Das 20. JahrhundertRatgeber

Die Dekolonisierung: wie Asien und Afrika unabhängig wurden

Dekolonisierung nennt man die Auflösung der europäischen Kolonialreiche, vor allem zwischen 1945 und Mitte der 1970er-Jahre. 1945 lebten noch rund 750 Millionen Menschen in Kolonien, seitdem sind 80 ehemalige Kolonien unabhängig geworden. Wichtige Stationen waren die Unabhängigkeit Indiens 1947, das "Jahr Afrikas" 1960 und das Ende des portugiesischen Kolonialreichs 1974/75.

Menschen in heller Kleidung stehen an einem tropischen Hafenkai und sehen einem auslaufenden Schiff nach
Bild: KI-generiert

Als die Vereinten Nationen 1945 gegründet wurden, lebten rund 750 Millionen Menschen in Kolonien und abhängigen Gebieten, fast ein Drittel der Weltbevölkerung [5]. Drei Jahrzehnte später waren die großen Kolonialreiche Großbritanniens, Frankreichs, der Niederlande, Belgiens und Portugals weitgehend aufgelöst. Seit 1945 sind 80 ehemalige Kolonien unabhängig geworden [5]. Diesen Vorgang nennt die Geschichtswissenschaft Dekolonisierung oder Dekolonisation. Er verlief in Asien anders als in Afrika, mal durch Verhandlungen, mal durch lange Kriege.

Die Vorgeschichte im Ersten Weltkrieg

Schon im Ersten Weltkrieg zeigte sich, wie sehr die Kolonialmächte auf ihre Kolonien angewiesen waren. Frankreich setzte rund 500.000 Soldaten aus West- und Nordafrika, Indochina und Madagaskar ein. Westafrikanische Soldaten hatten ein um 20 Prozent höheres Risiko zu sterben als französische, weil man sie als "kriegerische Rassen" in besonders gefährliche Einsätze schickte [1]. Großbritannien holte rund 300.000 Arbeitskräfte aus den Kolonien nach Europa, Frankreich etwa 200.000 Männer aus Asien und Afrika [1]. Die Mitsprache, die man diesen Menschen in Aussicht gestellt hatte, blieb nach 1918 aus [1]. Den Kriegsverlauf selbst beschreibt der Artikel über den Ersten Weltkrieg.

US-Präsident Woodrow Wilson brachte nach dem Krieg das Selbstbestimmungsrecht der Völker in die Friedensordnung ein. Für die Kolonien blieb es ein leeres Versprechen. Der Völkerbund verteilte die früheren deutschen und osmanischen Gebiete als Mandate, vor allem an Großbritannien und Frankreich, deren Reiche nach 1919 so groß waren wie nie zuvor [1]. Wie diese Reiche im 19. Jahrhundert entstanden waren, erklären die Artikel über den Kolonialismus und den Imperialismus.

Widerstand zwischen den Kriegen

In den Kolonien wuchs der Widerstand, und die Kolonialmächte antworteten oft mit Gewalt. Die Briten gingen 1919 im indischen Amritsar gewaltsam gegen Proteste vor, Spanien setzte im Rif-Krieg von 1921 bis 1926 Chemiewaffen ein, Italien 1935/36 in Abessinien [1]. Zugleich wurden die europäischen Hauptstädte zu Treffpunkten antikolonialer Aktivisten. In Paris fanden der spätere vietnamesische Revolutionsführer Ho Chi Minh und Léopold Sédar Senghor, ab 1960 erster Präsident Senegals, zur Politik [1]. Der afroamerikanische Soziologe W. E. B. Du Bois organisierte von 1919 bis 1923 Panafrikanische Kongresse in Paris, London, Brüssel und Lissabon [1].

Der Zweite Weltkrieg schwächte die Kolonialmächte zusätzlich. Mindestens eine halbe Million afrikanischer Soldaten diente in britischen Einheiten [3]. Die Charta der Vereinten Nationen vom Juni 1945 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom Dezember 1948 gaben den Forderungen nach Gleichheit eine neue Grundlage [2]. Mehr zu dieser Organisation steht im Artikel über die Vereinten Nationen.

Indien und Pakistan 1947

Die indische Unabhängigkeitsbewegung hatte eine lange Vorgeschichte. 1885 entstand der Indische Nationalkongress, 1906 die Muslimliga. Mahatma Gandhi machte den Kongress zur Massenbewegung und rief zu gewaltfreiem Widerstand auf [4]. Im Juni 1947 kündigte der letzte Vizekönig Lord Mountbatten seinen Plan zur Unabhängigkeit an, umgesetzt wurde er in nur zehn Wochen [4]. Gebiete mit muslimischer Mehrheit kamen zu Pakistan, solche mit hinduistischer Mehrheit zu Indien, Punjab und Bengalen wurden geteilt. Pakistan erklärte sich am 14. August 1947 für unabhängig, Indien am 15. August [2, 4].

Familien mit Bündeln und Koffern warten auf einem überfüllten Bahnsteig neben einem Dampfzug
Bild: KI-generiert

Die Teilung kostete landesweit mehr als eine Million Menschen das Leben, vor allem im Punjab und in Bengalen. Über zehn Millionen mussten fliehen oder wurden vertrieben [2, 4]. Die Frage, zu welchem Staat Kaschmir gehört, ist bis heute nicht gelöst [2]. Erster Ministerpräsident Indiens wurde Jawaharlal Nehru [4]. Ceylon, das heutige Sri Lanka, wurde 1948 ohne größere Konflikte unabhängig [2]. Über Gandhis Weg informiert der Artikel Mahatma Gandhi.

Indonesien und Indochina

In Südostasien nutzten Unabhängigkeitsbewegungen die Tage nach der japanischen Kapitulation. Sukarno rief am 17. August 1945 die Unabhängigkeit Indonesiens aus. Die Niederlande führten jahrelang einen brutalen Krieg und zogen sich erst 1949 auf Druck der USA zurück [2].

In Vietnam proklamierte Ho Chi Minh am 2. September 1945 die Demokratische Republik Vietnam. Frankreich begann 1946 den Indochinakrieg, unterstützt von den USA, die darin einen Kampf gegen den Kommunismus sahen [2]. Nach der französischen Niederlage bei Dien Bien Phu am 7. Mai 1954 beschloss die Genfer Konferenz die Unabhängigkeit von Vietnam, Kambodscha und Laos. Vietnam wurde in einen kommunistischen Norden und einen westlich orientierten Süden geteilt [2]. Wie daraus der nächste Krieg entstand, zeigt der Artikel über den Vietnamkrieg.

Bandung und die Blockfreien

Im April 1955 trafen sich im indonesischen Bandung Vertreter von 29 unabhängigen Staaten Asiens und Afrikas. Sie wollten sich keinem der beiden Blöcke im Kalten Krieg unterordnen [2]. 1961 entstand auf dieser Grundlage die Bewegung der Blockfreien Staaten, an deren Gründung der jugoslawische Staatschef Tito maßgeblich beteiligt war. Ihr Einfluss auf die Weltpolitik blieb begrenzt, auch weil ihre Mitglieder untereinander zerstritten waren, etwa Indien und Pakistan [2].

Ein Jahr nach Bandung, 1956, verstaatlichte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser die britisch-französische Suezkanalgesellschaft. Die Suezkrise zeigte, wie wenig Großbritannien und Frankreich noch allein durchsetzen konnten [2].

Das Jahr Afrikas 1960

1945 waren in Afrika nur drei Staaten unabhängig: Liberia, Äthiopien und Ägypten [3]. Der Sudan wurde 1956 souverän. Die britische Goldküste folgte am 6. März 1957 als erste Kolonie südlich der Sahara und nannte sich fortan Ghana, an der Spitze stand Kwame Nkrumah [2, 3]. Guinea stimmte 1958 als einzige französische Kolonie für die sofortige Unabhängigkeit [3].

Ein breiter Boulevard in einer westafrikanischen Hauptstadt mit bunten Fahnen und feiernden Menschen
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1960 erlangten 17 afrikanische Kolonien die Unabhängigkeit, darunter fast alle französischen Gebiete südlich der Sahara, Belgisch-Kongo und Nigeria, die bevölkerungsreichste britische Kolonie. Das Jahr ging als "Jahr Afrikas" in die Geschichte ein [2, 3]. 1965 stellten afrikanische Staaten mit 37 Mitgliedern die größte Gruppe in den Vereinten Nationen [2]. Die UN-Generalversammlung verabschiedete 1960 die Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker. Sie forderte ein schnelles und bedingungsloses Ende des Kolonialismus [5].

Kriege um die Unabhängigkeit

Mehrere Kolonien mussten ihre Unabhängigkeit in langen Kriegen erkämpfen. In Algerien kämpfte die Befreiungsfront FLN von 1954 bis 1962 gegen Frankreich und die Siedler, im Juli 1962 wurde das Land unabhängig [2]. In Kenia gingen die britische Kolonialmacht und weiße Siedler von 1952 bis 1959 brutal gegen den Mau-Mau-Aufstand vor [2].

Belgien zog sich 1960 überstürzt aus dem Kongo zurück. Kurz nach der Unabhängigkeit am 30. Juni 1960 brach eine Krise aus, die in einen Bürgerkrieg mündete. Ministerpräsident Patrice Lumumba wurde Anfang 1961 ermordet, beteiligt waren belgische und amerikanische Geheimdienste. Ab 1965 herrschte Mobutu als Diktator, bis 1997 [2, 3].

Portugal und die späten Fälle

Portugal hielt am längsten an seinen Kolonien fest und führte ab 1961 in Angola, ab 1963 in Guinea-Bissau und ab 1964 in Mosambik Kolonialkriege [2]. Sie belasteten das autoritäre Regime in Lissabon schwer. Am 25. April 1974 stürzten Offiziere die Diktatur fast ohne Gewalt, Soldaten steckten Nelken in ihre Gewehrläufe. Nach dieser Nelkenrevolution wurde Guinea-Bissau im September 1974 unabhängig, Angola und Mosambik folgten 1975 [2, 3].

Soldaten in olivgrünen Uniformen halten rote Nelken auf einem Lissabonner Platz mit Pastellfassaden
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Simbabwe wurde 1980 unabhängig, Namibia durch die Abspaltung von Südafrika 1990 und Eritrea durch die Abspaltung von Äthiopien 1993 [2]. In Südafrika endete die Herrschaft der weißen Minderheit erst mit den ersten freien Wahlen 1994 [3]. Den Weg dorthin schildert der Artikel über Nelson Mandela.

Was von der Kolonialzeit bleibt

Mit der Unabhängigkeit verschwanden die kolonialen Strukturen nicht. Grenzen, Wirtschaftsbeziehungen und Kategorien wie "Stamm" oder "Kaste" aus der Kolonialverwaltung wirkten weiter. In Ruanda trug die Verfestigung solcher Zuschreibungen zum Völkermord von 1994 bei [2]. Der Historiker Andreas Eckert nennt die Bilanz des unabhängigen Afrikas "bestenfalls gemischt" [3].

Ganz abgeschlossen ist die Dekolonisierung auch formal nicht. Die Vereinten Nationen führen noch 17 Gebiete ohne Selbstregierung, in denen zusammen weniger als zwei Millionen Menschen leben [5]. Einen Überblick über die Geschichte des Kontinents gibt der Artikel über Afrika.

  1. Studie Gabriele Metzler: Krisen und Niedergang der europäischen Imperien, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 338. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Gabriele Metzler: Die Auflösung der europäischen Imperien und ihre Folgen, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 338. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 20.11.2018. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Andreas Eckert: 1960: Das "Jahr Afrikas". Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 15.10.2020. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Vor 75 Jahren: Unabhängigkeit Indiens. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 10.08.2022. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Decolonization (Global Issues). Vereinte Nationen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.