Das lange 19. JahrhundertRatgeber
Der Wiener Kongress: wie Europa nach Napoleon neu geordnet wurde
Der Wiener Kongress war eine Konferenz der europäischen Mächte von September 1814 bis Juni 1815. Unter dem Vorsitz des österreichischen Außenministers Metternich ordneten sie Grenzen und Herrscherhäuser nach dem Sturz Napoleons neu. Die Schlussakte vom 9. Juni 1815 schuf unter anderem den Deutschen Bund aus 35 Fürstentümern und vier Freien Städten.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten Krieg trafen sich im September 1814 in Wien Vertreter fast aller europäischen Staaten. Sie sollten Europa nach dem Sturz Napoleons neu ordnen [1]. Zur Verhandlung standen rund 200 Staaten, Fürstentümer und souveräne Städte [2]. Die neuen Grenzen hielten im Wesentlichen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts [2]. Wie es zu dieser Lage kam, erzählt der Artikel zu den Napoleonischen Kriegen.
Ausgangslage nach Napoleons Sturz
Im Oktober 1813 verlor Napoleon die Völkerschlacht bei Leipzig, 1814 endeten die Koalitionskriege [2]. Der Pariser Friede vom 30. Mai 1814 legte in Artikel 32 fest, dass ein Kongress in Wien die offenen Fragen klären sollte [1]. Zu klären war viel: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte sich 1806 aufgelöst [1], viele Herrscherhäuser hatten unter Napoleon ihre Länder verloren, und die Sieger hatten eigene Ansprüche. Mehr zur Person steht im Artikel über Napoleon Bonaparte.
Wer in Wien verhandelte
Offiziell eröffnet wurde der Kongress am 1. November 1814 unter dem Vorsitz des österreichischen Außenministers Klemens Wenzel von Metternich [1]. Nach Wien kamen Zar Alexander I., sechs Könige, mehr als hundert Fürsten und zahlreiche Diplomaten. Die Stadt hatte damals etwa 265.000 Einwohner, während des Kongresses kamen rund 30.000 Menschen hinzu: Gefolge, Interessenvertreter und Künstler [1]. Weil die Gäste viel feierten und die Verhandlungen langsam vorankamen, spotteten Zeitgenossen, der Kongress gehe nicht vorwärts, er tanze [1].
Entschieden wurde im kleinen Kreis. Für Großbritannien verhandelte Außenminister Viscount Castlereagh, für Preußen Staatskanzler Karl August von Hardenberg zusammen mit Wilhelm von Humboldt. Frankreich vertrat Charles-Maurice de Talleyrand [2, 4]. Ab Januar 1815 durfte er mitverhandeln. Damals drohte der Streit um Sachsen und Polen zu eskalieren, und Preußen und Russland nahmen ihre Forderungen zurück [2]. Ein bekanntes Gruppenbild des Pariser Hofmalers Jean-Baptiste Isabey zeigt 23 Teilnehmer. Metternich steht und weist auf den sitzenden Castlereagh, hinter Hardenberg steht der Herzog von Wellington, und Graf Rasumowsky vertritt Zar Alexander I. Talleyrand sitzt mit aufgestütztem Arm am Tisch, ein Zeichen dafür, dass Frankreich trotz seiner Niederlage als gleichrangig galt [4].
Die Grundsätze der Neuordnung
Zwei Gedanken leiteten die Verhandlungen. Das Gleichgewicht der Mächte sollte an die Stelle der französischen Vorherrschaft treten, und nach dem Grundsatz der Legitimität kehrten viele alte Herrscherhäuser auf ihre Throne zurück [4]. Dazu kam die Solidarität der Monarchen. Die Unterzeichner der Kongressakte verpflichteten sich, die neue Ordnung zu achten und gegen revolutionäre Umsturzversuche vorzugehen. Unterzeichnet haben Russland, Österreich, Großbritannien, Frankreich, Preußen, Spanien, Portugal und Schweden [1].
Napoleons Rückkehr und Waterloo
Mitten in die Verhandlungen platzte eine Nachricht: Napoleon hatte am 26. Februar 1815 die Insel Elba verlassen [1] und war am 1. März wieder in Frankreich gelandet [5]. Die Beratungen über die deutsche Verfassung wurden erst am 23. Mai 1815 wieder aufgenommen [1]. Am 16. Juni schlug Napoleon bei Ligny das preußische Heer unter Feldmarschall Blücher. Zwei Tage später, am 18. Juni 1815, kam es unweit von Brüssel zur Schlacht bei Waterloo. Rund 70.000 französische Soldaten standen einer fast gleich großen Armee unter dem Herzog von Wellington gegenüber. Am späten Nachmittag griffen rund 45.000 Preußen die französische Flanke an und entschieden die Schlacht [5].
Die neue Landkarte Europas
Die Schlussakte des Kongresses ist auf den 9. Juni 1815 datiert [1, 10]. Die wichtigsten Gebietsänderungen zeigt die Tabelle:

| Staat | Ergebnis des Kongresses |
|---|---|
| Preußen | zwei Fünftel Sachsens, Posen, Danzig, die Gebiete links des Rheins und Westfalen |
| Russland | das Königreich Polen (Kongresspolen) in Personalunion |
| Österreich | gibt Besitz am Rhein auf, erhält unter anderem Tirol, Salzburg, Galizien, Mailand, Venetien und Dalmatien |
| Niederlande | erhalten die früher österreichischen Niederlande |
| Bayern | erhält die Pfalz zurück |
| Frankreich | behält die Grenzen von 1792 |
Die Angaben stammen aus dem Lebendigen Museum Online des Deutschen Historischen Museums [2]. Preußen umfasste danach rund 280.000 Quadratkilometer mit etwa 10,3 Millionen Einwohnern. Gegenüber der Zeit vor der Französischen Revolution war seine Fläche um knapp ein Drittel gewachsen, die Zahl der Einwohner hatte sich verdoppelt [2]. Das Königreich der Niederlande, Piemont-Sardinien und die Schweiz sollten als Pufferstaaten an der Ostgrenze Frankreichs dienen. Die Hoffnung der Polen auf einen eigenen Staat erfüllte sich nicht [2].
Der Deutsche Bund
Einen deutschen Nationalstaat schuf der Kongress nicht. An die Stelle des alten Reiches trat der Deutsche Bund [1]. Seine Grundlage war die Deutsche Bundesakte mit 20 Artikeln. Sie ist auf den 8. Juni 1815 datiert, wurde am 10. Juni unterzeichnet und als Teil der Schlussakte international anerkannt [3]. Dem Bund gehörten bei der Gründung 35 souveräne Fürstentümer und vier Freie Städte an: Lübeck, Frankfurt, Bremen und Hamburg [4].
Der Bund war ein Staatenbund. Er hatte kein Staatsoberhaupt, keine Regierung, keine Volksvertretung und kein oberstes Gericht. Sein einziges Organ war die Bundesversammlung in Frankfurt am Main unter österreichischem Vorsitz, besetzt mit Gesandten der Mitgliedsstaaten. Im Engeren Rat hatten die elf größten Staaten je eine Stimme, die übrigen teilten sich sechs gemeinsame Stimmen [3]. Laut Artikel 2 sollte der Bund die innere und äußere Sicherheit Deutschlands und die Unabhängigkeit seiner Staaten erhalten. Nach Artikel 11 durften die Mitglieder ihre Streitigkeiten nicht mit Krieg austragen, sondern mussten sie vor die Bundesversammlung bringen. Artikel 13 versprach jedem Staat eine landständische Verfassung, nannte aber weder Mindestrechte noch eine Frist, weil sich Bayern und Württemberg gegen Eingriffe in ihre inneren Verhältnisse gewehrt hatten. Artikel 16 stellte die drei christlichen Konfessionen politisch gleich. Die Bürgerrechte der Juden blieben Sache der Einzelstaaten, und die in Artikel 19 angekündigte gemeinsame Zoll- und Handelsregelung kam nie zustande [3]. Ergänzt wurde die Bundesakte 1820 durch die Wiener Schlussakte [4].
Die Heilige Allianz
Nach dem endgültigen Sieg über Napoleon schlossen der Kaiser von Österreich, der König von Preußen und der Kaiser von Russland am 26. September 1815 in Paris einen weiteren Vertrag, die Heilige Allianz. Darin erklärten die drei Monarchen, sie wollten ihre Politik nach den Geboten der christlichen Religion ausrichten, einander als Brüder betrachten und sich in jeder Lage beistehen. Sie sahen sich als Regenten dreier Zweige einer einzigen christlichen Familie [6]. Der Vertrag stand anderen Mächten offen, die sich zu diesen Grundsätzen bekannten [6].
Das System Metternich
Wie ernst die Monarchen die Abwehr von Umstürzen nahmen, zeigte sich 1819. Am 23. März ermordete der Burschenschaftler Karl Ludwig Sand in Mannheim den Schriftsteller August von Kotzebue, den viele Liberale als Symbol der Reaktion sahen. Im August 1819 berief Metternich eine Konferenz in Karlsbad ein, an der neben Österreich und Preußen unter anderem Hannover, Sachsen, Bayern, Württemberg und Baden teilnahmen [7]. Am 20. September 1819 nahm die Bundesversammlung die Karlsbader Beschlüsse einstimmig an: Die Universitäten kamen unter staatliche Aufsicht, die Burschenschaften wurden verboten, eine allgemeine Pressezensur eingeführt, und eine Kommission in Mainz sollte "demagogische" Verbindungen aufspüren [7]. Was Pressefreiheit heute bedeutet, erklärt demokratie.domain-root.de unter Pressefreiheit in Deutschland.

Die Opposition ließ sich damit nicht dauerhaft unterdrücken. Zum Hambacher Fest kamen 1832 bis zu 30.000 Menschen, danach verbot die Bundesversammlung politische Vereine, Versammlungen und Abzeichen [8]. Viele Bürger zogen sich ins Private zurück, eine Haltung, die der Artikel zum Biedermeier beschreibt. Erst die Revolution von 1848/49 brachte das System zum Einsturz. Im März 1848 hob die Bundesversammlung die Unterdrückungsmaßnahmen weitgehend auf und erklärte am 12. Juli 1848 ihre Tätigkeit für beendet. Am 2. September 1850 wurde sie wiederbelebt [8].
Wie der Kongress heute bewertet wird
Die Grenzen von 1815 blieben in ihren Grundzügen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestehen [2]. Gegenüber dem alten Reich brachte der Deutsche Bund modernere Strukturen. Er geriet aber in Konflikt mit der wachsenden Nationalbewegung und den Liberalen, die eine Verfassung forderten. Die sogenannte deutsche Frage verschärfte sich dadurch in den folgenden Jahrzehnten [4]. Die Bundeszentrale für politische Bildung hebt hervor, dass im Deutschen Bund erste Ansätze von Gewaltenteilung, Parlamentarismus und Grundrechten entstanden, auf die spätere Verfassungen zurückgriffen [9]. Wie die deutsche Frage schließlich beantwortet wurde, erzählt der Artikel zur Reichsgründung 1871.
- Organisation Arnulf Scriba: Wiener Kongress (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Maike Becking: Neuordnung Europas 1814/15 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 25.06.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Die Bundesakte 1815 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 10.10.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Der Wiener Kongress unter der Leitung des Fürsten Clemens von Metternich (1814/15). German History in Documents and Images, Deutsches Historisches Institut Washington. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Die Schlacht bei Waterloo (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 14.03.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Heilige Allianz vom 26. September 1815 (Vertragstext nach der Offiziellen Sammlung der das Schweizerische Staatsrecht betreffenden Aktenstücke). Liechtensteinisches Landesarchiv, e-archiv.li. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Karlsbader Beschlüsse 1819 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 10.10.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Der Deutsche Bund (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Quiz: Wiener Kongress und Deutscher Bund (Deine tägliche Dosis Politik). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 10.06.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Gang der Geschichte: 1815 (Schlussakte des Wiener Kongresses vom 9. Juni 1815). Bundeskanzleramt Österreich. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
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