Themen quer durch die GeschichteRatgeber
Alltag und Gesellschaft im Wandel der Zeit
Alltagsgeschichte untersucht, wie gewöhnliche Menschen gearbeitet, gewohnt, gegessen und ihre Lebensumstände erfahren haben. In Westdeutschland entstand sie seit Ende der 1960er-Jahre bei jüngeren Sozialhistorikern, die mit der reinen Strukturgeschichte unzufrieden waren. Bekannt wurde sie vor allem durch Alf Lüdtke und durch Geschichtswerkstätten vor Ort.

Die Alltagsgeschichte fragt, wie gewöhnliche Menschen gelebt haben: wie sie arbeiteten, wohnten und aßen und wie sie ihre Lage selbst erlebten. Wie sich dieser Alltag verändert hat, zeigen Beispiele vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, von der Lehre der drei Stände über die Kartoffel bis zum Achtstundentag und zum Wahlrecht für Frauen.
Was Alltagsgeschichte untersucht
Nach dem Historiker David F. Crew entstand die Alltagsgeschichte in Westdeutschland seit dem Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre. Ihre Vertreter waren jüngere Sozialhistoriker, die mit der Strukturgeschichte der Bielefelder Schule um Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka unzufrieden waren [1]. Gewerkschaften, Volkshochschulen und Jugendgruppen boten Kurse an, in denen Laien die Geschichte ihres Ortes erforschten. Geschichtswerkstätten breiteten sich in ganz Westdeutschland aus und erforschten oft gerade die unbequemen Seiten der Ortsgeschichte [1]. Kritiker taten die Alltagsgeschichte als unterhaltsam, aber naiv und sentimental ab, Jürgen Kocka griff sie in mehreren Aufsätzen an [1]. Crew hielt dagegen, dass ernsthafte Vertreter der Richtung nicht bloß entlegene Einzelheiten aus dem Leben einfacher Leute sammelten. Sie stellten die Vorherrschaft der Strukturgeschichte in Frage und warben für einen neuen Forschungsansatz [1].
Ein Schlüsselbegriff stammt von Alf Lüdtke, der damals am Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte arbeitete. Er schlug 1986 vor, mit dem Alltagswort "Eigensinn" das Verhalten von Fabrikarbeitern genauer zu verstehen [2]. 1989 gab er den Sammelband "Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen" heraus. Der Historiker Thomas Lindenberger schreibt, dass "Eigen-Sinn" seither auch in der internationalen Forschung als Schlüsselbegriff dieser Richtung gilt [2]. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch hatte das Wort einen negativen Klang und meinte vor allem trotzige Kinder. Lüdtke betonte mit der Schreibweise "Eigen-Sinn" den eigenen Sinn, den Menschen ihrem Handeln geben, und verband das Wort mit "aneignen" [2].
Wie Historikerinnen und Historiker mit Quellen umgehen, erklärt der Beitrag Quellenkunde: wie Historiker arbeiten.
Die Ordnung der Stände
Wie sich Menschen im Mittelalter die Gesellschaft vorstellten, zeigt die Lehre von den drei Ständen. Peter Konieczny findet ihre Vorläufer bei Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert, der drei römische Gruppen nannte: Senatoren, Soldaten und das einfache Volk [3]. Ende des 9. Jahrhunderts sprach die altenglische Bearbeitung von Boethius' "Trost der Philosophie", die König Alfred der Große mit eigenen Zusätzen versah, von Menschen, die beten, kämpfen und arbeiten [3].

Um das Jahr 1000 nannte der englische Mönch Ælfric von Eynsham die drei Gruppen mit den lateinischen Wörtern oratores, bellatores und laboratores, also Betende, Kämpfende und Arbeitende. Erzbischof Wulfstan von York, gestorben 1023, verglich die drei Stände mit den Säulen eines gerechten Throns: Bricht eine, stürzt das Ganze ein [3]. Bischof Adalbero von Laon beschrieb um 1020 eine dreigeteilte Gesellschaft, in der die Unfreien die Last der Arbeit tragen und die Kämpfer alle beschützen [3]. In Frankreich verfestigte sich die Ordnung im 11. und 12. Jahrhundert und bestand bis zur Französischen Revolution [3]. Wie diese Ordnung auf dem Land aussah, zeigen die Beiträge über das Leben der Bauern im Mittelalter und über den Feudalismus.
Neue Pflanzen auf dem Teller
Mit der Überfahrt des Kolumbus 1492 begann ein Austausch zwischen Amerika und der übrigen Welt, den die Forschung Columbian Exchange nennt. Die Ökonomen Nathan Nunn und Nancy Qian zählen dazu Krankheiten, Ideen, Nutzpflanzen, Techniken, Menschen und ganze Kulturen [4]. Für Europa, Asien und Afrika war die Kartoffel besonders wichtig. Nunn und Qian haben untersucht, wie sich ihr Anbau auf Bevölkerung und Städte auswirkte. Nach ihrer vorsichtigsten Schätzung geht etwa ein Viertel des Bevölkerungs- und Städtewachstums in der Alten Welt zwischen 1700 und 1900 auf die Kartoffel zurück [5]. Auch die Körpergröße Erwachsener stieg dort, wo sie angebaut wurde [5]. Zum selben Austausch gehörte nach Nunn und Qian die Übertragung von Krankheiten [4]. Mehr dazu im Beitrag über die Entdeckung Amerikas 1492.

Arbeit in der Fabrik
Mit der Industrialisierung arbeiteten auch Kinder in Fabriken. Am 9. März 1839 erließ Preußen das erste Gesetz zum Schutz arbeitender Kinder. Fabriken, Berg-, Hütten- und Pochwerke durften Kinder erst ab neun Jahren beschäftigen, dazu kam eine Schulpflicht von mindestens drei Jahren [6]. Den Anstoß gaben nach der Bundeszentrale für politische Bildung vor allem militärische Überlegungen, denn Kinder, die früh arbeiteten, galten später als untauglich für die Armee [6]. 1891 hob ein Arbeiterschutzgesetz das Mindestalter für Fabrikarbeit auf 13 Jahre an, bis 1908 wurde die tägliche Arbeitszeit von Kindern schrittweise auf elf Stunden begrenzt [6]. Die DDR verbot Kinderarbeit 1949 in ihrer ersten Verfassung, die Bundesrepublik 1960 auch in der Landwirtschaft [6]. Seit 1989 schützt Artikel 32 der UN-Kinderrechtskonvention Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung und gefährlicher Arbeit [6].
Für Erwachsene war der Achtstundentag eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung. Unternehmerverbände und Gewerkschaften handelten ihn im Stinnes-Legien-Abkommen aus, im November 1918 führte der Rat der Volksbeauftragten ihn mit einer Arbeitszeitverordnung ein [7]. Schon im Dezember 1923 erlaubte eine neue Verordnung von Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns zahlreiche Ausnahmen, etwa über Tarifverträge. Die Kommunisten bekämpften die Verordnung vehement, es folgten Proteste, Streikwellen und Aussperrungen, vor allem im Bergbau [7]. Das Arbeitszeitnotgesetz vom Mai 1927 schrieb acht Stunden als Regel fest, ließ aber gegen Lohnausgleich längere Arbeit zu. Die Gewerkschaften verlangten weiter, den Achtstundentag gesetzlich wieder einzuführen. Sie wollten so die Arbeitslosigkeit senken, denn technischer Fortschritt und Rationalisierung machten nach ihrer Sicht kürzere Arbeitszeiten nötig [7]. Die Hintergründe erklären die Beiträge über die Industrielle Revolution und die Soziale Frage.
Wohnen in der wachsenden Stadt
Die Städte wuchsen im 19. Jahrhundert schnell. Berlin hatte 1801 rund 170.000 Einwohner, 1861 knapp 550.000 [8]. Der Bebauungsplan von Hobrecht aus dem Jahr 1862 erlaubte eng stehende fünfgeschossige Häuser mit kleinen Innenhöfen. Ihr Mindestmaß richtete sich nach der Fläche, die ein Feuerwehrwagen zum Wenden brauchte [8]. Im Vorderhaus wohnte es sich besser, die Hinterhäuser waren minderwertig und sonnenarm, und zu kleine Höfe ließen zu wenig Raum für ausreichende Belichtung und Belüftung [8, 12]. Hobrecht selbst hatte größere Höfe gefordert, doch Terraingesellschaften, die Grundstücke kauften, parzellierten und gewinnbringend verkauften, stellten sich taub [8]. Hobrecht kritisierte die Verdichtung zugunsten der Rendite [12].

Die engen Wohnungen begünstigten nach einem Bericht der Berliner Zeitung Tuberkulose, Ruhr und Diphtherie. Die Ortskrankenkasse führte von 1901 bis 1920 eine Wohnungs-Enquete durch und dokumentierte seit 1903 fotografisch, wie Wohnelend und Krankheit zusammenhingen [8]. 1925 verbot Berlin in den Randbezirken neue Quergebäude im Hof, 1932 kam es zu einem Mietstreik [8].
Wasser, Seuchen und Lebenserwartung
Wie sehr Gesundheit vom Trinkwasser abhing, zeigte die Cholera in Hamburg 1892. Am 15. August wurde der erste Fall erkannt, in etwa drei Monaten erkrankten knapp 17.000 Menschen, 8.605 von ihnen starben. Zwischen dem 25. August und dem 9. September starben täglich mindestens 200 Menschen, an zwei Tagen mehr als 500 [9]. Die Stadtregierung zögerte nach Peter Körner, die Empfehlungen Robert Kochs zu Quarantäne und Desinfektion umzusetzen, weil sie an der Freihandelsideologie festhielt und das Ansehen Hamburgs als Tor zur Welt nicht gefährden wollte [9]. Hamburg hatte keine Sandfilteranlage, das Wasser aus Elbe und Alster floss ungereinigt in die Haushalte. Den Bau einer Filteranlage hatte die Stadt erst 1890 beschlossen. Die Nachbarstadt Altona filterte ihr Wasser durch Sand und erlebte kein vergleichbares Unheil [9]. Die damals üblichen Behandlungen wie Abführmittel und Aderlass halfen den Kranken kaum oder schadeten ihnen. Danach baute Hamburg ein modernes Wasser- und Abwassernetz auf [9].
Wer im Deutschen Reich nach der Sterbetafel 1871/1881 geboren wurde, konnte im Mittel mit 35,6 Jahren rechnen, wenn er ein Junge war, und mit 38,5 Jahren als Mädchen. Nach der Sterbetafel 2023/2025 sind es 78,8 Jahre für Männer und 83,4 Jahre für Frauen, mehr als doppelt so viel wie vor etwa 150 Jahren [10]. Den schnellen Anstieg bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts führt das Statistische Bundesamt zu einem großen Teil auf die stark gesunkene Säuglingssterblichkeit zurück. Dazu kamen medizinische Versorgung, Hygiene, Ernährung, bessere Wohnungen und Arbeitsbedingungen und wachsender Wohlstand [10]. Wie Seuchen den Alltag früherer Jahrhunderte prägten, erzählt der Beitrag über Medizin und Seuchen in der Geschichte.
Frauen, Wahlrecht und Familie
Am 12. November 1918 gab der Rat der Volksbeauftragten Männern und Frauen ab 20 Jahren das allgemeine Wahlrecht. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 wählten 82,3 Prozent der wahlberechtigten Frauen. Von 308 Kandidatinnen wurden 37 gewählt, das waren 8,5 Prozent der Abgeordneten. Die meisten Frauen stimmten nach der Bundeszentrale für politische Bildung für konservative Parteien wie das katholische Zentrum [11]. Schon seit 1908 durften Frauen Parteien beitreten [11]. Ab 1933 konnten Frauen nicht mehr gewählt werden, nur noch wählen, ab 1949 galt in beiden deutschen Staaten für Frauen ab 21 Jahren wieder das allgemeine Wahlrecht [11]. Wer heute in Deutschland wählen darf, erklärt demokratie.domain-root.de unter Wer wählen darf: Wahlalter und Wahlrecht. Wie Frauen in früheren Epochen lebten, beschreibt der Beitrag Frauen in der Geschichte, wie Kinder aufwuchsen, der Beitrag Kindheit in der Geschichte.
- Studie David F. Crew: Alltagsgeschichte. A New Social History "From Below"? (Central European History 22, Heft 3 bis 4, S. 394 bis 407). Cambridge University Press. Stand 1989. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Thomas Lindenberger: Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand (Docupedia-Zeitgeschichte, Version 1.0). Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Peter Konieczny: The Three Orders of Medieval Society. Medievalists.net. Stand 03.11.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Nathan Nunn, Nancy Qian: The Columbian Exchange. A History of Disease, Food, and Ideas (Journal of Economic Perspectives 24, Heft 2, S. 163 bis 188). American Economic Association. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Nathan Nunn, Nancy Qian: The Potato's Contribution to Population and Urbanization. Evidence From A Historical Experiment (Quarterly Journal of Economics 126, Heft 2). EconPapers (RePEc). Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Verbot von Kinderarbeit (Deine tägliche Dosis Politik). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Carola Jüllig: Der Kampf um den Achtstundentag (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 10.05.2012. abgerufen am 29.10.2026
- Michael Brettin: Mietskasernenstadt Berlin. Als Wohnen todkrank machte. Berliner Zeitung. Stand 21.05.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Peter Körner: Die vermeidbare Hamburger Katastrophe von 1892 (Pharmazeutische Zeitung 04/1999). Govi-Verlag. Stand 25.01.1999. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Sterbefälle und Lebenserwartung: Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland. Statistisches Bundesamt. Stand 07.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Frauenwahlrecht in Deutschland (Tägliche Dosis Politik). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Klaus Strohmeyer: Die Berliner Mietskaserne (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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