Das lange 19. JahrhundertRatgeber

Russland im 19. Jahrhundert: das Zarenreich zwischen Reform und Reaktion

Im 19. Jahrhundert war Russland eine Großmacht, die ein Zar ohne Verfassung und Parlament regierte. Die Niederlage im Krimkrieg 1853 bis 1856 zeigte, wie rückständig das Land war, und führte unter Alexander II. zu Reformen wie der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861. Nach seiner Ermordung 1881 folgte eine Zeit der Reaktion, während die Industrie schnell wuchs.

Ein zugefrorener Fluss in einer russischen Hauptstadt im Winter, eine Granitufermauer mit Laternen und blasse Palastfassaden
Bild: KI-generiert

Russland ging aus den Kriegen gegen Napoleon als Siegermacht hervor und blieb bis zum Ende des Jahrhunderts eine Autokratie: Der Zar regierte als Autokrat, eine Duma mit sehr beschränkten Rechten gab es erst nach der Revolution von 1905 [1]. Zugleich wuchs eine gebildete Schicht heran, die diese Ordnung in Frage stellte. Die Spannung zwischen einem Staat, der sich kaum ändern wollte, und einer Gesellschaft, die sich änderte, prägte das ganze Jahrhundert und führte schließlich zu den Revolutionen von 1905 und 1917 [1]. Fünf Zaren regierten in dieser Zeit:

ZarRegierungszeit
Alexander I.1801 bis 1825
Nikolaus I.1825 bis 1855
Alexander II.1855 bis 1881
Alexander III.1881 bis 1894
Nikolaus II.1894 bis 1917

Die Regierungszeiten folgen der Übersicht zum Russischen Kaiserreich [3].

Alexander I. und der Sieg über Napoleon

Im Juni 1812 überschritten 300.000 bis 350.000 Soldaten der Grande Armée, deren Sollstärke auf dem Papier bei rund 590.000 Mann lag, den Grenzfluss Njemen [10]. Die russischen Truppen wichen einer offenen Schlacht lange aus und zogen sich tief ins Landesinnere zurück. Nach dem Einmarsch der Franzosen im September brannte Moskau großenteils nieder, und der Rückzug im Winter wurde für Napoleons Armee zur Katastrophe [3]. Mehr dazu steht im Artikel zu den Napoleonischen Kriegen.

Auf dem Wiener Kongress verhandelte Alexander I. selbst mit. Russland erhielt das Königreich Polen, verbunden durch eine Personalunion mit dem Zaren. Die Hoffnung der Polen auf einen eigenen Staat erfüllte sich damit nicht [7].

In die Zeit Alexanders I. fällt auch die letzte Welle der deutschen Einwanderung. Schon Katharina II. hatte 1763 mit einem Manifest ausländische Siedler angeworben und ihnen freie Reise, Land, Steuerfreiheit, Selbstverwaltung, Befreiung vom Militärdienst und Religionsfreiheit versprochen. Ab 1804 suchte der Staat gezielt erfahrene Bauern und Handwerker. Mennoniten und württembergische Pietisten ließen sich am Schwarzen Meer und im Kaukasus nieder, 1819 endete die planmäßige Anwerbung [8]. Die deutschen Siedlungsgebiete an der Wolga und am Schwarzen Meer wurden später wichtige Getreide- und Gewerbegebiete [8].

Der Dekabristenaufstand 1825

Als Alexander I. im Dezember 1825 starb, war die Nachfolge zunächst unklar. Am 14. Dezember nach dem julianischen Kalender, dem 26. Dezember nach unserem Kalender, versammelten sich in Sankt Petersburg Offiziere mit ihren Truppen auf dem Senatsplatz. Sie wandten sich gegen die Alleinherrschaft des Zaren, gegen Leibeigenschaft, Polizeiwillkür und Zensur. Die meisten wollten eine konstitutionelle Monarchie, einige eine Republik [4]. Der neue Zar Nikolaus I. ließ den Aufstand niederschlagen. Fünf Anführer wurden gehängt, eine weit größere Zahl von Beteiligten wurde nach Sibirien verbannt [11].

Die Bundeszentrale für politische Bildung sieht im Aufstand ein frühes Zeichen dafür, dass sich ein Teil der gebildeten Elite unter dem Einfluss der Französischen Revolution von der Autokratie entfernte. Zum selben Streit gehörte die Debatte zwischen "Westlern", die Russland nach westeuropäischem Vorbild umbauen wollten, und "Slawophilen", die einen eigenen russischen Weg suchten [1]. Nikolaus I. verschärfte die Kontrolle: 1826 erließ er ein strenges Zensurgesetz, und von 1848 bis 1855 überwachte das sogenannte Buturlin-Komitee sogar die Zensoren selbst [2].

Nikolaus I. und der Krimkrieg

Den polnischen Novemberaufstand von 1830/31 schlug die russische Armee nieder, danach versuchte Nikolaus I., die polnischen Gebiete zu russifizieren [3]. Auch außerhalb seines Reiches trat er als Ordnungsmacht auf. Während der Revolution von 1848/49 marschierten russische Truppen 1849 in Ungarn ein und halfen Österreich, die ungarische Revolutionsarmee zu besiegen [14].

Eine felsige Schwarzmeerküste mit den Ruinen einer alten Steinfestung unter Sturmwolken
Bild: KI-generiert

Im Krimkrieg von 1853 bis 1856 kämpfte Russland gegen das Osmanische Reich, Großbritannien, Frankreich und Sardinien und verlor [3, 15]. Der Krieg zeigte, dass das Zarenreich gegenüber den europäischen Großmächten militärisch und wirtschaftlich weit zurücklag [1]. Die Armee war schlecht ausgerüstet, die Flotte veraltet [3].

Die Reformen Alexanders II.

Nach der Niederlage leitete Alexander II. tiefgreifende Reformen ein. Ihr Kern war die Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 [1]. Die wichtigsten Schritte:

Eine russische Kleinstadtstraße im Herbst mit Holzhäusern, einem schlichten Amtsgebäude und einem Pferdewagen
Bild: KI-generiert
JahrReform
1861Aufhebung der Leibeigenschaft (Gesetz vom 19. Februar nach julianischem Kalender); die Bauern zahlen ihr Land über 49 Jahre ab
1863Universitäten erhalten ihre Selbstverwaltung zurück
1864Semstwo: gewählte Selbstverwaltung in Kreisen und Gouvernements, Wähler getrennt nach Grundbesitzern, Bauerngemeinden und Städten
1864Justizreform: Richter auf Lebenszeit, Geschworene in Strafprozessen, mündliche und öffentliche Verhandlungen, eine organisierte Anwaltschaft
1865Vorzensur für die meisten Bücher und Zeitschriften entfällt

Die Tabelle folgt dem Artikel "Great Reforms" in der Encyclopedia of Russian History [5]. Zur Bildungsreform von 1863 gehörten auch neue technische Oberschulen. An die Universitäten kam aber nur, wer ein klassisches Gymnasium besucht hatte, und Frauen sollten eine Bildung erhalten, die der künftigen Ehefrau und Mutter angemessen sei [5]. Die Reformen hatten weitere Grenzen. Die Gouverneure konnten Beschlüsse der Semstwos aussetzen, ein Vermögensnachweis hielt die meisten Bauern von den Geschworenenbänken fern, und statt der Vorzensur haftete nun der Herausgeber für seine Texte, was zur Selbstzensur führte [5]. Wie die Bauernbefreiung in Russland im Vergleich zu Preußen und Österreich verlief, erklärt der Artikel zur Bauernbefreiung.

Auch die deutschen Siedler im Land spürten den Umbruch. Die früheren Kolonisten an der Wolga und am Schwarzen Meer, deren Vorfahren seit 1763 angeworben worden waren, kamen 1871 unter die allgemeine Verwaltung [8].

Ein Reich bis zum Pazifik

Russland dehnte sich weiter aus. Zwischen 1852 und 1888 brachte es Turkestan und den Kaukasus unter seinen Einfluss, 1860 wurde Wladiwostok am Pazifik gegründet [3]. Eine Besitzung gab Russland dagegen auf. Im März 1867 einigten sich US-Außenminister William Seward und der russische Gesandte Eduard de Stoeckl auf den Verkauf Alaskas an die Vereinigten Staaten für 7,2 Millionen Dollar. Am 18. Oktober 1867 wurde das Gebiet übergeben [6].

Opposition und das Attentat von 1881

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurde die Intelligenzija zur wichtigsten Gegnerin der Autokratie. Die bpb beschreibt sie als Gruppe, die eher durch gemeinsame Ideen als durch ihre Herkunft verbunden war: Sie wollte den Zarismus stürzen, fühlte sich den sozial Schwachen verpflichtet und berief sich auf ein wissenschaftliches Weltbild [1]. Aus ihren Kreisen kamen politische Gruppen, die den Staat offen herausforderten. 1881 wurde Alexander II. durch ein Bombenattentat getötet [1]. Die Täter gehörten zur Gruppe Narodnaja Wolja ("Volkswille") [3].

Unter Alexander III. zog der Staat die Zügel wieder an. Konstantin Pobedonoszew prägte etwa ein Vierteljahrhundert lang die Kulturpolitik [2]. Trotz Zensur erlebte die russische Literatur eine große Zeit. Lew Tolstoi wurde zu einer moralischen Instanz, die sich gegen die Zarenherrschaft stellte. Von ihm stammt der Satz: "Das Volk hungert, weil wir satt sind." [2]

Industrialisierung und Vielvölkerreich

Der Ausbau der Industrie kam in den 1870er-Jahren in Gang und gewann in den 1890er-Jahren hohes Tempo [1]. Moskau und Sankt Petersburg wurden zu Brennpunkten sozialer Konflikte, und Arbeiter, die aufsteigende Mittelschicht, Bauern und nationale Minderheiten zeigten wachsende Unzufriedenheit [1]. Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn begann am 31. Mai 1891 mit dem ersten Spatenstich in Wladiwostok, die durchgehende Schienenverbindung von Moskau nach Wladiwostok war im September 1904 in Betrieb, die letzte Lücke auf russischem Gebiet schloss sich 1916 [12]. 1892 verbündete sich Russland mit Frankreich [3].

Eine Dampflok zieht einen Zug über eine lange eiserne Brücke über einem breiten Fluss in der sibirischen Taiga
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Wie vielfältig das Reich war, zeigte die erste allgemeine Volkszählung von 1897. Sie zählte ohne Finnland, Buchara und Chiwa 125.640.021 Menschen, von denen nur etwa 49 Prozent Russen waren [3]. Gegen Ende des Jahrhunderts nahm der Druck zur Russifizierung zu. Die Deutschen im Reich etwa bekamen Einschränkungen und antideutsche Kampagnen zu spüren, viele wanderten nach Amerika aus [8].

Ausblick: Krieg und Revolution 1904 bis 1917

Im Krieg gegen Japan 1904/05 verlor Russland unter anderem die Seeschlacht bei Tsushima im Mai 1905. Den Frieden von Portsmouth vermittelte US-Präsident Theodore Roosevelt [3, 13]. Noch im selben Jahr brach die Revolution von 1905 bis 1907 aus, in der sich Arbeiter, Intellektuelle und Bauern gegen den Zaren stellten. Das Regime überstand sie mit Hilfe des Militärs und ließ ein Parlament zu, die Duma. Max Weber nannte diese Ordnung "Scheinkonstitutionalismus" [1]. Im Ersten Weltkrieg brach das Zarenreich zusammen, am 15. März 1917 dankte Nikolaus II. ab [1]. Wie es weiterging, erzählt der Artikel zur Russischen Revolution 1905 bis 1917, den langen Bogen bis heute schlägt Die Geschichte Russlands.

  1. Studie Hans-Henning Schröder: Gesellschaftliche Spannungen und Sturz des Zaren. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 14.06.2018. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Ulrich Schmid: Staat und Kultur in Russland. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
  3. Russisches Kaiserreich. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Dekabristenaufstand. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Studie Daniel Field: Great Reforms (Encyclopedia of Russian History). Encyclopedia.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Purchase of Alaska, 1867 (Milestones in the History of U.S. Foreign Relations). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Maike Becking: Neuordnung Europas 1814/15 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 25.06.2014. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Von der Anwerbung unter Katharina II. bis 1917 (Dossier Russlanddeutsche). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Ungarische Revolution 1848/1849. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Arnulf Scriba: Napoleons Russlandfeldzug 1812 (LeMO Rückblick). Deutsches Historisches Museum. Stand 06.2018. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Franziska Davies: Dekabristen (dekoder Gnose). dekoder.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Studie Frithjof Benjamin Schenk: Mythos Transsibirische Eisenbahn (Aus Politik und Zeitgeschichte 8 bis 9/2022). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.02.2022. abgerufen am 29.10.2026
  13. Behörde Treaty of Portsmouth, 1905 (Milestones in the History of U.S. Foreign Relations). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  14. Studie Erfolgreiche Gegenrevolution (Informationen zur politischen Bildung 265: Revolution von 1848). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  15. Organisation Chronik 1856 (LeMO Jahreschronik). Deutsches Historisches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.