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Migration in der Geschichte: von den ersten Menschen bis heute

Migration begleitet die Menschheit von Anfang an: Der Homo sapiens entstand in Afrika und breitete sich über alle Kontinente aus. Zwischen 1815 und 1930 zogen 55 bis 60 Millionen Europäer nach Übersee, im 20. Jahrhundert prägten Flucht, Vertreibung und Arbeitsmigration die Wanderungen. Mitte 2024 lebten nach Angaben der IOM rund 304 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes.

Eine große Auswandererhalle am Hafen mit langen Holzbänken, gestapelten Reisekoffern und hohen Bogenfenstern
Bild: KI-generiert

Menschen haben zu allen Zeiten ihren Wohnort gewechselt. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer nennt die Vorstellung, weiträumige Wanderungen seien eine Erscheinung erst der Moderne, einen Mythos [1]. Rückwanderung und Wanderungen zwischen zwei Orten gehörten früher wie heute dazu [1]. Manche Menschen zogen aus eigenem Entschluss weiter, viele wurden durch Krieg, Verfolgung oder Versklavung dazu gezwungen. Zwischen 1960 und 2010 überquerten in jedem Fünfjahreszeitraum etwa 0,6 Prozent der Weltbevölkerung eine Staatsgrenze [1]. Nach dem World Migration Report 2026 der Internationalen Organisation für Migration lebten Mitte 2024 rund 304 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes [5, 7].

Die ersten Wanderungen des Homo sapiens

Der moderne Mensch entstand vor etwa 300.000 Jahren in Afrika [4]. Die große Ausbreitung aus Afrika fand nach Angaben des Natural History Museum in London in den vergangenen 60.000 Jahren statt [3]. Einzelne Gruppen waren schon früher unterwegs: In Südostasien lebten Menschen unserer Art spätestens vor 63.000 Jahren, Funde aus der Höhle Tam Pà Ling in Laos sind mehr als 77.000 Jahre alt [3].

Eine weite trockene Küstenlandschaft in Ostafrika im Morgenlicht mit felsigem Ufer und fernen Bergen
Bild: KI-generiert

Für Australien und Amerika sind die Daten umstritten. Die ältesten Spuren am Fundplatz Madjedbebe in Australien werden auf etwa 65.000 Jahre datiert, als gesichert gelten Funde vom Lake Mungo mit rund 42.000 Jahren [3]. In Europa ist ein Zahn aus der Grotte Mandrin in Frankreich etwa 54.000 Jahre alt [3]. Frühere Vorstöße nach Europa, die mehr als 200.000 Jahre zurückreichen, blieben weitgehend auf den Osten und Süden beschränkt [3]. Nach Westeuropa kam der Homo sapiens vor etwa 45.000 Jahren zurück, in Britannien ist er seit etwa 40.000 Jahren nachgewiesen [3]. Unterwegs vermischten sich die Gruppen vor etwa 45.000 bis 50.000 Jahren mit Neandertalern, was ihnen half, sich an neue Umgebungen anzupassen [3]. Die ältesten Fossilien aus Amerika sind rund 15.000 Jahre alt, Fußspuren in White Sands in New Mexico werden auf 23.000 bis 21.000 Jahre geschätzt [3]. Erst in den letzten 12.000 Jahren begannen Menschen, Nahrung selbst zu erzeugen [4]. Die Entwicklung bis dahin beschreibt der Artikel über die ersten Menschen.

Glaubensflüchtlinge und Siedler in der Frühen Neuzeit

Wanderungen veränderten Europa schon in der Spätantike, wie der Artikel über die Völkerwanderung zeigt. Mit dem 15. Jahrhundert begann die weltweite Ausdehnung Europas. Die Abwanderung aus Europa blieb aber vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert in ihrem Umfang moderat [1].

Innerhalb Europas zogen Menschen wegen ihres Glaubens fort. Nach dem Widerruf des Edikts von Nantes 1685 kamen wahrscheinlich 30.000 bis 40.000 reformierte Franzosen, die Réfugiés, in deutsche Gebiete [2]. Sie ließen sich vor allem in Brandenburg-Preußen, Hessen-Kassel, den welfischen Herzogtümern und den Hansestädten nieder [2]. Oltmer und Vera Hanewinkel nennen sie die umfangreichste und bedeutendste Zuwanderergruppe der Frühen Neuzeit in Deutschland [2]. In die Gegenrichtung zogen von den 1680er-Jahren bis 1800 rund 740.000 Menschen aus dem deutschsprachigen Raum nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa [2]. Diese Wanderung über Land blieb bis in die 1830er-Jahre wichtiger als die Auswanderung nach Übersee [2].

Verschleppung über den Atlantik

Im Zuge des europäischen Kolonialismus wurden ab dem 16. Jahrhundert Millionen Menschen aus Afrika über den Atlantik verschleppt [6]. Die UNESCO schätzt ihre Zahl auf 17 Millionen, andere Quellen nennen 12 Millionen [6]. Die meisten Verschleppten kamen nach Brasilien [6]. Viele starben auf der wochenlangen Überfahrt an Krankheiten oder nahmen sich das Leben [6]. Diese erzwungene Migration behandelt der Artikel über den atlantischen Sklavenhandel ausführlich.

Das Jahrhundert der Massenauswanderung

Zwischen 1815 und 1930 zogen 55 bis 60 Millionen Europäer nach Übersee [1]. Oltmer nennt diese Ziele [1]:

Ein Dampfschiff liegt an einer steinernen Hafenmauer, davor stapeln sich Holzkoffer und Leinensäcke
Bild: KI-generiert
ZielAnteil der europäischen Überseewanderer 1815 bis 1930
Nordamerikamehr als zwei Drittel, davon in die USA mehr als sechsmal so viele wie nach Kanada
Südamerikarund ein Fünftel
Australien und Neuseelandetwa 7 Prozent

Aus Deutschland zogen zwischen 1816 und 1914 rund 5,5 Millionen Menschen in die USA [2]. Von 1820 bis 1860 stellten Deutsche dort nach den Iren rund 30 Prozent der Eingewanderten, von 1861 bis 1890 waren sie die größte Gruppe [2]. Ende des 19. Jahrhunderts ging die Auswanderung deutlich zurück, weil die Industrie in Deutschland Arbeit bot und die USA in eine Wirtschaftskrise gerieten [2]. Als Massenbewegung lief die Auswanderung über den Atlantik im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts aus [1]. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde Europa selbst zu einem Ziel von Zuwanderern, zuerst vor allem von Studierenden aus den Kolonien und von Seeleuten aus Asien und Afrika [1]. Wie die Fabriken das Land veränderten, zeigt der Artikel über die Industrielle Revolution.

Wanderungen in Asien

Auch in Asien wanderten im 19. Jahrhundert Millionen Menschen. Für das "lange" 19. Jahrhundert nimmt Oltmer 11 Millionen Auswanderer aus China an [1]. Mehr als ein Drittel ging nach Thailand, ein weiteres Drittel nach Niederländisch-Indien, vor allem nach Borneo, ein Viertel nach Französisch-Indochina und rund eine Million auf die Philippinen [1]. Etwa eine halbe Million erreichte Australien, Neuseeland und Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean [1].

Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert

Das NS-Regime vertrieb rund eine halbe Million Menschen [2]. Zwischen 1933 und 1940 verließen rund 280.000 bis 330.000 Jüdinnen und Juden das Deutsche Reich [2]. Etwa 195.000 jüdische Deutsche wurden bis 1945 ermordet, nur 15.000 bis 20.000 überlebten in Lagern oder im Versteck [2]. In den Weltkriegen holte das Reich Arbeitskräfte ins Land, in der Regel nicht freiwillig, und in den Kriegsjahren prägte Zwangsarbeit die Beschäftigung von Ausländern [2].

Nach 1945 flohen rund 14 Millionen Deutsche aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa nach Westen oder wurden vertrieben [2]. Mehr dazu steht im Artikel über Flucht und Vertreibung 1944 bis 1950. Auch das Ende der Kolonialreiche löste Fluchtbewegungen aus, etwa beim Rückzug der Niederlande, Frankreichs und Portugals [1]. Zwischen 1945 und 1980 kamen 5 bis 7 Millionen Menschen, die als Europäer galten, aus früheren Kolonien nach Europa [1].

Arbeitsmigration nach Deutschland

Ab 1955 warb die Bundesrepublik Arbeitskräfte im Ausland an. Sie schloss dafür Abkommen mit diesen Staaten [2]:

Ein Bahnsteig der frühen 1960er-Jahre mit langem Personenzug und einem Gepäckwagen voller alter Koffer
Bild: KI-generiert
JahrAnwerbeabkommen mit
1955Italien
1960Griechenland, Spanien
1961Türkei
1963Marokko
1964Portugal
1965Tunesien
1968Jugoslawien

Zwischen Ende der 1950er-Jahre und 1973 kamen rund 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte, etwa 11 Millionen kehrten zurück [2]. 1973 folgte der Anwerbestopp. Die Bundesrepublik sah sich damals als "Nichteinwanderungsland" [2]. Die DDR holte ab 1968 Vertragsarbeiter ins Land, zuerst aus Ungarn, später unter anderem aus Algerien, Angola, Polen, Mosambik, Kuba und Vietnam [2]. 1989 lebten rund 94.000 Vertragsarbeiter in der DDR, etwa 60.000 davon aus Vietnam. Sie waren nur befristet zugelassen, lebten meist isoliert in Wohnheimen, und nach 1990 verließen viele das Land [2]. In der Bundesrepublik sank die Zahl der ausländischen Erwerbstätigen von 2,6 Millionen 1973 auf 1,6 Millionen 1989. Die ausländische Wohnbevölkerung wuchs im selben Zeitraum von 3,97 auf 4,9 Millionen [2].

Aussiedler und Spätaussiedler

1950 lebten noch rund vier Millionen Deutsche in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa. Das Bundesvertriebenengesetz von 1953 sicherte ihre Aufnahme zu [2]. Von 1950 bis 1975 kamen rund 800.000 Aussiedler, von 1976 bis 1987 etwa 616.000 [2]. Den Höhepunkt gab es 1990 mit rund 397.000 Menschen, von 1990 bis 2021 kamen insgesamt rund 2,5 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler [2].

Asyl und Flucht seit 1990

1988 überschritt die Zahl der Asylanträge in Deutschland die Marke von 100.000. 1990 waren es rund 190.000, 1992 fast 440.000 [2]. Im selben Jahr wanderten über 1,5 Millionen Menschen ein und rund 720.000 aus [2]. 2015 zogen rund 2,14 Millionen Menschen nach Deutschland und etwa 998.000 fort. Der Überschuss von rund 1,14 Millionen war der höchste in der Geschichte der Bundesrepublik, wichtigstes Herkunftsland war Syrien [2]. Nach Oltmers Darstellung von 2018 lebten von den rund 4,8 Millionen syrischen Flüchtlingen die meisten in Nachbarländern: 2016 allein 2,7 Millionen in der Türkei, dazu eine Million im Libanon und 660.000 in Jordanien [1]. Von den 2,6 Millionen afghanischen Flüchtlingen lebten 2015 95 Prozent in Pakistan oder im Iran [1].

Die meisten Geflüchteten leben in Staaten des globalen Südens. 2015 lebten dort 86 Prozent der registrierten Flüchtlinge und 99 Prozent der Binnenvertriebenen [1]. Ende 2025 waren nach Angaben des UNHCR 117,8 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben, erstmals seit einem Jahrzehnt weniger als im Vorjahr [8]. Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten betrugen 2024 weltweit rund 905 Milliarden US-Dollar [5, 7]. Wie die Welt wirtschaftlich zusammengewachsen ist, beschreibt der Artikel über die Globalisierung.

  1. Studie Jochen Oltmer: Globale Migration: Geschichte, Gegenwart, Zukunft. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 14.05.2018. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Jochen Oltmer, Vera Hanewinkel: Geschichte der Migration nach und aus Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 08.12.2021. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation James Ashworth: When and how did modern humans, Homo sapiens, spread out of Africa and around the world?. Natural History Museum, London. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Homo sapiens (Human Origins). Smithsonian National Museum of Natural History. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation World Migration Report 2026. Internationale Organisation für Migration (IOM). Stand 05.05.2026. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Internationaler Tag der Erinnerung an Sklavenhandel und dessen Abschaffung (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 16.08.2023. abgerufen am 29.10.2026
  7. Migration's development gains shrinking amid rising inequality, restrictions: Report. Down To Earth. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. UNHCR: number of displaced people worldwide falls for first time in a decade. Africanews. Stand 12.06.2026. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.