Das 20. JahrhundertRatgeber

Die Weimarer Republik: die erste deutsche Demokratie 1918 bis 1933

Die Weimarer Republik war die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland. Sie begann mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und der Verfassung von 1919 und endete mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Ihren Namen hat sie von der Stadt Weimar, wo 1919 die Nationalversammlung tagte.

Menschen in Mänteln und Hüten der Zeit um 1919 warten vor einem klassizistischen Theaterbau mit Säulen
Bild: KI-generiert

Die Weimarer Republik dauerte gut 14 Jahre und hatte in dieser Zeit 16 Reichsregierungen [1]. Sie entstand aus Kriegsniederlage und Revolution, überstand Putschversuche und eine Inflation, die Ersparnisse von Millionen Menschen vernichtete, und erlebte ab 1924 einige ruhigere Jahre. In der Weltwirtschaftskrise verlor sie ihren Rückhalt. Am 30. Januar 1933 endete sie mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler [1].

Revolution 1918/19 und Ausrufung der Republik

Ende September 1918 gab die deutsche Militärführung den Ersten Weltkrieg verloren. Als die Seekriegsleitung die Flotte trotz laufender Waffenstillstandsgespräche zu einem letzten Gefecht auslaufen lassen wollte, meuterten Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel. Innerhalb weniger Tage breitete sich der Aufstand aus, bis zum 10. November bildeten sich in fast allen größeren Städten Arbeiter- und Soldatenräte [2]. Wie es zu dieser Lage kam, beschreibt der Artikel über den Ersten Weltkrieg.

Matrosen und Arbeiter in Kleidung von 1918 ziehen an einem grauen Novembertag über einen breiten Boulevard
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Am 9. November 1918 erreichte die Bewegung Berlin. Reichskanzler Max von Baden gab eigenmächtig den Thronverzicht Wilhelms II. bekannt und übertrug das Kanzleramt an den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Gegen 14 Uhr rief Philipp Scheidemann (SPD) von einem Fenster des Reichstags die Republik aus, ohne sich mit Ebert abzusprechen. Er wollte damit Karl Liebknecht zuvorkommen, der am selben Tag die "freie sozialistische Republik" ausrief [2].

Am 10. November bildeten SPD und USPD den Rat der Volksbeauftragten. Am selben Tag sicherte General Wilhelm Groener der neuen Regierung die Unterstützung des Militärs gegen linksradikale Aufstände zu, im Gegenzug garantierte Ebert der Armeeführung ihre Selbstständigkeit (Ebert-Groener-Pakt) [2]. Der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte entschied sich im Dezember 1918 mit großer Mehrheit für Wahlen zu einer Nationalversammlung und gegen ein Rätesystem. Der Januaraufstand in Berlin vom 5. bis 12. Januar 1919 scheiterte, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von Mitgliedern eines Freikorps ermordet. Bei den Märzkämpfen 1919 in Berlin starben fast 1.200 Menschen, die Münchner Räterepublik schlugen Freikorps im Frühjahr 1919 nieder [2].

Nationalversammlung und Weimarer Verfassung

Am 19. Januar 1919 wählten die Deutschen die Nationalversammlung. Zum ersten Mal durften Frauen wählen und gewählt werden. Der Rat der Volksbeauftragten hatte das Frauenwahlrecht am 12. November 1918 verkündet, 37 Frauen zogen als erste weibliche Abgeordnete ein, knapp 10 Prozent der Sitze [6]. Wegen der unruhigen Lage in Berlin trat die Versammlung am 6. Februar 1919 in Weimar zusammen. Sie wählte Ebert zum vorläufigen Reichspräsidenten. Dieser beauftragte am 11. Februar 1919 Scheidemann mit der Regierungsbildung, es entstand die "Weimarer Koalition" aus SPD, Zentrum und DDP [3].

Die Verfassung beruhte auf einem Entwurf des liberalen Staatsrechtlers Hugo Preuß. Die Nationalversammlung verabschiedete sie am 31. Juli 1919, am 14. August 1919 trat sie in Kraft [3]. Die Abstimmung endete mit 262 zu 75 Stimmen [4].

OrganRegelung in der Weimarer Verfassung
Reichstaggewählt für vier Jahre, allgemein, gleich und geheim; Gesetzgebung, Haushalt, Kontrolle der Regierung
Reichsregierungabhängig vom Vertrauen des Reichstags
Reichspräsidentdirekt vom Volk gewählt für sieben Jahre; durfte den Reichstag auflösen und nach Artikel 48 Notverordnungen erlassen
ReichsratVertretung der Länder mit aufschiebendem Vetorecht
VolkVolksbegehren und Volksentscheid als Weg zu Gesetzen

Die Angaben der Tabelle stammen aus den LeMO-Kapiteln zur Verfassung und zum Wahlrecht [4, 5]. Der starke Reichspräsident wurde schon damals als "Ersatzkaiser" gesehen. Die Parteien erwähnte die Verfassung nicht als Teil der politischen Willensbildung [4]. Gewählt wurde nach Verhältniswahl ohne Sperrklausel. 1928 traten 37 Parteien an, 15 kamen in den Reichstag. Keine Partei erreichte je eine absolute Mehrheit, jede Regierung brauchte eine Koalition [5].

Versailler Vertrag und Krisenjahre bis 1923

Der Versailler Vertrag wurde am 28. Juni 1919 unterzeichnet und trat am 10. Januar 1920 in Kraft. Deutschland verlor ein Siebtel seines Gebiets mit einem Zehntel der Bevölkerung und alle Kolonien, das Heer wurde auf 100.000 Berufssoldaten begrenzt. Der Vertrag schrieb die Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für den Krieg fest, darauf stützten sich die Reparationsforderungen. Von der äußersten Rechten bis zur Sozialdemokratie lehnten die meisten Deutschen ihn als "Diktat- und Schandfrieden" ab [7]. 1921 bezifferten die Alliierten die Reparationen auf mehr als 132 Milliarden Goldmark [9].

Eine Frau in Kleidung der Zwanzigerjahre steht mit leerem Einkaufskorb vor leeren Regalen eines kleinen Ladens
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Gewalt prägte die ersten Jahre. Am 13. März 1920 besetzte General Walther von Lüttwitz mit der Marinebrigade Ehrhardt das Berliner Regierungsviertel. Die Reichswehr griff nicht ein, die Regierung floh. Nach vier Tagen brach der Lüttwitz-Kapp-Putsch zusammen, weil die Ministerialbeamten Wolfgang Kapp nicht folgten und ein Generalstreik das Land lahmlegte [8]. Die Hetze der nationalen Rechten gegen die Republik und ihre Vertreter traf im Juni 1922 Außenminister Walther Rathenau, er wurde ermordet [1].

Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, weil Deutschland mit Reparationen in Verzug war. Die Reichsregierung rief zum passiven Widerstand auf und bezahlte die Streikenden mit neu gedrucktem Geld [1, 9]. Die Inflation lief nun völlig aus dem Ruder. Im November 1923 ließ die Reichsbank einen Schein über 100 Billionen Mark drucken, der Reallohn fiel auf etwa 40 Prozent des Vorkriegsstands. Am 15. November 1923 kam die Rentenmark, ein Dollar entsprach 4,2 Billionen Papiermark oder 4,20 Rentenmark [9].

Wenige Tage vorher, am 8. und 9. November 1923, versuchte Adolf Hitler in München einen Putsch. Der Marsch zur Feldherrnhalle endete im Feuer der Polizei, vier Polizisten und 16 Teilnehmer des Marsches starben. Hitler erhielt 1924 fünf Jahre Festungshaft, ein vergleichsweise mildes Urteil [10].

Die "Goldenen Zwanziger" 1924 bis 1929

Nach der Währungsreform beruhigte sich die Lage [1]. Der Dawes-Plan von 1924 ordnete die Reparationen neu und brachte eine Anleihe von 800 Millionen Goldmark, im Oktober 1924 führte die Reichsbank die Reichsmark ein [9]. Mitte der 1920er Jahre gingen täglich etwa zwei Millionen Menschen ins Kino, die Zahl der angemeldeten Rundfunkgeräte stieg innerhalb von zehn Jahren von knapp 10.000 auf über 5,4 Millionen [1].

Paare in Abendkleidung der Zwanzigerjahre tanzen in einem Tanzsaal mit Art-déco-Einrichtung bei warmem Licht
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Außenminister Gustav Stresemann (DVP) suchte die Verständigung mit den früheren Kriegsgegnern. Die Verträge von Locarno wurden am 16. Oktober 1925 abgeschlossen und am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnet. Deutschland bestätigte darin seine Westgrenze, die Ostgrenze blieb offen [19]. Am 10. September 1926 trat das Reich dem Völkerbund bei, Stresemann und der französische Außenminister Aristide Briand erhielten 1926 den Friedensnobelpreis [11]. 1927 beschloss der Reichstag die Arbeitslosenversicherung, erstmals hatten Arbeiter und Angestellte einen Rechtsanspruch auf Unterstützung [13].

Ein Bruch zeigte sich bei der Präsidentenwahl. Friedrich Ebert starb am 28. Februar 1925. Im zweiten Wahlgang am 26. April 1925 gewann Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg mit 48,3 Prozent, ein Monarchist, der aus seiner Gesinnung nie ein Hehl gemacht hatte [14]. Stresemann starb am 3. Oktober 1929 [11].

Weltwirtschaftskrise und Präsidialkabinette

Mit dem Börsenkrach in New York im Oktober 1929 zogen ausländische Geldgeber ihre Kredite aus Deutschland ab. Die Industrieproduktion fiel um etwa 40 Prozent, die Zahl der Arbeitslosen stieg bis Anfang 1933 auf über sechs Millionen [16]. Wie die Krise weltweit verlief, erklärt der Artikel zur Weltwirtschaftskrise ab 1929.

Eine lange Schlange von Männern in abgetragenen Mänteln wartet im Hof eines Backsteingebäudes
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Am 27. März 1930 zerbrach die Große Koalition unter Hermann Müller (SPD) am Streit um eine Beitragserhöhung der Arbeitslosenversicherung um einen halben Prozentpunkt. Hindenburg ernannte am 29. März Heinrich Brüning (Zentrum) zum Reichskanzler eines Kabinetts, das vom Vertrauen des Präsidenten abhing und nicht mehr von einer Mehrheit im Reichstag. Brüning setzte sein Sparprogramm mit Notverordnungen durch. Seine Nachfolger Franz von Papen und Kurt von Schleicher hatten noch weniger Rückhalt im Parlament [12, 13].

Am 20. Juli 1932 setzte Hindenburg per Notverordnung die preußische Regierung unter Otto Braun (SPD) ab und machte Papen zum Reichskommissar für Preußen. Damit endete die letzte wichtige Regierungsbeteiligung der SPD [15].

Wahlen und Aufstieg der NSDAP

Die NSDAP war 1925 neu gegründet worden und gab sich seither offiziell einen "Legalitätskurs" [20]. Die Krise trieb ihr die Wähler zu, ebenso der KPD. Die Ergebnisse der Reichstagswahlen in Prozent der Stimmen [17, 18]:

WahlNSDAPKPDSPD
19282,610,629,8
193018,313,124,5
Juli 193237,314,321,6
November 193233,116,920,4
März 193343,912,318,3

Nach der Wahl vom 31. Juli 1932 war die NSDAP mit Abstand stärkste Partei. NSDAP und KPD stellten zusammen mehr als die Hälfte der Abgeordneten und konnten den Reichstag nach Belieben blockieren [18]. Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Er sah darin eine Fortsetzung seiner Präsidialkabinette [12]. Was danach geschah, beschreibt der Artikel Der Nationalsozialismus.

Warum die Republik scheiterte

Mehrere Lasten kamen zusammen. Die häufigen Regierungswechsel schwächten die Stabilität. Der Versailler Vertrag blieb eine ständige Quelle nationaler Enttäuschung, gegen die die Rechte mit Hass und Antisemitismus hetzte. Die Inflation von 1923 kostete viele Menschen das Vertrauen in den Staat, und in der Weltwirtschaftskrise fand der Staat keine Mittel gegen Not und Arbeitslosigkeit [1]. Hinzu kamen die Machtfülle des Reichspräsidenten und die Möglichkeit, mit Notverordnungen am Parlament vorbei zu regieren [4, 12].

Aus diesen Erfahrungen zog das Grundgesetz von 1949 Lehren, etwa beim schwächeren Amt des Bundespräsidenten. Wie das heutige Wahlrecht eine Zersplitterung des Parlaments verhindern soll, erklärt die Seite Die Fünf-Prozent-Hürde, die Rolle des Staatsoberhaupts heute die Seite Der Bundespräsident. Die politische Sicht auf das Scheitern der ersten Demokratie behandelt politische-news.de.

  1. Organisation Arnulf Scriba: Die Weimarer Republik (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 06.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Arnulf Scriba: Die Revolution von 1918/19 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.08.2015. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Gerhard Altmann, Oliver Schweinoch: Die Nationalversammlung (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.08.2018. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Arnulf Scriba: Die Verfassung der Weimarer Republik (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 01.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Johannes Leicht: Parteien, Wahlen und Wahlrecht (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 03.04.2005. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Cordula Jurczyk: Einführung des Frauenwahlrechts (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 16.01.2019. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Arnulf Scriba: Der Versailler Vertrag (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Burkhard Asmuss: Der Lüttwitz-Kapp-Putsch 1920 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 08.06.2011. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Michael Kunzel: Die Inflation (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Burkhard Asmuss: Der Hitler-Putsch 1923 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 12.07.2019. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation Burkhard Asmuss, Arnulf Scriba: Die Konferenz von Locarno 1925 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Rebekka von Mallinckrodt: Präsidialkabinette (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 27.05.2015. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation Arnulf Scriba: Die Arbeitslosenversicherung (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 25.03.2007. abgerufen am 29.10.2026
  14. Organisation Carola Jüllig: Die Reichspräsidentenwahl 1925 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 17.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  15. Organisation Wolfgang Scheuermann-Peilicke: Der "Preußenschlag" 1932 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  16. Organisation Oliver Schweinoch, Arnulf Scriba: Die Weltwirtschaftskrise (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.12.2022. abgerufen am 29.10.2026
  17. Übersicht über die Reichstagswahlen 1919 bis 1933 (Wahlen in der Weimarer Republik). gonschior.de. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  18. Organisation Ergebnis der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 (LeMO-Objekt). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  19. Behörde Die Verträge von Locarno (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 24.11.2025. abgerufen am 29.10.2026
  20. Organisation Burkhard Asmuss, Klaus-Peter Merta: Neugründung der NSDAP 1925 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026

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