Das 20. JahrhundertRatgeber

Der Mauerfall am 9. November 1989: wie die Grenze aufging

Die Berliner Mauer fiel am Abend des 9. November 1989, nachdem SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz neue Reiseregeln verkündet hatte, die nach seinen Worten "sofort, unverzüglich" galten. Tausende Ost-Berliner zogen daraufhin zu den Grenzübergängen. Gegen 23:30 Uhr öffneten die überforderten Grenzer an der Bornholmer Straße als erstem Übergang die Schlagbäume, kurz nach Mitternacht standen alle Berliner Übergänge offen.

Feiernde Menschen in Wintermänteln stehen nachts im Scheinwerferlicht auf einer breiten grauen Betonmauer
Bild: KI-generiert

Am 9. November 1989 öffnete sich nach 28 Jahren die Berliner Mauer. Den Anstoß gab eine Pressekonferenz in Ost-Berlin, auf der ein Mitglied der SED-Führung neue Reiseregeln vorlas und sie versehentlich für sofort gültig erklärte. Die Grenzer an den Übergängen hatten keine Befehle für diesen Fall und gaben in der Nacht dem Druck der Menschen nach [1, 2]. Vorausgegangen waren Monate mit Massenflucht und wachsenden Protesten, ohne die der Abend nicht denkbar ist [1].

Die Mauer von 1961 bis 1989

Die DDR hatte die Mauer am 13. August 1961 errichtet [3]. Wie die beiden deutschen Staaten bis dahin entstanden waren, erklärt der Artikel DDR und Bundesrepublik: das geteilte Deutschland.

Die Stiftung Berliner Mauer zählt für die Jahre 1961 bis 1989 mindestens 140 Menschen, die an der Berliner Mauer getötet wurden oder dort ums Leben kamen [7]:

GruppeZahl
Flüchtlinge, die erschossen wurden, verunglückten oder sich das Leben nahmen101
Menschen aus Ost und West ohne Fluchtabsicht, erschossen oder verunglückt30
Sowjetischer Soldat1
DDR-Grenzsoldaten, im Dienst getötet8

Dazu kommen mindestens 251 Reisende, die während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen starben. Schon an der Sektorengrenze vor dem Mauerbau, zwischen 1948 und 1961, kamen mindestens 39 Menschen ums Leben. Nicht gezählt sind jene, die an den Folgen der Teilung für ihr Leben verzweifelten [7].

Massenflucht im Sommer 1989

Anfang Mai 1989 begann Ungarn, seine Grenzanlagen zu Österreich abzubauen. Im September öffnete es die Grenze zum Westen vollständig, bis Ende des Monats flohen auf diesem Weg rund 25.000 Menschen aus der DDR [4]. Andere suchten Zuflucht in den bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Prag und Warschau und in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Zwischen August und Oktober waren es Tausende [4].

Am 30. September 1989 verkündete Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher den rund 6.000 Flüchtlingen in der Prager Botschaft, dass sie ausreisen dürfen. Sonderzüge brachten sie über DDR-Gebiet in die Bundesrepublik [4]. Am 3. November erlaubte die SED-Führung die Ausreise über die Grenze zur Tschechoslowakei, weitere 15.000 Menschen nutzten diesen Weg. Bis zum 9. November verließen insgesamt etwa 200.000 Ostdeutsche die DDR in Richtung Bundesrepublik [4]. Allein in den ersten Novembertagen gingen Zehntausende, während die Proteste im Land immer größer wurden [1].

Montagsdemonstrationen und der Sturz Honeckers

In der Leipziger Nikolaikirche fanden seit 1981 Friedensgebete statt, zu denen sich Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen trafen. Am Montag, dem 4. September 1989, versammelten sich danach erstmals etwa 1.000 Menschen auf dem Kirchhof [5]. Von Woche zu Woche kamen mehr:

Eine friedliche Menschenmenge mit brennenden Kerzen auf einem Altstadtplatz vor einer Kirchenfassade am Abend
Bild: KI-generiert
MontagTeilnehmer in Leipzig
04.09.1989etwa 1.000
02.10.198920.000
09.10.198970.000
16.10.1989120.000
23.10.1989250.000
30.10.1989300.000

Die Demonstranten riefen "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt", vorher auch "Stasi raus" und "Reisefreiheit statt Massenflucht". Sie verlangten Meinungsfreiheit, politische Mitsprache und ein Ende der SED-Herrschaft. Auch in Dresden, Halle und Karl-Marx-Stadt gingen Menschen auf die Straße [5]. Es waren die größten Demonstrationen in der DDR seit dem Volksaufstand von 1953. Das Regime schlug sie nicht nieder, die sowjetischen Truppen blieben in ihren Kasernen [5]. Welche Haltung die sowjetische Führung damals einnahm, beschreibt das Lebensbild Michail Gorbatschow.

Am 17. und 18. Oktober 1989 zwang das Politbüro Generalsekretär Erich Honecker zum Rücktritt. Sein Nachfolger Egon Krenz kündigte Reformen an, um die Macht der SED zu retten [5]. Am 4. November kam es auf dem Berliner Alexanderplatz zur größten systemkritischen Demonstration der deutschen Nachkriegsgeschichte. Aufgerufen hatten das Neue Forum und Theaterleute, gegen Mittag waren fast eine halbe Million Menschen versammelt. Die SED-Führung hatte die Kundgebung erstmals offiziell genehmigt. Unter den Rednern waren Günter Schabowski aus dem Politbüro, der frühere Stasi-General Markus Wolf und der SED-Funktionär Gregor Gysi, dazu Künstler, Kirchenvertreter und Oppositionelle. Die meisten SED-Vertreter wurden ausgepfiffen, Bürgerrechtler, kritische Intellektuelle und Künstler bekamen starken Beifall. Sie forderten einen offenen Dialog und die Demokratisierung der Gesellschaft [6].

Die Pressekonferenz am Abend des 9. November

Am Vormittag des 9. November arbeiteten Vertreter des Innenministeriums und des Ministeriums für Staatssicherheit eine neue Reiseregelung aus. Am Nachmittag trug Egon Krenz sie dem tagenden Zentralkomitee vor. In Kraft treten sollte sie erst am 10. November [2]. Geregelte Reisen mit Pass und Visum sollten also erst ab dem folgenden Tag möglich sein [1].

Um 18 Uhr begann in Ost-Berlin eine internationale Pressekonferenz, die das DDR-Fernsehen live übertrug. Erst etwa eine Stunde später kam Schabowski auf die Reiseregelung zu sprechen und las den Beschluss vor, den Krenz ihm gegeben hatte [1, 2]. Nach dem Text konnten Privatreisen ins Ausland "ohne Vorliegen von Voraussetzungen" beantragt werden. Ein Journalist fragte, ab wann das gelte. Schabowski antwortete, nach seiner Kenntnis "sofort, unverzüglich" [2, 3]. Eigentlich hätte es weiter einen schriftlichen Antrag gebraucht. Die Erklärung wurde aber so verstanden, dass man ab sofort formlos reisen könne [3].

Die Nachrichtenagentur AP verbreitete kurz darauf eine Eilmeldung mit der Überschrift "DDR öffnet Grenzen". Um 20 Uhr begann die Tagesschau mit derselben Nachricht [2]. In Bonn unterbrach der Bundestag gegen 20:20 Uhr seine Sitzung, die Abgeordneten sangen die Nationalhymne. Bundeskanzler Helmut Kohl war zu dieser Zeit in Polen [2].

Die Nacht an der Bornholmer Straße

Nach den Nachrichten zogen Tausende Ost-Berliner zu den Grenzübergängen [1]. An der Bornholmer Straße vertrösteten die Grenzbeamten die Menschen zunächst auf den nächsten Morgen. Als die Menge wuchs, ließen sie einzelne gegen Vorlage des Ausweises passieren [2]. Einen Befehl zur Öffnung gab es nicht. Nach langen Diskussionen entschieden die beiden Leiter der Passkontrolleinheit, Harald Jäger und Edwin Görlitz, zusammen mit dem Kommandanten der Grenztruppen Manfred Sens, den Übergang gegen die Vorschriften freizugeben. Jäger meldete seinen Vorgesetzten: "Es ist nicht mehr zu halten. Wir fluten jetzt." [8]

Menschen und kleine Autos ziehen nachts über eine Stahlbrücke, die Schlagbäume sind geöffnet
Bild: KI-generiert

Gegen 23:30 Uhr waren die Schlagbäume offen, Tausende liefen über die Brücke nach West-Berlin [1, 2]. Nach den Forschungen des Historikers Hans-Hermann Hertle standen zwei Minuten nach Mitternacht alle Berliner Grenzübergänge offen. An den innerdeutschen Übergängen stauten sich bald Trabi-Kolonnen [2].

Am Brandenburger Tor stiegen Menschen auf die Mauer, vor allem West-Berliner. In der Nacht spazierten Ost- und West-Berliner durch das Tor, zeitweise wurde getanzt. Noch in derselben Nacht schlugen die ersten "Hammerspechte" Stücke aus der Mauer [2]. Offiziell passierbar wurde das Brandenburger Tor erst im Dezember 1989 [2].

Von der offenen Grenze zur Einheit

In den Tagen danach riss der Strom von Besuchern aus der DDR nicht ab, an vielen Stellen entstanden neue Übergänge [2]. Die SED verlor rasch ihre Macht. Am 13. November wählte die Volkskammer Günther Maleuda zu ihrem Präsidenten und Hans Modrow zum Vorsitzenden des Ministerrats, erstmals in geheimer Wahl. Am 1. Dezember strich sie den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung, am 3. Dezember traten Krenz, das Politbüro und das Zentralkomitee zurück. Am 7. Dezember traf sich zum ersten Mal der Runde Tisch aus SED, Blockparteien und Opposition [3].

Ein erhaltenes Stück grauer Betonmauer in einem Park im Frühling mit Wiese und jungen Bäumen
Bild: KI-generiert

Ende November 1989 legte Bundeskanzler Kohl unerwartet ein Zehn-Punkte-Programm vor, das einen Weg zur Einheit beschrieb. Auf den Demonstrationen hieß es nun meist "Wir sind ein Volk" [9]. Bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 gewann die "Allianz für Deutschland" aus CDU-Ost, Demokratischem Aufbruch und DSU. Am 1. Juli 1990 trat die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft, die D-Mark wurde Zahlungsmittel in der DDR. Die beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs regelten im Zwei-plus-Vier-Vertrag die äußeren Fragen. Mit dem Einigungsvertrag trat die DDR am 3. Oktober 1990 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Nach mehr als vierzig Jahren war Deutschland wieder ein Staat [9]. Die Schritte dorthin beschreibt der Artikel Die Wiedervereinigung 1990, welche Rechte das Grundgesetz seither für alle Deutschen sichert, erklärt die Seite Die Grundrechte im Überblick.

Nach der Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung waren damit der Kalte Krieg und die Teilung der Welt beendet [1]. Die Entwicklung in den übrigen Staaten Osteuropas beschreibt der Artikel über den Ostblock.

  1. Behörde Ilona Schäkel: Mauerfall (DDR kompakt). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 30.12.2019. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde Nicholas Brautlecht, Holger Kulick: Der 9. November 1989. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 06.11.2018. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Annabelle Petschow: Fall der Mauer (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 04.10.2019. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Annabelle Petschow: Massenflucht (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 29.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Annabelle Petschow: Montagsdemonstrationen (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 07.08.2026. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Ilona Schäkel: Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz (DDR kompakt). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 30.12.2019. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Todesopfer an der Berliner Mauer. Stiftung Berliner Mauer. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Georg Mascolo: Die Maueröffner (Deutschland Archiv, zuerst Spiegel Online 05.11.2004). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 09.11.2021. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Markus Würz: Weg zur Einheit (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 06.06.2017. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.