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Polytheismus: Götterwelten von Mesopotamien bis Japan
Polytheismus bezeichnet Religionen, die viele Gottheiten verehren. Das Wort stammt aus dem Griechischen und wurde lange abwertend gebraucht, heute ist es ein Fachbegriff der Religionswissenschaft. Polytheistisch waren etwa die Religionen Mesopotamiens, Ägyptens, Griechenlands und Roms; im Hinduismus und im Shinto leben Vorstellungen von vielen Göttern bis heute weiter.

Polytheismus ist der Fachbegriff für Religionen, die viele Gottheiten kennen und verehren. Für die Religionshistorikerin Vinciane Pirenne-Delforge vom Collège de France ist er seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein eigenständiges Werkzeug, um religiöse Systeme zu beschreiben, die den übermenschlichen Bereich mit vielen Wesen bevölkern [1]. Einen Überblick über alle großen Religionen gibt der Beitrag Religionen in der Geschichte.
Woher das Wort kommt
Das griechische Wort "polytheos" taucht nach Pirenne-Delforge zuerst ein einziges Mal in einer Tragödie des Aischylos im 5. Jahrhundert v. Chr. auf [1]. Philon von Alexandria und die Kirchenväter gebrauchten "polytheos" und "polytheia" [1]. Der Humanist Guillaume Budé übertrug die Wörter ins Lateinische, um damit antiken Götzendienst und Heidentum zu bezeichnen. Jean Bodin prägte das französische "polythéisme", und zwar als Kampfbegriff gegen christliche Häresien [1].
Mit der Zeit verdrängte "Polytheismus" das ältere Wort "Idolatrie" und nahm dem Thema etwas von der Abwertung, die aus der griechischen Bibelübersetzung stammte [1]. Im 19. Jahrhundert ordneten die Humanwissenschaften den Polytheismus als Stufe in einer Entwicklungsgeschichte der Religion ein, neben Animismus, Totemismus, Fetischismus und Monotheismus [1]. Erst danach wurde das Wort zu einem eigenständigen Beschreibungsbegriff, wie ihn die Forschung heute nutzt [1].
Mesopotamien
In Mesopotamien standen drei Götter an der Spitze: An, Enlil und Enki. Adam Stone nennt sie im Lexikon "Ancient Mesopotamian Gods and Goddesses" ohne Zweifel die oberste Dreiheit des Pantheons [2]. Enlil galt als einer der höchsten Götter und verlieh das Königtum [2]. Sein Haupttempel, das Ekur oder "Berghaus", stand in Nippur, das bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. das religiöse Zentrum Mesopotamiens war [2]. Götterlisten nennen Enlil von der frühdynastischen Zeit bis in die Zeit der III. Dynastie von Ur [2]. Im 2. Jahrtausend v. Chr. verlor er an Bedeutung, als Marduk aufstieg, blieb aber auch im 1. Jahrtausend v. Chr. präsent, etwa in Titeln wie "Assyrischer Enlil", und sein Tempel Ekur wurde unter Asarhaddon und Nebukadnezar II. erneuert [2].

Inana, akkadisch Ištar, war vor allem die Göttin der geschlechtlichen Liebe und ebenso die Göttin des Krieges. Ihre Hauptstadt war Uruk, am Himmel war sie der Planet Venus, Morgen- und Abendstern [3]. Sie blieb im 3., 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. eine wichtige Gottheit [3].
Götter konnten auf- und absteigen. Marduk, der Stadtgott von Babylon, war im 3. Jahrtausend v. Chr. noch unbedeutend und stand erst im 1. Jahrtausend an der Spitze des Pantheons [4]. Im Prolog Hammurabis übertragen An und Enlil ihm die "Enlil-schaft" [4]. Das Epos Enūma eliš, das oft als babylonischer Schöpfungsmythos bezeichnet wird, erzählt vor allem, wie Marduk die Göttin Tiamat besiegt und aus ihrem Körper die Welt formt [4]. Sein Tempel in Babylon hieß Esagil [4]. Nach einem Einfall der Elamer kam seine Statue später unter König Nebukadnezar I. nach Babylon zurück [4]. Mehr zur Region steht im Beitrag über Sumer.
Ägypten und Echnatons Bruch
Zu den ältesten Göttern Ägyptens zählt Joshua J. Mark in der World History Encyclopedia Osiris, Isis, Seth, Nephthys und Horus. Dazu kamen Gruppen wie die Achtheit von Urgöttern und die thebanische Dreiheit aus Amun, Mut und Chons [5]. Ein zentraler Begriff war Maat, das Prinzip der Harmonie, als Göttin mit der weißen Feder der Wahrheit dargestellt [5]. Als Grundprinzip der ägyptischen Religion beschreibt Mark die Zauberkraft Heka, verkörpert im gleichnamigen Gott der Magie und der Heilkunst [5]. Die Tempel galten als Wohnungen der Götter. Jeden Morgen versorgte der oberste Priester die Statue des Gottes, nur er durfte ihr so nahekommen [5].

Einen Bruch mit dieser Vielfalt versuchte Amenhotep IV., später Echnaton genannt, der von 1353 bis 1336 v. Chr. regierte [6]. In seinem fünften Regierungsjahr wandte er sich von Amun ab und dem Sonnengott Aton zu, nannte sich Echnaton und erklärte die überlieferte Religion für unrechtmäßig [6]. Bis zu seinem neunten Jahr ließ er die Tempel schließen und verlegte die Hauptstadt nach Achet-Aton, dem heutigen Amarna [6]. Ob das schon Monotheismus war, ist in der Forschung umstritten [6]. Sein Sohn Tutanchaton nannte sich in Tutanchamun um und kehrte zu Amun und den alten Göttern zurück [6]. Die späteren Herrscher Eje und Haremhab rissen Echnatons Tempel ab und tilgten seinen Namen aus den Aufzeichnungen [6]. Der Beitrag über das Alte Ägypten erzählt die Geschichte des Landes weiter.
Griechen und Römer
Die griechische Religion hatte keinen heiligen Text [7]. Die Mythen wurden zuerst mündlich weitergegeben. Hesiod schrieb sie in seiner Theogonie auf, Homers Epen spiegeln sie indirekt [7]. Als Hauptgötter galten die Olympier, darunter Zeus, Hera, Athena, Apollon, Poseidon, Demeter und Dionysos, die man sich auf dem Olymp wohnend dachte [7]. Kunst und Literatur gaben ihnen menschliche Körper und Charaktere mit guten und schlechten Zügen [7].
Im Mittelpunkt des Kults standen Opfer und Trankspenden mit Gebeten am Altar vor dem Tempel. Geopfert wurden meist Schweine, Schafe, Ziegen oder Rinder [7]. Das Priesteramt stand grundsätzlich allen offen, auch Frauen [7]. In Delphi befragte man Apollon, in Dodona Zeus. Einzelne Menschen wie ganze Stadtstaaten holten sich dort Rat [7]. Neben den Olympiern gab es Schutzgötter einzelner Städte, etwa Aphrodite für Korinth und Helios für Rhodos, dazu Nymphen, die an bestimmte Flüsse und Quellen gebunden waren, und von außen übernommene Götter wie Adonis [7]. Mehr dazu steht im Beitrag über das antike Griechenland.
Rom übernahm durch den Kontakt mit griechischen Kolonien viele griechische Götter [8]. Die ältere kapitolinische Dreiheit aus Mars, Quirinus und Jupiter wich unter etruskischem Einfluss der Dreiheit Jupiter, Juno und Minerva [8]. Auch Götter unterworfener Völker kamen hinzu, etwa Kybele, Isis und Sarapis. Den Bacchuskult unterdrückte der Senat dagegen 186 v. Chr. [8]. Priester waren in Rom Amtsträger, und seit Augustus führten die Kaiser den Titel pontifex maximus [8]. Priester deuteten Vorzeichen aus dem Flug der Vögel und aus den Eingeweiden von Opfertieren [8]. Mit Augustus begann auch die Vergöttlichung verstorbener Kaiser, die meist der Senat nach dem Tod beschloss. Tiberius, Caligula, Nero und Domitian blieb sie verwehrt [8].
Germanen und Wochentage
Über die Religion der Germanen berichten vor allem römische Autoren. Tacitus schreibt in der Germania (Kapitel 9), sie verehrten unter den Göttern am meisten Mercurius und besänftigten Hercules und Mars mit Tieropfern [9]. Die Götter nennt er mit römischen Namen [9]. Nach seinem Bericht hielten es die Germanen für unvereinbar mit der Größe der Himmlischen, sie in Wände einzuschließen oder in menschlicher Gestalt abzubilden [9].
Spuren sind in den Wochentagen geblieben. Der Donnerstag ist nach dem Wettergott Donar benannt, der an die Stelle Jupiters trat, als Lehnübersetzung von lateinisch "Iovis dies", Tag des Jupiter [10]. Der Freitag, althochdeutsch "frīatag" seit dem 9. Jahrhundert belegt, ist der Göttin Frīa gewidmet, altnordisch Frigg. Vorbild war spätlateinisch "Veneris dies", Tag der Venus [11]. Im Bairisch-Österreichischen heißt der Donnerstag dagegen Pfinztag, nach griechisch "fünfter Tag" [10]. Wer die Germanen waren, erklärt der Beitrag Die Germanen.
Monotheismus gegen Vielgötterei
Die Bibel enthält ein Gebot, das andere Götter neben dem Gott Israels ausschließt. Im 2. Buch Mose heißt es in der Lutherbibel von 1912: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." (2. Mose 20,3) [15]. Den Wortlaut im Zusammenhang zeigt das 2. Buch Mose auf bibel.domain-root.de.
Im Römischen Reich erkannte Konstantin das Christentum 313 n. Chr. mit dem Mailänder Edikt an [8]. Danach wuchs es und verdrängte die überlieferte römische Religion [8]. Kaiser Theodosius I., der von 379 bis 395 regierte, schrieb in einem Gesetz den Glauben vor, den Papst Damasus und Bischof Petrus von Alexandria bekennen. Wer ihm nicht folgte, sollte als Häretiker gelten und durfte seine Versammlungen nicht Kirchen nennen [16].
Viele Götter heute
Viele Göttergestalten kennt bis heute der Hinduismus. Seine Anhänger nennen ihn Sanatan Dharma, "ewige Ordnung" oder "ewiger Weg" [12]. Das Wort Hinduismus ist eine Fremdbezeichnung und geht auf das persische "Sindus" für die Menschen jenseits des Indus zurück [12]. Nach der World History Encyclopedia sind alle Götter Erscheinungsformen Brahmans, der letzten Wirklichkeit [12]. Manche Götter erscheinen zudem als Avatare, so gilt Krishna als Avatar Vishnus [12]. Die Lehren der Veden wurden lange mündlich weitergegeben und in der vedischen Zeit, etwa 1500 bis 500 v. Chr., aufgeschrieben [12]. Das Pew Research Center zählte 2020 rund 1,2 Milliarden Hindus, 14,9 Prozent der Weltbevölkerung. Volksreligionen und weitere kleinere Religionen kamen zusammen auf 2,2 Prozent [13].

In Japan wird der Shinto meist als polytheistisch beschrieben. Die Encyclopedia of Shinto der Kokugakuin-Universität verweist auf die geläufige Wendung von den "acht Millionen Kami", die für eine unermessliche Zahl steht [14]. Im Kern stehen weit weniger Gottheiten, nämlich jene aus den alten Werken wie Kojiki und Nihon shoki, darunter Amaterasu Ōmikami [14]. Daneben kennt der Shinto Kami von Haushalten, Dörfern, Verwandtschaftsgruppen und Berufen [14]. Eine eigene Gruppe bilden Kami, die aus der Verbindung von Shinto und Buddhismus entstanden, etwa Kōjin, Gozu Tennō und Zaō Gongen [14]. Den Hintergrund erklärt der Beitrag Japan im Mittelalter.
- Studie Vinciane Pirenne-Delforge: The word and the thing: polytheism (Vorlesung "Greek polytheism, instructions for use"). Collège de France. Stand 08.02.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Adam Stone: Enlil/Ellil (god), in: Ancient Mesopotamian Gods and Goddesses. Oracc, UK Higher Education Academy. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Yağmur Heffron: Inana/Ištar (goddess), in: Ancient Mesopotamian Gods and Goddesses. Oracc, UK Higher Education Academy. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Nicole Brisch: Marduk (god), in: Ancient Mesopotamian Gods and Goddesses. Oracc, UK Higher Education Academy. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Ancient Egyptian Religion. World History Encyclopedia. Stand 20.01.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Akhenaten. World History Encyclopedia. Stand 17.04.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Ancient Greek Religion. World History Encyclopedia. Stand 13.03.2018. abgerufen am 29.10.2026
- Donald L. Wasson: Roman Religion. World History Encyclopedia. Stand 13.11.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Tacitus: De origine et situ Germanorum (lateinischer Text). The Latin Library. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Donnerstag, in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer). Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Freitag, in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer). Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Hinduism. World History Encyclopedia. Stand 08.06.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Studie How the Global Religious Landscape Changed From 2010 to 2020. Pew Research Center. Stand 09.06.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Sakamoto Koremaru: Introduction: Kami, in: Encyclopedia of Shinto. Kokugakuin-Universität. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- 2. Mose 20 (Lutherbibel 1912). eBible.org. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
- Theodosian Code XVI.1.2 (nach Henry Bettenson: Documents of the Christian Church, 1943). Internet History Sourcebooks, Fordham University. Stand o. J.. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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