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Der Codex Hammurabi: die Gesetzesstele des Königs von Babylon

Der Codex Hammurabi ist eine Sammlung von Rechtssätzen des babylonischen Königs Hammurabi, der etwa von 1792 bis 1750 v. Chr. regierte. Die bekannteste Fassung steht auf einer 2,25 Meter hohen Steinstele, die Archäologen 1901/1902 in Susa fanden und die heute im Louvre steht. Zwischen Prolog und Epilog stehen nach heutiger Zählung 282 Paragrafen.

Eine hohe dunkle Steinstele steht allein in einem gedämpft beleuchteten Museumssaal unter einem Lichtkegel
Bild: KI-generiert

Hammurabi war der sechste König der ersten Dynastie von Babylon. Nach der mittleren Chronologie bestieg er den Thron 1792 v. Chr. und regierte 43 Jahre [4]. In dieser Zeit eroberte er unter anderem Larsa, Mari und Eschnunna und herrschte zeitweise auch über Assur [4]. Aus seiner Zeit stammt eine Steinstele mit Rechtssätzen, die fast vollständig erhalten ist und zu den bekanntesten Fundstücken aus dem Alten Orient.

Die Jahreszahlen hängen von der Chronologie ab, mit der die Forschung rechnet. Der Louvre datiert die Stele in die Regierungszeit Hammurabis "um 1792 bis 1750" v. Chr., das ist die mittlere Chronologie [1, 7]. Nach der kurzen Chronologie regierte er von 1728 bis 1686 v. Chr. [6, 9].

Hammurabi ist auch durch eigene Schreiben bekannt. Erhalten sind mehr als 200 Briefe von ihm zu Politik und Verwaltung [6].

Die Stele im Louvre

Die Stele ist 225 Zentimeter hoch, 79 Zentimeter breit und 47 Zentimeter tief [1]. Der Katalog des Louvre bezeichnet den Stein als Basalt, ältere Beschreibungen sprechen von schwarzem Diorit [1, 3]. Oben zeigt ein Relief zwei Gestalten: Der Sonnengott Schamasch sitzt auf einem Thron und reicht Ring und Stab, vor ihm steht der König [1]. Die Szene stellt das Treffen von Gott und Herrscher dar und begründet so die Herrschaft des Königs und die Urteile auf der Stele [1]. Einige Forscher sehen in der sitzenden Gestalt den Stadtgott Marduk [3].

Eine Ausgrabungsstätte auf einem trockenen Hügel am Morgen mit Erdgräben, Holzleitern und geflochtenen Körben
Bild: KI-generiert

Darunter läuft der Text in 51 Spalten mit jeweils rund 80 Zeilen, geschrieben in altbabylonischer Keilschrift [3]. Der Text umfasst etwa 8.000 Wörter [3]. Ein Teil wurde schon in der Antike ausgemeißelt. Diese Lücke lässt sich aus Abschriften auf Tontafeln ergänzen [3].

Gefunden wurde die Stele in Susa im heutigen Iran. Der Louvre nennt als Fundjahr 1901/1902 und Jacques de Morgan als Leiter der französischen Grabung [1]. Die Stele lag in drei Bruchstücken, die im April 1902 zusammengesetzt wurden [3, 7]. Nach Susa war sie als Beute gekommen: Der elamische König Šutruk-Nahhunte I. ließ sie im 12. Jahrhundert v. Chr. aus Babylonien wegbringen [7, 8]. Wo sie ursprünglich stand, ist unbekannt. Oft wird Sippar vermutet, andere schließen aus dem Epilog auf Babylon [3]. Heute trägt sie im Louvre die Inventarnummer Sb 8 [1].

Aufbau: Prolog, Gesetze, Epilog

Der Text hat drei Teile. Der Prolog umfasst etwa 300 Zeilen [3]. Darin beruft sich der König auf die Götter, zählt Städte seines Reiches auf und beschreibt seinen Auftrag [3]. In der englischen Übersetzung von L. W. King soll er "die Herrschaft der Gerechtigkeit" ins Land bringen, damit "der Starke dem Schwachen nicht schade" [2].

Es folgen die Rechtssätze, rund 80 Prozent des Textes [3]. Die Einteilung in 282 Paragrafen stammt von Scheil. Er begann jeweils einen neuen Paragrafen, wo das akkadische Wort "šumma" steht, auf Deutsch "wenn" [3]. Fast jeder Satz ist deshalb gleich gebaut: Wenn jemand dies tut, dann folgt jenes. In der Übersetzung von King fehlen die Paragrafen 66 bis 99, weil an dieser Stelle der Stein beschädigt ist [2].

Der Epilog hat etwa 400 Zeilen [3]. Er beschreibt, wo die Stele aufgestellt wurde, richtet sich an künftige Herrscher und droht jedem mit Flüchen, der die Inschrift verändert [3]. Eine Stelle wendet sich an Menschen, denen Unrecht geschehen ist: Wer einen Rechtsstreit hat, soll vor das Bild des Königs treten und die Inschrift lesen lassen [2].

Welche Rechtsgebiete der Codex regelt

Die Rechtssätze folgen einer groben Ordnung nach Sachgebieten. Der Rechtshistoriker Herbert Petschow hat sie so eingeteilt [3]:

Ein Bewässerungskanal mit Erddamm zwischen grünen Gerstenfeldern in einer flachen Flussebene, Palmen am Horizont
Bild: KI-generiert
ParagrafenInhalt
1 bis 5Zeugen, Richter und falsche Anschuldigungen
6 bis 25schwere Vergehen, vor allem gegen Besitz von Tempel und Palast
26 bis 41Dienstpflichten (ilku)
42 bis 67Felder, Gärten und Häuser, Pacht, Pfand und Haftung
68 bis 127Schulden, Kaufleute, Schankwirtinnen und Schuldknechtschaft
128 bis 193Ehe, Familie und Erbe
194 bis 240Körperverletzung und Sachschäden
241 bis 282Miete von Tieren und Arbeitskräften, Löhne, Sklavenrecht

Viele Fälle stammen aus dem Alltag einer Bauerngesellschaft am Fluss. Wer seinen Damm nicht instand hält und damit die Felder der Nachbarn überflutet, kann laut Paragraf 53 für den Schaden verkauft werden [2]. Die Paragrafen 215 und 218 behandeln den Arzt, der mit dem Messer operiert: einmal den Fall, dass er den Kranken heilt, einmal den Fall, dass der Kranke stirbt [2]. Paragraf 229 bestraft einen Baumeister mit dem Tod, wenn sein Haus einstürzt und den Eigentümer tötet [2].

Schwere Vergehen gegen Eigentum und Ordnung wurden oft mit dem Tod bestraft. Wer bei einem Raub ertappt wird, soll nach Paragraf 22 getötet werden [2]. Auch innerhalb der Familie galten strenge Regeln: Schlägt ein Sohn seinen Vater, sollen ihm nach Paragraf 195 die Hände abgehackt werden [2]. Solche Sätze zeigen, welche Ordnung der König schützen wollte, sagen aber wenig darüber, wie oft Gerichte tatsächlich so urteilten. Darauf geht der Abschnitt zur Rechtspraxis weiter unten ein.

Auge um Auge: Strafen nach Stand

Bekannt ist der Codex vor allem für das Prinzip der Vergeltung in gleicher Art, die Talion. Paragraf 196 lautet in Kings Übersetzung sinngemäß: Wer einem anderen Mann ein Auge ausschlägt, dem soll ein Auge ausgeschlagen werden [2]. Ebenso wird ein gebrochener Knochen mit einem gebrochenen Knochen vergolten und ein ausgeschlagener Zahn mit einem Zahn [2]. Die Bibel kennt eine ähnliche Formel. In der Lutherbibel von 1912 heißt es in 2. Mose 21: "Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß" [5].

Die Talion galt im Codex Hammurabi allerdings nur unter Gleichgestellten. Schlägt jemand einem Mann aus einer niedrigeren Gruppe ein Auge aus, zahlt er laut Paragraf 198 eine Mine Gold [2]. Trifft es einen Sklaven, ist nach Paragraf 199 die Hälfte von dessen Wert fällig [2]. Die Gesellschaft war in Stände geteilt, und das Recht maß den Schaden je nach Stand des Opfers verschieden.

Manche Strafen trafen auch Unbeteiligte. Stirbt beim Einsturz eines Hauses der Sohn des Eigentümers, soll nach Paragraf 230 der Sohn des Baumeisters getötet werden [2]. Hart sind auch die Regeln zu Beginn, die falsche Anschuldigungen betreffen: Wer einen anderen mit einem Bann belegt und es nicht beweisen kann, soll nach Paragraf 1 selbst getötet werden [2, 3]. Der letzte Paragraf, Nummer 282, betrifft einen Sklaven, der seinem Herrn die Herrschaft abspricht: Ihm soll ein Ohr abgeschnitten werden [2].

War der Codex geltendes Recht?

Lange galt der Codex als Gesetzbuch im heutigen Sinn. Dafür spricht der Epilog, der Geschädigte ausdrücklich an die Stele verweist [3]. Die Forschung sieht das heute vorsichtiger und hält es für umstritten, ob der Inhalt der Inschrift tatsächlich für die Rechtsprechung galt [7]. Kein bekanntes Rechtsdokument der Zeit beruft sich auf den Codex als Grundlage eines Urteils, und viele seiner Regeln passen nicht zu den erhaltenen Verträgen [3]. Weil der Text in Schreiberschulen weit verbreitet war, halten ihn manche eher für ein Werk der Literatur [3].

Unbeschriebene Tontafeln trocknen auf einem Holzbrett in einem Lehmziegelhof, daneben ein Schreibgriffel aus Schilf
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Andere Deutungen sehen darin ein Lehrbuch für Juristen, eine Sammlung von Musterentscheidungen, ein Reformgesetz oder Werbung für den König als gerechten Herrscher [3]. Wie Recht und Gericht sich über die Jahrtausende entwickelten, zeigt der Längsschnitt Recht und Justiz in der Geschichte.

Ältere Rechtssammlungen und Abschriften

Der Codex Hammurabi wurde oft als ältestes Gesetz der Welt bezeichnet. Das lässt sich nicht mehr halten, denn ältere Sammlungen wie die des Ur-Nammu und des Lipit-Ištar sind bekannt [3].

Neben der Stele im Louvre gibt es mehr als 30 Abschriften auf Tontafeln aus dem zweiten und ersten Jahrtausend v. Chr. [3]. Sie liegen unter anderem im British Museum, im Louvre, im Vorderasiatischen Museum in Berlin und im Penn Museum in Philadelphia [3]. Eine große Tafel aus Nippur, 1914 veröffentlicht, enthält die Paragrafen 90 bis 162 und hat eine eigene antike Zählung [3]. In Susa fanden sich außerdem neun Bruchstücke, die auf mindestens drei weitere Stelen hindeuten [3]. Dass der Text noch viele Jahrhunderte nach Hammurabi abgeschrieben wurde, zeigt, wie lange er in der Ausbildung der Schreiber eine Rolle spielte. Mehr über das Reich, aus dem er stammt, steht im Artikel über Babylonien.

  1. Organisation Code de Hammurabi (Inventarnummer Sb 8). Musée du Louvre, Département des Antiquités orientales. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie The Code of Hammurabi, übersetzt von L. W. King. The Avalon Project, Lillian Goldman Law Library, Yale Law School. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Codex Hammurapi. Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Babylonien. Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. 2. Mose 21 (Lutherbibel 1912). eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Hammurapi (Lexikon). wissen.de, Konradin Mediengruppe. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Kodex Hammurapi (Gipsabguss RS 52). Universität Münster, Institut für Altorientalistik und Vorderasiatische Archäologie. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Codex Hammurapi. Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI Wiki, Universität Oxford). Stand 28.09.2016. abgerufen am 29.10.2026
  9. Chronology of the ancient Near East. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.