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Die Phönizier: Stadtstaaten, Purpur, Alphabet und Kolonien

Die Phönizier lebten im 1. Jahrtausend v. Chr. in selbständigen Hafenstädten an der Küste der Levante, vor allem in Tyros, Sidon, Byblos und Arwad. Sie handelten mit Purpur, Zedernholz und Glas, gründeten Niederlassungen bis nach Südspanien und Nordafrika und entwickelten eine Konsonantenschrift mit 22 Zeichen, aus der das griechische Alphabet hervorging.

Ein antiker Hafen an felsiger Küste bei Sonnenaufgang, zwei hölzerne Handelsschiffe mit Rahsegeln liegen an einer Steinmole
Bild: KI-generiert

Die Phönizier bewohnten die Küste der Levante im Gebiet des heutigen Libanon, Syriens und Nordisraels [2]. Der Name stammt nicht von ihnen selbst. Griechen nannten die Bewohner dieser Küste Phoínikes, ein Wort, das schon bei Homer vorkommt und mit phoínix, "purpurrot", zusammenhängt [1]. Die Menschen selbst bezeichneten sich nach ihrer Stadt, etwa als Tyrier, Sidonier oder Arwaditer [1]. Ein gemeinsames Reich gab es nicht, die Küste bestand aus selbständigen Stadtstaaten [1].

Zeitraum und Städte

Die Forschung verwendet den Begriff Phönizier vor allem für das 1. Jahrtausend v. Chr. Ihre Geschichte setzt am Übergang von der Späten Bronzezeit zur Frühen Eisenzeit ein, die wirtschaftliche Blüte lag etwa zwischen 1000 und 600 v. Chr. [1]. Andere Darstellungen fassen den Zeitraum weiter. Der Historiker Joshua J. Mark nennt für die Blütezeit als Handelszentrum etwa 1500 bis 332 v. Chr. [2].

Zu den wichtigsten Städten gehörten Akko, Arwad, Byblos, Beirut, Sidon und Tyros [1]. Tyros lag auf einer felsigen Insel wenige hundert Meter vor der Küste, gegenüber auf dem Festland stand Alt-Tyros, griechisch Palaityros [6]. Im späten 9. Jahrhundert v. Chr. gewann Tyros die Oberhand über die Nachbarstädte. Sein König unterwarf auch Sidon, und die Stadt Kition auf Zypern zahlte Tribut [1]. Byblos, phönizisch Gebal, exportierte Papyrus in großen Mengen. Nach dieser Stadt nannten die Griechen das Schreibmaterial, und darauf geht auch das Wort "Bibel" zurück [2].

Purpur, Zedern und Glas

Der bekannteste Exportartikel war Purpur. Gewonnen wurde der Farbstoff aus den Meeresschnecken Murex trunculus und Murex brandaris [6]. Für ein einziges Gramm sollen etwa 8.000 Schnecken nötig gewesen sein [6]. Purpur hatte deshalb einen Wert, den man mit Gold verglich [1], und in vielen Kulturen trugen ihn nur Könige und hohe Würdenträger [6]. Eine Legende aus Tyros erzählt, der Stadtgott Melqart habe den Farbstoff entdeckt, als sein Hund in eine Schnecke biss [6].

Ein Haufen stachliger Meeresschneckengehäuse auf nassem Stein neben Tonbottichen mit tiefvioletter Flüssigkeit
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Daneben lieferten die Städte Zedernholz aus dem Libanon, das für Schiffe und große Bauten gebraucht wurde, außerdem Glas, vor allem aus Tyros und Sidon, dazu Elfenbeinarbeiten, Stoffe, Wein und Olivenöl [1]. Schiffswracks aus dieser Zeit enthielten Kupfer- und Zinnbarren, Vorratsgefäße, Glas und Schmuck aus Gold und Silber [2].

Wie begehrt das Holz war, zeigt auch die Bibel. Nach 1. Könige 5 bat König Salomo den König Hiram von Tyrus um Zedern vom Libanon für den Tempel in Jerusalem. Hiram bot an, die Stämme als Flöße auf dem Meer zu dem Ort zu bringen, den Salomo nannte. Salomo gab dafür jährlich 20.000 Kor Weizen und 20 Kor Öl [7]. Die Einführung zum 1. Buch der Könige auf bibel.domain-root.de ordnet den Text ein.

Das phönizische Alphabet

Die Phönizier schrieben mit 22 Zeichen, die nur Konsonanten wiedergaben und von rechts nach links gelesen wurden [3]. Entwickelt haben sie die Schrift spätestens im 11. Jahrhundert v. Chr. aus der protosinaitischen Schrift, indem sie deren Zeichen vereinfachten [3]. Eine andere Übersicht setzt die Entstehung um 1100 v. Chr. an [1]. Die älteste längere Inschrift steht auf dem Sarkophag des Königs Ahiram aus Byblos und wird meist um 1000 v. Chr. datiert, die Datierung ist aber umstritten [3]. In Gebrauch blieb die Schrift vom 11. bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. [3].

Wer mit dieser Schrift schreiben lernen wollte, kam mit 22 Zeichen aus [3]. Aus der phönizischen Schrift gingen die aramäische, die griechische, die samaritanische und die althispanischen Schriften hervor, über diese Zwischenstufen später die meisten heutigen Alphabete [3]. Die Griechen machten aus einigen Konsonantenzeichen Vokale, so wurde aus dem Aleph das Alpha [3]. Schon Herodot führte das Alphabet der Griechen auf Phönizien zurück und verband es mit der Sagengestalt Kadmos [2]. Den weiteren Weg der Buchstaben bis zum lateinischen Alphabet erklärt der Beitrag Wie das Alphabet entstand.

Kolonien im Mittelmeer

Von der Levante aus legten die Phönizier Niederlassungen im ganzen Mittelmeer an. An der Südküste Spaniens gehörten Gadir, das heutige Cádiz, sowie Malaka, Sexi, Abdera und Baria dazu [1]. Im 8. Jahrhundert v. Chr. war ihre Schrift bis nach Spanien gelangt [1].

Niedrige antike Steinfundamente auf einer felsigen Landzunge über einer türkisfarbenen Bucht im Mittelmeer
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Die bekannteste Gründung ist Karthago im heutigen Tunesien. Der griechische Historiker Timaios setzte die Gründung in das 38. Jahr vor der ersten Olympiade, je nach Zählweise also 814/813 oder 813/812 v. Chr. [5]. Die Legende nennt Dido als Gründerin, karthagisch Elissa. Sie gilt als weitgehend unhistorisch [5, 13]. Die ältesten archäologischen Funde aus Karthago stammen aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., also etwas später als das überlieferte Datum [5]. Aus Karthago entwickelte sich eine eigene, punische Form der Schrift [1]. Wie die Stadt zur Großmacht wurde, erzählt der Beitrag über Karthago.

OrtHeutige LageAngabe in den Quellen
KitionZypernIm späten 9. Jahrhundert v. Chr. Tyros tributpflichtig
GadirCádiz, SpanienPhönizische Niederlassung an der Südküste Spaniens
MalakaMálaga, SpanienPhönizische Niederlassung an der Südküste Spaniens
KarthagoTunesienÜberliefert 814/813 oder 813/812 v. Chr., Funde ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr.

Die Angaben der Tabelle stammen aus den Übersichten zu den Phöniziern und zu Karthago [1, 5].

Fahrten über das Mittelmeer hinaus

Herodot berichtet, der ägyptische König Necho habe phönizische Seeleute vom Roten Meer aus losgeschickt, um Libyen, also Afrika, zu umrunden und durch die Säulen des Herakles, die Straße von Gibraltar, zurückzukehren [4]. Die Fahrt habe drei Jahre gedauert. Jeden Herbst gingen die Männer an Land, säten Getreide und warteten die Ernte ab [4]. Sie erzählten, beim Umsegeln der Südspitze habe die Sonne zu ihrer Rechten gestanden. Herodot hielt das für unglaubwürdig [4]. Die Anmerkung der Perseus-Ausgabe sieht gerade darin eine Bestätigung, denn auf der Südhalbkugel steht die Sonne bei einer Fahrt nach Westen zur Rechten, und hält die Umrundung für überwiegend anerkannt [4].

Auch von Karthago aus fuhren Schiffe weit hinaus. Überliefert ist die Reise des Hanno, die bis in den Golf von Guinea geführt haben soll [1].

Götter und Tempel

Baal ("Herr") und Baalat ("Herrin") waren in den phönizischen Städten Titel für Gottheiten, keine Eigennamen. Verehrt wurden Gruppen von drei Gottheiten, in denen Astarte und Eschmun vorkamen [1]. Melqart war der Hauptgott von Tyros und beschützte Seefahrer und Siedler in den Kolonien [1]. Der Melqart-Tempel in Tyros galt als heiliger Ort [2]. Die Mythen ähneln denen aus Ugarit, wo El an der Spitze der Götter stand [1]. Mehr über die Götterwelten der Region steht im Beitrag Polytheismus: Götterwelten der Antike.

Unter Assyrern und Babyloniern

Ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. drängten die Assyrer an die Mittelmeerküste. Der Vorstoß begann unter Assurnasirpal II. (883 bis 859 v. Chr.) und erreichte unter Tiglat-Pileser III. (745 bis 727 v. Chr.) seinen Höhepunkt [1]. Sargon II. gliederte die nördliche Levante ein, und um 701 v. Chr. nahm Sanherib Sidon und Akko ein [1]. Tyros auf seiner Insel hielt Belagerungen stand, und die Assyrer blieben auf den Fernhandel der Phönizier angewiesen, auch nachdem sie das Festland beherrschten [1]. Wie das Großreich im Norden Mesopotamiens funktionierte, zeigt der Beitrag über Assyrien.

Später belagerte der babylonische König Nebukadnezar II. die Inselstadt. Die Angaben dazu weichen voneinander ab. Die Übersicht zu den Phöniziern nennt als Beginn 587 v. Chr. und eine Dauer von 17 Jahren [1]. Die Darstellung von Joshua J. Mark zu Tyros lässt die Belagerung 586 v. Chr. beginnen und 13 Jahre dauern [11]. Danach gab Nebukadnezar auf, weil die Stadt Tribut zu zahlen bereit war [6]. Die Zahl von 13 Jahren steht allerdings nur bei Josephus. Helen Dixon hält sie 2022 nicht für ein verlässliches Detail, weil Handschriften häufiger drei Jahre und zehn Monate nennen und in Tyros Zerstörungsschichten und Belagerungsanlagen fehlen. Sie hält kürzere Belagerungen, Blockaden oder wechselnde Präsenz der Babylonier für wahrscheinlicher [12].

Alexander vor Tyros

Im Januar 332 v. Chr. ließ Alexander der Große Tyros belagern [6]. Zuvor hatten die Tyrier ihm verweigert, im Tempel des Melqart zu opfern [2]. Weil die Stadt auf einer Insel lag, ließ Alexander vom Festland aus einen Damm aufschütten, wofür seine Truppen Zedernpfähle und Trümmer von Alt-Tyros verwendeten. Gebaut wurde der Damm zweimal [6]. Nach etwa sieben Monaten fiel die Stadt im Juli 332 v. Chr. [10, 11].

Eine breite sandige Landbrücke verbindet eine felsige frühere Insel mit dem Festland, vorne liegen antike Säulentrommeln
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Die antiken Zahlen zu den Opfern gehen auseinander. Nach Diodor ließ Alexander 2.000 Männer kreuzigen und 13.000 Einwohner versklaven, Arrian spricht von 30.000 Versklavten [6]. Nach Curtius Rufus, den Livius.org übersetzt, fielen etwa 6.000 Kämpfer, rund 2.000 Überlebende wurden gekreuzigt, und Sidonier brachten etwa 15.000 Menschen heimlich nach Sidon in Sicherheit [10]. Joshua J. Mark schätzt, dass über 30.000 Menschen getötet oder versklavt wurden [2]. Aus dem Damm wurde mit der Zeit durch angeschwemmten Sand ein breiter Landstreifen, deshalb ist Tyros heute eine Halbinsel [6]. Mehr über den Feldzug steht im Lebensbild Alexander der Große.

Was von den Phöniziern blieb

Um 64 v. Chr. wurde die Küste römisch [2]. Karthago bestand länger als die Mutterstädte. Am Ende des Dritten Punischen Krieges eroberten die Römer unter Scipio Aemilianus die Stadt 146 v. Chr. nach dreijähriger Belagerung und zerstörten große Teile [5, 13]. Damit endete die letzte phönizisch-punische Staatlichkeit [1]. Erhalten hat sich vor allem die Schrift. Die meisten heutigen Alphabete gehen über das Griechische und das Aramäische auf die phönizische Konsonantenschrift zurück [3].

  1. Phönizier. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  2. Joshua J. Mark: Phönizien (übersetzt von Marina Wrackmeyer). World History Encyclopedia. Stand 24.11.2024. abgerufen am 29.10.2026
  3. Phönizische Schrift. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Herodot: Historien 4,42 (englische Übersetzung von A. D. Godley). Perseus Digital Library, Tufts University (Perseids). Stand 1920. abgerufen am 29.10.2026
  5. Karthago. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  6. Tyros. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  7. 1. Könige 5 (Lutherbibel 1912). eBible.org. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  8. Hesekiel 27 (Lutherbibel 1912). eBible.org. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  9. Jona Lendering: Tyre. Livius.org. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  10. Siege of Tyre (332 BCE), nach Curtius Rufus 4,4 (übersetzt von John Yardley). Livius.org. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  11. Joshua J. Mark: Tyros (übersetzt von Marina Wrackmeyer). World History Encyclopedia. Stand 2024. abgerufen am 29.10.2026
  12. Studie Helen Dixon: Reexamining Nebuchadnezzar II's 'Thirteen-Year' Siege of Tyre in Phoenician Historiography, Journal of Ancient History 10(2), 165 bis 199. De Gruyter, East Carolina University (Open Access). Stand 2022. abgerufen am 29.10.2026
  13. Joshua J. Mark: Karthago (übersetzt von Wiebke Schulze). World History Encyclopedia. Stand 2024. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.