Das 20. JahrhundertRatgeber

Die Zwischenkriegszeit 1918 bis 1939: von Versailles zum Krieg

Die Zwischenkriegszeit umfasst die gut zwanzig Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 und dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. Auf die Pariser Friedensordnung und eine kurze Phase der Stabilisierung ab 1924 folgte die Weltwirtschaftskrise ab 1929. In vielen Staaten Europas setzten sich danach Diktaturen durch, in Deutschland 1933 der Nationalsozialismus.

Ein prunkvoller Saal mit hohen Spiegeln und Kronleuchtern, in der Mitte ein langer leerer Konferenztisch
Bild: KI-generiert

Die Zwischenkriegszeit liegt zwischen der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 und dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939, mit dem der Zweite Weltkrieg begann [13, 14]. Für Deutschland fallen sie fast ganz mit der Weimarer Republik von 1918 bis 1933 zusammen, die in 14 Jahren 16 Reichsregierungen erlebte [3]. Im übrigen Europa entstanden nach dem Zerfall der alten Monarchien neue Staaten, neue Grenzen und eine neue internationale Organisation, der Völkerbund [1, 2].

Die Pariser Friedensordnung

Am 18. Januar 1919 begann im Spiegelsaal von Versailles die Pariser Friedenskonferenz. Vertreten waren 32 Nationen, die besiegten Mittelmächte durften nicht teilnehmen. Die Entscheidungen fielen im "Rat der Vier": David Lloyd George für Großbritannien, Georges Clemenceau für Frankreich, Vittorio Orlando für Italien und US-Präsident Woodrow Wilson [1]. Wilson setzte auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker und einen Völkerbund, Frankreich vor allem auf Sicherheit vor Deutschland, Großbritannien auf finanzielle Interessen. Das Ergebnis waren oft Kompromisse, die sich schlecht umsetzen ließen [1].

Den Vertrag mit Deutschland unterzeichneten Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell am 28. Juni 1919 in Versailles. In Kraft trat er am 10. Januar 1920 [12]. Deutschland verlor etwa ein Siebtel seines Gebiets und ein Zehntel seiner Bevölkerung, alle Kolonien und das Recht auf ein großes Heer. Erlaubt waren noch 100.000 Berufssoldaten und 15.000 Mann Marine, das linke Rheinufer blieb 15 Jahre besetzt. Ein Anschluss Österreichs an das Reich war verboten [12]. Bis zum Sommer 1920 erhielten auch Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Türkei ihre Friedensverträge [1].

Der Kriegsschuldartikel legte die Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für den Krieg fest und war die Grundlage der Reparationsforderungen [12]. Zusammen mit der Dolchstoßlegende nutzten Gegner der Republik den Vertrag jahrelang für ihre Agitation [12]. Wie der Krieg selbst verlaufen war, steht im Artikel über den Ersten Weltkrieg.

Der Völkerbund

Die Satzung des Völkerbunds bildete die Artikel 1 bis 26 des Versailler Vertrags und galt ab dem 10. Januar 1920. Sitz war Genf. Zu Beginn gehörten 32 Siegerstaaten und 13 neutrale Staaten dazu, bis 1937 kamen 21 weitere hinzu [2]. Die USA traten nie bei, obwohl ihr Präsident die Idee nach Paris getragen hatte. Deutschland wurde erst 1926 Mitglied, mit einem ständigen Sitz im Völkerbundrat [2].

In den 1930er Jahren verlor der Bund seine wichtigsten Mitglieder. Deutschland und Japan erklärten 1933 ihren Austritt, Italien folgte 1937 [2]. 1946 beschloss der Völkerbund seine Auflösung, seine Aufgaben übernahmen die Vereinten Nationen [2].

Krisenjahre bis 1923

Die junge deutsche Republik geriet schon in den ersten Jahren mehrfach an den Rand des Zusammenbruchs. Im März 1920 versuchten rechtsgerichtete Militärs beim Lüttwitz-Kapp-Putsch in Berlin die Regierung zu stürzen. Im Juni 1922 wurde Außenminister Walther Rathenau ermordet [3]. Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, weil Deutschland mit den Reparationen im Rückstand war [3].

Eine Frau steht in einer schlichten Küche der 1920er Jahre an einem leeren Holztisch mit einer Stofftasche
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Die Regierung bezahlte den passiven Widerstand im Ruhrgebiet mit neu gedrucktem Geld. Damit beschleunigte sie eine Inflation, die schon mit der Kriegsfinanzierung ab 1914 begonnen hatte [4]. Im Oktober 1923 kostete ein Dollar 40 Milliarden Mark, im November druckte die Reichsbank einen Schein über 100 Billionen Mark. Bei der Währungsreform am 15. November 1923 wurde der Dollar auf 4,2 Billionen Papiermark festgesetzt, das entsprach 4,20 Rentenmark [4]. Am 9. November 1923 scheiterte in München der Hitler-Putsch [3].

ZeitpunktWert der Mark
Oktober 19231 Dollar entspricht 40 Milliarden Mark
November 1923Die Reichsbank gibt einen Schein über 100 Billionen Mark aus
15.11.1923Umrechnung: 4,2 Billionen Papiermark entsprechen 1 Dollar oder 4,20 Rentenmark
Oktober 1924Einführung der Reichsmark

Die Quelle für die Werte in der Tabelle ist der LeMO-Beitrag zur Inflation [4].

Faschismus in Italien

In Italien kam schon 1922 eine faschistische Bewegung an die Macht. Am 27. Oktober 1922 mobilisierte Benito Mussolini seine Schwarzhemden und drohte, die Regierung notfalls mit Gewalt zu übernehmen. König Viktor Emanuel III. ernannte ihn am 30. Oktober 1922 zum Ministerpräsidenten [6]. Den berühmten "Marsch auf Rom" gab es in dieser Form nicht: Mussolini kam mit dem Nachtzug aus Mailand, seine Anhänger blieben vor der Stadt stehen [6].

Ein Wahlgesetz vom Juli 1923 gab der stärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze, bei den Wahlen 1924 gewannen die Faschisten diese Mehrheit. Bis 1926 baute Mussolini Italien zur Diktatur um, alle anderen Parteien wurden verboten [6].

Stabilisierung und Locarno

Ab 1924 beruhigte sich die Lage in Deutschland. Der Dawes-Plan sah eine Anleihe über 800 Millionen Goldmark vor, und im Oktober 1924 kam die Reichsmark [4]. Die Jahre bis 1929 gelten als Phase relativer Stabilität [3]. In dieser Zeit wurden Kino und Rundfunk zu Massenmedien. Mitte der 1920er Jahre gingen täglich rund zwei Millionen Menschen ins Kino, die Zahl der angemeldeten Radiogeräte stieg in zehn Jahren von knapp 10.000 auf über 5,4 Millionen [3].

Außenpolitisch brachte die Konferenz von Locarno im Oktober 1925 eine Annäherung. Deutschland, Frankreich und Belgien verzichteten darauf, ihre Grenzen mit Gewalt zu ändern, Großbritannien und Italien übernahmen die Garantie. Deutschland erkannte seine Westgrenze an, behielt sich aber eine Revision der Ostgrenze zu Polen vor [5]. Am 10. September 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei. Außenminister Gustav Stresemann und sein französischer Kollege Aristide Briand erhielten 1926 den Friedensnobelpreis [5].

Weltwirtschaftskrise ab 1929

Am 24. Oktober 1929, dem "Schwarzen Donnerstag", brachen die Kurse an der New Yorker Börse ein. In Europa kam der Kurssturz einen Tag später an, deshalb heißt der Tag hier oft "Schwarzer Freitag" [7]. Innerhalb einer Woche verlor der Dow-Jones-Index mehr als die Hälfte seines Werts. In den USA waren 1932 mehr als 25 Prozent der Erwerbstätigen arbeitslos [7].

Eine lange Schlange von Männern in Mänteln und Schiebermützen vor einem Backsteingebäude an einem kalten Morgen
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Deutschland traf die Krise besonders hart, weil nach 1923 etwa die Hälfte der Nettoinvestitionen aus den USA gekommen war [7]. Ausländische Kredite wurden abgezogen. Der Welthandel schrumpfte von 1929 bis 1932 um 25 Prozent, die deutsche Industrieproduktion um rund 40 Prozent [8]. Im Juli 1931 löste der Zusammenbruch der Danat-Bank eine Bankenkrise aus [7]. Im Februar 1932 zählte das Reich rund 6,14 Millionen Arbeitslose [7]. Mehr dazu steht im Artikel Die Weltwirtschaftskrise ab 1929.

Diktaturen und Aufrüstung

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Für das LeMO endet mit diesem Tag die Weimarer Republik [3]. Wie die NSDAP die Macht ausbaute, beschreibt der Artikel über den Nationalsozialismus. Außenpolitisch löste sich Deutschland schnell aus den Bindungen von Versailles: Austritt aus dem Völkerbund im Oktober 1933, Wiedereinführung der Wehrpflicht am 16. März 1935, Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland im März 1936 [9].

1936 begann in Spanien mit einem Putsch antidemokratischer Generäle ein Bürgerkrieg, der bis 1939 dauerte. Das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien unterstützten die Truppen von General Francisco Franco. Am 26. April 1937 zerstörten Flugzeuge der deutschen "Legion Condor" unter italienischer Beteiligung die baskische Kleinstadt Gernika fast völlig [11].

Von München in den Krieg

Am 12. März 1938 marschierte die Wehrmacht in Österreich ein, in einer Volksabstimmung am 10. April stimmten offiziell über 99 Prozent für den "Anschluss" [9]. Danach richtete Hitler seine Forderungen gegen die Tschechoslowakei. Am 29. September 1938 trafen sich Hitler, Mussolini, der britische Premierminister Neville Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier in München [10]. Das Abkommen vom 30. September verpflichtete die Tschechoslowakei, die sudetendeutschen Gebiete zu räumen, in denen je nach Angabe rund 3 bis 3,5 Millionen Sudetendeutsche lebten [9, 10]. Die Tschechoslowakei selbst und ihr Verbündeter, die Sowjetunion, waren nicht eingeladen. Chamberlain glaubte, er habe den Frieden auf Dauer gesichert [10].

Ein leeres Büro der 1930er Jahre mit dunklem Schreibtisch, Füllfederhalter und geschlossener Ledermappe im Lampenlicht
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Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein. Böhmen und Mähren wurden zum "Reichsprotektorat", die Slowakei ein von Deutschland abhängiger Staat [9]. Am 23. August 1939 schlossen Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffsvertrag, dessen geheimes Zusatzprotokoll Polen aufteilte [9]. Neun Tage später, am 1. September 1939, begann mit dem Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg [14].

Wie eine Demokratie gebaut ist und welche Merkmale sie von einer Diktatur unterscheiden, erklärt demokratie.domain-root.de im Beitrag Was ist Demokratie? Merkmale und Formen.

  1. Organisation Gerhard Altmann, Arnulf Scriba: Pariser Friedenskonferenz (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Arnulf Scriba: Völkerbund (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Arnulf Scriba: Die Weimarer Republik (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 06.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Michael Kunzel: Die Inflation (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Burkhard Asmuss, Arnulf Scriba: Konferenz von Locarno 1925 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Vor 90 Jahren: Benito Mussolini kommt an die Macht. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 29.10.2012. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Janette Rau: Rückblick. Der Börsenkrach von 1929 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 10.2010. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Oliver Schweinoch, Arnulf Scriba: Die Weltwirtschaftskrise (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.12.2022. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Claudia Prinz: Außenpolitik (LeMO, NS-Regime). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Claudia Prinz: Münchner Abkommen 1938 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  11. Behörde Zerstörung der baskischen Kleinstadt Gernika. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 26.04.2022. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Arnulf Scriba: Der Versailler Vertrag (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation Arnulf Scriba: Der Erste Weltkrieg (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 08.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
  14. Behörde Gerd Schneider, Christiane Toyka-Seid: Zweiter Weltkrieg (Das junge Politik-Lexikon). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.