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Sklaverei in der Geschichte: Formen, Handel und Abschaffung
Sklaverei gab es seit den frühen Stadtstaaten in vielen Gesellschaften Afrikas, Asiens, Europas und Amerikas. Über den Atlantik wurden vom 16. bis ins 19. Jahrhundert Millionen Menschen aus Afrika verschleppt, abgeschafft wurde die Sklaverei in den meisten Staaten zwischen 1794 und 1888, in Teilen Asiens und Afrikas erst im 20. Jahrhundert. Nach Schätzungen von ILO, Walk Free und IOM lebten 2021 rund 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei.

Der Historiker Michael Zeuske beschreibt Sklaverei als "Gewalt von Menschen über den Körper anderer Menschen, Zwang zur Arbeit, Mobilitätseinschränkung und Statusdegradierung" [1]. Er findet sie in Afrika, Asien, Europa und Amerika, in Haushalten ebenso wie auf Plantagen [1]. Der Soziologe Orlando Patterson prägte 1982 dafür den Begriff "social death", weil versklavte Menschen keine eigenen Rechte hatten [1]. Der Völkerbund verabschiedete 1926 ein Abkommen gegen die Sklaverei, und trotzdem lebten 2021 nach internationalen Schätzungen rund 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei [3, 4].
Wie Sklaverei entstand
Wann Menschen begannen, andere Menschen zu versklaven, ist umstritten. Der Historiker Joseph Miller nennt etwa 20.000 v. u. Z., Zeuske vermutet einen Zusammenhang mit dem Übergang zu Ackerbau und Sesshaftigkeit im 10. bis 6. Jahrtausend v. u. Z., der sich aber nur indirekt belegen lässt [1]. Handfeste Nachweise gibt es erst mit Schrift, Stadtstaaten und Großreichen, Sklavenhandel setzte im 2. Jahrtausend v. u. Z. ein [1].
Zeuske unterscheidet drei Stufen. Die älteste und am weitesten verbreitete betraf vor allem Frauen, Mädchen und Kinder, ohne feste Regeln [1]. Wahrscheinlich seit der Bronzezeit kam die Haussklaverei innerhalb von Familien und Haushalten hinzu, ab etwa 1520 die Sklaverei im Atlantikraum; Plantagen im strengen Sinn gab es nach Zeuske erst im 17. Jahrhundert [1]. Weil es Münzgeld erst seit etwa 600 v. u. Z. gab, wurden Schulden in Saatgut, Nahrung oder Tieren gemessen, und Schuldsklaverei war weit verbreitet [1]. In Griechenland brachten hohe Zinsen Bauern unter die Kontrolle der Eliten, die Reformen Solons setzten hier an [1]. Wie früh Recht und Sklaverei zusammenhingen, zeigt der Beitrag Der Codex Hammurabi.
Sklaverei in der römischen Welt
Für Italien gibt die World History Encyclopedia an, dass bis zu ein Drittel der Bevölkerung versklavt war, im ganzen Reich etwa jeder fünfte Mensch [2]. Für das Italien der augusteischen Zeit nennt sie 30 Prozent, für Ägypten 10 Prozent [2]. Viele kamen als Kriegsgefangene in die Sklaverei, allein aus dem Ersten Punischen Krieg 75.000 Menschen [2]. Kinder einer versklavten Mutter waren von Geburt an unfrei, und den Markt auf der Insel Delos belieferten kilikische Piraten [2].

Arbeit, Recht und Freilassung
Versklavte arbeiteten in Haushalten, auf Gütern mit Getreide, Wein und Oliven, in Gold- und Silberminen, Werkstätten, im Transport und im Unterricht, verschlossen blieben ihnen nur öffentliche Ämter [2]. Auf dem Land lebten viele in gefängnisähnlichen Unterkünften, den ergastula, manche angekettet [2]. Rechtlich galten sie als Sache, sie durften keine Familie gründen und kein Eigentum besitzen [2]. Freilassungen waren selten, oft kauften sich Versklavte selbst frei, und Freigelassene übernahmen meist die ersten beiden Namen ihres früheren Herrn [2]. Einzelne kamen zu Reichtum: Der Freigelassene C. Caecilius Isidorus soll über 4.000 Versklavte besessen haben [2]. Schon 135 v. Chr. hatte sich unter Eunus auf Sizilien ein Aufstand erhoben [2]. Von 73 bis 71 v. Chr. erhoben sich unter Spartacus zwischen 70.000 und 120.000 Menschen [2]. Marcus Licinius Crassus schlug den Aufstand nieder, 6.000 Überlebende wurden gekreuzigt [2]. Mehr dazu steht in Spartacus und der Sklavenaufstand.
Afrika, Asien und die islamische Welt
In vielen afrikanischen Gesellschaften gab es lange vor dem Atlantikhandel Haus- und Schuldsklaverei; die Kontrolle über Menschen war dort nach Zeuske wichtiger als die über Land [1]. Im Königreich Kongo galt der Grundsatz, Angehörige der eigenen Religionsgemeinschaft nicht zu versklaven, im Bürgerkrieg von 1570 bis 1670 wurden dennoch viele Kongolesen verschleppt [1]. Eine ähnliche Regel kannte die islamische Welt: Muslime sollten keine Muslime versklaven, wer aber als Versklavter zum Islam übertrat, blieb unfrei [1].
Seit dem 6. Jahrhundert verschleppten Wolgabulgaren, Araber, Chasaren, Rus, Wikinger und andere Menschen aus slawischen Gebieten [1]. Der dafür gebrauchte Begriff sakaliba ist nach Zeuske ein Vorläufer der Wörter "Sklave" und "Slawe" [1]. In China hießen Versklavte nuli, und bis 1949 gab es verdeckte Märkte für Kinder und Nebenfrauen [1]. In Russland bestand private Sklaverei bis 1725, daneben die kollektive Leibeigenschaft ganzer Dorfgemeinschaften [1]. Wie sich Leibeigenschaft von Sklaverei unterschied, erklärt Die Leibeigenschaft. Die Großreiche der Mongolen, der Moguln, Persiens und der Osmanen hielten nach Zeuske vor allem Haussklaven, dazu gab es versklavte Eliten [1]. In Amerika versklavten schon vor 1492 Azteken, Maya und Irokesen Kriegsgefangene [1].
Der atlantische Sklavenhandel
Nach 1492 traf die Versklavung zuerst die einheimische Bevölkerung der Karibik. Kastilien verbot 1495 die Versklavung der indigenen Bevölkerung und wiederholte das Verbot mehrfach, doch Krankheiten und die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen wirkten stärker, und die Taíno starben aus [1]. Mönchskommissionen empfahlen 1518 und 1520, wie auch Bartolomé de las Casas, Menschen aus Afrika nach Amerika zu bringen [1]. Von 1520 bis 1650 lag der Handel mit Menschen aus Afrika vor allem in iberischer Hand, danach teilten ihn Niederländer, Engländer, Franzosen, Dänen, Schweden, Preußen sowie Portugiesen und Brasilianer [1].

Die Küsten Westafrikas
Die Portugiesen legten Festungen an der westafrikanischen Küste an, etwa Arguim und São Jorge da Mina [1]. An der Westküste unterlagen sie anfangs afrikanischen Kriegern in Kanus, und Tropenkrankheiten kosteten viele Leben [1]. Den Handel an den Küsten organisierten Vermittler, die Zeuske Atlantikkreolen nennt, portugiesisch Lançados oder Tangomãos [1]. Außerhalb des Festlands wurden die Guanchen auf den Kanarischen Inseln versklavt, und auf São Tomé entstanden erste Ansätze von Plantagen [1].
Zwischen 1520 und 1867 erreichten nach Zeuske elf bis zwölf Millionen Menschen die Amerikas lebend, allein im 18. Jahrhundert waren es rund sechs Millionen [1]. Die Datenbank Voyages erfasst über 35.000 Fahrten [1]. Im 19. Jahrhundert wurden nach Zeuske trotz der Verbote zwei bis drei Millionen weitere Menschen verschleppt, vor allem von brasilianischen Händlern bis etwa 1850 sowie von spanisch-kubanischen und amerikanischen bis etwa 1880 [1]. Die UNESCO schätzt, dass insgesamt etwa 17 Millionen Menschen aus Afrika versklavt wurden, andere Angaben lauten 12 Millionen [3]. Die meisten Verschleppten kamen nach Brasilien [3]. Ausführlich beschreibt das der Beitrag Der atlantische Sklavenhandel.
Widerstand und Abschaffung
Am 23. August 1791 begann in der französischen Kolonie Saint-Domingue ein Aufstand der Versklavten, aus dem 1804 die unabhängige Republik Haiti hervorging [3]. Zeuske nennt sie die "einzig erfolgreiche Sklavenrevolution"; Frankreich hatte 1794 die Aufhebung der Sklaverei verkündet [1].
Verbote im 19. Jahrhundert
Großbritannien verbot nach der bpb 1807 den Sklavenhandel und 1833 die Sklaverei [3]. Zeuske nennt 1808 als Jahr, in dem die USA und Großbritannien den atlantischen Handel verboten, und 1838 für das Ende der Sklaverei in den britischen Kolonien [1]. Es folgten die französischen Kolonien 1848 und die niederländischen 1863 [1]. In den USA beendete der 13. Verfassungszusatz 1865 die Sklaverei [3]. Die spanische Kolonie Kuba folgte 1886, Brasilien 1888 [1]. Wie der Streit um die Sklaverei die USA spaltete, beschreibt Der Amerikanische Bürgerkrieg.
Zugleich wuchs die Sklaverei andernorts. Zeuske spricht von "second slaveries" des 19. Jahrhunderts, etwa im Sokoto-Kalifat, in Ägypten, Marokko, auf Sansibar und in Niederländisch-Indien [1]. In Asien und Afrika wurde die Sklaverei formell oft erst im 20. Jahrhundert abgeschafft [1]. Neue Abhängigkeiten traten an ihre Stelle: Zwischen 1840 und 1940 arbeiteten Millionen Vertragsarbeiter aus Indien, Indonesien und China, in der Sprache der Zeit Kulis genannt, unter Bedingungen, die nach Zeuske oft härter waren als die von Privatsklaven [1]. Der Völkerbund verabschiedete 1926 ein Abkommen gegen die Sklaverei, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verbot sie im Dezember 1948, die Europäische Menschenrechtskonvention in Artikel 4 [3]. Den Weg dorthin zeichnet Die Geschichte der Menschenrechte nach.
Zwangsarbeit im Nationalsozialismus
Das NS-Regime zwang nach Angaben des Landes Berlin rund 26 Millionen Menschen zur Arbeit [5]. Die Stiftung EVZ schätzt die Zahl auf etwa 26 Millionen im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten, davon mehr als 13 Millionen im Deutschen Reich [7]; das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit nennt ebenfalls schätzungsweise 26 Millionen [8]. Allein in Berlin gab es mehr als 3.000 Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, verteilt über das ganze Stadtgebiet [6]. Eine davon, das 1943 errichtete Lager in Schöneweide, ist teilweise erhalten [6]. Dort lebten italienische Militärinternierte und zivile Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten, in den letzten Kriegsmonaten auch weibliche KZ-Häftlinge [6]. Seit 2006 erinnert ein Dokumentationszentrum auf dem Gelände an sie [6]. Den Zusammenhang erklärt Der Nationalsozialismus.

Sklaverei heute
Die Internationale Arbeitsorganisation ILO, die Stiftung Walk Free und die Internationale Organisation für Migration schätzten im September 2022, dass 2021 rund 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei lebten [4]. Davon waren 28 Millionen in Zwangsarbeit und 22 Millionen in Zwangsehen, insgesamt 10 Millionen mehr als bei der Schätzung für 2016 [4]. Die meisten Betroffenen von Zwangsarbeit leben nach Walk Free in Asien [3].
Wie viele Menschen heute versklavt sind, hängt stark von der Definition ab; Zeuske nennt Schätzungen zwischen 20 und 270 Millionen [1]. Er zählt Menschenhandel, Sexsklaverei, Kindersklaverei, Kontraktsklaverei in den Golfstaaten und Organhandel dazu, traditionelle Sklaverei sieht er noch in Mauretanien und im Sudan [1]. Seine Folgerung lautet: "Fest steht, dass es heute mehr Sklavinnen und Sklaven gibt als jemals zuvor in der Geschichte." [1]
- Studie Michael Zeuske: Globale Sklavereien. Geschichte und Gegenwart (Aus Politik und Zeitgeschichte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 04.12.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Slavery in the Roman World. World History Encyclopedia. Stand 01.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Internationaler Tag der Erinnerung an Sklavenhandel und dessen Abschaffung (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 16.08.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Global Estimates of Modern Slavery: Forced Labour and Forced Marriage. International Labour Organization, Walk Free, International Organization for Migration. Stand 12.09.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. Land Berlin, berlin.de. Stand 05.12.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit (Erinnerungsorte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation NS-Zwangsarbeit: Ausgebeutet und vergessen. Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit (Zahlen und Fakten). Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Stiftung Topographie des Terrors. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.

