Weltregionen und LänderRatgeber
Die Geschichte des Mittelmeerraums von den Phöniziern bis heute
Am Mittelmeer gründeten Phönizier und Griechen ab dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. Handelsstädte und Kolonien, Karthago der Überlieferung nach um 814 v. Chr. Danach beherrschten Rom, die arabischen Reiche, die italienischen Seestädte und die Osmanen große Teile des Raums. Seit 1869 verbindet der Suezkanal das Mittelmeer mit dem Roten Meer.

Am Mittelmeer treffen Europa, Asien und Afrika aufeinander. Phönizier, Griechen, Römer, Araber und Osmanen gründeten an seinen Küsten Städte und Reiche. Wie diese Nachbarregionen sich entwickelten, zeigen die Artikel zu Europa und zum Nahen Osten.
Das Mittelmeer als Geschichtsraum
Der französische Historiker Fernand Braudel (1902 bis 1985) machte das Meer selbst zum Thema der Geschichtsschreibung. Seine Doktorarbeit über die Mittelmeerpolitik Philipps II. von Spanien verteidigte er 1947. Als Buch erschien sie 1949 unter dem Titel "La Méditerranée et le monde méditerranéen à l'époque de Philippe II" [1]. Nach dem Collège de France rückte der neue Titel den Raum in den Mittelpunkt, der König trat zurück [1]. Im selben Jahr 1949 wurde Braudel dort zum Nachfolger von Lucien Febvre bestimmt, seinen Lehrstuhl für die Geschichte der modernen Zivilisation hatte er von 1950 bis 1972 inne [1]. 1958 beschrieb Braudel in einem Aufsatz die "longue durée", die langsamen Kräfte von Geografie und Strukturen unter den Ereignissen [1].
Phönizier und Griechen
Die phönizischen Stadtstaaten blühten nach der World History Encyclopedia etwa von 1500 bis 332 v. Chr. [2]. Die mächtigsten waren die Inselstadt Tyros und Sidon, Byblos war wichtig für Schiffbau und Papyrushandel [2]. Joshua J. Mark beschreibt die Phönizier als Kanaaniter, Bewohner des Landes Kanaan. Der griechische Name Phoinikes leitet sich vom Purpurfarbstoff ab, der in Tyros hergestellt wurde [2]. Das phönizische Alphabet ist nach Mark die Grundlage der Schrift der meisten westlichen Sprachen, Herodot zufolge brachte es der Phönizier Kadmos nach Griechenland [2]. Mehr im Artikel Die Phönizier.

Karthago wurde der Überlieferung nach um 814 v. Chr. gegründet. Die Sage nennt als Gründerin die phönizische Königin Elissa, besser bekannt als Dido. Dass sie gelebt hat, ist nicht belegt [3]. Tyros gilt als Mutterstadt Karthagos [3].
Etwa von der Mitte des 8. bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. gründeten griechische Stadtstaaten Kolonien rund um das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Mark Cartwright spricht von rund 500 Kolonien mit bis zu 60.000 Siedlern [4]. Massalia gründeten Siedler aus Phokaia um 600 v. Chr. [4]. Süditalien und Sizilien waren so stark besiedelt, dass die Griechen sie "Megale Hellas" nannten, Großgriechenland [4].
Rom und Karthago
Rom und Karthago führten von 264 bis 146 v. Chr. drei Kriege gegeneinander, die Punischen Kriege [3]. Der Erste dauerte von 264 bis 241 v. Chr., der Zweite von 218 bis 201 oder 202 v. Chr., die Angaben schwanken [3]. Im Dritten Punischen Krieg belagerte Scipio Aemilianus Karthago drei Jahre lang. 146 v. Chr. fiel die Stadt, die Römer plünderten sie und brannten sie nieder [3]. Den Feldherrn des Zweiten Krieges beschreibt das Lebensbild Hannibal, die Stadt der Artikel Karthago.
Im Westen des Römischen Reiches gilt der 4. September 476 als traditionelles Ende der Kaiserherrschaft, als Odoaker den Kaiser Romulus Augustulus absetzte [5]. Der Osten blieb als Byzantinisches Reich bestehen.
Arabische Eroberungen und al-Andalus
711 begann unter dem Berber Tariq ibn Ziyad die muslimische Eroberung der Iberischen Halbinsel, bis 714 war sie weitgehend abgeschlossen [6]. 732 unterlag das muslimische Heer bei Tours den Franken unter Karl Martell [6]. 756 gründete Abd al-Rahman I. in al-Andalus das Emirat von Córdoba [6]. Den Verlauf der Eroberungen von Arabien aus beschreibt Die islamische Expansion.
Mit dem Fall Granadas am 2. Januar 1492 endete die Reconquista der christlichen Königreiche [7]. 1502 verbot Isabella I. den Islam im Königreich Kastilien [7]. Ebenfalls 1492 ordnete das Alhambra-Edikt die Vertreibung der Juden aus Spanien an [8]. Nach dem Historiker Predrag Bukovec floh etwa die Hälfte sofort nach Italien oder ins Osmanische Reich, die andere Hälfte nach Portugal [8]. Im Osmanischen Reich ließen sich viele in Saloniki und Istanbul nieder. Die Zahl der sephardischen Einwanderer dort schätzen manche Forscher auf rund 50.000 im 15. und vor allem im 16. Jahrhundert, andere auf das Doppelte für den Anfang des 16. Jahrhunderts [8].
Kreuzzüge und Pest
Papst Urban II. rief am 27. November 1095 auf dem Konzil von Clermont zum Kreuzzug auf. Am 15. Juli 1099 eroberten die Kreuzfahrer Jerusalem, und das Morden an den Muslimen nach dem Fall der Stadt blieb nach Mark Cartwright lange in Erinnerung [9]. Saladin besiegte die Kreuzfahrer 1187 bei Hattin und nahm danach Jerusalem ein [9]. Mit Akkon fiel am 18. Mai 1291 die letzte christliche Festung im Nahen Osten an die Mamluken [9]. Mehr in Die Kreuzzüge.
Über die Seewege kam auch die Pest. Vermutlich 1347 brachten vier genuesische Getreideschiffe aus Caffa am Schwarzen Meer die Seuche nach Sizilien [10]. Ein Schiff wurde in Genua abgewiesen und legte danach in Marseille und in Valencia an. Bis Ende 1349 hatte die Pest Westeuropa erreicht [10]. Mark Cartwright schätzt die Zahl der Toten in Europa für die Jahre 1347 bis 1352 auf 25 bis 30 Millionen, mittelalterliche Angaben hält er allerdings oft für übertrieben [10]. Die Folgen schildert Der Schwarze Tod.
Italienische Seestädte
Im 9. Jahrhundert begannen italienische Stadtstaaten, vor allem Venedig und Amalfi, die Handelsnetze des Mittelmeers zu übernehmen, später kamen Pisa und Genua hinzu [18]. Venedig, Pisa und Genua richteten Handelsposten in Nordafrika ein und erhielten Handelsmonopole in Teilen des Byzantinischen Reiches. Seit dem 12. Jahrhundert waren sie dauerhaft in den Städten der Levante vertreten, die christliche Heere erobert hatten [18]. Zwischen der arabischen Welt und Europa wurden nach Mark Cartwright unter anderem Sklaven, Gewürze, Parfüm, Gold, Juwelen und Seide gehandelt [18]. Arabische Geografen beschrieben europäische Häfen, und in Süditalien fanden sich zahlreiche arabische Goldmünzen [18].
Im Vierten Kreuzzug stellte Venedig die Flotte. Weil die Kreuzfahrer die geforderten 85.000 Silbermark für 240 Schiffe nicht zahlen konnten, eroberten sie zunächst Zara für Venedig [19]. Am 12. April 1204 durchbrachen sie die Seemauern Konstantinopels, danach wurde die Stadt drei Tage lang geplündert [19]. Bei der vorab vereinbarten Teilung erhielt Venedig drei Achtel Konstantinopels sowie unter anderem Kreta, Euböa und die Ionischen Inseln [19].
Die Osmanen
1453 eroberten die Osmanen Konstantinopel und beendeten damit das Byzantinische Reich. Istanbul wurde Hauptstadt, vorher waren es Bursa und Edirne gewesen [11]. 1516 bis 1517 eroberte das Reich den Maschrek und die Arabische Halbinsel, danach den Maghreb außer Marokko [11]. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt das Osmanische Reich als Großreich in Europa, Asien und Nordafrika [11]. Seine Entwicklung bis 1922 erklärt Das Osmanische Reich.

Suezkanal und Kolonien
Mit der Besetzung Algiers begründete Frankreich 1830 sein zweites Kolonialreich. 1848 wurde Algerien in drei Départements geteilt und zum Bestandteil des französischen Mutterlandes erklärt [12]. Am 25. April 1859 begann in Al-Farama, dem heutigen Port Said, der Bau des Suezkanals. Nach der ägyptischen Kanalbehörde nahmen rund 20.000 Ägypter unter sehr harten Bedingungen am Spatenstich teil [13]. Eröffnet wurde der Kanal am 17. November 1869 [13]. 1956 enteignete der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser die Suezkanalgesellschaft, die bis dahin Großbritannien und Frankreich gehörte. Nach Gabriele Metzler zeigte die folgende Krise die Grenzen der beiden Kolonialmächte [14]. Den Rückzug der europäischen Mächte beschreibt Die Dekolonisierung.
Das Mittelmeer heute
Seit 2008 besteht die Union für den Mittelmeerraum. Ihr gehören 43 Staaten an, darunter die EU-Mitgliedstaaten und 16 Länder im Süden und Osten des Mittelmeers [15].

2013 nahm die UNESCO die Mittelmeerküche in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Beteiligt sind Zypern, Kroatien, Spanien, Griechenland, Italien, Marokko und Portugal [16]. Die UNESCO beschreibt dabei Wissen und Bräuche vom Anbau und Fischfang bis zum gemeinsamen Essen. Das gemeinsame Essen ist für sie die Grundlage der kulturellen Identität der Gemeinschaften im Mittelmeerraum [16].
Über das Mittelmeer fliehen und migrieren jedes Jahr Menschen nach Europa. Viele von ihnen sterben auf der Überfahrt oder gelten als vermisst. Das Missing Migrants Project der Internationalen Organisation für Migration zählte für das Jahr 2025 mindestens 2.108 Tote und Vermisste im Mittelmeer, dazu mindestens 1.500 weitere Vermisste auf See, die sich nicht verifizieren ließen [20]. Für 2026 nannte die IOM bis zum 7. April mindestens 990 Tote und Vermisste [21]. Seit 2014 verzeichnet die Projektseite für das Mittelmeer 34.899 Menschen, wobei der letzte erfasste Vorfall vom 17. Mai 2026 stammt. Die Seite weist darauf hin, dass ihre Daten während einer Überarbeitung nicht aktuell sein können, und versteht die Zahlen als Mindestwerte [17]. Die längere Geschichte solcher Wanderungen behandelt Migration in der Geschichte.
Die wichtigsten Daten
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| um 814 v. Chr. | Überlieferte Gründung Karthagos [3] |
| 8. bis 6. Jh. v. Chr. | Griechische Kolonisation [4] |
| 264 bis 146 v. Chr. | Punische Kriege zwischen Rom und Karthago [3] |
| 711 | Beginn der muslimischen Eroberung Iberiens [6] |
| 15.07.1099 | Kreuzfahrer erobern Jerusalem [9] |
| 12.04.1204 | Kreuzfahrer und Venedig erobern Konstantinopel [19] |
| 1347 | Die Pest erreicht Sizilien [10] |
| 1453 | Osmanen erobern Konstantinopel [11] |
| 02.01.1492 | Fall Granadas, im selben Jahr Vertreibung der Juden aus Spanien [7, 8] |
| 1516 bis 1517 | Osmanen erobern den Maschrek [11] |
| 1830 | Frankreich besetzt Algier [12] |
| 17.11.1869 | Eröffnung des Suezkanals [13] |
| 2008 | Gründung der Union für den Mittelmeerraum [15] |
| 2013 | Mittelmeerküche wird immaterielles Kulturerbe [16] |
- Organisation Hommage à Fernand Braudel. Collège de France. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Phönizien (übersetzt von Marina Wrackmeyer). World History Encyclopedia. Stand 24.11.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Karthago (übersetzt von Wiebke Schulze). World History Encyclopedia. Stand 29.05.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Greek Colonization. World History Encyclopedia. Stand 07.05.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Western Roman Empire. World History Encyclopedia. Stand 27.09.2019. abgerufen am 29.10.2026
- Syed Muhammad Khan: Umayyad Dynasty. World History Encyclopedia. Stand 28.01.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Reconquista. World History Encyclopedia. Stand 05.10.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Predrag Bukovec: Sephardische Juden in der Frühen Neuzeit. Europäische Geschichte Online (EGO), Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz. Stand 08.04.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Crusades. World History Encyclopedia. Stand 12.10.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Black Death. World History Encyclopedia. Stand 05.04.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Osmanisches Reich (Kleines Islam-Lexikon). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Justine Bitam, Katrin Sold: Der Algerienkrieg. Ein unvollendeter Aufarbeitungsprozess (Dossier Frankreich). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 04.03.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Canal History. Suez Canal Authority. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Gabriele Metzler: Die Auflösung der europäischen Imperien und ihre Folgen (Informationen zur politischen Bildung 338). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Who we are. Union for the Mediterranean (UfM), Sekretariat. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Mediterranean diet (Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity, 2013). UNESCO. Stand 2013. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Missing Migrants Project: Mediterranean. Internationale Organisation für Migration (IOM). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Trade in Medieval Europe. World History Encyclopedia. Stand 08.01.2019. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: 1204: The Sack of Constantinople. World History Encyclopedia. Stand 01.02.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation 21 Migrants Died Every Day in 2025, New IOM Data Reveals (Pressemitteilung). Internationale Organisation für Migration (IOM), Regionalbüro Naher Osten und Nordafrika. Stand 27.02.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Mediterranean migrant deaths mounting towards 1,000 in 2026: UN. Al Jazeera. Stand 07.04.2026. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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