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Die Geschichte Russlands von der Kiewer Rus bis zur Gegenwart

Die Geschichte Russlands beginnt mit der Rus, die im 9. Jahrhundert entlang der Handelswege zwischen Ostsee und Schwarzem Meer entstand. Nach der Mongolenherrschaft stieg Moskau zum Zarenreich auf, Peter I. machte es zum Imperium. 1917 stürzte die Revolution den Zaren, die Sowjetunion bestand bis zu ihrer Auflösung Ende 1991.

Ein breiter Fluss windet sich durch eine weite Ebene mit Birkenwäldern und Wiesen unter Morgennebel
Bild: KI-generiert

Russland hat unter wechselnden Namen die europäische Geschichte mitgeprägt, als Russländisches Reich, als Sowjetunion und heute als Russländische Föderation. Der Osteuropahistoriker Hans-Henning Schröder sieht das Land seit seinem Eintritt in die Moderne als europäischen Staat, der sich durch die Prägung durch die byzantinische Ostkirche vom lateinisch geprägten Westen unterschied [1]. Die Geschichte beginnt in Kiew, also in der heutigen Ukraine, und wird in beiden Ländern unterschiedlich erzählt [2].

Die Kiewer Rus

Im 9. Jahrhundert bauten normannische Krieger entlang der Handelswege zwischen Ostsee und Schwarzem Meer Herrschaften auf. Sie gaben ihnen den Namen Rus und begründeten die Dynastie der Rurikiden. Der Name ging auf die ostslawischen Stämme über, die die Führungsschicht bald assimilierten [2]. Kiew und Nowgorod trieben Handel mit Byzanz, mit Nord- und Mitteleuropa und über die Wolgabulgaren mit dem Orient [2].

Eine hölzerne Siedlung mit Palisade auf einem hohen Flussufer, darunter liegen schmale Holzboote am Sandstrand
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988 nahm Fürst Wladimir, der nach Schröder von 978 bis 1015 regierte, das Christentum an [1, 2]. Die Metropolie "von Kiew und der ganzen Rus" unterstand dem Patriarchen von Konstantinopel [2]. Die Rus war ein lockerer Verbund von Teilfürstentümern. Dynastische Streitigkeiten und Angriffe der Polowzer schwächten sie, an den Rändern entstanden neue Zentren wie Wladimir-Susdal, Galizien-Wolhynien, Polozk und Nowgorod [2].

Mongolenherrschaft und geteilte Erinnerung

Schröder nennt drei Mongolenstürme in den Jahren 1223, 1237/38 und 1239/40 [1]. Nach Andreas Kappeler eroberten die Mongolen die Rus von 1237 bis 1240 und zerstörten die meisten Städte [2]. Über die Dauer der Abhängigkeit gehen die Angaben auseinander: Schröder spricht von etwa 150 Jahren unter der Goldenen Horde mit Sitz in Sarai, Kappeler von zwei Jahrhunderten mongolischer Herrschaft über die nördlichen Fürstentümer [1, 2]. Der Westen und Süden der alten Rus fielen an Litauen und Polen. Damit trennten sich die Wege der Russen auf der einen und der Ukrainer und Weißrussen auf der anderen Seite für drei bis viereinhalb Jahrhunderte [2].

Die russische Meistererzählung, wie sie die Historiker Karamsin und Kljutschewskij prägten, führt eine gerade Linie von der Kiewer Rus über das Moskauer Zartum bis zur Russischen Föderation und zählt die Ukrainer zur eigenen Nationalgeschichte. Die ukrainische Sicht betont dagegen den Raum um Kiew und führt die Linie über Galizien-Wolhynien, die polnisch-litauische Zeit und das Kosakenhetmanat zum heutigen ukrainischen Staat [2]. Vom Namen Rus leiten sich die Bezeichnungen Russen und Weißrussen ab, ebenso Rusynen und Ruthenen, wie Ukrainer jahrhundertelang genannt wurden [2].

Moskau und die Zaren

Im 14. Jahrhundert wurde Moskau zum führenden Fürstentum [2]. 1380 besiegte ein Moskauer Heer am Don die mongolische Oberhoheit [1]. Iwan III., der von 1462 bis 1505 regierte, nannte sich als Erster Großfürst und Zar. Um 1510 formulierte der Mönch Filofej in Pskow die Idee von Moskau als "Drittem Rom" [1]. Iwan IV. regierte von 1547 bis 1584 und ließ sich als Zar krönen. Er führte die Opritschnina ein und dehnte das Reich aus [1].

Mit dem Tod des Zaren Fjodor 1598 erlosch die Linie der Rurikiden. Es folgte die Smuta, die "Zeit der Wirren", bis 1613 Michail Romanow zum Zaren gewählt wurde [1].

Peter I. und das Imperium

Die Herrschaft Peters I. gibt Schröder mit 1682/1689 bis 1725 an [1]. Peter baute eine Flotte auf, reformierte das Heer, schuf Fachbehörden, die Kollegien, und ließ Manufakturen errichten [1]. 1709 schlug er die Schweden bei Poltawa und ließ sich danach zum Kaiser erheben [1]. Seine Modernisierung erreichte die Eliten, die Masse der Bauern blieb von ihr weitgehend unberührt [1].

Eine nördliche Hafenstadt mit hellen klassizistischen Fassaden an einem Granitufer, davor liegen hölzerne Segelschiffe
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1700 führte Peter I. den julianischen Kalender ein. Er galt in Russland bis 1918, der gregorianische Kalender erst ab dem 14. Februar 1918 [1]. Deshalb nennen Quellen für die Revolution von 1917 oft zwei Daten [1].

Im 18. Jahrhundert dehnte sich das Reich nach Süden auf Kosten des Osmanischen Reiches und nach Westen durch die Teilungen Polens aus [1]. Katharina II. warb mit einem Manifest vom 22. Juli 1763 ausländische Siedler an und versprach ihnen freie Reise, Land, Steuerfreiheit, Selbstverwaltung, Befreiung vom Militärdienst und Religionsfreiheit. Die meisten ließen sich an der Wolga bei Saratow nieder [3]. Nach dem Sieg über Napoleon und dem Wiener Kongress 1815 galt Russland als "Gendarm Europas" [1].

Das Zarenreich im 19. Jahrhundert

Den Krimkrieg von 1853 bis 1856 gegen das Osmanische Reich, Frankreich und Großbritannien verlor Russland [1]. Zar Alexander II. hob 1861 die Leibeigenschaft auf und wurde 1881 bei einem Bombenattentat getötet [1]. Noch 1897 lebten über 86 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. Die Städte wuchsen trotzdem schnell: Moskau hatte 1867 rund 350.000 Einwohner und 1914 etwa 1,7 Millionen, Sankt Petersburg im selben Zeitraum 500.000 und 2,2 Millionen [1]. Nach der Revolution von 1905 bis 1907 ließ der Zar ein Parlament zu, die Duma, mit sehr begrenzten Rechten. Max Weber nannte diese Ordnung "Scheinkonstitutionalismus" [1]. Mehr dazu steht im Beitrag Russland im 19. Jahrhundert.

Revolution und Bürgerkrieg

Im Ersten Weltkrieg erlitt Russland schwere Niederlagen. Im Februar 1917 nach dem julianischen Kalender brach die Ordnung in Petrograd zusammen, am 15. März 1917 dankte Nikolaus II. ab [1]. Am 6. November 1917, nach dem julianischen Kalender am 24. Oktober, stürzten die Bolschewiki unter Lenin die Provisorische Regierung [1]. Am 18. Januar 1918 lösten sie die gewählte Konstituierende Versammlung gewaltsam auf. Im Juli 1918 ermordeten Bolschewiki den früheren Zaren und seine Familie in Jekaterinburg [1].

Im folgenden Bürgerkrieg kämpften Rote gegen Weiße, Großbritannien, die USA, Japan und Frankreich schickten Interventionstruppen [1]. Die Zwangswirtschaft des Kriegskommunismus führte zu Hochinflation, zum Verfall der Industrie und 1920 zu einem Bauernaufstand. Im März 1921 lenkte die Führung mit der Neuen Ökonomischen Politik ein, die eine Naturalsteuer und freien Handel erlaubte [1]. Die Einzelheiten erzählen die Beiträge zur Russischen Revolution und zur Oktoberrevolution.

Die Sowjetunion unter Stalin

Nach Lenins Tod am 24. Januar 1924 setzte sich Josef Stalin in den Machtkämpfen durch und war Ende der 1920er-Jahre die beherrschende Figur [1]. Der erste Fünfjahresplan von 1928 bis 1932 trieb die Schwerindustrie voran, Konsumgüter wurden vernachlässigt. Zwischen Juli 1929 und Juli 1932 wurden fast 15 Millionen Bauernhöfe zwangsweise kollektiviert [1]. Durch Strafmaßnahmen, Deportation, Krankheit und Hunger kamen mehrere Millionen Bäuerinnen und Bauern ums Leben [1].

In der Ukraine heißt die Hungerkatastrophe dieser Jahre Holodomor, aus den ukrainischen Wörtern für Hunger und umbringen. In einem Antrag von SPD, CDU/CSU, Grünen und FDP vom 29.11.2022 heißt es, allein im Winter 1932/33 seien in der Ukraine 3 bis 3,5 Millionen Menschen verhungert, in Kasachstan schätzungsweise bis zu zwei Millionen [4]. Der Bundestag nahm den Antrag (Drucksache 20/4681) am 30.11.2022 an [9]. Nach dem Antrag liegt aus heutiger Sicht eine Einordnung als Völkermord nahe, und der Bundestag teilt diese Einordnung [4].

In den Säuberungen der Jahre 1937 und 1938 ließ Stalin fast die gesamte militärische und politische Elite auslöschen, das Lagersystem des GULag wuchs [1]. 1939 schloss die Sowjetunion einen Pakt mit dem Deutschen Reich und eignete sich Teile Polens, die baltischen Republiken und Bessarabien an [1]. Im Sommer 1941 überfiel die Wehrmacht das Land und drang bis vor Moskau und Leningrad vor. Bei Kriegsende am 9. Mai 1945 hatte die Sowjetunion nach Schröder über 20 Millionen Tote zu beklagen [1]. Stalin starb am 5. März 1953 [1]. Ein Wendepunkt des Krieges war die Schlacht von Stalingrad.

Von Chruschtschow bis Gorbatschow

Im Februar 1956 verurteilte Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag in einer Geheimrede die Verbrechen Stalins, ohne das System in Frage zu stellen [1]. 1957 startete der erste Satellit, 1962 musste Chruschtschow in der Kubakrise zurückweichen. Am 14. Oktober 1964 setzte ihn das Zentralkomitee ab [1]. Unter Leonid Breschnew verlangsamte sich ab Mitte der 1970er-Jahre das Wachstum, die Wirtschaft stagnierte. Am 21. August 1968 begann der Einmarsch in die Tschechoslowakei, 1979 der in Afghanistan. Der Afghanistankrieg dauerte bis 1989 und kostete über 13.000 sowjetische Soldaten das Leben [1].

Michail Gorbatschow kündigte im Januar 1987 die Perestroika an, im März 1990 verlor die KPdSU ihr Machtmonopol [1]. Im August 1991 scheiterte ein Putschversuch am Widerstand des russischen Parlaments und der russischen Regierung [1]. Die Sowjetunion wurde zum 31. Dezember 1991 aufgelöst [5]. Mehr dazu im Beitrag über Michail Gorbatschow.

Russland seit 1991

Boris Jelzin war im Juni 1991 zum russischen Präsidenten gewählt worden [5]. Im Machtkampf mit dem Parlament ließ Jelzin am 4. Oktober 1993 das Parlamentsgebäude stürmen. Am 12. Dezember 1993 stimmten 57 Prozent der Wählenden einer neuen Verfassung zu, das waren 31 Prozent der Wahlberechtigten [5]. Nach dem Kurssturz des Rubels im Oktober 1994 marschierten russische Truppen in Tschetschenien ein, ein Waffenstillstand beendete diesen Krieg 1996 vorläufig. Im Herbst 1998 folgte eine schwere Finanzkrise, 1999/2000 übernahm Wladimir Putin die Macht [5].

Eine verschneite Ebene am Rand einer Großstadt mit schlichten Wohnblöcken unter grauem Himmel und einem zugefrorenen Fluss
Bild: KI-generiert

Bei einer Abstimmung am 1. Juli 2020 billigten knapp 78 Prozent eine umfassend geänderte Verfassung, die Beteiligung lag bei etwa 65 Prozent. Die Änderung setzte die bisherigen Amtszeiten des Präsidenten auf null und erlaubte ihm, 2024 und theoretisch 2030 erneut anzutreten [6].

Ab dem 20. Februar 2014 besetzte Russland die ukrainische Halbinsel Krim, nach einem international nicht anerkannten Referendum besiegelte es am 18. März 2014 den Anschluss der Krim und Sewastopols durch einen Vertrag [7]. Im April 2014 begann der Krieg im Osten der Ukraine [7]. Am 24. Februar 2022 begann Russland die Vollinvasion der Ukraine. Nach einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung vom 20.02.2026 hat das UN-Menschenrechtsbüro seit Beginn der Vollinvasion mindestens 14.999 getötete Zivilistinnen und Zivilisten verifiziert, darunter 763 Kinder, und geht von höheren tatsächlichen Zahlen aus. Russland kontrollierte danach rund 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets [8]. Den Verlauf beschreibt der Beitrag zum Russisch-Ukrainischen Krieg.

  1. Behörde Hans-Henning Schröder: Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR (Informationen zur politischen Bildung 281: Russland). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 03.02.2004. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde Andreas Kappeler: Die Kiewer Rus. Geteilte Erinnerung in der Ukraine und in Russland. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 09.09.2019. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Von der Anwerbung unter Katharina II. bis 1917 (Dossier Russlanddeutsche). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Antrag der Fraktionen SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP: Holodomor in der Ukraine. Erinnern, Gedenken, Mahnen (Drucksache 20/4681). Deutscher Bundestag. Stand 29.11.2022. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Hans-Henning Schröder: Russland in der Ära Jelzin. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 11.06.2018. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Thomas Kunze: Russlands neue Verfassung (Länderbericht). Konrad-Adenauer-Stiftung. Stand 02.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde Andreas Umland: Ukraine (Dossier Innerstaatliche Konflikte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 24.06.2024. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Vier Jahre russische Vollinvasion in der Ukraine (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.02.2026. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Bundestag stuft Holodomor in der Ukraine als Völkermord ein (Antrag Drucksache 20/4681). Deutscher Bundestag. Stand 30.11.2022. abgerufen am 29.10.2026

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