Das lange 19. JahrhundertRatgeber
Die Reichsgründung 1871: wie das Deutsche Kaiserreich entstand
Das Deutsche Reich entstand 1870/71, als die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt dem von Preußen geführten Norddeutschen Bund beitraten. Die erweiterte Verfassung des Norddeutschen Bundes galt ab dem 01.01.1871, am 18.01.1871 wurde König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Vorausgegangen waren drei Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich.

Bis 1871 gab es keinen deutschen Nationalstaat. Seit 1815 waren die deutschen Länder im lockeren Deutschen Bund verbunden, und der Versuch der Revolution von 1848/49, einen Nationalstaat von unten zu gründen, war gescheitert [1]. Zwischen 1864 und 1871 entstand das Deutsche Reich dann unter preußischer Führung, nach drei Kriegen und langen Verhandlungen mit den Fürsten. Auf dieser Seite liest du, wie es dazu kam, warum der Kaiser ausgerechnet in Versailles ausgerufen wurde und wie die Verfassung von 1871 die Macht verteilte.
Die deutsche Frage nach 1849
Nach dem Scheitern der Revolution kam die Einigung einige Jahre nicht voran. Ende der 1850er Jahre gewann die Nationalbewegung wieder an Kraft. Viele sahen in der Einigung Italiens, die 1861 zum Königreich Italien führte, ein Vorbild [1]. Umstritten blieb die Frage, ob Österreich zu einem deutschen Staat gehören sollte. Viele Deutsche wünschten sich einen Nationalstaat mit Österreich [1].
In Preußen wurde Otto von Bismarck 1862 Ministerpräsident [2]. Am 30.09.1862 sprach er vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses, mitten im Verfassungskonflikt um den Haushalt und die Heeresreform. Nach dem Protokoll sagte er, die großen Fragen der Zeit würden "nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse" entschieden, sondern "durch Eisen und Blut" [3]. Der Satz wurde später meist als "Blut und Eisen" zitiert. Mehr über ihn steht auf der Seite über Otto von Bismarck.
Der Krieg gegen Dänemark 1864
Der erste der drei Einigungskriege begann mit einem Streit um Schleswig und Holstein. Nach dem Tod König Friedrichs VII. unterzeichnete sein Nachfolger Christian IX. im November 1863 eine Verfassung, die Schleswig in den dänischen Staat eingliederte. Das verstieß gegen das Londoner Protokoll von 1852 [4]. Preußen und Österreich stellten Dänemark am 16.01.1864 ein Ultimatum, am 01.02.1864 überschritten ihre Truppen die Eider. Mit der Erstürmung der Düppeler Schanzen im April 1864 war der Krieg praktisch entschieden [4].

Im Wiener Frieden vom 30.10.1864 trat Dänemark Schleswig, Holstein und Lauenburg ab. Die Sieger verwalteten die Herzogtümer zunächst gemeinsam. In der Gasteiner Konvention vom 14.08.1865 teilten sie die Verwaltung auf: Schleswig kam an Preußen, Holstein an Österreich [4]. Der Streit zwischen beiden Mächten war damit nur vertagt.
Der Deutsche Krieg 1866 und der Norddeutsche Bund
1866 kämpften Preußen und Österreich um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Am 03.07.1866 siegte Preußen bei Königgrätz. Österreich schied aus dem Deutschen Bund aus [1]. Preußen annektierte Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt am Main sowie Schleswig und Holstein und setzte die dortigen Herrscher ab. So entstand eine Landverbindung zwischen den alten preußischen Provinzen und dem Rheinland [1].
An die Stelle des Deutschen Bundes setzte Bismarck den Norddeutschen Bund, zu dem alle Staaten nördlich der Mainlinie gehörten. Er war ein Bundesstaat mit eigener Verfassung, gemeinsamer Außen- und Militärpolitik und einem Bundeskanzler an der Spitze. Dieses Amt hatte Bismarck neben dem des preußischen Ministerpräsidenten inne [1]. Die süddeutschen Staaten blieben außerhalb, hatten sich aber verpflichtet, im Kriegsfall an der Seite Preußens zu kämpfen [1].
Der Krieg gegen Frankreich 1870/71
Den Anlass zum dritten Krieg gab die spanische Thronfolge. Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen kandidierte im Juli 1870 für den Thron in Madrid und zog am 12.07.1870 zurück. Am 13.07.1870 folgte die Emser Depesche [5]. Am 19.07.1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg [5]. Die süddeutschen Staaten traten auf die Seite Preußens [1].
Zu Beginn standen rund 519.000 deutsche Soldaten etwa 336.000 Mann des französischen Berufsheeres gegenüber. Im Verlauf wuchsen beide Heere auf mehr als eine Million [5]. Am 02.09.1870 siegten die deutschen Truppen bei Sedan, Kaiser Napoleon III. geriet in Gefangenschaft [5]. Ab dem 13.09.1870 wurde Paris belagert. Die Stadt kapitulierte am 28.01.1871, am selben Tag wurde ein Waffenstillstand geschlossen [5]. Im Frieden von Frankfurt vom 10.05.1871 musste Frankreich das Elsass und Teile Lothringens abtreten und fünf Milliarden Franc zahlen [5].
Novemberverträge und Kaiserproklamation
Noch während des Krieges verhandelte Bismarck ab September 1870 mit den süddeutschen Staaten [1]. Baden wollte dem Norddeutschen Bund beitreten. Bayern, Württemberg und Hessen-Darmstadt zögerten, bis Bismarck ihnen Sonderrechte zugestand: Bayern und Württemberg behielten ihre eigene Post und Telegrafie, Bayern im Frieden zusätzlich ein eigenes Heer [2]. Die Verträge wurden zwischen dem 15. und dem 25.11.1870 geschlossen [1, 2].

Der Norddeutsche Reichstag beschloss am 10.12.1870 die erweiterte Verfassung. Sie trat am 01.01.1871 in Kraft. Verfassungsrechtlich bestand das Deutsche Reich also schon seit Neujahr [2]. Den Kaisertitel hatte Bismarck vorbereitet: Er verfasste einen Brief, mit dem König Ludwig II. von Bayern Wilhelm I. die Kaiserwürde antrug, und stellte Ludwig dafür rund fünf Millionen Mark in Aussicht. Prinz Luitpold übergab das Schreiben am 03.12.1870 [2].
Am 18.01.1871 riefen die Fürsten und hohen Offiziere im Spiegelsaal von Schloss Versailles Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser aus. Rund 1.391 Personen waren anwesend [2]. Das Datum war der 170. Jahrestag der Erhebung Preußens zum Königreich im Jahr 1701 [1]. Rechtlich änderte die Zeremonie nichts, die meisten Deutschen sahen aber in ihr die eigentliche Reichsgründung [2]. Wilhelm wollte "Kaiser von Deutschland" heißen. Bismarck setzte "Deutscher Kaiser" durch, weil der erste Titel einen Herrschaftsanspruch über die nichtpreußischen Länder bedeutet hätte [2].
Im Reich selbst herrschte weithin nationale Begeisterung. In Süddeutschland blieben viele Menschen dem übermächtigen Preußen gegenüber skeptisch [1]. Am Tag nach der Proklamation wurde auf der Festung Vanves vor Paris die schwarz-weiß-rote Fahne gehisst. Das waren die Farben des Norddeutschen Bundes, die das Reich übernahm [1].
Für Frankreich war die Zeremonie in einem Schloss der französischen Könige eine Demütigung, ebenso der Verlust Elsass-Lothringens [1, 2]. Im Juni 1919 unterschrieb das Deutsche Reich im selben Spiegelsaal den Friedensvertrag von Versailles [2].
Wie die Verfassung von 1871 die Macht verteilte
Das Gesetz über die Verfassung des Deutschen Reichs trägt das Datum 16.04.1871. Die überarbeitete Fassung trat am 04.05.1871 in Kraft. Nach Artikel 11 stand das Präsidium des Bundes dem König von Preußen zu, "welcher den Namen Deutscher Kaiser führt" [6]. Die Länder wirkten über den Bundesrat mit. Er hatte zusammen 58 Stimmen, davon 17 für Preußen [6]. Eine Verfassungsänderung galt als abgelehnt, wenn 14 Stimmen im Bundesrat gegen sie waren [6]. Damit konnte Preußen allein jede Änderung blockieren, ebenso ein Bündnis der süddeutschen Staaten [6, 7]. Den heutigen Bundesrat gibt es als Vertretung der Länder bis heute, seine Stimmen richten sich nach der Bevölkerungszahl [7].

| Organ | Zusammensetzung | Rolle |
|---|---|---|
| Kaiser | König von Preußen | Präsidium des Bundes, führt den Titel Deutscher Kaiser |
| Bundesrat | Vertreter der Länder, 58 Stimmen, Preußen 17 | politisches Entscheidungszentrum, Sperre gegen Verfassungsänderungen ab 14 Stimmen |
| Reichstag | in allgemeiner, direkter und geheimer Wahl gewählt | Gesetzgebung zusammen mit dem Bundesrat |
Der Reichstag ging nach Artikel 20 "aus allgemeinen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung" hervor [6]. Wählen durften nur Männer. Das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht band die Bevölkerung an das neue Reich: 1871 gingen im Reichsdurchschnitt knapp 53 Prozent zur Wahl, in Bayern rund 60 Prozent [7].
Die innere Reichsgründung
Mit dem Jahr 1871 war die Einigung nicht abgeschlossen. Der Historiker Siegfried Weichlein beschreibt die innere Reichsgründung als einen Prozess, der von 1867 bis etwa 1890 dauerte [7]. Der Reichstag vereinheitlichte Münzen, Maße und Gewichte und das Handelsrecht. Die Reichsjustizgesetze von 1877 schufen ein gemeinsames Gerichtsverfahren, das Bürgerliche Gesetzbuch trat erst am 01.01.1900 in Kraft [7].
Auch die Sozialversicherung entstand in diesen Jahren als Reichsgesetz: 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Alters- und Invaliditätsversicherung [7]. Preußen wirkte dabei vereinheitlichend, weil seine Verwaltung die Gesetzentwürfe ausarbeitete, obwohl es im Bundesrat keine Mehrheit hatte [7].
Zugleich grenzte die Politik ganze Gruppen aus. Im Kulturkampf ab 1872 ging der Staat gegen die katholische Kirche vor. Die katholische Zentrumspartei wurde dadurch stärker und erreichte 1874 fast 28 Prozent [7]. Die Sozialistengesetze von 1878 bis 1890 verboten sozialdemokratische Vereine, trotzdem wurde die SPD 1912 mit fast 35 Prozent stärkste Fraktion [7]. Im Reichstag saßen auch Vertreter nationaler Minderheiten, darunter rund 2,5 Millionen Polen, 200.000 Dänen und 1,5 Millionen Elsässer und Lothringer [7]. Gegen Juden richtete sich ein wachsender Antisemitismus. 1887 zog mit Otto Böckel der erste offene Antisemit in den Reichstag ein [7].
Wie das Kaiserreich später in den Ersten Weltkrieg geriet, erklärt die Seite zum Krieg von 1914 bis 1918.
- Organisation Die Reichsgründung 1871 (LeMO Kapitel Kaiserreich). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation 1871: Reichsgründung im Krieg (LeMO Rückblick). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Auszug aus Bismarcks "Blut und Eisen"-Rede (1862). German History in Documents and Images, Deutsches Historisches Institut Washington. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Der Deutsch-Dänische Krieg 1864 (LeMO Rückblick). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 (LeMO Kapitel Kaiserreich). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz Verfassung des Deutschen Reichs (16. April 1871). German History in Documents and Images, Deutsches Historisches Institut Washington. Stand 16.04.1871. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Siegfried Weichlein: Ein Reich für alle? (Aus Politik und Zeitgeschichte, 150 Jahre Reichsgründung). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 04.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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