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Stellvertreterkriege im Kalten Krieg: Begriff, Beispiele, Folgen

Stellvertreterkriege nennt man Kriege, in denen Großmächte örtliche Kriegsparteien mit Waffen, Geld oder Truppen unterstützen und so ihren eigenen Konflikt austragen, ohne direkt gegeneinander zu kämpfen. Im Kalten Krieg trugen die USA und die Sowjetunion ihren Konflikt so in Korea, Vietnam, Angola, Afghanistan und vielen weiteren Ländern aus. Nach einer Schätzung gab es neben Korea und Vietnam etwa 150 weitere solche Kriege, am Ende standen rund 20 Millionen Tote.

Eine Kolonne alter Militärlastwagen mit Planen fährt in der Dämmerung über eine staubige Bergstraße
Bild: KI-generiert

Im Kalten Krieg standen sich die USA und die Sowjetunion mehr als vier Jahrzehnte als Gegner gegenüber, ohne offen gegeneinander Krieg zu führen. Gekämpft wurde trotzdem, an vielen anderen Orten der Welt [3]. Die Supermächte unterstützten dort Regierungen, Rebellen und Befreiungsbewegungen, schickten Waffen, Geld und Berater, manchmal auch eigene Soldaten [4, 6, 7]. Solche Konflikte heißen Stellvertreterkriege. Katharina Hochmuth, Herausgeberin eines Sammelbands der bpb zum Kalten Krieg, zählt neben Korea und Vietnam etwa 150 weitere, am Ende standen rund 20 Millionen Tote [1]. Den Gesamtrahmen beschreibt der Artikel über den Kalten Krieg.

Warum der Kalte Krieg so geführt wurde

Die Supermächte wollten ihre Macht- und Einflusssphären ausbauen, indem sie in internationale Konflikte eingriffen [1]. Beide Seiten rüsteten ständig auf, offene Kampfhandlungen zwischen ihnen gab es nicht [3]. Wie diese Aufrüstung verlief, zeigt der Artikel über das Wettrüsten.

Viele Stellvertreterkriege fielen in die Zeit, in der sich Kolonien in Afrika und Asien unabhängig machten [1]. Den Begriff "Dritte Welt" hält Hochmuth selbst für ein Produkt des Kalten Krieges. Die Einteilung in eine westliche erste, eine östliche zweite und eine südliche dritte Welt war oft zu starr, China etwa wechselte die Seiten. Die meisten Stellvertreterkriege wurden nach ihrer Darstellung auf der Nordhalbkugel geführt [1]. Matthies zählte 1988 für die Jahre 1945 bis Ende 1984 insgesamt 159 Kriege, davon 150 außerhalb Europas, mit 16 bis 25 Millionen Toten [2]. Den Zerfall der Kolonialreiche beschreibt der Artikel über die Dekolonisierung.

Korea 1950 bis 1953

Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die USA und die Sowjetunion das frühere japanische Korea am 38. Breitengrad. Im Norden förderte die Sowjetunion Kim Il-sung, im Süden stützten die USA Rhee Syng-man. 1948 entstanden zwei Staaten, die beide das ganze Land beanspruchten [4]. Am 25. Juni 1950 marschierten nordkoreanische Truppen in den Süden ein. Die Sowjetunion hatte beim Aufbau ihrer Armee geholfen [4].

Verschneite Hügel mit einem gefrorenen Fluss und einer leeren Holzbrücke unter tiefen Winterwolken
Bild: KI-generiert

Weil die Sowjetunion den UN-Sicherheitsrat seit sechs Monaten boykottierte, konnte sie kein Veto einlegen. Der Rat stufte den Angriff als Friedensbruch ein und beschloss wenige Tage später einen Militäreinsatz unter US-Oberbefehl [4]. Bis zu 930.000 Soldaten dienten im UN-Kommando. China schickte rund 400.000 "Freiwillige", die Sowjetunion Kampfflugzeuge mit Piloten, getarnt als nordkoreanische oder chinesische Einheiten [4]. Im Winter 1950/51 drängten chinesische und nordkoreanische Truppen die UN-Verbände bis an den 38. Breitengrad zurück. Der US-Oberbefehlshaber MacArthur forderte Atombomben gegen China. Präsident Truman lehnte ab und ersetzte MacArthur 1951 durch Matthew Ridgway [4]. Der Krieg endete am 27. Juli 1953 mit einem Waffenstillstand. Geschätzt 3,5 bis 4,5 Millionen Menschen starben, darunter viele Zivilisten [4]. Die bpb nennt ihn den ersten Stellvertreterkrieg zwischen West und Ost und einen Beschleuniger des Wettrüstens [4].

Vietnam bis 1975

Nach dem Sieg über Frankreich 1954 wurde Vietnam am 17. Breitengrad geteilt. Den kommunistischen Norden unter Ho Chi Minh unterstützten die Volksrepublik China und die Sowjetunion, den Süden Frankreich und die USA [5]. Präsident Eisenhower fürchtete, ein kommunistisches Vietnam könne weitere Staaten Südostasiens wie Dominosteine mitreißen. Aus weniger als 1.000 amerikanischen Soldaten unter Eisenhower wurden bis Ende 1968 mehr als eine halbe Million [5]. Nach chinesischen Angaben kämpften über 300.000 chinesische Soldaten auf der Seite Nordvietnams [5].

Den Anlass für die offene Beteiligung der USA lieferte der Zwischenfall im Golf von Tonkin. Nach einem Angriff auf den US-Zerstörer "Maddox" am 2. August 1964 billigte der Kongress am 7. August die Tonkin-Resolution. Ein zweiter angeblicher Angriff gilt heute als widerlegt [5]. Ab Februar 1965 bombardierten die USA Nordvietnam, im März landeten die ersten Bodentruppen. Im Herbst 1969 demonstrierten in den USA etwa zwei Millionen Menschen gegen den Krieg. Am 27. Januar 1973 wurde in Paris ein Abkommen unterzeichnet, im selben Jahr zogen die letzten US-Truppen ab [5].

Hochmuth nennt den Vietnamkrieg den zweiten wichtigen Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges [1]. Er endete am 30. April 1975 mit der Eroberung Saigons. Über 58.000 US-Soldaten fielen. Für die Jahre 1965 bis 1974 schätzen Studien zwischen einer und 1,7 Millionen vietnamesische Kriegstote, ohne Laos und Kambodscha [5]. Mehr dazu steht im Artikel über den Vietnamkrieg.

Angola 1975 bis 2002

Angola wurde am 11. November 1975 von Portugal unabhängig. Um die Macht kämpften drei Bewegungen: die MPLA unter Agostinho Neto, die FNLA unter Holden Roberto und die UNITA unter Jonas Savimbi [6]. Südafrika marschierte am 23. Oktober 1975 mit Billigung der USA von Namibia aus ein und verbündete sich mit UNITA und FNLA. Kuba schickte ab November 1975 Zehntausende Soldaten zur Unterstützung der MPLA, nach der Darstellung der bpb ohne Absprache mit der Sowjetunion [6]. Unter Präsident Reagan verstärkten die USA ab Mitte der 1980er-Jahre ihre Militärhilfe für die UNITA [6].

Ein ausgebranntes, rostiges Lastwagenwrack unter einem Baobab in der rötlichen Savanne im Nachmittagslicht
Bild: KI-generiert

Ende 1988 vermittelten die USA ein Abkommen zwischen Angola, Kuba und Südafrika. Südafrika zog sich zurück, Kuba beendete seinen Einsatz [6]. Der Bürgerkrieg ging trotzdem weiter. Er endete erst 2002 nach dem Tod Savimbis mit einem Waffenstillstand. Bis zu 500.000 Menschen kamen in 27 Kriegsjahren ums Leben [6].

Afghanistan 1979 bis 1989

An Weihnachten 1979 überschritten rund 40.000 Soldaten der Roten Armee die Grenze nach Afghanistan, um die kommunistische Regierung zu stützen. Im Januar 1980 waren es 75.000, ab 1985 mehr als 100.000 [7]. Gegen sie kämpften die Mudschahidin. Waffen und Geld bekamen sie vor allem aus den USA, aus Pakistan und aus Saudi-Arabien. Die CIA unterstützte sie schon vor dem Einmarsch, offiziell flossen aus den USA rund 3 Milliarden US-Dollar [7].

Ein karges Bergtal mit einer schmalen Schotterstraße und einem kleinen Dorf aus Lehmziegeln im kalten Herbstlicht
Bild: KI-generiert

Im April 1988 regelte das Genfer Abkommen das Ende des Krieges, am 15. Februar 1989 verließen die letzten sowjetischen Soldaten das Land. Die Sowjetunion verlor offiziell mehr als 15.000 Menschen, die afghanischen Opfer werden auf 100.000 bis eine Million geschätzt. Rund 7 Millionen Afghanen waren während des Krieges auf der Flucht [7]. Mehr als 60 Länder nahmen 1980 nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teil, viele westliche Staaten, darunter die USA und die Bundesrepublik, boykottierten sie aus Protest [7].

Vier Konflikte im Vergleich

KonfliktHilfe aus dem OstenHilfe aus dem WestenTote (Schätzung)
Korea 1950 bis 1953Sowjetunion, ChinaUSA, UN-Kommando3,5 bis 4,5 Millionen
Vietnam bis 1975Sowjetunion, ChinaUSA, Südkorea, Australien und weitere1 bis 1,7 Millionen Vietnamesen (1965 bis 1974), über 58.000 US-Soldaten
Angola 1975 bis 2002KubaUSA, Südafrikabis zu 500.000
Afghanistan 1979 bis 1989Sowjetunion mit eigenen TruppenUSA, Pakistan, Saudi-Arabien100.000 bis 1 Million Afghanen, über 15.000 Sowjetbürger

Die Zahlen stammen aus den Hintergrundbeiträgen der Bundeszentrale für politische Bildung [4, 5, 6, 7].

Grenzen des Begriffs

Nicht jeder Krieg mit ausländischer Hilfe war ein reiner Stellvertreterkrieg. Matthies hielt das populäre Bild 1988 für "etwas fragwürdig". Es unterstelle, dass Stellvertreter und Schutzmacht dieselben Interessen hätten, dass der Stellvertreter materiell völlig abhängig sei und die fremde Macht ihn steuern könne. Die Wirklichkeit sei kein "Marionetten-Theater" [2]. Kriege entstanden auch aus örtlichen Gründen. Herrschende Gruppen wollten ihre Macht sichern, innere Spannungen auf einen äußeren Feind lenken oder sich politisch und wirtschaftlich bereichern [2]. Auch Hochmuth betont, dass die Stellvertreterkriege immer auch von nationalen Interessen der beteiligten Staaten geleitet waren [1].

Angola zeigt das: Kuba schickte seine Truppen nach der Darstellung der bpb ohne Absprache mit Moskau [6]. In Afghanistan unterstützte auch Pakistan den Widerstand, islamistische Kämpfer kamen vor allem aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet und aus arabischen Staaten [7].

Was die Kriege hinterließen

Matthies stellte fest, dass der Anteil der Zivilisten an den Kriegstoten von etwa 5 Prozent im Ersten Weltkrieg auf 84 Prozent in Korea stieg [2]. In Vietnam, Laos und Kambodscha warfen die USA fast doppelt so viele Bomben ab wie im Zweiten Weltkrieg über Europa und Asien, das Entlaubungsmittel "Agent Orange" schädigte Menschen und Umwelt auf lange Zeit [5].

Viele Folgen reichen bis heute. Korea ist weiter geteilt, einen Friedensvertrag gibt es nicht, eine etwa 250 Kilometer lange und 4 Kilometer breite entmilitarisierte Zone trennt die beiden Staaten [4]. In Afghanistan setzten die Sowjetunion und die USA ihre Unterstützung nach dem Abzug zunächst fort [7]. In Angola lebten 2020 noch 36,6 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze [6]. Die Krise des Jahres 1962 beschreibt der Artikel über die Kubakrise. Welche Rolle die Weltorganisation in Korea und später bei Friedensmissionen spielte, steht im Artikel über die Vereinten Nationen.

  1. Studie Katharina Hochmuth: Einleitung, in: Katharina Hochmuth (Hrsg.): "Krieg der Welten". Zur Geschichte des Kalten Krieges (Schriftenreihe Band 10059). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2017. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Volker Matthies: Krieg und Frieden in der Dritten Welt I. Krieg den Hütten, Friede den Palästen? (APuZ B 7-8/1988). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 12.02.1988. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Kalter Krieg (Krieg in den Medien). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Vor 75 Jahren: Beginn des Koreakrieges. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 16.06.2025. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde 50 Jahre Ende des Vietnamkrieges. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 01.09.2025. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Vor 20 Jahren: Ende des Bürgerkriegs in Angola. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 23.02.2022. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde 1989: Sowjetischer Abzug aus Afghanistan. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 13.02.2014. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.