Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Das Biedermeier: Rückzug ins Private zwischen Wiener Kongress und 1848

Biedermeier nennt man die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Revolution von 1848 im deutschsprachigen Raum, vor allem ihre bürgerliche Kultur. Unter Zensur und Polizeiaufsicht zog sich das Bürgertum ins Private zurück: Hausmusik, schlichte Möbel und Genremalerei prägen das Bild. Der Name stammt von der Spottfigur Gottlieb Biedermaier aus den 1850er-Jahren.

Ein Wohnzimmer des frühen 19. Jahrhunderts mit Kirschholzsofa, rundem Tisch, gestreifter Tapete und kleinem Klavier
Bild: KI-generiert

Mit Biedermeier ist die Zeit zwischen dem Ende der Napoleonischen Kriege und der Revolution von 1848 gemeint, vor allem in Deutschland und Österreich. Austria-Forum, das Lexikon zur österreichischen Geschichte, datiert die Epoche auf 1815 bis 1848, die Jahre der Herrschaft des österreichischen Staatskanzlers Metternich [1]. Das Wort steht heute für bürgerliche Gemütlichkeit, schlichte Möbel und Hausmusik. Politisch waren es Jahre der Zensur und der Überwachung.

Woher der Name kommt

Die Zeitgenossen nannten ihre Epoche nicht Biedermeier. Der Name entstand erst im Rückblick und war ein Spott. Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul erfanden die Figur des Gottlieb Biedermaier und veröffentlichten unter seinem Namen ab 1855 Gedichte in der Zeitschrift "Fliegende Blätter" [2]. Den Namen setzten sie aus zwei Gedichten von Joseph Victor von Scheffel zusammen, "Biedermanns Abendgemütlichkeit" und "Bummelmaiers Klage" [2]. Ganz neu war das Wort nicht: Schon 1847 hatte Ludwig Pfau ein Gedicht mit dem Titel "Herr Biedermeier" veröffentlicht [2]. Austria-Forum beschreibt den Begriff als ursprünglich spöttische Bezeichnung für einen gutmeinenden Spießbürger, die Kußmaul und Eichrodt 1855 bis 1857 erstmals auf die Lebensweise des Vormärz anwandten [1]. Später wurde daraus ein Epochenname.

Für dieselben Jahre sind auch die Namen "Vormärz" und "Restaurationszeit" üblich. Wilhelm Bleek nennt den Begriff Vormärz problematisch und meint, Restauration verkürze die Widersprüchlichkeit der Zeit [3]. Austria-Forum betont, dass der Biedermeierstil zwar allgemein europäisch war, sich aber vor allem im Österreich der Metternich-Zeit ausprägte [1].

Politischer Hintergrund: Restauration und Zensur

Nach dem Sieg über Napoleon ordnete der Wiener Kongress 1815 Europa neu. In Deutschland entstand der Deutsche Bund mit 41 Mitgliedsstaaten. Die Bundesakte versprach "landständische Verfassungen", doch Österreich und Preußen wehrten sich bis zur Märzrevolution gegen eine Verfassungsreform [3].

Am 23. März 1819 wurde der Schriftsteller August von Kotzebue ermordet. Metternich berief daraufhin im August 1819 eine Konferenz nach Karlsbad ein [4]. Die Karlsbader Beschlüsse stellten die Universitäten unter Aufsicht, verboten die Burschenschaften, ließen Lehrer mit revolutionären Ansichten entlassen, führten eine allgemeine Pressezensur ein und schufen in Mainz eine zentrale Untersuchungskommission gegen sogenannte demagogische Umtriebe. Dazu kamen Regeln, nach denen der Deutsche Bund bei Unruhen in einzelnen Staaten militärisch eingreifen durfte. Der Bundestag in Frankfurt nahm die Beschlüsse am 20. September 1819 einstimmig an [4]. Wilhelm Bleek nennt in seinem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung die 1820er-Jahre deshalb "eine Zeit der politischen Friedhofsruhe" [3]. Was Pressefreiheit heute bedeutet, erklärt die Seite Pressefreiheit in Deutschland.

Ganz still blieb es nicht. Nach der Julirevolution in Frankreich 1830 lebte die Opposition auf. Im Mai 1832 zogen zwischen 20.000 und 30.000 Menschen von Neustadt an der Weinstraße zur Ruine des Hambacher Schlosses, hörten Reden für Freiheit und nationale Einheit und schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen [3]. 1837 hob König Ernst August von Hannover die Landesverfassung auf. Sieben Göttinger Professoren, darunter die Brüder Grimm und der Historiker Dahlmann, protestierten und wurden entlassen. Ihr Fall löste in ganz Deutschland eine Welle der Solidarität aus [3].

Bürgerliches Leben im Biedermeier

Austria-Forum beschreibt, wie sich das Bürgertum nach der Enttäuschung von 1815 vom politischen Leben ab- und dem privaten Behagen zuwandte. In Wien suchte man Erholung bei Landpartien, beim Heurigen, im Prater, in Kaffeehäusern und Theatern [1]. Gemeinsames Musizieren in der Wohnung wurde beliebt. In bürgerlichen Häusern spielten Quartette, und bei den "Schubertiaden" trafen sich Freunde, um die Werke Franz Schuberts zu hören [1]. Die Wiener Gesellschaft der Musikfreunde war 1812 gegründet worden, die Wiener Philharmoniker folgten 1842 [1]. Auch der Wiener Walzer wurde in diesen Jahren immer beliebter [1].

Erwachsene in Kleidung des frühen 19. Jahrhunderts musizieren am Abend gemeinsam in einer Stube bei Kerzenlicht
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Dass sich das Leben so ins Private verlagerte, hatte politische Gründe. Im Polizeistaat Metternichs war das Bürgertum von den Angelegenheiten des Staates ausgeschlossen [1]. Wer politisch diskutieren wollte, riskierte Ärger mit der Zensur und der Polizei. Wohnzimmer, Kaffeehaus und Theater boten dagegen Raum für Geselligkeit.

Bleek hält das Bild der Idylle für die Wirklichkeit des Vormärz allerdings für untypisch [3].

Möbel und Wohnen

Am bekanntesten ist das Biedermeier heute durch seine Möbel. Austria-Forum beschreibt sie als zweckmäßig, schlicht und elegant, mit klaren, leicht geschwungenen Linien. Geblümte und gestreifte Stoffe und Tapeten unterstrichen diese Formen [1]. Die Ausstellung "Biedermeier: The Invention of Simplicity", die 2006 bis 2008 in Milwaukee, in der Wiener Albertina, im Deutschen Historischen Museum in Berlin und im Pariser Louvre zu sehen war, betonte die reine, fast abstrakte Form, die kräftigen Farben und den Verzicht auf aufgesetzten Schmuck. Das natürliche Holzbild und Furniere sind typisch [7].

Ein schlichter Sekretär aus hellem Holz mit fein gemasertem Furnier vor einer hellen Wand, darauf ein Blumenstrauß
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Viele Stücke kamen aus Wien, etwa ein Sofa aus den Jahren 1825 bis 1830, das die Ausstellung zeigte [7]. Josef Danhauser gründete dort eine Möbelfabrik mit einem frühen Verkaufsraum für fertige Möbel. Ein Stuhl von 1826 aus der Möbelfabrik Danhausers nimmt bereits die späteren Bugholzstühle von Michael Thonet vorweg, seine Rundungen sind allerdings aus massivem Holz geschnitzt [7]. Thonets Bugholzmöbel gehören zu den ersten Möbeln, die für die Massenfertigung entwickelt wurden [1].

Malerei: Genrebilder und der arme Poet

Die Maler wandten sich von den großen Geschichtsbildern des Klassizismus ab und dem Alltag und der nächsten Umgebung zu. Die Genremalerei, also Bilder aus dem täglichen Leben, erreichte einen Höhepunkt. In Wien sind dafür Josef Danhauser und Ferdinand Georg Waldmüller zu nennen, Waldmüller auch als Landschaftsmaler und Porträtist. Friedrich von Amerling war ein gefragter Porträtmaler [1].

Carl Spitzweg (1808 bis 1885) malte 1839 "Der arme Poet". Es zeigt einen Dichter in einer ärmlichen Dachkammer, der auf einer Matratze liegt und einen Regenschirm gegen das tropfende Dach aufgespannt hat. Seine Manuskripte liegen als Brennmaterial neben dem Ofen [5]. Bei der ersten Ausstellung im Münchner Kunstverein 1839 sahen Kritiker darin einen ironischen Angriff auf die Verklärung der Dichtkunst und der akademischen Historienmalerei. Das Bild verweist auch auf die Not vieler Künstler [5]. Ein Detail macht die Ironie deutlich: Der Dichter unterbricht seine hochfliegenden Gedanken, um einen Floh zwischen den Fingern zu betrachten. Spitzweg verspottet damit das romantische Bild vom weltfremden Genie [6]. Das Bild gehört heute zur Sammlung der Neuen Pinakothek in München [5]. Die Quellenedition German History in Documents and Images nennt es "vielleicht das bekannteste Bild der Biedermeierzeit" [6].

Literatur und Theater

Die Dichtung des Biedermeier war überwiegend unpolitisch. Sie schätzte sanfte Innerlichkeit, Selbstbeschränkung und Ergebung in das Schicksal [1]. Adalbert Stifter machte das "sanfte Gesetz" der Natur zum Leitgedanken seiner Kunst, sein Roman "Der Nachsommer" gilt als Hauptwerk. Auch Franz Grillparzer zählt zu den Dichtern der Zeit [1]. Ferdinand Raimund und Johann Nestroy führten das Wiener Volkstheater trotz strenger Zensur zu einem Höhepunkt [1].

Daneben entstand in denselben Jahren eine politische Literatur, die man dem Vormärz zuordnet. Mehr über die Opposition dieser Zeit steht im Artikel zur Revolution von 1848/49.

Die andere Seite: Armut und Hunger

Abseits der bürgerlichen Wohnzimmer wuchs die Not. Bleek beschreibt die Massenarmut der Zeit, den Pauperismus. Ursachen waren die Bauernbefreiung, die viele landlose Tagelöhner ohne Arbeit ließ, und das schnelle Bevölkerungswachstum. Preußen wuchs von 10,6 Millionen Menschen im Jahr 1816 auf 16,6 Millionen im Jahr 1848 [3]. 1844 erhoben sich in Schlesien die Heimweber gegen ihre Verleger und die Konkurrenz der maschinell arbeitenden Fabriken in England. Eine Kartoffelkrankheit führte 1846/47 in ganz Europa zu Hunger und Unruhen auf Märkten und vor Bäckereien. In den östlichen Provinzen Preußens stellten Polizei und Militär die Ordnung wieder her [3].

Eine dunkle Weberstube mit großem hölzernem Handwebstuhl, rohen Holzwänden und kleinem Fenster mit grauem Licht
Bild: KI-generiert

Gleichzeitig begann die Industrialisierung. 1835 fuhr die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, 1839 folgte die Strecke Leipzig und Dresden. Bis 1850 wuchs das deutsche Schienennetz auf rund 6.000 Kilometer. Finanziert wurde es vor allem von Aktiengesellschaften, Unternehmen wie Borsig und Krupp wurden zu großen Lieferanten [3]. 1834 schloss Preußen die meisten deutschen Staaten zum Zollverein zusammen und hob die Zölle zwischen ihnen auf. Hamburg, Bremen, Hannover und Österreich blieben draußen [3].

Das Ende 1848

Die Revolution von 1848 beendete die Epoche, Austria-Forum setzt ihr Ende auf dieses Jahr [1]. Erst die Märzrevolution brach den Widerstand Österreichs und Preußens gegen Verfassungen [3]. Was danach kam, beschreiben die Artikel zur Revolution von 1848/49 und zum langen 19. Jahrhundert.

  1. Biedermeier. Austria-Forum (AEIOU, Österreich-Lexikon). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Elin Nesje Vestli: Biedermeier (litteratur). Store norske leksikon. Stand 13.07.2022. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Wilhelm Bleek: Der deutsche Vormärz. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 07.03.2023. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Arnulf Scriba: Karlsbader Beschlüsse 1819. Deutsches Historisches Museum, LeMO. Stand 10.10.2014. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Carl Spitzweg: Der arme Poet, 1839. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek München. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Carl Spitzweg, Der arme Poet (1839). German History in Documents and Images, Deutsches Historisches Institut Washington. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Janet Whitmore: Biedermeier, The Invention of Simplicity (Ausstellungsbesprechung). Nineteenth-Century Art Worldwide 6, Nr. 2. Stand Herbst 2007. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.