Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Die Einigung Italiens: Risorgimento von 1815 bis 1871

Die Einigung Italiens, italienisch Risorgimento, ist der Prozess, in dem die nach 1815 geteilte Halbinsel zu einem Nationalstaat wurde. Nach dem Krieg von 1859 und dem Zug der Tausend unter Garibaldi 1860 rief das Parlament in Turin am 17.03.1861 Viktor Emanuel II. zum König von Italien aus. Venetien kam 1866 dazu, Rom 1870.

Hügel der Toskana bei Sonnenuntergang mit Zypressen und einem Bauernhaus aus Stein, ein Feldweg führt in die Ferne
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Bis 1861 gab es keinen italienischen Staat. Die Halbinsel war in Königreiche, Herzogtümer und den Kirchenstaat geteilt, und im Norden herrschte Österreich. Die Einigung zog sich über mehr als fünfzig Jahre. Viele ihrer Vorkämpfer wollten eine Republik, am Ende stand eine Monarchie unter dem Haus Savoyen. Die Italiener nennen diese Zeit Risorgimento, "Wiedererstehung".

Die Ausgangslage nach 1815

Der Wiener Kongress bestätigte 1814/15 die Teilung Italiens und stellte die Vorherrschaft Österreichs wieder her [1]. Zu den Staaten der Halbinsel gehörten:

Eine alte gezeichnete Karte der italienischen Halbinsel auf einem Holztisch mit Kompass und Zirkel im Lampenlicht
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  • das Königreich Sardinien-Piemont mit Turin als Hauptstadt, regiert vom Haus Savoyen,
  • das Königreich Lombardo-Venetien, das zum Kaisertum Österreich gehörte,
  • das Großherzogtum Toskana und die Herzogtümer Parma und Modena,
  • der Kirchenstaat mit Rom, regiert vom Papst,
  • das Königreich beider Sizilien mit Neapel und Sizilien.

Gegen diese Ordnung erhoben sich 1820/21 Geheimbünde der Carbonari im Königreich beider Sizilien und in Piemont, 1831 in der Emilia-Romagna, den Marken und Umbrien. Alle Aufstände scheiterten [1].

Drei Wege zur Einheit

Über das Ziel eines geeinten Italiens waren sich viele einig, über den Weg nicht. Giuseppe Mazzini, 1805 in Genua geboren, gründete den Bund Giovine Italia ("Junges Italien"), dessen Programm im Oktober 1831 in Marseille erschien. Er wollte eine einheitliche Republik freier und gleicher Bürger [2]. Seine Anhänger versuchten es immer wieder mit Aufständen. Nach dem Scheitern dieser Versuche gab es 1853 Prozesse und Todesurteile [1]. Vincenzo Gioberti und die sogenannten Neoguelfen dachten an einen Staatenbund unter dem Vorsitz des Papstes. Diese Idee fand zeitweise die meiste Zustimmung, besonders nach der Wahl von Papst Pius IX. 1846 [1]. Die dritte Richtung setzte auf das Königreich Sardinien-Piemont als Kern eines italienischen Staates. Sie setzte sich am Ende durch.

1848/49: Revolution und Niederlage

Im Revolutionsjahr 1848 gaben die Fürsten Italiens ihren Staaten Verfassungen, in Piemont das Statuto Albertino. König Karl Albert von Sardinien erklärte Österreich den Krieg, wurde aber geschlagen [1]. 1849 entstanden Republiken in Rom, in der Toskana und in Venedig. In Rom wurde am 09.02.1849 die Republik ausgerufen, ab dem 29.03.1849 führte ein Triumvirat mit Mazzini die Regierung [2]. Französische Truppen marschierten im Juni 1849 gegen die Römische Republik [3]. Giuseppe Garibaldi verteidigte die Stadt und musste nach ihrem Fall fliehen [4]. Am 30.06.1849 traten die Triumvirn zurück [2].

Fast alle Verfassungen wurden danach wieder aufgehoben, nur das Statuto Albertino in Piemont blieb in Kraft. Karl Albert dankte ab, sein Sohn Viktor Emanuel II. wurde König [1]. Piemont war damit der einzige Staat der Halbinsel mit einer Verfassung. Über die Revolutionen in Mitteleuropa im selben Jahr liest du auf der Seite zur Revolution von 1848/49.

Cavour und das Bündnis mit Frankreich

Camillo Benso, Graf von Cavour, wurde 1852 Ministerpräsident von Sardinien-Piemont [5]. Schon 1847 hatte er die gemäßigte Zeitung Il Risorgimento gegründet. Als Minister schloss er Freihandelsverträge und beschnitt die Macht der Kirche in Piemont [5]. 1857 entstand in Turin die Società nazionale, die Anhänger der Einigung unter piemontesischer Führung sammelte [1]. Nach außen suchte Cavour Verbündete. 1855 trat Piemont in den Krimkrieg ein. Auf dem Pariser Kongress 1856 konnte Cavour deshalb die italienische Frage vor den Großmächten ansprechen [5]. 1858 traf er sich in Plombières mit Kaiser Napoleon III. [5]. Napoleon sagte Unterstützung gegen Österreich zu, dafür sollten Nizza und Savoyen an Frankreich fallen [3].

Im Mai und Juni 1859 kämpften Frankreich und Piemont gemeinsam gegen Österreich und gewannen [3]. Der Genfer Kaufmann Henri Dunant erlebte 1859 das Elend der Verwundeten nach der Schlacht von Solferino. Er organisierte Hilfe und veröffentlichte 1862 auf eigene Kosten das Buch "Eine Erinnerung an Solferino". 1863 legte ein Genfer Komitee die Grundlage für das Rote Kreuz, 1864 folgte die Genfer Konvention zum Schutz der Verwundeten und Sanitäter [6]. Der Waffenstillstand von Villafranca brachte Piemont die Lombardei, aber nicht Venetien. Cavour trat aus Protest zurück und kehrte im Januar 1860 an die Regierung zurück [5]. Im Frieden von Zürich vom 10.11.1859 trat Österreich die Lombardei ab [3].

Der Zug der Tausend 1860

Im März 1860 stimmten die Toskana, die Herzogtümer und die nördlichen Gebiete des Kirchenstaats in Volksabstimmungen für den Anschluss an Piemont. Frankreich erkannte das an und erhielt im Gegenzug Nizza und Savoyen [1].

Zwei alte Raddampfer mit hohen Schornsteinen verlassen nachts einen kleinen Hafen in Ligurien, Laternen leuchten
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Garibaldi, 1807 in Nizza geboren, war Seemann gewesen und 1833 Mazzinis Giovine Italia beigetreten. Nach Jahren im Exil in Südamerika hatte er 1849 Rom verteidigt. Nach Gesprächen mit Cavour stellte er sich hinter die Monarchie als Grundlage der Einheit und kämpfte 1859 mit einer Freiwilligentruppe, den Alpenjägern, gegen Österreich [4].

Im Süden handelte Garibaldi 1860 auf eigene Faust. In der Nacht vom 5. auf den 6.05.1860 brachen seine Freiwilligen, die "Tausend" in roten Hemden, mit den Dampfschiffen Piemonte und Lombardo von Quarto bei Genua auf [7].

DatumEreignis
11.05.1860Landung in Marsala auf Sizilien
15.05.1860Sieg über die bourbonischen Truppen bei Calatafimi
27. bis 29.05.1860Kämpfe um Palermo, die Stadt wird eingenommen
20.07.1860Sieg bei Milazzo
07.09.1860Garibaldi zieht in Neapel ein
01. und 02.10.1860Schlacht am Volturno, die größte des Feldzugs
26.10.1860Treffen mit König Viktor Emanuel II. bei Teano

Cavour wollte die Führung der Einigungsbewegung behalten und schickte das Heer in die Marken und nach Umbrien [5]. Am 21.10.1860 stimmten Neapel und Sizilien für den Anschluss, am 04.11.1860 die Marken und Umbrien [1]. Bei Teano traf Garibaldi den König. Im November übergab er ihm die Ergebnisse der Volksabstimmungen, lehnte jede Belohnung ab und zog sich auf die Insel Caprera zurück [4].

Das Königreich Italien von 1861

Am 17.03.1861 rief das Parlament in Turin Viktor Emanuel II. zum König von Italien aus [1]. Rom und Venetien gehörten noch nicht dazu [5]. Cavour starb wenige Monate später [5]. Den Stand der Dinge beschreibt ein Satz, der dem Politiker Massimo d'Azeglio zugeschrieben wird: "Wir haben Italien gemacht. Jetzt müssen wir die Italiener schaffen" [8].

Garibaldi wollte Rom mit Freiwilligen gewinnen. 1862 wurde er am Aspromonte von italienischen Truppen verwundet und gefangen genommen, 1867 unterlag er bei Mentana [4].

Venetien 1866 und Rom 1870

1866 führten Preußen und Österreich den Deutschen Krieg gegeneinander [10]. Im selben Jahr zog Italien in seinen dritten Unabhängigkeitskrieg gegen Österreich und gewann Venetien [1]. Garibaldi siegte in diesem Krieg mit seinen Freiwilligen bei Bezzecca [4]. Napoleon III. blieb 1866 neutral [3].

Ein altes Stadttor in einer hohen Backsteinmauer in Rom im Morgenlicht, davor eine leere Pflasterstraße
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Rom stand unter dem Schutz französischer Truppen, was die Eroberung bis 1870 verzögerte [9]. Nach der Niederlage bei Sedan am 02.09.1870 geriet Napoleon III. in Gefangenschaft und wurde am 04.09.1870 abgesetzt [3]. Am 20.09.1870 durchbrachen italienische Truppen nach mehrstündigem Beschuss bei der Porta Pia die Mauern Roms, am Vormittag ergab sich der Kirchenstaat [9]. Ein Gesetz vom 03.02.1871 machte Rom zur Hauptstadt, nach Turin und Florenz [9, 11]. Zur selben Zeit entstand nördlich der Alpen das Deutsche Reich, wie die Seite zur Reichsgründung 1871 zeigt.

Was offen blieb

Mazzinis Ziel einer Republik [2] erfüllte sich nicht, Italien wurde eine Monarchie. Mazzini starb am 10.03.1872 in Pisa [2], Garibaldi 1882 auf Caprera. Er hatte 1870/71 noch auf französischer Seite gegen die deutschen Staaten gekämpft und sich in seinen letzten Jahren einem humanitären Sozialismus zugewandt [4]. Trient, Triest und Istrien kamen erst nach dem Ersten Weltkrieg 1918 zu Italien [1]. Der 20. September wurde nach 1870 als nationaler Feiertag begangen, bis er 1929 abgeschafft wurde. In vielen Städten erinnert eine Via XX Settembre daran [9].

Für die deutsche Nationalbewegung war Italien ein Beispiel. Die Gründung des Königreichs 1861 galt vielen in Deutschland als Vorbild für den eigenen Weg zur Einheit [10]. Einen Überblick über die Geschichte des Mittelmeerraums bietet die Seite zur Geschichte des Mittelmeerraums.

  1. Organisation Risorgimento (Dizionario di Storia). Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Mazzini, Giuseppe (Dizionario di Storia). Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Napoléon III. (LeMO Biografie). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Garibaldi, Giuseppe (Dizionario di Storia). Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Cavour, Camillo Benso conte di (Dizionario di Storia). Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Henri Dunant (LeMO Biografie). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Mille, spedizione dei (Dizionario di Storia). Istituto della Enciclopedia Italiana Treccani. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Siegfried Weichlein: Ein Reich für alle? (Aus Politik und Zeitgeschichte, 150 Jahre Reichsgründung). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 04.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  9. Perché si festeggia il 20 settembre. Il Post. Stand 20.09.2018. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Die Reichsgründung 1871 (LeMO Kapitel Kaiserreich). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Gesetz Legge 3 febbraio 1871, n. 33: Pel trasferimento della Capitale del Regno da Firenze a Roma. Normattiva, Presidenza del Consiglio dei Ministri. Stand 03.02.1871. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.