Das 20. JahrhundertRatgeber

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929: vom Börsenkrach zur Massenarbeitslosigkeit

Die Weltwirtschaftskrise war der tiefste Wirtschaftseinbruch der modernen Industriegeschichte. Sie begann 1929 in den USA, wurde durch den Börsenkrach im Oktober 1929 und Bankenkrisen von 1930 bis 1933 verschärft und erreichte im Frühjahr 1933 ihren Tiefpunkt. In Deutschland stieg die Zahl der Arbeitslosen auf über sechs Millionen, in den USA war 1933 fast ein Viertel der Erwerbstätigen ohne Arbeit.

Männer in Anzügen und Hüten der Zwanzigerjahre stehen besorgt vor einem großen Steingebäude mit Säulen
Bild: KI-generiert

Im Oktober 1929 brachen an der New Yorker Börse die Kurse ein. Aus dem Kurssturz wurde in den folgenden Jahren eine Krise, die fast alle Industriestaaten erfasste: Banken gingen reihenweise pleite, der Welthandel schrumpfte, Millionen Menschen verloren ihre Arbeit [1, 3]. In den USA dauerte der Abschwung mit Unterbrechungen bis in den Zweiten Weltkrieg [3]. In Deutschland trug die Krise dazu bei, dass die Weimarer Republik zerbrach [1].

Boom und Spekulation in den 1920er Jahren

In den USA stieg der Aktienindex Dow Jones von 63 Punkten im August 1921 auf 381 im September 1929, er versechsfachte sich also [2]. Neue Technik wie Autos und Telefone verbreitete sich, und auch Menschen mit kleinem Einkommen legten Geld in Aktien an. Viele kauften auf Kredit: Sie zahlten typischerweise 10 Prozent des Preises selbst und liehen sich den Rest, die gekauften Aktien dienten als Sicherheit [2].

Die US-Notenbank (Federal Reserve) sah die Spekulation kritisch. Im August 1929 erhöhte die New Yorker Notenbank ihren Diskontsatz auf 6 Prozent. Wegen des internationalen Goldstandards mussten auch andere Notenbanken ihre Zinsen anheben, die knappe Geldpolitik drückte mehrere Volkswirtschaften in die Rezession [2]. Nach heutiger Datierung der Federal Reserve begann der Abschwung in den USA schon im August 1929, also vor dem Börsenkrach [3].

Der Börsenkrach im Oktober 1929

Am Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, setzte der Kurssturz in New York ein [7, 10]. Am Montag, dem 28. Oktober, verlor der Dow Jones fast 13 Prozent, am Dienstag darauf fast 12 Prozent. Bis Mitte November hatte er fast die Hälfte seines Werts eingebüßt [2].

Ein verlassener Handelssaal der späten Zwanzigerjahre mit verstreuten Papierzetteln auf dem Holzboden
Bild: KI-generiert
DatumEreignis
03.09.1929Höchststand des Dow Jones bei 381,17 Punkten
24.10.1929"Schwarzer Donnerstag", Beginn des Kurssturzes
28.10.1929Minus von fast 13 Prozent
29.10.1929Minus von fast 12 Prozent
08.07.1932Tiefststand bei 41,22 Punkten, 89 Prozent unter dem Höchststand
23.11.1954Der Index erreicht wieder das Niveau von 1929

Die Tabelle folgt den Angaben der Federal Reserve und der LeMO-Chronik, die Bezeichnung "Schwarzer Donnerstag" dem LeMO-Rückblick [2, 7, 13].

Bankenkrisen in den USA

Im Herbst 1930 sah es zunächst nach einer Erholung aus. Im November 1930 löste der Zusammenbruch der Finanzgruppe Caldwell and Company in Nashville eine Kette von Bankpleiten aus. Kunden stürmten ihre Banken und hoben ihr Geld ab, innerhalb weniger Wochen stellten Hunderte Banken den Betrieb ein [4]. Am 11. Dezember 1930 schloss die Bank of United States, die viertgrößte Bank New Yorks [4].

Die Federal Reserve versagte in dieser Lage als Kreditgeber der letzten Instanz. Von Herbst 1930 bis Winter 1933 schrumpfte die Geldmenge um fast 30 Prozent, die Preise fielen [3]. Der spätere Notenbankchef Ben Bernanke sagte 2002 öffentlich, die Fehler der Federal Reserve hätten zur Krise beigetragen [3].

Anfang März 1933 stand das Bankensystem vor dem Zusammenbruch. Am 4. März blieben alle zwölf regionalen Notenbanken geschlossen, in 37 Bundesstaaten waren Banken ganz zu oder durften nur begrenzt auszahlen [5]. Der neue Präsident Franklin D. Roosevelt ordnete am 6. März 1933 eine landesweite Schließung aller Banken an. Am 9. März verabschiedete der Kongress den Emergency Banking Act, bis zum 15. März hatten Banken, die 90 Prozent der Ressourcen des Bankensystems hielten, wieder geöffnet [5].

Wie die Krise nach Europa kam

Deutschland hing in den 1920er Jahren stark an kurzfristigen Krediten aus dem Ausland. Nach dem Börsenkrach zogen die Geldgeber diese Kredite ab, Firmen gingen in Konkurs, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit stiegen sprunghaft [7]. In den USA und in Europa setzten sich Schutzzölle durch [1]. Der amerikanische Smoot-Hawley-Zoll von 1930 wurde zum Sinnbild dieser Politik. Die US-Importe aus Europa sanken von 1.334 Millionen Dollar 1929 auf 390 Millionen Dollar 1932 [6].

Im Frühjahr 1931 griff die Krise auf das Bankwesen in Mitteleuropa über. Am 11. Mai 1931 wurde der Zusammenbruch der Wiener Creditanstalt bekannt, einer der führenden Banken Österreichs. Zur Rettung wurden die Aktien um 25 Prozent abgewertet, der Staat erhielt ein Drittel der Anteile und die Nationalbank 10 Prozent [11]. Am 20. Juni 1931 schlug US-Präsident Herbert Hoover ein einjähriges Moratorium für alle Reparationen und Kriegsschulden vor [8]. Am 13. Juli 1931 brach die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) zusammen, die drittgrößte Bank des Reichs. Danach stürmten die Kunden die Kreditinstitute, per Notverordnung blieben die Schalter zwei Tage geschlossen [8]. Im September 1931 hob die Bank von England den Goldstandard für das Pfund auf, zahlreiche Länder mit Sterling-Währung folgten [8].

Die Krise in Deutschland

Zwischen September 1929 und Anfang 1933 stieg die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von 1,3 auf über sechs Millionen. Die Industrieproduktion fiel um etwa 40 Prozent, der Warenexport sank von 13,5 auf 5,7 Milliarden Reichsmark, das Realeinkommen um ein Drittel [1]. Im Februar 1932 meldete das Reichsarbeitsministerium 6,127 Millionen Arbeitslose, jeder dritte Arbeitnehmer war ohne Beschäftigung [9].

Eine lange Reihe von Männern in abgetragenen Mänteln wartet an einem grauen Wintertag vor einem Backsteingebäude
Bild: KI-generiert

Die Arbeitslosenversicherung, erst 1927 eingeführt, war für höchstens 1,4 Millionen Erwerbslose berechnet. Im März 1930 zerbrach die Große Koalition unter Hermann Müller am Streit über ihre Finanzierung [12]. Im Januar 1932 erhielten nur noch etwa 30 Prozent der Arbeitslosen Geld aus der Versicherung, die meisten waren auf die Wohlfahrt angewiesen [12].

Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum) antwortete mit harter Sparpolitik, die er mit Notverordnungen des Reichspräsidenten durchsetzte. Steuern stiegen, Gehälter und Renten wurden gekürzt, das Preisniveau sollte sinken, damit deutsche Waren im Export billiger würden. Der Plan ging nicht auf, der Export brach ein [1]. Auf der Konferenz von Lausanne (16.06. bis 09.07.1932) wurden die Reparationen auf eine Abschlusszahlung von drei Milliarden Reichsmark reduziert [9].

Politisch wurde aus der Wirtschaftskrise eine Staatskrise. Die NSDAP gewann bei den Reichstagswahlen im September 1930 und im Juli 1932 stark hinzu, auch die KPD legte zu [1]. Den Weg bis zum 30. Januar 1933 beschreibt der Artikel Die Weimarer Republik, die Lage in Europa insgesamt der Artikel Die Zwischenkriegszeit 1918 bis 1939.

Roosevelt und der New Deal

Als Franklin D. Roosevelt am 4. März 1933 sein Amt antrat, war fast ein Viertel der amerikanischen Erwerbstätigen arbeitslos. Die Roosevelt-Bibliothek nennt für 1933 eine Quote von 24,9 Prozent, das waren 12.830.000 Menschen. Die Lohneinkommen derer, die noch Arbeit hatten, fielen von 1929 bis 1933 um 42,5 Prozent [10]. Am Rand der Städte entstanden Hüttensiedlungen aus Kisten und Blech, die man "Hoovervilles" nannte. Aus den Great Plains, wo Dürre und Staubstürme hinzukamen, zogen viele Familien nach Kalifornien [10].

Junge Männer in Arbeitskleidung pflanzen in den Dreißigerjahren Baumsetzlinge an einem sonnigen Hang
Bild: KI-generiert

In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit brachte Roosevelt ein Paket von Gesetzen durch den Kongress, den New Deal [10]. Neue Bundesbehörden sollten Arbeit schaffen und Preise stabilisieren:

  • Die Agricultural Adjustment Administration (AAA) sollte die Preise für Agrarprodukte heben.
  • Das Civilian Conservation Corps (CCC) gab jungen Arbeitslosen Arbeit im Natur- und Landschaftsschutz.
  • Die Tennessee Valley Authority (TVA) brachte Strom in ländliche Gebiete.
  • Die Works Progress Administration (WPA) beschäftigte Arbeitslose beim Bau und in Kunstprojekten.

Die Liste folgt der Roosevelt-Bibliothek [10]. Später kamen die Sozialversicherung und eine Arbeitslosenversicherung hinzu [10]. Das Finanzsystem wurde mit dem Banking Act von 1933 (bekannt als Glass-Steagall), dem Gold Reserve Act von 1934 und dem Banking Act von 1935 neu geordnet [3]. Die Erholung wurde 1937 von einem zweiten Einbruch unterbrochen, Vollbeschäftigung gab es erst im Zweiten Weltkrieg wieder [3]. Mehr zur Person steht im Lebensbild Franklin D. Roosevelt.

Was aus der Krise folgte

Viele Programme des New Deal trugen zur Erholung bei. Eine geschlossene Theorie, wie der Staat eine Krise bekämpfen soll, fehlte damals noch, John Maynard Keynes veröffentlichte seine "Allgemeine Theorie" erst 1936 [10]. Für die Federal Reserve ist die Weltwirtschaftskrise bis heute ein Lehrstück: Notenbanken sollen in Bankenkrisen als Kreditgeber der letzten Instanz einspringen [3]. Wie Notenbanken und Regierungen in der Finanzkrise von 2008 handelten, beschreibt der Artikel Die Finanzkrise 2008. Den deutschen Sozialstaat, der aus solchen Erfahrungen gewachsen ist, erklärt die Seite Das Sozialstaatsprinzip.

  1. Organisation Oliver Schweinoch, Arnulf Scriba: Die Weltwirtschaftskrise (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.12.2022. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde Gary Richardson, Alejandro Komai, Michael Gou, Daniel Park: Stock Market Crash of 1929. Federal Reserve History. Stand 22.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Gary Richardson: The Great Depression. Federal Reserve History. Stand 22.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Gary Richardson: Banking Panics of 1930-31. Federal Reserve History. Stand 22.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Robert Jabaily: Bank Holiday of 1933. Federal Reserve History. Stand 22.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Protectionism in the Interwar Period (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Jahreschronik 1929 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Jahreschronik 1931 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Jahreschronik 1932 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Great Depression Facts. Franklin D. Roosevelt Presidential Library and Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Credit-Anstalt Bank of Austria Fails (Research Starters). EBSCO. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Arnulf Scriba: Die Arbeitslosenversicherung (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 25.03.2007. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation Janette Rau: Der Börsenkrach von 1929 (LeMO Rückblick). Deutsches Historisches Museum. Stand 10.2010. abgerufen am 29.10.2026

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