Das 20. JahrhundertRatgeber
Der Vietnamkrieg: von der Teilung 1954 bis zum Fall Saigons 1975
Der Vietnamkrieg war ein Krieg zwischen dem kommunistischen Nordvietnam mit der Befreiungsfront im Süden und dem von den USA unterstützten Südvietnam. Er begann nach der Teilung des Landes 1954, die USA griffen ab 1964 offen ein und zogen 1973 ihre letzten Truppen ab. Am 30. April 1975 eroberten nordvietnamesische Truppen Saigon, 1976 wurde Vietnam wiedervereinigt.

Am 30. April 1975 eroberten nordvietnamesische Truppen Saigon, die Hauptstadt Südvietnams. Damit endete nach über 20 Jahren der Vietnamkrieg [1]. Er war zugleich ein Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, ein Kampf gegen die Kolonialherrschaft und ein Schauplatz des Kalten Krieges. Für die USA war er der bis dahin längste Krieg ihrer Geschichte und der erste, den sie verloren [1].
Kolonialzeit und Indochinakrieg
Ab 1883 stand das heutige Vietnam vollständig unter französischer Kontrolle. 1887 wurde es mit Laos und Kambodscha Teil der Kolonie Französisch-Indochina [1]. Im Zweiten Weltkrieg besetzten japanische Truppen das Land. Gegen sie kämpfte ab 1943 die Việt Minh, eine Organisation, die der kommunistische Politiker Ho Chi Minh zwei Jahre zuvor gegründet hatte. Am 2. September 1945, dem Tag der japanischen Kapitulation, rief Ho Chi Minh in Hanoi die Demokratische Republik Vietnam aus [1].

Frankreich wollte seine Herrschaft wiederherstellen. Ende 1946 brachen offene Kämpfe aus, der Erste Indochinakrieg begann [1]. Die USA unterstützten Frankreich mit Geld. Ihre Sorge galt dem Kommunismus in Asien, zumal 1949 die Volksrepublik China gegründet worden war. Präsident Dwight D. Eisenhower verglich Südostasien mit einer Reihe von Dominosteinen: Falle ein Land an den Kommunismus, folgten die anderen [3].
Anfang 1954 verschanzte sich die französische Armee in der Festung Điện Biên Phủ an der Grenze zu Laos. Nach vier Monaten Belagerung fiel sie am 7. Mai 1954 [3]. Die USA griffen nicht ein, weil der Kongress nur in einer Koalition handeln wollte und Großbritannien ablehnte [3].
Die Teilung Vietnams 1954
Auf der Genfer Indochinakonferenz im Juli 1954 vereinbarten Frankreich und die Việt Minh einen Waffenstillstand und eine vorläufige Teilung entlang des 17. Breitengrads. Im Norden regierte Ho Chi Minh, im Süden eine autokratische Regierung unter Ngô Đình Diệm [1, 3]. Für 1956 waren gesamtvietnamesische Wahlen vorgesehen. Sie scheiterten am Widerstand Südvietnams und der USA [1]. Nach Einschätzung des US-Außenministeriums hätten die Kommunisten diese Wahlen wohl gewonnen, weil sie besser organisiert und auf dem Land beliebter waren [4].
Diệm konnte die Bevölkerung im Süden nicht für sich gewinnen. Im Dezember 1960 schlossen sich Oppositionsgruppen unter kommunistischer Führung zur Nationalen Befreiungsfront (NLF) zusammen, die als "Vietcong" bekannt wurde [1]. China und die Sowjetunion unterstützten den Norden und die NLF [1]. So wurde Vietnam zu einem der Stellvertreterkriege im Kalten Krieg.
Von den Militärberatern zur Tonkin-Resolution
Unter Eisenhower waren kaum 1.000 US-Soldaten als Berater in Südvietnam, unter John F. Kennedy mehr als 16.000 [1]. Am 2. November 1963 erschossen südvietnamesische Soldaten Präsident Diệm, drei Wochen später wurde Kennedy ermordet [1]. Mehr zu ihm steht im Lebensbild John F. Kennedy.
Anfang August 1964 meldeten zwei US-Zerstörer im Golf von Tonkin, nordvietnamesische Boote hätten sie angegriffen, am 2. und am 4. August [4]. Der zweite Angriff gilt heute als widerlegt [1]. Am 7. August 1964 verabschiedete der Kongress die Tonkin-Resolution. Der Senat stimmte mit nur zwei Gegenstimmen zu, das Repräsentantenhaus einstimmig. Die Resolution war die rechtliche Grundlage, auf der die Regierungen Johnson und Nixon den Krieg führten [4].
Bombenkrieg und Bodentruppen 1965 bis 1968
Am 13. Februar 1965 begann nach Angabe des US-Außenministeriums die Operation "Rolling Thunder", die Bombardierung Nordvietnams [4]. Im März 1965 landeten die ersten US-Bodentruppen. Ende 1965 waren mehr als 184.000 US-Soldaten in Vietnam, drei Jahre später mehr als eine halbe Million [1]. An der Seite Südvietnams kämpften auch Soldaten aus Südkorea, Thailand, den Philippinen, Australien und Neuseeland. Der Krieg griff auf Laos und Kambodscha über [1].

Der Krieg wurde mit großer Brutalität geführt. Beide Seiten verübten Kriegsverbrechen und Massaker an Zivilisten und Kriegsgefangenen. Die US-Luftwaffe warf über Vietnam, Laos und Kambodscha fast doppelt so viele Bomben ab wie im Zweiten Weltkrieg über Europa und Asien. Herbizide wie "Agent Orange", mit denen die USA Wälder entlaubten, schadeten Menschen und Umwelt schwer [1]. Am 16. März 1968 töteten US-Soldaten im Dorf My Lai 507 Menschen, überwiegend Kinder und Alte. Der befehlshabende Offizier wurde 1971 zu lebenslanger Haft verurteilt [8].
Die Tet-Offensive 1968
Während des vietnamesischen Neujahrsfests Tết griffen nordvietnamesische Truppen und NLF-Verbände am 30. und 31. Januar 1968 gleichzeitig viele Ziele in Südvietnam an, darunter die Städte Huế und Saigon. Sie drangen sogar auf das Gelände der US-Botschaft in Saigon vor [5]. Militärisch schlugen die USA und Südvietnam die Offensive zurück, die NLF-Verbände wurden fast aufgerieben [5]. Politisch war die Wirkung umgekehrt: Die Berichte in den US-Medien zeigten, dass ein Sieg nicht in Sicht war [5].

Nach der Offensive begrenzte Präsident Lyndon B. Johnson die Bombardierung Nordvietnams und die Zahl der US-Soldaten in Südvietnam. Am 31. März 1968 kündigte er an, nicht wieder zu kandidieren [5]. Am 13. Mai 1968 begannen in Paris die ersten offiziellen Gespräche zwischen den USA und Nordvietnam [8]. Schon im April 1965 hatte es in den USA die ersten großen Studentenproteste gegeben. Im Oktober und November 1969 gingen landesweit etwa zwei Millionen Menschen gegen den Krieg auf die Straße, auch in der Bundesrepublik war Vietnam eines der wichtigsten Themen der 68er-Bewegung [1]. Welche Rolle eine freie Presse in solchen Debatten spielt, erklärt die Seite Pressefreiheit in Deutschland.
Vietnamisierung und Pariser Abkommen
Richard Nixon trat am 20. Januar 1969 sein Amt an. Er setzte auf die "Vietnamisierung": Südvietnam sollte den Krieg selbst führen, während die USA ihre Truppen schrittweise abzogen [1, 6]. Zugleich verstärkte er den militärischen Druck. Am 30. April 1970 ließ er US- und südvietnamesische Truppen in Kambodscha einmarschieren, bei Protesten an der Kent State University wurden am 4. Mai vier Studenten getötet [6]. Im Dezember 1972 ordnete Nixon schwere Luftangriffe auf Nordvietnam an, die "Weihnachtsbombardierung" [6].
Ende März 1972 begann Nordvietnam eine Großoffensive im Süden, in den USA Osteroffensive genannt. Nixon entschied am 4. Mai, die Häfen Nordvietnams zu verminen und eine Luftoffensive zu beginnen. Danach verhandelte das Politbüro in Hanoi zum ersten Mal ernsthaft [6]. Am 11. und 12. Oktober 1972 einigten sich Kissinger und Lê Đức Thọ auf einen Friedensplan. Südvietnams Präsident Nguyễn Văn Thiệu lehnte ihn ab, weil nordvietnamesische Truppen im Süden bleiben sollten. Nixon setzte ihn unter Druck und versprach zugleich in Briefen, die USA würden auf jeden Bruch des Abkommens schnell und hart reagieren [6].
Am 27. Januar 1973 wurde das Pariser Abkommen unterzeichnet. Die Verhandlungen hatten Henry Kissinger und Lê Đức Thọ geführt [1, 6]. Noch im selben Jahr verließen die letzten US-Truppen Vietnam. Die Kämpfe zwischen Nord und Süd gingen weiter [1]. Die Zusagen Nixons wurden nicht eingelöst: Der Kongress wollte nicht erneut in den Krieg eintreten, das Geld war knapp, und die Watergate-Affäre schwächte den Präsidenten [6].
Der Fall Saigons und die Folgen
Im März 1975 begann eine große Offensive Nordvietnams im zentralen Hochland. Am 30. April 1975 fuhren nordvietnamesische Panzer durch das Tor des Präsidentenpalasts in Saigon [6]. Am 2. Juli 1976 wurde das Land als Sozialistische Republik Vietnam vereinigt [2].

Wie viele Menschen starben, lässt sich nur schätzen. Gesichert sind die US-Zahlen [1]:
| Gruppe | Tote |
|---|---|
| US-Soldaten (Datenbestand des Nationalarchivs) | 58.220 |
| nordvietnamesische Soldaten 1960 bis 1975 (offizielle vietnamesische Angabe) | rund 1,1 Millionen |
| südvietnamesische Soldaten im selben Zeitraum | rund 254.000 |
| vietnamesische Kriegstote insgesamt 1965 bis 1974 (Schätzungen) | 1 bis 1,7 Millionen |
Die US-Zahl stammt aus dem Datenbestand des amerikanischen Nationalarchivs [7], die übrigen Angaben nennt die bpb [1]. Die Schätzungen gehen auch deshalb auseinander, weil beide Seiten oft nicht klar zwischen Zivilisten und Kämpfern unterschieden [1].
Nach dem Krieg brachte die neue Regierung mehrere Hunderttausend Südvietnamesen in Umerziehungslager, vor allem frühere Beamte und Soldaten. Das zerstörte Land geriet in eine schwere Wirtschaftskrise, viele flohen über das Südchinesische Meer. Schätzungen zufolge wurden über eine Million dieser "Boat People" gerettet, zahlreiche ertranken [2]. 1986 leitete die Kommunistische Partei mit "Đổi Mới" eine Öffnung der Wirtschaft ein. 1994 hoben die USA ihr Wirtschaftsembargo auf, 2016 vollständig auch das Waffenembargo [2]. Wie andere Länder nach 1945 die Kolonialherrschaft abschüttelten, beschreibt der Artikel Die Dekolonisierung.
- Behörde 50 Jahre Ende des Vietnamkrieges (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 01.09.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Seit 40 Jahren: Vietnam ist wieder vereint (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 30.06.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Dien Bien Phu and the Fall of French Indochina, 1954 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde U.S. Involvement in the Vietnam War: the Gulf of Tonkin and Escalation, 1964 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde U.S. Involvement in the Vietnam War: The Tet Offensive, 1968 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Ending the Vietnam War, 1969 to 1973 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Vietnam War U.S. Military Fatal Casualty Statistics. U.S. National Archives and Records Administration. Stand Datenstand 29.04.2008. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Jahreschronik 1968 (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
20. JahrhundertDie Mondlandung 1969Vom Sputnik-Schock bis zum ersten Schritt auf dem Mond: wie Apollo 11 im Juli 1969 landete, was die Astronauten dort taten …
20. JahrhundertDDR und BundesrepublikWie 1949 zwei deutsche Staaten entstanden, wie sich Bundesrepublik und DDR auseinanderentwickelten und warum die Teilung …
20. JahrhundertDer Mauerfall am 9. November 1989Wie Massenflucht und Montagsdemonstrationen die DDR 1989 erschütterten, was am Abend des 9.