Themen quer durch die GeschichteRatgeber
Die Geschichte der Menschenrechte: von der Magna Carta bis zur UN-Erklärung
Die Idee allgemeiner Menschenrechte wuchs über Jahrhunderte, von der Magna Carta 1215 über die Erklärungen von Virginia 1776 und Frankreich 1789 bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die UN-Generalversammlung am 10. Dezember 1948 annahm. Verbindlich wurden viele Rechte erst durch spätere Verträge wie die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 und die UN-Pakte von 1966.

Menschenrechte stehen jedem Menschen zu, weil er ein Mensch ist. Den bekanntesten Text dazu, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, nahm die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Paris an [3]. Ältere Dokumente sicherten meist nur bestimmten Gruppen Rechte zu: dem Adel, den freien Männern, den Bürgern eines Staates. Wer alles zu "allen Menschen" gehört, war lange umstritten. Frauen, Versklavte und Kolonisierte mussten ihre Rechte oft gegen die Verfasser der großen Erklärungen erkämpfen.
Gedanken der Antike
Über Rechte, die allen Menschen zukommen, dachten schon die Sophisten und die Philosophen der Stoa nach. Auch Platon, Aristoteles und Cicero befassten sich mit dem Thema [1]. Aus dem Alten Orient ist der Kyros-Zylinder erhalten, eine Urkunde des persischen Königs Kyros. Sie beschreibt, wie Kyros im Oktober 539 v. Chr. Babylon eroberte [5]. Kyros erklärt darin, er habe die Bilder der Götter an ihre Orte zurückgebracht und den Bewohnern ihre Wohnstätten zurückgegeben [5]. Er stellt sich seinen neuen Untertanen als vollkommener Herrscher vor und folgt dabei babylonischen Vorstellungen von guter Regierung [5]. Noch älter ist das Gesetzeswerk eines babylonischen Königs, das der Artikel über den Codex Hammurabi beschreibt.
Rechte für Stände und Gemeinschaften
Im Mittelalter entstanden Urkunden, die die Macht von Herrschern begrenzten. Die Magna Carta von 1215 band Eingriffe in Leben und Eigentum freier Männer an gesetzliche Grundlagen [1]. König Johann sicherte den Adligen darin zu, dass kein freier Mann ohne Weiteres verhaftet werden dürfe [2]. Mehr dazu steht im Artikel über die Magna Carta. Unter dem Einfluss der Kirche verband man die Würde des Menschen mit der Vorstellung, er sei ein Ebenbild Gottes [1].
Auch außerhalb Europas gab es solche Texte. Die Charta von Mandén aus dem Jahr 1222, entstanden im Gebiet des heutigen Mali, verbietet nach Darstellung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg die Versklavung von Kriegsgefangenen. Sie ist nur mündlich überliefert und ist seit 2009 von der UNESCO als Kulturerbe anerkannt [2]. 1542 erreichte Bartolomé de Las Casas in Spanien die Leyes Nuevas, die die Versklavung der indigenen Bevölkerung Amerikas verboten. Befolgt wurden sie kaum [2].
Englische Freiheitsrechte im 17. Jahrhundert
In England stritten Parlament und Krone um die Grenzen königlicher Macht. 1628 verlangte das Parlament mit der Petition of Right eine Neuregelung der Steuern und ein Verbot der Hinrichtung ohne Verhandlung [2]. Der Habeas Corpus Act von 1679 festigte Rechte aus der Magna Carta und der Petition of Right, die bis dahin oft missachtet worden waren [2]. Die Bill of Rights von 1689 stärkte das Parlament gegenüber der Krone und sicherte den Abgeordneten Immunität und freie Rede zu [2]. Samuel von Pufendorf schrieb 1672, jeder Mensch habe eine außerordentliche Würde [2].
Naturrecht und Aufklärung
Die Philosophen Thomas Hobbes und John Locke gingen von einem Naturzustand aus, in dem Menschen ohne Staat leben [1]. Locke sah in Verstößen gegen Leben, Freiheit und Eigentum einen Grund für ein Recht auf Widerstand [1]. Nach diesem Denken besitzen Menschen bestimmte Rechte schon vor jedem Staat, der Staat soll sie schützen. Wie sich diese Ideen im 18. Jahrhundert verbreiteten, zeigt der Artikel über die Aufklärung.
Die Erklärungen von 1776 und 1789
Am 12. Juni 1776 nahm Virginia eine Erklärung der Rechte an. Sie war der erste Grundrechtskatalog mit dem Anspruch, umfassend zu sein, und wirkte auf die Unabhängigkeitserklärung und auf Frankreich [1]. Sie machte Presse- und Religionsfreiheit, Volkssouveränität und Gewaltenteilung zu Grundrechten [2]. Am 4. Juli 1776 folgte die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die sich auf unveräußerliche Rechte beruft [1].

In Frankreich wurde am 26. August 1789 die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verabschiedet [2]. Ihr erster Artikel lautet in deutscher Übersetzung: "Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten." [1] Als natürliche Rechte nennt sie Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung [1]. Die Erklärung gilt in Frankreich bis heute als Verfassungsrecht [1]. Im September 1789 wurden in den USA die Zusatzartikel zur Verfassung formuliert, die als Bill of Rights unter anderem Religions- und Meinungsfreiheit garantieren [2]. Die Ereignisse in Paris beschreibt der Artikel über die Französische Revolution.
Wer ausgeschlossen blieb
Die Erklärung von 1789 sprach von Menschen und Bürgern, gemeint waren Männer. Im September 1791 veröffentlichte die Schriftstellerin Olympe de Gouges eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin [2, 6]. Sie richtete den Text an Königin Marie Antoinette [6]. Ihr erster Artikel stellt fest, dass die Frau frei geboren wird und dem Mann an Rechten gleich bleibt [6]. Sie forderte unter anderem gleiche Steuern, gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern und gleiche Eigentumsrechte [6]. 1793 wurde sie als Gegenrevolutionärin hingerichtet [6]. Das Wahlrecht erhielten Frauen in Frankreich erst 153 Jahre nach ihrer Erklärung [2].
Sklaverei und Abschaffung
Auch die Sklaverei bestand neben den neuen Erklärungen fort. Am 23. August 1791 begann in Saint-Domingue ein Aufstand der Versklavten, 1804 entstand dort die unabhängige Republik Haiti [7]. Das Vereinigte Königreich verbot 1807 den Sklavenhandel, 1833 trat dort ein Gesetz gegen die Sklaverei in Kraft [7]. In den USA wurde die Sklaverei 1865 mit dem 13. Verfassungszusatz abgeschafft [7]. 1926 folgte ein Abkommen des Völkerbunds gegen die Sklaverei [7].
Grundrechte in Deutschland
In Deutschland enthielt die Paulskirchenverfassung vom 28. März 1849 einen weitreichenden Katalog von Grundrechten. Ihr Paragraf 137 lautete: "Vor dem Gesetze gilt kein Unterschied der Stände." Der Grundrechtsteil wurde 1851 wieder aufgehoben [1]. Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 übernahm die Grundrechte und ergänzte soziale Garantien [1]. Das Grundgesetz vom 23. Mai 1949 stellt die Menschenwürde in Artikel 1 an den Anfang [1]. Den Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" setzte Elisabeth Selbert durch [1]. Wie die Grundrechte heute im Grundgesetz stehen, erklärt die Seite Die Grundrechte im Überblick.
Die Allgemeine Erklärung von 1948
Die Erklärung entstand aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Die 1945 gegründeten Vereinten Nationen wollten verhindern, dass sich solche Verbrechen wiederholen [4]. Die Menschenrechtskommission mit 18 Mitgliedern trat 1947 erstmals zusammen [3, 4]. Einen Ausschuss aus acht Staaten setzte sie für den Entwurf ein und achtete dabei auf eine Verteilung über die Weltregionen [3].

Wer am Text mitschrieb
An der Erklärung arbeiteten Fachleute aus vielen Teilen der Welt [3]. Eleanor Roosevelt aus den USA leitete den Redaktionsausschuss, René Cassin aus Frankreich schrieb den ersten Entwurf. Seine endgültige Fassung ging an die Kommission, die damals in Genf tagte [3]. Der Chinese Peng Chung Chang war stellvertretender Vorsitzender, Charles Malik aus dem Libanon Berichterstatter [3]. Der Kanadier John Humphrey, Direktor der Menschenrechtsabteilung der UN, entwarf die Grundstruktur, Hernán Santa Cruz aus Chile gehörte dem Redaktionsausschuss an [3]. Hansa Mehta aus Indien gilt als diejenige, die in Artikel 1 "All men are born free and equal" durch "All human beings are born free and equal" ersetzte [3]. Die Dänin Bodil Begtrup setzte sich für die Formulierungen "jeder" und "alle" ein [4, 10]. Mehr als 50 Staaten beteiligten sich an der Ausarbeitung [4].
Am 10. Dezember 1948 nahm die Generalversammlung die Erklärung als Resolution 217 A (III) an. 48 Staaten stimmten zu, acht enthielten sich, kein Staat stimmte dagegen [3, 9]. Die Erklärung ist nicht unmittelbar rechtsverbindlich, sie ist aber eine wichtige Quelle für nationale Verfassungen und für Menschenrechtsverträge [2]. Die Organisation selbst stellt der Artikel über die Vereinten Nationen vor.
Verträge und regionale Abkommen
Damit aus Grundsätzen einklagbare Pflichten wurden, schlossen die Staaten Verträge. 1950 entstand die Europäische Menschenrechtskonvention, über deren Einhaltung der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wacht [2]. Die beiden UN-Pakte von 1966 sind für die Staaten verbindlich, die sie unterzeichnet haben [2]. Andere Weltregionen gaben sich eigene Abkommen. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg nennt diese Daten [2]:

| Datum | Dokument | Geltungsbereich |
|---|---|---|
| 04.11.1950 | Europäische Menschenrechtskonvention | Europa |
| 16.12.1966 | Pakt über bürgerliche und politische Rechte und Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte | Vereinte Nationen |
| 22.11.1969 | Amerikanische Menschenrechtskonvention | Amerika (von den meisten Staaten unterzeichnet, nicht von Kanada, Kuba und einigen Karibikstaaten) |
| 27.06.1981 | Afrikanische Charta der Rechte der Menschen und Völker (Banjul-Charta) | Afrika |
| 15.09.1994 | Arabische Charta der Menschenrechte, überarbeitet 2004, wirksam seit 2008 | Arabische Liga |
| 07.12.2000 | Charta der Grundrechte der Europäischen Union | Europäische Union |
Die Banjul-Charta enthält neben bürgerlichen und politischen auch wirtschaftliche und soziale Garantien [2]. Vom 14. bis 25. Juni 1993 tagte in Wien die Weltkonferenz über Menschenrechte. Sie forderte einen Hohen Kommissar für Menschenrechte, und die Generalversammlung schuf das Amt noch im selben Jahr [8].
- Studie Gudula Geuther: Geschichte der Grundrechte (Informationen zur politischen Bildung, Heft Grundrechte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 09.08.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Der lange Weg der Menschenrechte: Chronik. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Stand 12.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation History of the Declaration. Vereinte Nationen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Geschichte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Deutsches Institut für Menschenrechte. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Jona Lendering: Cyrus Cylinder Translation. Livius.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Olympe de Gouges, The Declaration of the Rights of Woman (September 1791) (Liberty, Equality, Fraternity: Exploring the French Revolution). Roy Rosenzweig Center for History and New Media, George Mason University. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Internationaler Tag der Erinnerung an Sklavenhandel und dessen Abschaffung (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 16.08.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation World Conference on Human Rights, 14 to 25 June 1993, Vienna. Vereinte Nationen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation UN Research Guides: Universal Declaration of Human Rights, General Assembly plenary. Vereinte Nationen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Begtrup, Bodil (1903-1987). Encyclopedia.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
- ThemenDer LiberalismusLiberalismus einfach erklärt: Grundprinzipien, Locke und Adam Smith, das Wort "liberal" aus Cádiz, Liberale in Deutschland …
ThemenDer KommunismusKommunismus einfach erklärt: Wurzeln der Idee, Marx und Engels, Russische Revolution, Stalinismus, China, Kambodscha und das …
ThemenWirtschaft und Handel in der GeschichteWirtschaftsgeschichte im Längsschnitt: Fernhandel der Bronzezeit, erste Münzen, Papiergeld in China, Saharahandel, Kompanien …
Zeitleiste der WeltgeschichteDie Zeitleiste ordnet Ereignisse von der Steinzeit bis heute nach Epoche und Weltregion.