Das 20. JahrhundertRatgeber
Die Oktoberrevolution: wie die Bolschewiki 1917 die Macht übernahmen
Die Oktoberrevolution war der Umsturz der Bolschewiki unter Lenin in Petrograd in der Nacht zum 25. Oktober 1917 nach julianischem Kalender, also zum 7. November nach heutiger Zählung. Bewaffnete Einheiten besetzten die Stadt und setzten die Provisorische Regierung ab. Nach einem Bürgerkrieg mit acht bis zehn Millionen Opfern entstand Ende 1922 die Sowjetunion.

In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 1917 besetzten Rote Garden und bolschewistische Truppen die wichtigsten Gebäude und Verkehrsknoten in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg [2]. Russland rechnete damals noch nach dem julianischen Kalender, der 13 Tage hinter dem gregorianischen lag. Nach heutiger Zählung war es die Nacht zum 7. November [1]. Die Bolschewiki unter Lenin setzten die Provisorische Regierung ab und mussten ihre Macht danach in einem jahrelangen Bürgerkrieg verteidigen. Aus ihrem Staat ging am 30. Dezember 1922 die Sowjetunion hervor [8]. Wie es zum Sturz des Zaren kam, schildert der Artikel über die Russische Revolution 1905 bis 1917. Hier geht es um den Umsturz im Herbst 1917 und die Jahre bis zu Lenins Tod.
Vom Februar zum Oktober 1917
Russland war im Ersten Weltkrieg militärisch und wirtschaftlich überfordert. Niederlagen und die schlechte Versorgung der Städte kosteten Zar Nikolaus II. das Vertrauen [1, 2]. Im Februar 1917 demonstrierten in Petrograd Frauen für mehr Brot, Arbeiter schlossen sich an, und die Soldaten weigerten sich zu schießen [2]. Am 15. März 1917 dankte der Zar ab. Die Herrschaft der Romanows endete nach 300 Jahren [1, 2]. Fürst Georgi Lwow bildete eine Provisorische Regierung, Alexander Kerenski wurde Justizminister [1].
Neben der Regierung bestand der Petrograder Sowjet, ein Rat der Arbeiter und Soldaten. Lenin nannte dieses Nebeneinander im April 1917 "Doppelherrschaft" [1]. Die Provisorische Regierung verkündete Bürgerrechte, eine politische Amnestie und die Gleichheit unabhängig von Religion und Nationalität. Die Landfrage verschob sie aber auf eine Verfassunggebende Versammlung, und den Krieg führte sie weiter [2]. Eine gescheiterte Offensive im Sommer 1917 kostete sie den Rückhalt der Soldaten. Viele Bauern nahmen sich das Land der Gutsbesitzer auf eigene Faust [4].
Lenin und die Aprilthesen
Lenin hieß eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow und war 1870 in Simbirsk zur Welt gekommen. Sein älterer Bruder Alexander wurde 1887 wegen eines geplanten Attentats auf den Zaren hingerichtet [5]. Auf dem Parteitag 1903 in London setzte Lenin sein Modell einer straffen Partei durch, die russische Sozialdemokratie spaltete sich in Bolschewiki und Menschewiki [5]. Nach der Februarrevolution verhandelte er mit der deutschen Regierung über eine Durchreise, fuhr am 9. April 1917 im Sonderzug von Zürich ab und kam am 16. April in Petrograd an [1]. Das Deutsche Reich unterstützte ihn auch mit Geld, weil es hoffte, Russland damit im Krieg zu schwächen [5]. Sein Lebensweg steht ausführlich im Artikel über Lenin.
Gleich nach der Ankunft trug Lenin seine Aprilthesen vor. Er forderte "Alle Macht den Sowjets", ein sofortiges Ende des Krieges, die Enteignung des Großgrundbesitzes und die Verstaatlichung der Banken [1]. Im Juli 1917 weigerte sich ein Maschinengewehrregiment, an die Front zu gehen. Daraus wurde ein Aufstand, dem sich rund 500.000 Arbeiter und 10.000 Matrosen aus Kronstadt anschlossen. Er scheiterte, die Regierung erließ Haftbefehl gegen Lenin, und er floh nach Finnland. Am 21. Juli 1917 übernahm Kerenski das Amt des Ministerpräsidenten [1].
Der Umsturz in Petrograd
Am 23. Oktober 1917 nach heutigem Kalender billigte das Zentralkomitee der Bolschewiki den bewaffneten Aufstand mit zehn zu zwei Stimmen [1]. Lenin hatte ihn gegen Widerstände in der eigenen Partei durchgesetzt [2]. Am 6. November zog er in das Smolny-Institut, am 7. November besetzten bewaffnete Einheiten die strategischen Punkte der Stadt [1]. Der "Sturm auf das Winterpalais", in dem die Regierung tagte, verlief rasch und weitgehend unblutig. Kerenski hatte Petrograd schon verlassen [1]. In der folgenden Nacht wurden die Minister der Provisorischen Regierung verhaftet [2].

In Petrograd stießen die Bolschewiki kaum auf Widerstand. In Moskau wurde dagegen vom 7. bis zum 15. November gekämpft, mit mehreren Hundert Toten [1, 2]. Am Abend des 7. November trat in Petrograd der Zweite Allrussische Sowjetkongress zusammen. Die Bolschewiki stellten etwa 300 von rund 670 Delegierten und hatten damit keine eigene Mehrheit [1]. Lenin übernahm den Vorsitz im Rat der Volkskommissare, der neuen Regierung. Leo Trotzki wurde für die auswärtigen Angelegenheiten zuständig, Josef Stalin für die Nationalitätenfragen [1].
Revolution oder Putsch?
Wie der Oktober 1917 einzuordnen ist, beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Der Potsdamer Historiker Ernst Piper unterscheidet scharf zwischen beiden Umbrüchen des Jahres. Die Februarrevolution sei ein von Volksmassen erzwungener Regimewechsel gewesen, die Oktoberrevolution dagegen ein genau geplanter Militärputsch [1]. Der Osteuropahistoriker Manfred Hildermeier sieht es ähnlich: Erst der Februar beendete die Autokratie, der Oktober brachte die Alleinherrschaft einer Partei. Zugleich legte dieser Putsch nach seiner Deutung die Grundlage für eine tiefgreifende soziale Umwälzung [4].
Hildermeier beschreibt auch die ältere Debatte. Seit den 1950er-Jahren streiten Historiker darüber, ob vor allem der Krieg die Revolution auslöste oder lange gewachsene Krisen aus Industrialisierung und sozialen Spannungen. Neuere Arbeiten neigen zur ersten Deutung, er selbst sieht Belege für beide [4]. Jörg Baberowski betont dagegen die Gewalt. Die Bolschewiki hätten 1917 nur wenige Mitglieder gehabt und auf dem Land kaum Rückhalt. Erfolgreich seien sie gewesen, weil sie die Sprache der Straße sprachen und zu rücksichtsloser Gewalt bereit waren [7].
Die ersten Dekrete
Noch in der Nacht der Machtübernahme verabschiedete der Sowjetkongress zwei Dekrete, die auf den 8. November datiert sind. Das Dekret über den Frieden bot allen Kriegsparteien sofortige Verhandlungen an. Das Dekret über Grund und Boden enteignete die Gutsbesitzer ohne Entschädigung und erklärte das Land zum Volkseigentum [1]. Es folgten die Verstaatlichung der Banken, die Arbeiterkontrolle in den Fabriken und die Trennung von Staat und Kirche. Die alte Armee, Polizei und Justiz wurden aufgelöst, oppositionelle Zeitungen verboten [2].

Am 11. Dezember 1917 verboten die Bolschewiki die liberale Partei der Kadetten. Am 20. Dezember gründeten sie die Tscheka, eine Geheimpolizei, die außerhalb jeder gerichtlichen Kontrolle arbeitete [1, 4].
Das Ende der Verfassunggebenden Versammlung
Die Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung hatte noch die Regierung Kerenski angesetzt. Sie fand am 25. November 1917 statt. Die Bolschewiki gewannen 168 von 707 Mandaten. Sie lagen nur in Petrograd und Moskau vorn, auf dem Land siegten die Sozialrevolutionäre [1]. Als die Versammlung am 18. Januar 1918 zusammentrat, lösten die Bolschewiki sie mit Waffengewalt auf und schlugen die anschließenden Proteste nieder [1, 4]. Danach verfolgten sie Liberale ebenso wie konkurrierende Sozialisten [4]. Worin sich eine Demokratie von einer solchen Parteiherrschaft unterscheidet, erklärt die Seite Was ist Demokratie? auf demokratie.domain-root.de.
Der Frieden von Brest-Litowsk
Am 15. Dezember 1917 schlossen Russland und die Mittelmächte einen Waffenstillstand. Die Friedensgespräche in Brest-Litowsk begannen am 8. Januar 1918, für Russland verhandelte Trotzki [3]. Am 10. Februar erklärte er den Krieg einseitig für beendet, ohne einen Vertrag zu unterschreiben. Daraufhin rückten deutsche Truppen ab dem 19. Februar weiter nach Osten vor [3]. Am 3. März 1918 unterzeichnete Sowjetrussland den Frieden. Der Vertrag sah von Deutschland abhängige Staaten von der Ukraine bis ins Baltikum vor. Russland hätte damit fast ein Drittel seiner Bevölkerung und mehr als die Hälfte seiner Industrieanlagen verloren [3]. Der Versailler Vertrag hob den Frieden von Brest-Litowsk später auf [3].
Im März 1918 benannten sich die Bolschewiki in Kommunistische Partei Russlands um, und Moskau wurde Hauptstadt [1].
Bürgerkrieg und Roter Terror
Ab 1918 kämpften die "Roten" gegen die "Weißen", die meist unter monarchistisch gesinnten Generälen standen und unter anderem von Großbritannien, Frankreich, den USA und Japan unterstützt wurden. Sozialrevolutionäre, Bauernbewegungen, Kosaken und die Matrosen von Kronstadt verfolgten eigene Ziele [2]. Polen, Finnen und die baltischen Völker gründeten in diesen Jahren dauerhaft eigene Staaten [2]. Im August 1918 überlebte Lenin ein Attentat einer Sozialrevolutionärin [5]. Am 5. September 1918 beschloss die Regierung den Roten Terror [1]. In der Nacht zum 17. Juli 1918 wurden der abgesetzte Zar und seine Familie erschossen [1].

Die Bolschewiki gewannen den Krieg, weil sie das russische Kernland mit seinen Verkehrswegen hielten, die Rote Armee aufbauten und Bündnisse mit nichtrussischen Völkern schlossen [4]. Ihre Herrschaft wurde dabei zentralistisch und militärisch [4]. Der Bürgerkrieg forderte nach Angaben des Deutschen Historischen Museums acht bis zehn Millionen Opfer, mehr als der Erste Weltkrieg in Russland [2].
Hunger, Kronstadt und die Neue Ökonomische Politik
Die Regierung ließ den Bauern das Getreide zwangsweise abnehmen. Das trug zu einer Hungersnot bei, die 1921 und 1922 rund fünf Millionen Menschen das Leben kostete [4]. Am 28. Februar 1921 erhoben sich die Matrosen der Festung Kronstadt vor Petrograd gegen die Regierung, im März ließ Trotzki den Aufstand blutig niederschlagen [6]. Auch Bauernaufstände wie im Gebiet Tambow wurden unterdrückt [4].
Im März 1921 verkündete Lenin die Neue Ökonomische Politik, kurz NEP. Sie erlaubte eine teilweise Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Methoden [6]. Der freie Handel war wieder zugelassen [7].
Die Gründung der Sowjetunion
Am 30. Dezember 1922 schlossen sich die Sowjetrepubliken zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammen, der UdSSR [8]. 1923 wurde das Gebiet des alten Imperiums in nationale Republiken und Gebiete neu gegliedert [7]. Bereits 1919 hatte Lenin die Kommunistische Internationale gegründet, den Zusammenschluss kommunistischer Parteien [5]. Die Geschichte dieser Idee erzählt der Artikel über den Kommunismus.
Lenin erlitt 1922 zwei Schlaganfälle. In einem Brief warnte er vor Machtkämpfen um seine Nachfolge und vor Stalins Ehrgeiz. Nach einem weiteren Schlaganfall 1923 konnte er kaum noch regieren und Stalin nicht mehr absetzen [5]. Er starb am 21. Januar 1924 in Gorki bei Moskau. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und im Mausoleum auf dem Roten Platz ausgestellt [5]. Hildermeier hält es für möglich, dass sich der Staat von 1921 zum Stalinismus weiterentwickeln konnte, sieht die Frage der Kontinuität aber als offen an [4]. Wie es weiterging, zeigen die Artikel über Josef Stalin und die Geschichte Russlands. Die Sowjetunion bestand bis zum 26. Dezember 1991 [8].
Wichtige Daten im Überblick
| Datum (gregorianisch) | Ereignis |
|---|---|
| 15.03.1917 | Abdankung von Nikolaus II. |
| 16.04.1917 | Lenin trifft in Petrograd ein |
| 07.11.1917 | Umsturz in Petrograd, Sowjetkongress tritt zusammen |
| 08.11.1917 | Dekrete über den Frieden und über Grund und Boden |
| 20.12.1917 | Gründung der Tscheka |
| 18.01.1918 | Auflösung der Verfassunggebenden Versammlung |
| 03.03.1918 | Frieden von Brest-Litowsk |
| 28.02. bis 18.03.1921 | Kronstädter Aufstand |
| 08.03.1921 | Beginn der NEP |
| 30.12.1922 | Gründung der UdSSR |
| 21.01.1924 | Tod Lenins |
- Behörde Ernst Piper: Russische Revolution, in: Informationen zur politischen Bildung aktuell. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 24.08.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Kristiane Janeke: Russische Revolution (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 03.11.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Manfred Wichmann: Friede von Brest-Litowsk 1918 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 12.06.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution und ihre Folgen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.08.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Manfred Wichmann: Wladimir I. Lenin 1870 bis 1924 (LeMO Biografie). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation LeMO Jahreschronik 1921. Deutsches Historisches Museum. Stand 31.08.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Jörg Baberowski: Was war die Oktoberrevolution?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 22.10.2007. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Glossar, in: Informationen zur politischen Bildung 358, Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 17.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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