Antike und AltertumRatgeber
Die Spätantike: von Diokletian bis Justinian
Die Spätantike ist die Übergangsepoche von der Antike zum frühen Mittelalter im Mittelmeerraum und im Vorderen Orient. Als Beginn gilt meist das Jahr 284 mit dem Herrschaftsantritt Diokletians. Das Ende ist umstritten, die meisten diskutierten Daten liegen zwischen 476 und 641, in der deutschsprachigen Forschung wird häufig 565 genannt, das Todesjahr Justinians.

Mit Spätantike bezeichnen Historiker die Übergangszeit von der Antike zum frühen Mittelalter im Mittelmeerraum und im Vorderen Orient [1]. In diese Zeit fallen die Neuordnung des Römischen Reiches unter Diokletian, der Aufstieg des Christentums zur Reichsreligion, das Ende des weströmischen Kaisertums und die Herrschaft Justinians im Osten [1, 2, 5]. Lange galt die Epoche als Zeit des Niedergangs. Heute betont die Forschung eher den Wandel und die Linien, die von der Antike ins Mittelalter weiterführen [1].
Wann die Spätantike beginnt und endet
Als Beginn gilt meist das Jahr 284, in dem Diokletian Kaiser wurde [1]. Andere Forscher setzen den Anfang erst mit Konstantin an [1]. Über das Ende wird noch mehr gestritten. Die meisten diskutierten Daten liegen zwischen 476 und 641 [1]. Für den Westen gilt oft das Jahr 476 [1]. In der deutschsprachigen Forschung wird häufig 565 genannt, das Todesjahr Kaiser Justinians [1]. Für Ostrom ziehen viele die Grenze erst mit der arabischen Expansion um 632 bis 641 [1].
| Mögliches Ende | Ereignis |
|---|---|
| 476 | Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus [1] |
| 565 | Tod Kaiser Justinians, häufige Grenze in der deutschsprachigen Forschung [1] |
| 568 | Einfall der Langobarden in Italien, heute oft als Einschnitt gesehen [1] |
| 632 bis 641 | Arabische Expansion, Verlust großer Gebiete Ostroms [1] |
Der Begriff selbst ist jung. Jacob Burckhardt verwendete ihn 1853, Ende des 19. Jahrhunderts übernahm ihn Alois Riegl, und Max Weber verhalf ihm zum Durchbruch [1].
Diokletian ordnet das Reich neu
Nach der Zeit der Soldatenkaiser von 235 bis 284, in der viele Herrscher nur kurz regierten, wurde Diokletian am 20. November 284 Kaiser [2, 7]. Er teilte die Macht in der Tetrarchie auf zwei ranghöhere Kaiser, die Augusti, und zwei jüngere, die Caesares [1, 2]. Die Verwaltung wurde stärker zentralisiert [1]. Über den Provinzen entstanden größere Einheiten, die Diözesen, und zivile und militärische Ämter wurden getrennt [1].
Auch Steuern und Heer stellte Diokletian um. Das neue Steuersystem, die Capitatio-Iugatio, verband Abgaben auf Köpfe und auf Land. Mit einem Preisedikt versuchte er, Höchstpreise festzulegen [1]. Das Heer gliederte sich nun in ein bewegliches Feldheer, die Comitatenses, und ein Grenzheer, die Limitanei [1]. Wie es zur Krise des 3. Jahrhunderts kam, zeigt der Artikel über das Römische Reich.
Konstantin und das Christentum
Konstantin wurde am 25. Juli 306 zum Kaiser ausgerufen und herrschte seit dem Sieg über Licinius bei Chrysopolis am 18. September 324 allein [2, 8]. 312 siegte er in der Schlacht an der Milvischen Brücke bei Rom [1]. 313 legalisierte die sogenannte Mailänder Vereinbarung das Christentum [1]. Die Förderung der Kirche unter Konstantin nennt die Forschung die konstantinische Wende [2]. 330 wurde Konstantinopel als neue Residenz eingeweiht [1]. Sein Leben beschreibt der Artikel über Konstantin den Großen.

Unter Kaiser Theodosius I. ging die Entwicklung weiter. Mit dem Edikt Cunctos populos, am 27. Februar 380 in Thessaloniki ausgestellt und an die Bevölkerung Konstantinopels gerichtet, machte er das katholische Christentum zur Reichsreligion [10], 391 und 392 folgten Verbote der alten Kulte [1]. Nach seinem Tod 395 teilten seine Söhne das Reich: Honorius erhielt den Westen, Arcadius den Osten [1, 2]. Die Vorstellung eines einzigen Reiches blieb dabei bestehen [2].
Der Westen zerfällt
Schon 378 hatte ein römisches Heer bei Adrianopel, dem heutigen Edirne, gegen Goten und ihre Verbündeten verloren [4]. Kaiser Valens fiel, sein Nachfolger Theodosius musste den Siegern Land anbieten [4]. 410 plünderte der Gotenkönig Alarich Rom [1]. Die Vandalen setzten 429 nach Afrika über und nahmen 439 Karthago ein [1]. Wie diese Gruppen durch das Reich zogen, beschreibt der Artikel über die Völkerwanderung.

Im Juni 451 wehrte der Feldherr Aëtius den Hunnenkönig Attila auf den Katalaunischen Feldern ab, gestützt vor allem auf westgotische Verbündete [1]. Attila zog 452 erfolglos nach Italien und starb 453 [1]. Im Mai 455 plünderten die Vandalen unter Geiserich Rom [1].
476 setzte Odoaker den Kaiser Romulus Augustulus ab, nach Livius.org am 31. August, möglicherweise erst am 4. September [2, 9]. Dieses Jahr gilt traditionell als Ende des Westreichs, die Forschung gewichtet es heute weniger stark [1]. Als letzter anerkannter Westkaiser gilt Julius Nepos, deshalb nennen manche Darstellungen 480 [2]. Im Osten regierten weiter Kaiser in Konstantinopel [2]. Im Westen entstanden germanische Reiche. Der Ostgote Theoderich ließ 493 Odoaker ermorden und herrschte bis 526 über Italien [1]. In Gallien begründete Chlodwig I., König von 482 bis 511, das Reich der Merowinger und ließ sich um 500 taufen [1]. Wie daraus das Frankenreich wurde, beschreibt der Artikel über das Fränkische Reich.
Kirche, Klöster und Sprache
Schon 311 hatte Kaiser Galerius ein Toleranzedikt erlassen [1]. 325 tagte in Nicäa das erste große Konzil der Kirche, 451 das Konzil von Chalcedon, das die Gräben zur monophysitischen Kirche vertiefte [1]. 529 entstand mit dem Kloster Monte Cassino der Benediktinerorden [1]. Im Kloster Vivarium des Gelehrten Cassiodor wurden antike Schriften abgeschrieben und so erhalten, vor allem christliche Werke [1].
Auch die Sprache änderte sich. Justinian war der letzte römische Kaiser, dessen Muttersprache Latein war [1]. Um 625 löste im Osten Griechisch das Lateinische als Amtssprache ab [1]. Der Codex Theodosianus von 438 sammelte die Kaisergesetze schon vor dem großen Rechtswerk Justinians [1].
Justinian und der Osten
Justinian wurde am 1. April 527 Mitkaiser und am 1. August 527 Alleinherrscher [5]. Er starb am 14. November 565 in Konstantinopel [5]. Seine Frau Theodora, eine frühere Schauspielerin, erhielt 527 den Titel Augusta [5]. Nach manchen Quellen hatte sie großen Einfluss auf ihn [5]. Vieles über diese Zeit stammt von dem Geschichtsschreiber Prokop, der "Historien" in acht Büchern und eine "Geheimgeschichte" verfasste [1].

532 erhoben die Zirkusparteien in Konstantinopel einen Gegenkaiser [5]. Der Nika-Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, angeblich mit etwa 30.000 Toten [5]. Die Kirche Hagia Sophia war dabei zerstört worden [5]. Justinian ließ sie durch einen Neubau ersetzen, der am 26. Dezember 537 eingeweiht wurde [6]. Nach einem Einsturz im Jahr 558 wurde die Kirche 563 erneut eingeweiht, die Kuppel musste noch zu Justinians Lebzeiten erneuert werden [5, 6].
Unter Justinian entstand auch die große Sammlung des römischen Rechts, später Corpus iuris civilis genannt [5]. 529 erschien der erste Codex Iustinianus, 533 die Digesten, Ende 534 die endgültige Fassung des Codex. Die Novellen, Justinians neue Gesetze, ergänzten das Werk [5]. Es prägt bis heute das Zivilrecht in Kontinentaleuropa [2]. Mehr dazu steht im Artikel über das römische Recht. 529 ließ Justinian außerdem die neuplatonische Philosophenschule in Athen schließen [5].
Militärisch versuchte Justinian, den Westen zurückzugewinnen. Sein Feldherr Belisar eroberte 533 das Vandalenreich in Nordafrika, Karthago fiel am 15. September 533, und der Vandalenkönig Gelimer geriet 534 in Gefangenschaft [5]. Gegen die Ostgoten in Italien kämpfte das Reich ab 535 [5]. Rom fiel 536, Ravenna 540, entschieden wurde der Krieg 552 [5]. Mit der Pragmatischen Sanktion von 554 wurde Italien wieder eingegliedert [5]. Um 551 oder 552 kam auch der Süden Spaniens als Provinz Spania zum Reich; Wikipedia nennt 552 [5], Livius.org 551 [6].
Die Justinianische Pest
Von 541 bis 543 wütete im Reich eine Seuche, die nach dem Kaiser benannt ist [3, 5]. Livius.org datiert die Pest auf 542 [6]. Sie traf ab der Mitte des 6. Jahrhunderts Osten und Westen [1]. Prokop soll etwa 100 Millionen Tote genannt haben, diese Zahl ist umstritten [3]. Den Erreger konnten Forscher erst in jüngster Zeit nachweisen. Ein Team um David M. Wagner und Michaela Harbeck rekonstruierte 2014 aus den Zähnen zweier Toter vom Gräberfeld Aschheim-Bajuwarenring in Bayern das Erbgut von Yersinia pestis, dem Pesterreger [3]. Radiokarbondaten setzen die beiden Bestattungen auf 533 (plus oder minus 98 Jahre) und 504 (plus oder minus 61 Jahre) [3].
Die Studie zeigt auch, dass die Pest Justinians und der spätere Schwarze Tod unabhängig voneinander von Nagetieren auf Menschen übersprangen [3]. Die Erregerlinie der Justinianischen Pest hat keine bekannten heutigen Verwandten [3]. Entweder starb sie aus, oder sie lebt in Nagetieren fort, die noch nicht untersucht wurden [3].
Ostrom und Persien
Im Osten blieb das Sassanidenreich der große Gegner. Zwischen 441 und 502 herrschte an der Ostgrenze Frieden, dann folgten Kriege von 502 bis 532 und unter Chosrau I. von 540 bis 562 [1]. Im Krieg von 603 bis 628 eroberten die Perser Syrien und Ägypten [1]. Ende 627 kam es zur Schlacht bei Ninive, und Chosrau II. wurde im Februar 628 abgesetzt und ermordet [1]. Das Perserreich verlor 638 und 642 gegen die Araber und ging 651 mit dem Tod Yazdegerds III. unter [1].
Der Übergang ins Mittelalter
Wie stark die Mittel Ostroms schrumpften, zeigen die Einnahmen. Kaiser Anastasios I. hinterließ bei seinem Tod angeblich etwa 320.000 Pfund Gold [1]. Ägypten brachte im späten 5. und im 6. Jahrhundert mindestens 35 bis 40 Prozent der Einkünfte der östlichen Präfektur ein [1]. Unter Justinian beliefen sich die Einkünfte Ostroms auf 5 bis 6 Millionen Solidi, Goldmünzen, Mitte des 7. Jahrhunderts nur noch auf etwa 1,5 Millionen [1].
568 fielen die Langobarden in Italien ein, ein Ereignis, das heute oft als Einschnitt gilt [1]. Im 7. Jahrhundert verlor Ostrom durch die arabische Expansion große Gebiete [1]. Das Reich in Konstantinopel bestand bis 1453 [2]. Seine Geschichte nach der Spätantike erzählt der Artikel über das Byzantinische Reich.
- Spätantike. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Römisches Reich. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie David M. Wagner, Jennifer Klunk, Michaela Harbeck u. a.: Yersinia pestis and the Plague of Justinian 541 to 543 AD: a genomic analysis (The Lancet Infectious Diseases 14, Nr. 4, S. 319 bis 326). Elsevier (The Lancet Infectious Diseases). Stand 2014. abgerufen am 29.10.2026
- Jona Lendering: Adrianople (378 CE). Livius.org. Stand 10.08.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Justinian I.. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Justinian (Zeittafel). Livius.org (Jona Lendering). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Diocletian (Zeittafel). Livius.org (Jona Lendering). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Constantine the Great (Zeittafel). Livius.org (Jona Lendering). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Romulus Augustulus. Livius.org (Jona Lendering). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Edict of Thessalonica, also known as Cunctos Populos (lateinischer Text). Andrew S. Jacobs (Kurswebseite RS 91). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.

