Das 20. JahrhundertRatgeber

Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944 bis 1950

Mit Flucht und Vertreibung ist der Verlust der Heimat von 12 bis über 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten des Reichs und aus Ost- und Südosteuropa gemeint. Er begann mit Evakuierungen und Flucht ab Herbst 1944 und setzte sich nach Kriegsende mit Ausweisungen fort, die das Potsdamer Protokoll vom 01.08.1945 nachträglich billigte. Wie viele Menschen dabei starben, ist umstritten; die Schätzungen reichen von 600.000 bis über 2 Millionen.

Eine lange leere Landstraße mit kahlen Bäumen durch eine verschneite Ebene, am Rand ein verlassener Handwagen
Bild: KI-generiert

Am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach verloren Millionen Deutsche ihre Heimat in den preußischen Ostprovinzen, im Sudetenland und in den deutschen Siedlungsgebieten Ost- und Südosteuropas. Meist ist von 12 bis 14 Millionen Menschen die Rede [1]. Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin nennt mehr als 14 Millionen und betont, dass die Ursache im Krieg lag, den das nationalsozialistische Deutschland begonnen hatte [2]. Hier liest du, wie die Flucht verlief, auf welcher Grundlage die Ausweisungen stattfanden, wie die beiden deutschen Staaten die Menschen aufnahmen und wie an die Vertreibung erinnert wird.

Vorgeschichte: Umsiedlungen im Krieg

Die großen Bevölkerungsverschiebungen begannen nicht erst 1945. Grundlage für erste Umsiedlungen war der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.09.1939. Danach holte das Deutsche Reich mehr als eine Million Deutsche aus dem sowjetischen Machtbereich, etwa aus Bessarabien, und siedelte sie größtenteils im annektierten "Warthegau" an [2]. Dort hatten die deutschen Besatzer zuvor Polen aus ihren Häusern vertrieben, ins Generalgouvernement abgeschoben oder zur Zwangsarbeit deportiert [2]. Die Gewalt gegen die Bevölkerung Osteuropas ging der späteren Vertreibung der Deutschen voraus.

Die Flucht vor der Front ab Herbst 1944

Als die Rote Armee 1944 die Grenzen des Reichs erreichte, begannen die ersten Evakuierungen. Im Frühjahr 1945 folgte eine allgemeine Flucht, mit Trecks über Land oder über die Ostsee [1]. Viele Menschen kehrten nach Kriegsende in ihre Wohnorte zurück, andere wurden in die Sowjetunion deportiert oder in Lagern interniert [1]. Der Historiker Bernd Faulenbach unterscheidet drei Ursachen für das Geschehen: "wilde" oder gezielte Aktionen anderer Nationalitäten, Gewalttaten der vorrückenden Roten Armee und Beschlüsse der Alliierten, die bereits geschaffene Tatsachen legalisierten [1].

Eine zugefrorene Haffküste im Morgenlicht, Eis bis zum Horizont, dahinter Dünen und Kiefern
Bild: KI-generiert

Danzig etwa nahm die Rote Armee im März 1945 ein. Die Deutschen, die noch in der Stadt lebten, wurden nach Kriegsende vertrieben [2].

Was das Potsdamer Protokoll festlegte

Vom 17.07. bis 02.08.1945 berieten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion in Potsdam über die Nachkriegsordnung. Das Protokoll vom 01.08.1945 stellte die deutschen Gebiete östlich von Oder und westlicher Neiße bis zu einem Friedensvertrag unter polnische Verwaltung. Dazu kamen der Teil Ostpreußens, der nicht an die Sowjetunion fiel, und die frühere Freie Stadt Danzig [3]. Königsberg und sein Umland sollten an die Sowjetunion gehen [3].

In einem eigenen Abschnitt erkannten die drei Regierungen an, dass die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn verbliebene deutsche Bevölkerung nach Deutschland überführt werden müsse. Das sollte "in an orderly and humane manner" geschehen, also ordnungsgemäß und human [3]. Weil der Zustrom die Besatzungsmächte überforderte, sollte der Alliierte Kontrollrat zuerst die Verteilung auf die Zonen klären. Die Regierungen der Tschechoslowakei und Polens sowie der Alliierte Kontrollrat in Ungarn wurden gebeten, weitere Ausweisungen bis dahin auszusetzen [3].

Die Ausweisungen nach 1945

Auch nach Potsdam blieben die Bedingungen hart. Aus Schlesien brachte die polnische Seite 1946 im Rahmen der "Aktion Schwalbe" Millionen Menschen in Viehwaggons nach Westen [2]. Das Dokumentationszentrum nennt als Herkunftsgebiete unter anderem Schlesien, Ostpreußen, Danzig, Böhmen mit dem Sudetenland, Ungarn und Siebenbürgen [2].

Wie die Ausweisung in einem einzelnen Land verlief, zeigt das Beispiel Ungarn. Am 16.01.1946 erließ der ungarische Innenminister die Anweisung zur Aussiedlung, die Vertreibung begann am 19.01.1946 im Budapester Vorort Budaörs [4]. 130.000 bis 150.000 Ungarndeutsche kamen in die amerikanische Besatzungszone, danach wurden 1947 und 1948 noch 40.000 bis 50.000 Menschen in die sowjetische Zone gebracht. Schon 1944 und 1945 hatte die Sowjetunion 35.000 bis 40.000 Ungarndeutsche zur Zwangsarbeit verschleppt, rund ein Viertel von ihnen starb dort. Die deutsche Minderheit in Ungarn schrumpfte auf etwa die Hälfte [4].

Wie viele Menschen starben

Die Zahl der Todesopfer ist bis heute umstritten. Faulenbach nennt die verbreitete Annahme von etwa 2 Millionen Toten, also rund einem Sechstel der Betroffenen, und schreibt zugleich, dass diese Zahl nach unten korrigiert werden könnte [1]. Ein Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung fasst den Stand so zusammen, dass Historiker von mindestens 600.000 und bis zu 2,1 Millionen Todesopfern ausgehen [4]. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, weil die Verhältnisse nach dem Krieg chaotisch waren und viele Menschen erst nach der Vertreibung an deren Folgen starben [4].

Ankunft in der Bundesrepublik

Die Vertriebenen kamen in ein zerstörtes Land mit großer Wohnungsnot. Willkommen waren sie bei der einheimischen Bevölkerung keineswegs überall [1]. 1950 waren in beiden deutschen Staaten zusammen 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene registriert [2]. In der Bundesrepublik zählte die Volkszählung von 1950 rund 8,0 Millionen Vertriebene, das waren 16,1 Prozent der Bevölkerung [5].

Eine Reihe schlichter Holzbaracken auf einer Wiese im Vorfrühling, dazwischen Wäscheleinen im Morgennebel
Bild: KI-generiert

Verteilt waren sie sehr ungleich. Den höchsten Anteil hatte Schleswig-Holstein mit 33,0 Prozent, gefolgt von Niedersachsen mit 27,2 Prozent und Bayern mit 21,1 Prozent [5]. Bis 1961 wuchs die Zahl der Vertriebenen im Bundesgebiet auf rund 9,0 Millionen, ihr Anteil an der Bevölkerung blieb mit 15,9 Prozent fast gleich [5].

LandAnteil der Vertriebenen 1950
Schleswig-Holstein33,0 Prozent
Niedersachsen27,2 Prozent
Bayern21,1 Prozent
Hessen16,7 Prozent
Bundesgebiet gesamt16,1 Prozent

Die Vertriebenen organisierten sich, sobald die Alliierten es erlaubten. Das Verbot von Vertriebenenverbänden aus dem Jahr 1946 fiel 1948 in den Westzonen [1]. 1950 verabschiedeten die Verbände in Stuttgart die Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Darin verzichteten sie ausdrücklich auf Rache und Vergeltung und forderten zugleich soziale und wirtschaftliche Gleichstellung [1]. Eine eigene Partei, der BHE, kam 1950 in Schleswig-Holstein auf 23,5 Prozent und bei der Bundestagswahl 1953 auf 5,7 Prozent [1]. 1952 beschloss der Bundestag das Lastenausgleichsgesetz, das Vertriebene für verlorenes Vermögen teilweise entschädigte [1].

Die "Umsiedler" in der SBZ und der DDR

In der sowjetischen Besatzungszone kamen bis zum Sommer 1945 rund 2,5 Millionen Flüchtlinge an. 1948 stellten Flüchtlinge und Vertriebene mit 4,3 Millionen fast ein Viertel der Bevölkerung, in Mecklenburg sogar 43,3 Prozent [6]. Offiziell hießen sie "Umsiedler". Das Wort sollte nach einer geplanten und rechtmäßigen Umsiedlung klingen und das Potsdamer Abkommen stützen [6].

Die Bodenreform vom September 1945 nannte die Umsiedler ausdrücklich als Empfänger von Land. Bis 1949 erhielten sie 43,3 Prozent der neuen Bauernstellen und 34,9 Prozent des verteilten Bodens, obwohl sie nur 24,2 Prozent der Bevölkerung stellten. 91.155 Umsiedler bekamen einen eigenen Hof [6]. Anfang 1946 gab es in der Zone 358 Auffanglager mit Platz für 350.000 Menschen. Im April 1950 wohnten 93 Prozent der Umsiedler in festen Häusern, 6,4 Prozent noch in Baracken [6]. 1950 erkannte die DDR im Görlitzer Vertrag die Oder-Neiße-Grenze an. Danach wurde das Thema Vertreibung zunehmend verschwiegen [1, 6].

Die Grenzfrage bis 1990

In der Bundesrepublik blieb die Vertreibung lange ein politisches Thema. Eine wissenschaftliche Kommission unter Theodor Schieder dokumentierte sie ab 1951, die fünf Bände erschienen von 1954 bis 1963. Rund 10.000 Erlebnisberichte, die nicht in die Bände aufgenommen wurden, liegen heute im Bundesarchiv [1]. Die Oder-Neiße-Grenze erkannte das vereinte Deutschland erst 1990 endgültig an, im Zwei-plus-Vier-Vertrag und im deutsch-polnischen Grenzvertrag vom 14.11.1990 [1]. Wie es zur Einheit kam, steht auf der Seite zur Wiedervereinigung 1990.

Erinnerung heute

Im Juni 2021 eröffnete in Berlin das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung im früheren Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof [7]. Die Stiftung dahinter hatte der Bundestag 2008 beschlossen [7]. Die Dauerausstellung heißt "Das Jahrhundert der Flucht", der Eintritt ist frei [8]. Die Stiftung stellt die Vertreibung der Deutschen neben andere Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts, von der Deportation der Armenier 1915/16 über den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch nach dem Vertrag von Lausanne 1923 bis zur Flucht der Rohingya 2017 [2].

Eine stille Museumshalle mit hohen weißen Wänden und einer langen Holzbank im Tageslicht
Bild: KI-generiert

Wie Wanderungen und Vertreibungen die Geschichte insgesamt geprägt haben, beschreibt die Seite Migration in der Geschichte. Den Krieg, der die Vertreibung auslöste, erklärt die Seite zum Zweiten Weltkrieg, die Teilung danach die Seite DDR und Bundesrepublik.

  1. Studie Bernd Faulenbach: Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße, Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 16.12.2002. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Thema: Flucht und Vertreibung. Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Gesetz Protocol of the Proceedings of the Berlin (Potsdam) Conference, Abschnitte V, VIII und XII. The Avalon Project, Yale Law School. Stand 01.08.1945. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Frank Spengler, Mark Alexander Friedrich: 19. Januar: Gedenktag für die vertriebenen Ungarndeutschen. Konrad-Adenauer-Stiftung. Stand 23.01.2013. abgerufen am 29.10.2026
  5. Studie Vertriebene in den Bundesländern (1950 und 1961), nach Ritter/Niehuss 1987. German History in Documents and Images, Deutsches Historisches Institut Washington. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Philipp Ther: Vertriebenenpolitik in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR 1945 bis 1953. Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" künftig eigenständig. Die Bundesregierung. Stand 22.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Besuch. Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.