia, damals Deutsch-Südwestafrika genannt [9]. Im Oktober 1904 befahl General Lothar von Trotha die Vernichtung der Herero, im April 1905 die der Nama. Sein Befehl gegen die Herero lautete: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen" [9]. Schätzungsweise bis zu 100.000 Menschen wurden ermordet, verdursteten in der Omaheke-Wüste oder starben in Lagern. Von den ursprünglich 60.000 bis 80.000 Herero starben bis zu 80 Prozent, von den Nama etwa die Hälfte. Genaue Zahlen sind umstritten. Der Völkermord gilt als der erste des 20. Jahrhunderts [9]. Im Mai 2021 gab das Auswärtige Amt eine Einigung mit Namibia bekannt. Deutschland bezeichnet die Verbrechen seitdem als Völkermord, bittet um Vergebung und stellt 1,1 Milliarden Euro für ein Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm bereit. Einen Anspruch auf Entschädigung leitet die Bundesregierung daraus nicht ab, Teile der Herero und Nama kritisieren das Abkommen und fordern Reparationen [9]. Die Hintergründe erklären die Artikel zum Imperialismus und zum Kolonialismus.

Soziale Gegensätze

Auch in Europa lebten viele Menschen fern vom Glanz der Boulevards. Hobsbawm zählt die Kämpfe der Arbeiterschaft um ihre Rechte neben dem Aufstieg von Kapitalismus und Bürgertum zu den bestimmenden Entwicklungen des ganzen langen 19. Jahrhunderts [3]. Wie diese Konflikte entstanden, beschreibt der Artikel zur Sozialen Frage.

Das Ende 1914 und die "Welt von Gestern"

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 beendete die Epoche [2]. Ein bekannter Rückblick auf die Vorkriegszeit stammt von dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Er erinnerte sich in "Die Welt von Gestern" an das literarische Wien und das Europa vor dem Krieg, das ihm dauerhaft erschienen war, und an dessen Zusammenbruch in zwei Weltkriegen. Die Erinnerungen führen durch Wien, Paris, Berlin und London [10]. Er beendete das Buch kurz vor seinem Tod im brasilianischen Exil in Petrópolis im Februar 1942 [10]. Wie es nach 1914 weiterging, erzählt der Artikel über den Ersten Weltkrieg.

  1. Belle Époque. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Belle Époque. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Eric Hobsbawm: Das lange 19. Jahrhundert (Buchnotiz zur dreibändigen Gesamtausgabe, Theiss 2017). Perlentaucher. Stand 2017. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Fourth Paris International Exposition of 1889. National Diet Library, Japan. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Fifth Paris International Exposition of 1900. National Diet Library, Japan. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Paris Métro Line 1. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Games of the I Olympiad, Athens 1896. Olympedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Affaire Dreyfus (repères chronologiques). Encyclopædia Universalis. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Völkermord an Herero und Nama: Abkommen zwischen Deutschland und Namibia. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 22.06.2021, ergänzt 05.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation The World of Yesterday. Leo Baeck Institute. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. The Interpretation of Dreams. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Gustav Klimt: Der Kuss (Liebespaar). Belvedere Wien, Google Arts and Culture. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  13. Caroline Rossiter: Review: "Paris 1900" at the Petit Palais, Paris. Apollo Magazine. Stand 13.04.2014. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.