Das 20. JahrhundertRatgeber

Die Wiedervereinigung 1990: vom Mauerfall zum 3. Oktober

Die Wiedervereinigung ist der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990. Vorausgegangen waren die erste freie Volkskammerwahl im März 1990, die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zum 1. Juli 1990, der Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 und der Einigungsvertrag vom 31. August 1990. Seit 1990 ist der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit gesetzlicher Feiertag.

Eine große feiernde Menschenmenge vor einem historischen Parlamentsgebäude bei Nacht mit Feuerwerk am Himmel
Bild: KI-generiert

Zwischen dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 lagen keine elf Monate. In dieser Zeit verlor die SED ihre Macht, die DDR wählte zum ersten Mal frei, übernahm die D-Mark und trat schließlich der Bundesrepublik bei. Nach mehr als vierzig Jahren der Teilung war Deutschland wieder ein Staat [1, 6].

Nach dem Mauerfall: "Wir sind ein Volk"

Nach der Öffnung der Grenze zerfiel das SED-Regime schneller. Bei den Montagsdemonstrationen am 13. November 1989 waren erstmals neue Rufe zu hören: "Wir sind ein Volk" statt "Wir sind das Volk" und "Deutschland, einig Vaterland". Die Mehrheit demonstrierte nun für die Einheit und nicht mehr nur für Reformen in der DDR [2]. Wie es zur Öffnung der Mauer kam, beschreibt der Artikel Der Mauerfall am 9. November 1989.

Am 28. November 1989 stellte Bundeskanzler Helmut Kohl ohne Ankündigung im Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm vor. Es versprach der DDR Soforthilfe, verlangte aber einen Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems. Über Zwischenschritte mit konföderativen Strukturen sollte eine bundesstaatliche Ordnung entstehen [2]. Vorab hatte Kohl nur US-Präsident George H. W. Bush informiert. Die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich lehnten das Programm ab, sie fürchteten ein starkes Deutschland in der Mitte Europas [2].

In Ost-Berlin trafen sich am 7. Dezember 1989 Vertreter von Regierung, Blockparteien, Opposition und Kirchen zum ersten Mal am zentralen Runden Tisch. Er tagte bis zum 12. März 1990 fast jede Woche, kontrollierte die Regierung von Hans Modrow, verlangte die Auflösung der Staatssicherheit und setzte freie Wahlen durch [12].

Die erste freie Volkskammerwahl

Am 18. März 1990 wählten die Menschen in der DDR zum ersten Mal frei. Die Wahl war ursprünglich für den 6. Mai geplant, der Runde Tisch zog sie wegen der schlechten Lage vor. 24 Parteien und Wahlbündnisse traten an [3]. Die Wahlbeteiligung lag bei über 93 Prozent [3].

Menschen in Kleidung der frühen Neunzigerjahre stehen in einem Schulflur vor einer Wahlurne und einer Wahlkabine an
Bild: KI-generiert
Partei oder BündnisStimmenanteil
Allianz für Deutschland (CDU, Demokratischer Aufbruch, DSU)48 Prozent
SPD21,9 Prozent
PDS (frühere SED)16,3 Prozent
Bündnis 902,9 Prozent

Die Zahlen nennt das LeMO der Stiftung Haus der Geschichte [3]. Kohl hatte für einen raschen Beitritt der DDR nach Artikel 23 und eine baldige Währungsunion geworben. Große Teile der SPD sahen eine schnelle Einheit skeptisch, die PDS lehnte sie ab [3]. Am 12. April 1990 wählte die Volkskammer Lothar de Maizière (CDU) zum Ministerpräsidenten. Seine große Koalition bereitete den Beitritt vor. Die erste freie Volkskammerwahl war zugleich die letzte [3].

Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion

Am 18. Mai 1990 unterzeichneten die Finanzminister beider Staaten den Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Er trat am 1. Juli 1990 in Kraft. Die D-Mark wurde alleiniges Zahlungsmittel in der DDR, große Teile der westdeutschen Wirtschafts- und Rechtsordnung galten nun auch im Osten [4].

Eine lange Schlange von Menschen in Sommerkleidung vor einer kleinen Bankfiliale zwischen Plattenbauten
Bild: KI-generiert

Löhne, Gehälter, Renten und Mieten wurden im Verhältnis 1:1 umgestellt. Bargeld und Ersparnisse konnten bis zu einer Grenze ebenfalls 1:1 getauscht werden: Kinder unter 14 Jahren bis zu 2.000 Mark, 15- bis 59-Jährige bis zu 4.000 Mark und Ältere bis zu 6.000 Mark. Mit dem Vertrag fielen auch die Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze weg [4]. Kritiker warnten, die Betriebe im Osten seien mit ihrer geringen Produktivität nicht auf den Wettbewerb vorbereitet [4].

Der Zwei-plus-Vier-Vertrag

Ohne die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs ging es nicht, denn sie hatten seit der Potsdamer Konferenz Rechte in Bezug auf "Deutschland als Ganzes". Von Mai bis September 1990 verhandelten die Außenminister der Bundesrepublik, der DDR, der Sowjetunion, der USA, Frankreichs und Großbritanniens [5]. Strittig war vor allem, welchem Bündnis das vereinte Deutschland angehören sollte. Am 31. Mai 1990 stimmte Michail Gorbatschow der freien Bündniswahl zu. Die Sowjetunion erhielt wirtschaftliche Hilfe, und in Ostdeutschland durften keine NATO-Truppen stationiert werden [5].

Deutschland garantierte die bestehenden Grenzen, vor allem die zu Polen, verzichtete erneut auf atomare, biologische und chemische Waffen und sagte zu, die Bundeswehr auf 370.000 Mann zu verkleinern. Im Gegenzug erhielt es die volle Souveränität [5]. Unterzeichnet wurde der Vertrag am 12. September 1990 in Moskau. Die Bundesrepublik hinterlegte ihre Ratifikationsurkunde am 13. Oktober 1990, veröffentlicht ist der Vertrag im Bundesgesetzblatt 1990 Teil II ab Seite 1317 [5, 7].

Die Verhandlungen im Einzelnen beschreibt politische-news.de. Die Rolle Gorbatschows schildert sein Lebensbild.

Einigungsvertrag und 3. Oktober 1990

Am 23. August 1990 beschloss die Volkskammer mit 294 von 400 Stimmen den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes. Am 31. August 1990 unterzeichneten beide Regierungen den Einigungsvertrag, am 20. September stimmten Bundestag und Volkskammer dem rund 900 Seiten starken Vertragswerk zu [6]. Das Zustimmungsgesetz vom 23. September 1990 steht im Bundesgesetzblatt 1990 Teil II ab Seite 885, der Vertragstext ab Seite 889. In Kraft trat der Vertrag nach einer Bekanntmachung vom 16. Oktober 1990 mit Wirkung vom 29. September 1990 [8].

DatumSchritt
18.03.1990erste freie Volkskammerwahl
18.05.1990Unterzeichnung des Staatsvertrags zur Währungsunion
01.07.1990Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft
23.08.1990Beitrittsbeschluss der Volkskammer
31.08.1990Unterzeichnung des Einigungsvertrags
12.09.1990Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags
29.09.1990Einigungsvertrag in Kraft
03.10.1990Beitritt wirksam
02.12.1990erste gesamtdeutsche Bundestagswahl
15.03.1991Zwei-plus-Vier-Vertrag in Kraft

Die Daten stammen aus dem LeMO, dem Einigungsvertrag und der Statusliste des Auswärtigen Amts [3, 4, 6, 7, 8, 10]. Mit dem Beitritt wurden Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Länder der Bundesrepublik, dort und im Ostteil Berlins galt nun das Grundgesetz [8]. Berlin wurde Hauptstadt, der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit gesetzlicher Feiertag [6, 8]. Mehr zum Feiertag steht auf feiertage-ferien.com, was das Grundgesetz regelt, die Seite Das Grundgesetz einfach erklärt.

In der Nacht zum 3. Oktober feierten Hunderttausende vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte: "Die Form der Einheit ist gefunden. Nun gilt es, sie mit Inhalt und Leben zu erfüllen." [6]

Nach der Einheit: Wahl, Hauptstadt, Truppenabzug

Am 2. Dezember 1990 wählten die Deutschen den ersten gesamtdeutschen Bundestag, in zwei Wahlgebieten Ost und West. CDU/CSU kamen auf 43,8 Prozent, die FDP auf 11 Prozent, die SPD auf 33,5 Prozent. Die westdeutschen Grünen scheiterten an der Fünfprozenthürde, Bündnis 90/Grüne und PDS zogen über das Wahlgebiet Ost ein [10]. Am 20. Juni 1991 beschloss der Bundestag nach fast zwölfstündiger Debatte mit 338 zu 320 Stimmen den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin, der zwischen 1999 und 2001 stattfand [13].

Am 31. August 1994 wurden in Berlin die russischen Truppen verabschiedet, etwa 380.000 Soldaten und 210.000 Zivilpersonen verließen Ostdeutschland. Am 8. September 1994 folgte die Verabschiedung der Westalliierten [11].

Treuhand und wirtschaftlicher Umbruch

Die Volkskammer gründete im Juni 1990 die Treuhandanstalt. Sie übernahm die volkseigenen Betriebe mit fast vier Millionen Beschäftigten, teilte die Kombinate auf, privatisierte, sanierte oder legte Betriebe still [9]. Mit der Währungsunion standen die Betriebe plötzlich im Wettbewerb auf dem Weltmarkt und mussten Löhne in D-Mark zahlen, der Absatzmarkt in Osteuropa brach weg. Bis 1993 waren im Osten rund drei Millionen Menschen arbeitslos [9].

Eine verlassene große Fabrikhalle mit zerbrochenen Fenstern und stillstehenden Maschinen im Lichteinfall
Bild: KI-generiert

Als sich die Treuhand Ende 1994 auflöste, hatte sie einen Verlust von rund 275 Milliarden D-Mark gemacht. Von zuletzt rund 12.000 Betrieben hatte sie 6.000 privatisiert, etwa 1.000 an frühere Eigentümer zurückgegeben und 3.700 abgewickelt [9]. Am 1. April 1991 ermordete die Rote Armee Fraktion den Treuhand-Chef Detlev Rohwedder [9]. Viele Ostdeutsche fühlten sich als Verlierer der Einheit [9]. Wie die beiden Staaten vorher getrennt gewachsen waren, beschreibt der Artikel DDR und Bundesrepublik: das geteilte Deutschland.

  1. Organisation Weg zur Einheit (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 06.06.2017. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Zehn-Punkte-Programm (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 20.04.2016. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Freie Volkskammerwahl (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 29.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 01.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Zwei-plus-Vier-Vertrag (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 29.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Einigungsvertrag (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 26.06.2020. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland (Zwei-plus-Vier-Vertrag), Statusliste. Auswärtiges Amt. Stand 26.09.2011. abgerufen am 29.10.2026
  8. Gesetz Einigungsvertrag vom 31. August 1990 (BGBl. 1990 II S. 889). Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand zuletzt geändert 15.08.2022. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Treuhand (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 26.06.2020. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Bundestagswahl 1990 (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 10.06.2020. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation Abschied der Alliierten (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 14.03.2016. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Der Runde Tisch (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 26.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation Bonn-Berlin (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 26.02.2016. abgerufen am 29.10.2026

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