Antike und AltertumRatgeber
Assyrien: vom Stadtstaat Assur zum Großreich
Assyrien war ein Reich im Norden des heutigen Irak mit der Stadt Assur am Tigris als religiösem Zentrum. Aus einem Stadtstaat mit Fernhandel wurde im 1. Jahrtausend v. Chr. das größte Reich des Nahen Ostens, das im 7. Jahrhundert vom Mittelmeer bis in den Westiran reichte. Zwischen 614 und 609 v. Chr. eroberten Babylonier und Meder seine Städte, und das Reich zerfiel.

Im 7. Jahrhundert v. Chr. war Assyrien mit Abstand das größte Reich im Nahen Osten [1]. Es umfasste den ganzen heutigen Irak, Syrien und Libanon, die Hälfte des heutigen Israel, große Teile der Südosttürkei und weite Gebiete im Westen Irans [1]. Seine Macht reichte bis nach Juda, Ägypten, Kusch (Nubien) und Zypern [1]. Begonnen hatte diese Geschichte in einer einzigen Stadt am Tigris, in Assur.
Die Forschung teilt die assyrische Geschichte in drei Abschnitte: die altassyrische Zeit, das Mittelassyrische Reich ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. und das Neuassyrische Reich von 911 bis 605 v. Chr. [8]. Für die Zeit vor 911 v. Chr. weichen die Jahreszahlen je nach Chronologie voneinander ab, deshalb stehen dort meist nur Jahrhunderte oder Näherungswerte.
Assur: Stadt des Gottes und der Händler
Assur lag an einem Übergang über den Tigris und an wichtigen Handelswegen [7]. In altassyrischer Zeit hatte die Stadt nach einer Schätzung des Assyriologen Veenhof etwa 10.000 Einwohner [7]. Über Jahrhunderte herrschte dort dieselbe Familie, bevor die Stadt zum Mittelpunkt eines Flächenstaates wurde [1]. Auch als die Könige später in anderen Städten residierten, blieb Assur das religiöse und politische Zentrum, denn nur hier stand der Tempel des Gottes Aššur [1].

Reich wurde Assur durch den Fernhandel. Assyrische Kaufleute brachten Zinn und Textilien nach Anatolien und tauschten sie dort gegen Kupfer, Silber und Gold [7]. Das Zinn kam vermutlich aus dem Osten, möglicherweise aus dem heutigen Usbekistan [7]. Ihr wichtigster Handelsposten war das Kaufmannsviertel (Karum) von Kaneš beim heutigen Kültepe in der Türkei. Es wurde spätestens unter König Ērišum I. gegründet und brannte etwa 150 Jahre später nieder [7]. Die Keilschrifttafeln aus den Häusern der Händler sind die wichtigste Quelle für diese Zeit [7].
Später eroberte Šamši-Adad I. Assur und regierte ein Reich im nördlichen Mesopotamien von Šubat-Enlil aus, dem heutigen Tall Leilan [7]. Seine Söhne konnten es nach seinem Tod nicht halten [7]. Im 15. Jahrhundert v. Chr. war Assyrien vom Reich Mitanni abhängig und auf Assur und seine Umgebung beschränkt [7]. Seine Unabhängigkeit gewann es unter Aššur-uballiṭ I. zurück [10].
Das Mittelassyrische Reich
Unter Aššur-uballiṭ I., der etwa von 1364 bis 1328 v. Chr. regierte [10], wurde Assyrien zur Großmacht. Er griff Mitanni gemeinsam mit dem Hethiterkönig Šuppiluliuma an, zerstörte dessen Hauptstädte Taidu und Waššukanni und brach die Macht des Reiches [8, 10]. In den Amarna-Briefen, der Korrespondenz der ägyptischen Pharaonen, sind Geschenke assyrischer Könige an Ägypten belegt, darunter Lapislazuli und Streitwagen mit Gespannen [8]. Mehr über Mitanni steht im Artikel über Hurriter und das Reich Mitanni.
Tukulti-Ninurta I. regierte im 13. Jahrhundert v. Chr., eroberte Babylon und nannte sich "König der Gesamtheit" [8]. Aus seiner Zeit stammen die ersten Nachrichten über Deportationen [8]. Er wurde bei einem Aufstand seiner Söhne getötet [8]. Tiglat-pileser I. (1114 bis 1076 v. Chr.) dehnte die Macht noch einmal bis zum Taurus und zur Mittelmeerküste aus [8]. Seine Nachfolger konnten das Reich nicht halten. Die Aramäer eroberten große Teile Nordsyriens, und Assyrien wurde auf sein Kernland zurückgedrängt [8].
Der Aufstieg zum Großreich
Mit Adad-nirari II. (911 bis 891 v. Chr.) begann die neuassyrische Zeit [8]. Aššurnaṣirpal II. (883 bis 859 v. Chr.) brachte die Handelswege zum Mittelmeer unter assyrische Kontrolle [6]. Seine Residenz Kalḫu, das heutige Nimrud, blieb vom 9. bis ins späte 8. Jahrhundert v. Chr. Hauptstadt [1, 6]. Salmanassar III. (859 bis 824 v. Chr.) stieß nach Westen vor. 853 v. Chr. hielt ihn ein Bündnis, zu dem auch das Nordreich Israel und Damaskus gehörten, in der Schlacht von Qarqar auf [6].
Tiglat-pileser III. kam nach einem Militäraufstand auf den Thron [6]. Er verdoppelte die Zahl der Provinzen und belagerte Damaskus, das 732 v. Chr. fiel [6]. Unter ihm erreichten die Deportationen ein neues Ausmaß: Für seine Regierung werden etwa 370.000 verschleppte Menschen angenommen [6].
Salmanassar V. belagerte und eroberte Samaria, die Hauptstadt des Nordreichs Israel, 722/721 v. Chr. [6]. Sein Nachfolger Sargon II. nahm Israel und Samaria 720 v. Chr. erneut ein [6]. Sargon besiegte 714 v. Chr. Urartu und nahm 710 v. Chr. Babylon ein [6]. Ab 717 v. Chr. ließ er die neue Hauptstadt Dur-Šarrukin bauen, die 706 v. Chr. fertig wurde [6]. Sie war nur etwa ein Jahrzehnt lang Hauptstadt [1]. Wie es Israel und Juda in dieser Zeit erging, beschreibt der Artikel Israel und Juda in der Antike.
Ninive und die letzten großen Könige
Sanherib (704 bis 681 v. Chr.) machte Ninive zur Hauptstadt [1, 2]. Er vergrößerte die Stadt auf rund 750 Hektar und umgab sie mit einer etwa 12 Kilometer langen Mauer mit 15 Toren [2]. Von 702 bis 688 v. Chr. legten seine Ingenieure ein Kanalnetz von rund 150 Kilometern an, das Quellwasser aus den Bergen in die Stadt brachte [2]. Im 7. Jahrhundert v. Chr. war Ninive die größte Stadt der Welt [1]. 689 v. Chr. ließ Sanherib Babylon zerstören [9, 13]. Er wurde von zwei seiner Söhne ermordet, nachdem er einen anderen Sohn zum Thronfolger bestimmt hatte [1].

Nach einem blutigen Thronkrieg wurde Asarhaddon König und regierte von 681 bis 669 v. Chr. [1]. Er starb 669 v. Chr. auf einem Feldzug gegen Ägypten [12]. Auf ihn folgte Assurbanipal, der von 668 bis etwa 630 v. Chr. regierte [1]. 652 v. Chr. begann ein Krieg mit seinem Bruder Šamaš-šumu-ukin, der in Babylon herrschte [1]. Assurbanipal belagerte Babylon zwei Jahre lang [6]. 645 v. Chr. siegte er über Elam; daran erinnert das sogenannte Gartenfest-Relief aus seinem Nordpalast [2]. Das Buch Jona beschreibt Ninive als Stadt mit 120.000 Einwohnern, die man erst in drei Tagen durchquert [2].
Die Bibliothek des Assurbanipal
Im Palastbezirk von Ninive wurden etwa 28.000 Keilschrifttafeln gefunden, die heute im British Museum liegen [3]. Viele tragen einen Besitzvermerk Assurbanipals [3]. Die Sammlung umfasst Briefe, Verwaltungs- und Rechtsurkunden, Literatur und Geschichtswerke, Rituale und Gebete, medizinische Texte und lange Reihen von Vorzeichen mit Kommentaren [3].

Einen Teil der Tafeln schrieben Gelehrte aus angesehenen Familien am Hof [3]. Andere kamen aus Babylonien, teils als Abschriften, teils als Beute: Nach dem Krieg gegen seinen Bruder ließ Assurbanipal um 647 v. Chr. gelehrte Tafeln aus babylonischen Städten nach Ninive bringen [3]. Rund 3.700 Tafeln in babylonischer Schrift, etwa 13 Prozent der Bibliothek, sind bisher im British Museum erfasst [3]. 1872 übersetzte George Smith eine Tafel des Gilgamesch-Epos aus der Bibliothek und fand darin eine Erzählung von einer großen Flut [3, 4].
Der Untergang
Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. brach das Reich innerhalb weniger Jahre zusammen [1]. 614 v. Chr. eroberten feindliche Truppen Assur [1]. 612 v. Chr. griffen babylonische und medische Heere Ninive an und nahmen die Stadt ein [2]. Gekämpft wurde vor allem an den Toren [2]. Bei Ausgrabungen am Halzi-Tor fand David Stronach 1989 Skelette von Männern und Pferden [2]. Der Zusammenbruch der Wasserversorgung trug dazu bei, dass die Stadt aufgegeben wurde [2]. Ein letzter assyrischer König erscheint 609 v. Chr. in der babylonischen Chronik, und 605 v. Chr. ging die Schlacht von Karkemiš verloren [6]. Babylonier, Meder und Ägypter teilten das Gebiet unter sich auf [1]. Wie es danach weiterging, steht im Artikel über Babylonien. Das Buch Nahum beginnt in der Lutherbibel von 1912 mit den Worten "Dies ist die Last über Ninive und das Buch der Weissagung Nahums von Elkos" (Nahum 1,1) [11].
Die aramäische Sprache hatte das Akkadische schon in den letzten Jahrhunderten des Reiches nach und nach verdrängt [6].
Wiederentdeckung
Europäische Forscher stießen Mitte des 19. Jahrhunderts auf die assyrischen Paläste. Paul-Émile Botta grub Anfang der 1840er-Jahre in Dur-Šarrukin beim heutigen Khorsabad [4]. Austen Henry Layard begann 1845 in Kalḫu und grub nach einem Aufenthalt in England in den drei Jahren bis 1851 in Ninive, wo er Sanheribs Palast und die Bibliothek Assurbanipals freilegte [4]. 1852 übernahm Hormuzd Rassam die Leitung der Grabungen des British Museum [4]. 1857 legten mehrere Forscher, darunter Henry Rawlinson, unabhängig voneinander fast gleiche Übersetzungen eines Keilschrifttextes vor; die Royal Asiatic Society erklärte die Keilschrift damit im Wesentlichen für entziffert [4].
In Assur selbst grub die Deutsche Orient-Gesellschaft unter Walter Andrae von September 1903 bis April 1914 [5]. Die Kleinfunde kamen in das Vorderasiatische Museum in Berlin [5]. Über die Völker, mit denen Assyrien rang, informieren die Artikel über Urartu und Elam.
- Studie Karen Radner: The Assyrian empire (Knowledge and Power in the Neo-Assyrian Empire). Oracc, University of Pennsylvania Museum. Stand 17.12.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Karen Radner: Nineveh, Assyria's capital in the 7th century BC (Knowledge and Power in the Neo-Assyrian Empire). Oracc, University of Pennsylvania Museum. Stand 17.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Eleanor Robson: Assurbanipal's Library (Knowledge and Power in the Neo-Assyrian Empire). Oracc, University of Pennsylvania Museum. Stand 17.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Eleanor Robson: Discovery and decipherment, from winged bulls to websites (Knowledge and Power in the Neo-Assyrian Empire). Oracc, University of Pennsylvania Museum. Stand 17.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Assur-Projekt. Freie Universität Berlin, Institut für Altorientalistik. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Assyrisches Reich, Abschnitt Neuassyrisches Großreich 911 bis 605 v. Chr. (Weiterleitung von Neuassyrisches Reich). Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Assyrisches Reich, Abschnitt Altassyrischer Staat (Weiterleitung von Altassyrisches Reich). Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Assyrisches Reich, Abschnitt Mittelassyrisches Reich (Weiterleitung von Mittelassyrisches Reich). Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Babylonien. Wikipedia (deutsch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Assur (Aššur). Jona Lendering, Livius.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Nahum 1 (Lutherbibel 1912). eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Karen Radner: Esarhaddon, king of Assyria (681-669) (Knowledge and Power in the Neo-Assyrian Empire). Oracc, University of Pennsylvania Museum. Stand 17.04.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Karen Radner: Sennacherib, king of Assyria (704-681) (Knowledge and Power in the Neo-Assyrian Empire). Oracc, University of Pennsylvania Museum. Stand 27.03.2024. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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