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Das Osmanische Reich: vom Fürstentum Osmans zur Republik Türkei
Das Osmanische Reich entstand um 1300 aus einem kleinen Fürstentum im Westen Anatoliens und eroberte 1453 Konstantinopel, das spätere Istanbul. In seiner größten Ausdehnung reichte es über Teile Europas, Asiens und Nordafrikas. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde 1922 das Sultanat abgeschafft, 1923 entstand die Republik Türkei.

Das Osmanische Reich trägt den Namen des turkmenischen Anführers Osman, dessen Nachkommen es über sechs Jahrhunderte regierten [1]. Aus einem kleinen Fürstentum im Westen Anatoliens wurde eine Großmacht, die zur Zeit ihrer größten Ausdehnung über drei Kontinente reichte [1, 2]. Mit der Eroberung Konstantinopels 1453 endete das Byzantinische Reich, die Stadt wurde als Istanbul osmanische Hauptstadt [1]. Das Sultanat bestand bis 1922 [1, 3].
Anfänge in Anatolien
Die Anfänge der Dynastie liegen im Dunklen. Das Jahr 1299 gilt traditionell als Gründungsjahr [4]. Für Osman selbst nennen die Quellen unterschiedliche Daten: Das Islam-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung gibt 1324 als Todesjahr an, die World History Encyclopedia lässt seine Herrschaft bis 1326 dauern [1, 3]. Das Reich wuchs aus dem Sultanat der Rum-Seldschuken heraus [2]. Kurz nach Osmans Tod fiel 1326 die Stadt Bursa, die erste Hauptstadt der Osmanen [3]. Osmans Sohn Orhan herrschte von 1326 bis 1362 [3].

1361 fiel Adrianopel, das heutige Edirne, an den Prinzen Murad. Er regierte als Murad I. von 1362 bis 1389, und seit seiner Zeit trug der Herrscher den Titel Sultan [3]. 1389 besiegte Murad auf dem Amselfeld im Kosovo eine Koalition europäischer Herrscher, starb aber in der Schlacht [3]. Am 25. September 1396 schlugen die Osmanen bei Nikopolis ein westliches Kreuzfahrerheer [3]. Dann kam ein schwerer Rückschlag: Am 28. Juli 1402 unterlag Sultan Bayezid I. bei Ankara dem zentralasiatischen Eroberer Timur und geriet in Gefangenschaft [3]. Seine Söhne kämpften bis 1413 um die Nachfolge. Mehmed I. setzte sich durch und gilt deshalb oft als zweiter Gründer des Reichs [3]. Im 14. und 15. Jahrhundert brachten die Osmanen Anatolien und große Teile des Balkans und des Schwarzmeerraums unter ihre Herrschaft [1]. 1444 schlug das Heer Murads II. bei Varna ein Kreuzfahrerheer unter König Władysław III., die Janitscharen hatten großen Anteil am Sieg [3].
Die Eroberung Konstantinopels 1453
Konstantinopel war damals nur noch der Rest des einst großen Byzantinischen Reichs, wie der Artikel über Byzanz zeigt. Sultan Mehmed II. nahm die Stadt am 29. Mai 1453 nach einer Belagerung von 54 Tagen ein [3, 4]. Die Hauptstadt der Osmanen, bis dahin Bursa und danach Edirne, wurde nach Istanbul verlegt [1]. Danach dehnte Mehmed II., genannt der Eroberer, seine Herrschaft auf Serbien, Griechenland und Bosnien aus und nahm 1461 Trapezunt am Schwarzen Meer ein. 1475 unterstellten sich ihm die Krimtataren, und das Schwarze Meer blieb für rund drei Jahrhunderte unter osmanischer Kontrolle [3].

In Europa schürte der Fall der Stadt die Angst vor weiteren türkischen Eroberungen. Zugleich setzte ein großer Kulturtransfer in italienische Seestädte wie Venedig und Genua ein [2]. Wie dieser Austausch die Kunst in Italien beeinflusste, beschreibt der Artikel über die Renaissance. Mit Konstantinopel kontrollierten die Osmanen auch die Dardanellen. Nach der World History Encyclopedia schloss das die alte Seidenstraße für ihre westlichen Gegner, und die osmanische Kontrolle über den Handel im Mittelmeer und im Indischen Ozean trieb europäische Mächte dazu, neue Wege nach Westen zu suchen [3]. Was daraus wurde, erzählt der Artikel über den Kolonialhandel.
Selim I. und Süleyman der Prächtige
Im 16. Jahrhundert wuchs das Reich nach Süden und Westen. Selim I. schlug 1514 bei Tschaldiran die persischen Safawiden und eroberte 1516 bis 1517 das Reich der Mamluken mit Syrien, Palästina, dem Hedschas und Ägypten [3]. Damit kamen auch die heiligen Stätten des Islam unter osmanische Herrschaft [1, 2].
Sein Sohn Süleyman I. regierte von 1520 bis 1566. Diese Zeit gilt meist als Höhepunkt der osmanischen Macht [4]. In westlichen Quellen heißt er "der Prächtige", in der osmanischen und türkischen Geschichtsschreibung Kanuni, der Gesetzgeber [4]. Er versuchte, das islamische Recht, die Scharia, mit dem Recht der Dynastie in Einklang zu bringen [5]. 1521 nahm er Belgrad ein, 1526 besiegte er bei Mohács das Heer König Ludwigs II. von Ungarn [5]. Süleyman starb in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1566 bei der Belagerung der ungarischen Festung Szigetvár [5]. Um 1600 lebten im Osmanischen Reich nach einer Schätzung 30 bis 35 Millionen Menschen [4].
Der Baumeister Mimar Sinan, geboren um 1488 bis 1490 und gestorben 1588, arbeitete für Süleyman und seine beiden Nachfolger. Von ihm stammen die Süleymaniye-Moschee in Istanbul, eingeweiht 1557, und die Selimiye-Moschee in Edirne, eingeweiht 1575. Einer seiner Schüler vollendete 1616 die Sultan-Ahmed-Moschee, die als Blaue Moschee bekannt ist [3].
Wie das Reich regiert wurde
Militär, Verwaltung und Justiz lagen in den Händen einer loyalen Elite. Sie wurde anfangs aus christlichen Jungen vom Balkan rekrutiert [1]. Bei dieser Knabenlese, osmanisch Devşirme, wurden Jungen vor allem vom Balkan und aus dem Kaukasus zwangsweise ausgehoben, zum Islam bekehrt und als Beamte oder Soldaten ausgebildet. Dem Sultan gegenüber galten sie als weitgehend rechtlos, ähnlich wie Sklaven [4]. Die Regel dafür entstand unter Murad I. [3].

Aus den Knaben gingen auch die Janitscharen hervor, ein stehendes Fußheer, das als Elite der osmanischen Armee galt [3, 4]. Ihr politischer Einfluss wuchs mit der Zeit [4]. Von der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts führten oft Großwesire und Paschas die Regierung, die Sultane dienten vor allem der Legitimation [1].
Amtliche Rechtsschule war die hanafitische. Christen, Juden und andere Nichtmuslime hatten eine weitgehende rechtliche Selbstverwaltung, zahlten aber eine Kopfsteuer, die Cizye [1]. Ausländische Kaufleute lebten nach Kapitulationen. Diese Verträge sicherten freien Handel und überließen den Partnern die Gerichtsbarkeit über ihre eigenen Leute im Reich, die erste erhielt 1352 Genua [4]. Mehr zur Religion der Osmanen steht im Artikel Die Geschichte des Islam.
Kriege mit Europa
Drei Jahre nach dem Sieg bei Mohács scheiterte Süleyman 1529 vor Wien [5]. Auf See unterlag die osmanische Flotte am 7. Oktober 1571 bei Lepanto der Heiligen Liga [3]. Die zweite Belagerung Wiens endete am 12. September 1683 mit einer schweren Niederlage, nach der das Reich nach Darstellung der World History Encyclopedia sein militärisches Ansehen verlor [3]. Weitere Gefechte dieser Zeit stellt der Artikel über die Schlachten der Neuzeit vor.
Im Frieden von Karlowitz musste das Reich 1699 große Gebiete in Europa abtreten, darunter Zentralungarn mit Siebenbürgen an Österreich sowie weitere Gebiete an Polen-Litauen und Venedig [3, 4]. Seine größte Ausdehnung hatte das Reich zuvor im 17. Jahrhundert erreicht, mit rund 5,2 Millionen Quadratkilometern [4].
Die World History Encyclopedia nennt mehrere Gründe für den Niedergang. Nach der Regierung Selims II. von 1566 bis 1574 zogen sich die Sultane aus der Verwaltung zurück, Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft breiteten sich aus, und Personen wie Kösem Sultan, Minister und Janitscharen gewannen Macht über die Herrscher. Dazu kamen eine schwächere Flotte und Geldmangel. Der Handel verlagerte sich außerdem auf Seewege, seit die Portugiesen um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien segelten [3]. Im Krieg gegen Russland von 1768 bis 1774 verlor die osmanische Flotte 1770 bei Çeşme viele Schiffe, und 1783 endete mit der Niederlage der Krimtataren gegen Russland die osmanische Vorherrschaft im östlichen Schwarzen Meer [3].
Reformen im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert verlor das Reich große Gebiete. Auf dem Balkan entstanden Nationalstaaten, und europäische Kolonialmächte drangen in die arabischen Provinzen vor [1]. Griechenland erkämpfte sich in der Revolution von 1821 bis 1829 die Unabhängigkeit, bis zum Ende des Jahrhunderts lösten sich auch Bulgarien, Serbien, Montenegro und Rumänien [3]. Im Krimkrieg von 1853 bis 1856 stand das Reich an der Seite Frankreichs, Großbritanniens und Sardinien-Piemonts gegen Russland. Der Frieden von Paris vom 30. März 1856 beendete den Krieg [3]. Die Sultane reagierten mit Reformen, die die Macht wieder bündelten und Verwaltung und Militär nach westlichem Vorbild umbauten [1]. Die Janitscharen wurden 1826 aufgelöst [3]. Abdülmecid I. begann 1839 die Tanzimat genannten Reformen, die sein Vater Mahmud II. vorbereitet hatte [3]. Ihre wichtigsten Edikte waren das Edikt von Gülhane von 1839, das allen Untertanen Rechtssicherheit zusagte, und der Erlass von 1856, der Muslime und Nichtmuslime gleichstellen sollte [4, 6]. Für viele Muslime war diese Gleichstellung nicht hinnehmbar, und sie wurde vielerorts nicht verwirklicht [6].

Am 23. Dezember 1876 trat eine Verfassung in Kraft, ausgearbeitet unter Federführung von Midhat Pascha. Sultan Abdülhamid II. setzte sie 1878 wieder außer Kraft [4]. 1908 stellten die Jungtürken die konstitutionelle Monarchie wieder her und setzten Abdülhamid 1909 ab. Danach lag die Macht bei Ministern, vor allem bei den drei Paschas Talat, Enver und Cemal [3]. Wie europäische Mächte im selben Jahrhundert ihre Reiche ausbauten, beschreibt der Artikel über den Imperialismus.
Das Ende des Reichs
Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Reich an der Seite der Mittelmächte [3]. Am 24. April 1915 begann die jungtürkische Regierung in Istanbul mit der Verhaftung und Ermordung armenischer Führungspersonen, danach wurde die armenische Bevölkerung in die syrische Wüste deportiert [6]. Die genaue Zahl der Opfer lässt sich nicht bestimmen, Mihran Dabag nennt Schätzungen zwischen 800.000 und über 1,5 Millionen [6]. Nach dem Historiker Hans-Lukas Kieser starb mehr als die Hälfte der 1,5 bis 2 Millionen osmanischen Armenier in Kleinasien in den Jahren 1915 und 1916, dazu kamen etwa 200.000 assyrische Christen [7]. Verantwortlich war die Führung des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt mit Talat, Enver und Cemal Pascha. Der türkische Staat lehnt die Bezeichnung Genozid bis heute ab [6]. Am 10. Juni 1916 rief Scherif Hussein ibn Ali in Mekka den Arabischen Aufstand gegen die Osmanen aus [3]. Die Niederlage im Krieg beendete die Herrschaft der Dynastie [1]. Am 1. November 1922 schaffte die Große Nationalversammlung in Ankara das Sultanat ab [3]. Nach einem Unabhängigkeitskrieg wurde 1923 unter Mustafa Kemal, später Atatürk genannt, die Republik Türkei gegründet [1, 4]. Das Kalifat, das die Sultane seit dem 18. Jahrhundert für sich beansprucht hatten, schaffte Mustafa Kemal 1924 ab [1, 3].
Wie das Erbe der Osmanen zu bewerten ist, bleibt umstritten. Nationalistische Geschichtsschreibungen beschrieben die osmanische Zeit lange als Fremdherrschaft. Die Idee einer "Pax Ottomanica" stellt das Reich dagegen als Vorbild religiöser Toleranz dar, während Kritiker die rechtliche Ungleichheit und die Gewalt betonen [1]. Wie die Länder des Nahen Ostens nach 1918 entstanden, zeigt der Überblick zur Geschichte des Nahen Ostens.
- Organisation Osmanisches Reich (Islam-Lexikon). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Expansion des osmanischen Reiches (Dossier Türkei). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 05.08.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Syed Muhammad Khan: Ottoman Empire. World History Encyclopedia. Stand 24.08.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Osmanisches Reich. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Suleiman the Magnificent (Oxford University Press). World History Encyclopedia. Stand 27.02.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Mihran Dabag: Der Genozid an den Armeniern (Dossier Türkei). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 22.08.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Hans-Lukas Kieser: Der jungtürkische Genozid im Ersten Weltkrieg. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 26.04.2016. abgerufen am 29.10.2026
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