Antike und AltertumRatgeber
Die Germanen: was hinter dem Namen steckt
"Germanen" ist eine Sammelbezeichnung der Römer und Griechen für Stämme nordöstlich des Rheins. Die Menschen selbst nannten sich mehrheitlich nicht so, und die Forschung sieht in ihnen kein einheitliches Volk. Bekannt sind sie vor allem aus römischen Berichten wie Caesars Gallischem Krieg und der "Germania" des Tacitus von 98 n. Chr.

Fast alles, was in antiken Texten über die Germanen steht, haben Römer und Griechen geschrieben. Der Name selbst ist eine Fremdbezeichnung. Antike Autoren fassten damit alle "Barbaren" zusammen, die nordöstlich des Rheins lebten, während sich die Menschen dort mehrheitlich nicht als Germanen bezeichneten [1]. Der Frankfurter Archäologe Armin Volkmann betont, dass der Begriff keine Ethnie und keine einheitliche Volksgruppe beschreibt. Er fasst viele Stammesverbände mit eigenen Namen zusammen [1].
Woher der Name kommt
Die erste schriftliche Nennung stammt aus dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. Die römischen Triumphalfasten, eine Liste der Siegesfeiern, verzeichnen für das Jahr 222 v. Chr. einen Sieg des Marcus Claudius Marcellus bei Clastidium über insubrische Gallier und "Germ[an(eis)]" [1]. Um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. beschrieb der griechische Gelehrte Poseidonios von Apameia die Sitten der Germanen neben denen der Kimbern. Er verortete sie als Nachbarn der Kelten rechts des Rheins [1].
Nach einer Annahme des Althistorikers Dieter Timpe entstand der Name im gallisch-keltischen Gebiet am Mittel- und Niederrhein. Kelten links des Rheins sollen damit Gruppen rechts des Flusses bezeichnet haben, über sie kam der Begriff zu den Römern [1]. Volkmann hält diese Hypothese für plausibel [1]. Die Herkunft des Namens ist insgesamt nicht abschließend geklärt. Am häufigsten wird eine keltische Herkunft erwogen. Eine germanische Ableitung vom Wort für den Speer gilt als überholt, und die schon von Strabon vorgeschlagene Ableitung vom lateinischen Wort germanus ("echt") als lautlich unwahrscheinlich [4]. Tacitus berichtet in der "Germania", der Name sei jung: Zuerst hätten ihn die Tungrer getragen, die den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten, später sei er auf alle übertragen worden [7].
Caesar zieht eine Grenze
Entscheidend prägte Gaius Iulius Caesar das Bild. In seinem Bericht über den Gallischen Krieg von 58 bis 51/50 v. Chr. tauchen "Germani cisrhenani" auf, Germanen diesseits des Rheins. Gemeint waren verschiedene Stämme beiderseits des mittleren Rheins [1]. 55 v. Chr. überquerte Caesar bei einer Strafaktion kurz den Rhein [1]. Danach setzte er den Fluss als Grenze fest und beschrieb ihn als ethnische Grenze zwischen Galliern und Germanen. Volkmann hält diese Grenzziehung für willkürlich [1].
Nach Volkmann wurde erst durch Caesar "Germanen" mit einem Volk gleichgesetzt, und dieses Bild hielt sich bis ins 20. Jahrhundert [1]. Volkmann sieht dahinter politisches Kalkül. Caesar habe unterschiedliche Stämme zu einem großen, kaum bezwingbaren Gegner zusammengefasst. Das habe ihm Geld und militärische Unterstützung aus Rom gesichert und zugleich erklärt, warum er am Rhein haltmachte [1]. Als ersten historisch bekannten Heerkönig germanischer Völker nennt die Forschung Ariovist [4]. Mehr zu Caesar steht im Artikel Gaius Julius Caesar.
Schon vorher hatten Kimbern, Teutonen und Ambronen Rom erschreckt, die man zu ihrer Zeit noch nicht als Germanen bezeichnete. Sie zogen um 120 v. Chr. nach Süden und brachten den Römern mehrere schwere Niederlagen bei [4].
Rom greift über den Rhein
Unter Kaiser Augustus versuchte Rom, das Land östlich des Rheins zu erobern. Zwischen 12 und 9 v. Chr. führte Drusus Feldzüge tief nach Germanien, entlang der Nordseeküste und bis an Saale und Elbe [1]. Rom errichtete stadtähnliche Lager wie Waldgirmes an der Lahn, die zu Keimzellen einer Provinz werden sollten [1].

Im Jahr 9 n. Chr. endete dieser Plan. Germanische Krieger unter dem Cherusker Arminius besiegten drei römische Legionen [3]. Mit Hilfstruppen und Tross kamen nach Volkmann etwa 20.000 Soldaten ums Leben, rund ein Zehntel der römischen Streitkräfte [1]. Der Geschichtsschreiber Cassius Dio beschrieb zwei Jahrhunderte später Kämpfe, die sich über drei bis vier Tage hinzogen [3]. Die Varusschlacht trägt ihren Namen nach dem römischen Befehlshaber Publius Quinctilius Varus [1].
Wo genau die Schlacht stattfand, ist umstritten. Die Bezeichnung Teutoburger Wald für den Schlachtort setzte sich erst im 17. Jahrhundert durch, eher aus Wunsch als aufgrund von Belegen. Seitdem wurde fast jede Region im Nordwesten Deutschlands als Schlachtort vorgeschlagen [3]. Seit 1989 wird die Gegend um Kalkriese im Landkreis Osnabrück archäologisch erforscht, die Funde sprechen nach Ansicht des dortigen Museums für diesen Ort [3].
Rom zog sich zunächst hinter den Rhein zurück und kehrte dann mit acht Legionen zurück [3]. Germanicus kämpfte von 14 bis 16 n. Chr. gegen Arminius [4]. Nach drei verlustreichen Jahren befahl der Kaiser 16 n. Chr. den Rückzug, damit war das Unternehmen Germanien für Jahrzehnte beendet [3]. Später schob Rom die Grenze doch noch über den Rhein. Bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts reichte die Provinz Obergermanien mit dem Limes von der Wetterau bis an die Donau [1]. Die Rolle des Kaisers beschreibt der Artikel Augustus.
Was Tacitus berichtet
Die bekannteste antike Schrift über die Germanen ist die "Germania" des Tacitus aus dem Jahr 98 n. Chr. Ihr lateinischer Titel lautet "De origine et situ Germanorum" [2]. Tacitus wurde um 58 n. Chr. geboren und starb vermutlich um 120 n. Chr. [2]. Er schreibt, die Germanen wohnten nicht in Städten und nicht einmal in zusammenhängenden Siedlungen. Sie lebten verstreut, dort, wo ihnen eine Quelle, eine Wiese oder ein Hain gefiel, und bauten mit unbehauenem Holz [2, 7]. Bündnisse, Heiraten und die Wahl von Anführern beredeten sie beim Gelage und prüften die Entscheidung am nächsten Tag noch einmal [2, 7].
Tacitus war nach Volkmann selbst wohl nicht in Germanien. Er bezog sich unter anderem auf ältere Werke, etwa das des Plinius des Älteren, der um die Mitte des 1. Jahrhunderts wohl tatsächlich dort gewesen war [1]. Seine "Annalen" schrieb er um 110 bis 120 n. Chr., sie umfassten mindestens 16 Bücher und behandeln den Krieg gegen die Germanen ausführlich [1].
Wie die Menschen lebten
Die Archäologie zeichnet ein genaueres Bild als die römischen Texte. Typisch germanische Funde sind schlichter verziert als keltische und oft auf ihre Funktion ausgerichtet [1]. Die Keramik ist meist von Hand geformt und selten auf der Töpferscheibe gedreht. Einfache, unverzierte Gefäße machen meist 75 Prozent der Scherben in Siedlungen aus [1].

Gewohnt wurde in Langhäusern von bis zu etwa 20 Metern Länge, die wohl eine Familie nutzte. Menschen und Vieh lebten unter einem Dach, das zeigen Spuren von Viehboxen [1]. In einer Siedlung standen meist zwei bis fünf Langhäuser gleichzeitig, dazu kleine, in den Boden eingetiefte Grubenhäuser als Werkstätten [1]. Auf denselben Friedhöfen wurden Tote verbrannt und unverbrannt bestattet [1]. Wie andere Völker nördlich der Alpen lebten, beschreibt der Artikel Die Kelten.
Sprache, Runen und Götter
Die germanischen Sprachen bilden einen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie [4]. Größere Texte in einer germanischen Sprache gibt es aus der Zeit vor dem 6. Jahrhundert n. Chr. nicht [1]. Das älteste umfangreiche Zeugnis ist die gotische Bibel des Wulfila [1]. Die ältesten Runeninschriften stammen aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., etwa 150 bis 200, unter anderem aus Moorfunden in Dänemark [1, 8]. Woher die Runenschrift stammt, ist umstritten. Als Vorbilder werden vor allem ein etruskisches und ein lateinisches Alphabet diskutiert [8]. Den Trägern der Jastorf-Kultur und der Przeworsk-Kultur im 1. Jahrhundert v. Chr. schreibt die vergleichende Sprachwissenschaft trotz fehlender Belege eine frühe germanische Sprache zu. Die sogenannte Erste Lautverschiebung soll sich im Westen des Sprachgebiets erst im 1. Jahrhundert v. Chr. vollzogen haben [1].

Die bekanntesten Götter sind Wodan (nordisch Odin), Donar (Thor), Tyr und Freyja. Ihre Namen stecken bis heute in Wochentagen [4].
Markomannenkriege und Völkerwanderung
Von 166 bis 180 n. Chr. kämpfte Kaiser Mark Aurel gegen Markomannen, Quaden, Jazygen und Vandalen an der Donau [5]. 170 belagerten germanische Krieger die Stadt Aquileia in Norditalien [5]. Mark Aurel starb am 17. März 180, vermutlich in Vindobona, dem heutigen Wien. Sein Sohn Commodus schloss gegen den Rat seiner Offiziere Frieden [5].
Mit dem Einfall der Hunnen 375 begann eine Zeit großer Wanderungen [4]. Um 476 ging das Weströmische Reich unter, auf seinem Boden entstanden Reiche germanischer Gruppen [4]. Ab der Mitte des 5. Jahrhunderts schrieben diese Reiche Gesetze auf, auf Latein und stark vom römischen Recht geprägt, etwa um 475 den Codex Euricianus [1]. Volkmann hält deshalb schon den Begriff "germanisches Recht" für irreführend und spricht lieber von römisch-germanischem Recht [1]. Den Ablauf schildert der Artikel Die Völkerwanderung, eines der Nachfolgereiche Das Fränkische Reich.
Germanen als Mythos
Im 19. Jahrhundert wurde Arminius als "Hermann" zur Symbolfigur. Ernst von Bandel baute von 1838 bis 1875 das Hermannsdenkmal auf der Grotenburg bei Detmold. Am 16. August 1875 wurde es in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. eingeweiht [6]. Es ist gut 53 Meter hoch und erinnerte von Anfang an auch an den Krieg gegen Frankreich und den Sieg über Frankreich [6].
Die Germanenforschung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte archäologische Fundgruppen mit Völkern gleich und sah die Germanen als direkte Vorfahren der Deutschen. Sie sollte damit auch Gebietsansprüche begründen [1]. Über völkische Bewegungen führte diese Sicht zum Germanenmythos des Nationalsozialismus [4]. Die heutige Forschung beschreibt die Germanen als archäologische Kultur, deren Gleichsetzung mit einer "germanischen Ethnie" sich nicht belegen lässt [1].
Die wichtigsten Daten
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| 222 v. Chr. | erste Nennung von "Germanen" in den Triumphalfasten [1] |
| um 120 v. Chr. | Kimbern, Teutonen und Ambronen ziehen nach Süden [4] |
| 58 bis 51/50 v. Chr. | Caesars Gallischer Krieg [1] |
| 12 bis 9 v. Chr. | Feldzüge des Drusus bis an die Elbe [1] |
| 9 n. Chr. | Varusschlacht [3] |
| 14 bis 16 n. Chr. | Feldzüge des Germanicus [4] |
| 98 n. Chr. | "Germania" des Tacitus [2] |
| 166 bis 180 n. Chr. | Markomannenkriege [5] |
| 375 | Einfall der Hunnen [4] |
| um 476 | Ende des Weströmischen Reiches [4] |
| 1875 | Einweihung des Hermannsdenkmals [6] |
- Studie Armin Volkmann: Die Germanen: Mythos und Forschungsrealität (Preprint). Universität Würzburg, OPUS. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Jo Siegler, Frank Endres: Die Germanen aus der Sicht von Tacitus und Caesar (Planet Wissen). Westdeutscher Rundfunk. Stand 13.07.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Die Varusschlacht. Museum und Park Kalkriese. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Germanen. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Markomannenkriege. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Hermannsdenkmal. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Tacitus: Germania, Kapitel 2, 16 und 22 (englische Übersetzung von Church und Brodribb). Perseus Digital Library, Tufts University. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Runen. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
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