Antike und AltertumRatgeber
Die Völkerwanderung: Goten, Hunnen und das Ende Westroms
Als Völkerwanderung bezeichnet man herkömmlich die Wanderungen vor allem germanischer Gruppen ins Römische Reich zwischen 375 und 568. In diese Zeit fallen die Schlacht von Adrianopel 378, die Plünderung Roms 410 und die Erhebung Odoakers zum König 476. Die Forschung hält den Begriff heute für problematisch, weil er ganz unterschiedliche Formen von Migration zusammenfasst.

Die Zeit der Völkerwanderung wird herkömmlich auf die Jahre 375 bis 568 gelegt, von der Ankunft der Goten an der römischen Donaugrenze bis zum Einfall der Langobarden in Italien [1]. Sie fällt in die Spätantike, die um 284 n. Chr. beginnt. Zu deren Kennzeichen zählt der Kölner Leitfaden zur Alten Geschichte die zunehmende Bedrohung der Reichsgrenzen durch den Beginn der Völkerwanderung, daneben den Aufstieg des Christentums und tiefe Veränderungen der Verwaltung, etwa neu geordnete Provinzen und neue Ämter [3]. Wo die Spätantike aufhört und das Mittelalter beginnt, ist nach dem Leitfaden schwer abzugrenzen [3]. Was in diesen knapp zwei Jahrhunderten geschah, ist gut belegt. Wie man es nennen und erklären soll, ist in der Forschung dagegen umstritten [1].
Wie der Begriff entstand
"Völkerwanderung" ist kein Wort aus den antiken Quellen. Die Zeitgenossen kannten Wanderungen, hatten aber keinen Begriff für den ganzen Vorgang [1]. Als Schöpfer des modernen Begriffs gilt der Humanist Wolfgang Lazius (1514 bis 1565). In seinem Werk "De aliquot gentium migrationibus" von 1557 sprach er von "migrationes gentium", noch recht unbestimmt [1].
Zum Namen einer Epoche wurde das Wort erst im 19. Jahrhundert [1]. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm erklärt es als die "großen bewegung der germanischen völker am ausgang des alterthums" [1]. Der Althistoriker Mischa Meier bringt diese Verengung auf germanische Völker mit der Nationsbildung im 19. Jahrhundert in Verbindung, die im Sieg germanischer Stämme über Rom eine Gründungstat suchte [1].
Hunnen, Goten und die Schlacht von Adrianopel
Im Jahr 375 erreichten die Hunnen Südrussland und unterwarfen dort das Reich der Ostgoten. 376 zerstörten sie auch das Reich der Westgoten [2]. Im selben Jahr ließ der oströmische Kaiser Valens Goten über die Donau ins Reich. Meier sieht dahinter vor allem den Bedarf an billigen Soldaten. Die Aufnahme geriet später außer Kontrolle [1].

378 kam es bei Adrianopel, dem heutigen Edirne, zur Schlacht. Die Römer wurden geschlagen, Kaiser Valens fiel [2]. Sein Nachfolger Theodosius I. schloss 379 einen Friedensvertrag mit den Westgoten [2]. Als Theodosius 395 starb, wurde das Reich zwischen seinen beiden Söhnen in eine West- und eine Osthälfte geteilt [2]. Den Rahmen dieser Jahre beschreibt der Artikel Die Spätantike.
Das 5. Jahrhundert: Rom wird geplündert
Im Jahr 406 überschritt ein Bündnis aus Vandalen, Alanen und Sueben bei Mainz die geschwächte Rheingrenze und zog plündernd durch Gallien [2]. Das Bildwörterbuch von wissen.de nennt 406/407 [6]. 410 eroberte und plünderte das Heer Alarichs Rom [1, 2]. 418 schlossen die Westgoten einen Friedensvertrag mit den Römern und durften sich in Aquitanien niederlassen. Meier datiert die Ansiedlung auf 418/419 [1, 2], das Bildwörterbuch von wissen.de auf 416 [6].
Die Vandalen setzten nach Nordafrika über und erreichten das römische Gebiet dort 429. Nach langen Kämpfen nahmen sie 439 Karthago ein [2]. Nach Meier erhielten sie 442 vertraglich ein eigenes Königreich, ein regnum [1]. Um 449 setzten Jüten, Angeln und Sachsen nach Britannien über und gründeten dort angelsächsische Königreiche [2]. Die Burgunder wurden 413 durch einen Bündnisvertrag mit Rom um Worms und Speyer angesiedelt, später errichteten sie an Rhône und Saône ein Königreich, das von 443 bis 534 bestand [2]. Nicht alle beteiligten Gruppen waren Germanen. Die Alanen etwa waren ursprünglich ein Stamm iranischer Herkunft nördlich des Kaukasus [2].
451 fiel Attila mit einem großen Heer aus hunnischen und germanischen Reitern in Gallien ein und wurde auf den Katalaunischen Feldern geschlagen [2]. Nach seinem Tod 453 zerfiel das Hunnenreich [2]. 455 landeten die Vandalen in Italien und plünderten Rom [2]. Das weströmische Heer bestand zu dieser Zeit mehrheitlich aus germanischen Söldnern. 476 rief es den Söldnerführer Odoaker zum König aus, zugleich wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt [2]. Damit endete das Weströmische Reich [2, 5]. Die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers 476 ist eines der Daten, mit denen die Forschung das Ende der Antike markiert. Andere wählen den Tod Justinians I. 565 [3].
Neue Reiche im Westen
Auf dem Boden des Westreichs entstanden neue Königreiche. Der Franke Chlodwig I. besiegte 486 den letzten weströmischen Statthalter in Gallien und beendete dort die römische Herrschaft [2]. 496 schlugen die Franken die Alemannen, und Chlodwig trat nach dem Schülerlexikon um 497/498 zum Christentum über [2]. 507 verdrängten die Franken die Westgoten aus Aquitanien, deren Reich sich danach auf Spanien beschränkte und 711 durch die Mauren endete [2]. Unter Chlodwigs Nachfolgern reichte das Frankenreich vom Atlantik bis zum Main [2]. In Nordwestspanien hielt sich ein Reich der Sueben bis 585 [2]. Wie aus diesen Anfängen ein Großreich wurde, erklärt Das Fränkische Reich.

In Italien schlossen der Ostgote Theoderich und Odoaker 493 einen Vertrag über die Herrschaft. Nach der Übergabe Ravennas ließ Theoderich seinen Vertragspartner ermorden [2]. Theoderich starb 526 und wurde in Ravenna in einem Grabmal beigesetzt, das bis heute erhalten ist [2]. Kaiser Justinian ließ seine Feldherren Belisar und Narses 534/535 das Vandalenreich vernichten, 553 eroberte Narses das Ostgotenreich [2]. Schon 568 fielen die Langobarden in Norditalien ein und gründeten unter König Alboin ein neues Reich [2]. Mit diesem Jahr lässt das Schülerlexikon die Völkerwanderung enden, sieht ihren endgültigen Abschluss aber erst in den Wikingerzügen des 8. bis 10. Jahrhunderts [2]. Die Geschichte Ostroms erzählt der Artikel Das Byzantinische Reich.
Die wichtigsten Daten
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 375 | Hunnen unterwerfen das Reich der Ostgoten [2] |
| 376 | Goten überqueren mit Erlaubnis des Valens die Donau [1] |
| 378 | Schlacht bei Adrianopel, Kaiser Valens fällt [2, 4] |
| 395 | Tod Theodosius' I., Teilung in West- und Osthälfte [2, 5] |
| 406 | Vandalen, Alanen und Sueben überqueren den Rhein bei Mainz [2] |
| 410 | Alarichs Heer plündert Rom [1, 2, 4] |
| 439 | Vandalen erobern Karthago [2] |
| 451 | Schlacht auf den Katalaunischen Feldern [2] |
| 455 | Vandalen plündern Rom [2] |
| 476 | Odoaker wird König, Ende des Weströmischen Reiches [2, 3, 4, 5] |
| 486 | Chlodwig beendet die römische Herrschaft in Gallien [2] |
| 553 | Narses erobert das Ostgotenreich [2] |
| 568 | Langobarden ziehen nach Italien [1, 2, 4] |
Was die Forschung heute sagt
Seit etwa drei Jahrzehnten wird die Vorstellung einer Völkerwanderung in der Forschung grundsätzlich in Frage gestellt [1]. Meier hält das Konzept selbst für nicht mehr tragfähig und will es durch genauere Einzelanalysen ersetzen [1].

Die gängige Erklärung nennt mehrere Ursachen. Das Schülerlexikon führt das Bevölkerungswachstum der Germanen, die daraus folgende Landnot und eine Verschlechterung des Klimas an, den Auslöser sieht es im Vorstoß der Hunnen 375 [2]. Eine ähnliche Definition aus einer populären Einführung von 2014, die Meier als typisch zitiert, nennt den Druck der Hunnen, Bevölkerungswachstum, Landnot und Eroberungslust [1].
Den Begriff des Volkes hält Meier für ungeeignet. Die Gruppen waren nach seiner Darstellung höchst instabile soziale Gebilde, die durch politische Rahmen und zeitweilige Identitäten zusammengehalten wurden [1]. Größere Verbände bildeten sich seit dem 1. Jahrhundert im Barbaricum vor allem durch Ethnogenese, also durch Zusammenschluss, und weniger durch Wanderung. Rom wirkte daran mit, etwa durch Geschenke, Ehrungen und Kriegsdienst [1]. Auch den großen Gruppen des 3. Jahrhunderts wie Goten, Franken, Alemannen oder Sachsen fehlte nach Meier ein gemeinsames Bewusstsein [1]. Zu einer politischen Einheit der sogenannten germanischen Verbände kam es nach Meier zu keinem Zeitpunkt [1]. Wer diese Gruppen waren, stellt der Artikel Die Germanen vor.
Auch das Römische Reich war kein einheitlicher Block. Meier beschreibt es als Vielvölkerstaat, den Bürgerrecht, Kaiserkult, gemeinsames Recht und Latein zusammenhielten [1]. Mobilität war nach Meier eher der Normalfall. Neu war in der Spätantike, wie massiv der Druck wurde, dass er mit Bürgerkriegen zusammenfiel und wie verschieden die Gruppen waren [1]. Meier unterscheidet mindestens sieben Arten von Gruppen, darunter Flüchtlingsheere wie die Goten an der Donau 376 und Kriegerverbände wie das Heer Alarichs 410 [1]. Erklärungen mit nur einer Ursache, etwa Naturkatastrophen, eine allgemeine Klimaverschlechterung oder die Verdrängung durch andere Gruppen, lehnt er ab [1].
Umstritten ist auch, wie tief der Bruch war. Der Forschungsansatz "Transformation of the Roman World" betont die Kontinuität zwischen Antike und Mittelalter, Kritiker werfen ihm vor, gewaltsame Brüche zu verdecken [1]. Andere vertreten die These, das Imperium habe gewissermaßen Selbstmord begangen, die Wanderungen seien also von Rom selbst ausgelöst worden [1]. Weitere Beispiele für Wanderungen über die Epochen hinweg behandelt der Artikel Migration in der Geschichte.
Die Völkerwanderung als Vergleich
Seit dem Sommer 2015 wurde die Völkerwanderung in der Debatte über Flucht und Migration wieder als Vergleich herangezogen [1]. Meier widersprach 2016 einem Artikel des Althistorikers Alexander Demandt, der den Untergang Roms mit Massenmigration erklärte. Meier hielt Demandts Bild der Völkerwanderung für verkürzt [1]. Seine Gründe: Analogien seien keine Vergleiche, einen klar umrissenen Gegenstand "Völkerwanderung" gebe es nicht, und die Formen der spätantiken Migration seien zu verschieden, um sie mit heute zu vergleichen [1]. Ernsthafte Vergleiche bräuchten Teams von Wissenschaftlern [1].
- Studie Die "Völkerwanderung" (Mischa Meier), Aus Politik und Zeitgeschichte 26-27/2016. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 24.06.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Völkerwanderung in Europa (Schülerlexikon Geschichte). Duden Learnattack, lernhelfer.de. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Leitfaden für die Einführungsseminare zur Alten Geschichte. Universität zu Köln, Historisches Institut, Abteilung Alte Geschichte. Stand 03.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation VL 01B Völkerwanderung: Daten zur Vorlesung "Grundzüge der mittelalterlichen Geschichte" (Christian Vogel). Universität des Saarlandes. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Die Donau im Lauf der Geschichte: Chronologie. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 13.05.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Völkerwanderung und Germanenreiche: Neubeginn in Europa. wissen.de. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.

