Das 20. JahrhundertRatgeber
Das Wettrüsten: vom Flottenbau vor 1914 bis zur Rüstungskontrolle
Wettrüsten heißt, dass rivalisierende Staaten ihre Rüstung gegenseitig hochtreiben, weil jede Seite auf die Aufrüstung der anderen reagiert. Bekannte Beispiele sind der deutsch-britische Flottenbau vor 1914 und das atomare Wettrüsten zwischen USA und Sowjetunion im Kalten Krieg. Seit 1963 begrenzten Verträge wie der Teststoppvertrag, SALT, INF und START die Rüstung, 2026 lief mit New START der letzte dieser Verträge aus.

Im 20. Jahrhundert gab es zwei große Wettrüsten, die das Weltgeschehen prägten: den Flottenbau zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Großbritannien vor dem Ersten Weltkrieg und das atomare Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion nach 1945. Das zweite brachte Arsenale von Zehntausenden Atomsprengköpfen hervor [4, 12]. Mit Verträgen versuchten beide Seiten ab den 1960er Jahren, die Rüstung zu begrenzen und später abzubauen [10].
Der deutsch-britische Flottenbau vor 1914
Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts lieferten sich Großbritannien und Deutschland einen offenen Rüstungswettlauf zur See. 1896 kündigte Wilhelm II. eine neue Flottenpolitik an. Admiral Alfred von Tirpitz begründete 1898 das Ziel: Die deutsche Schlachtflotte sollte so stark sein, dass ein Krieg selbst für die größte Seemacht zum Risiko würde [2]. Mit der Flottennovelle von 1900 wollte das Reich seine Marine verdoppeln und das Verhältnis deutscher zu britischen Kriegsschiffen von 1:2 auf 2:3 verschieben [2].

Großbritannien sah seine Vormacht auf See bedroht und rüstete ebenfalls auf. Verbände wie der Deutsche Flottenverein trugen die Begeisterung für die Marine in die Bevölkerung. Versuche einer Rüstungsbegrenzung zwischen 1909 und 1912 scheiterten, weil das Kaiserreich keine wesentlichen Abstriche machen wollte. Das Wettrüsten verschärfte die Spannungen zwischen den Mächten und belastete die Staatshaushalte schwer [2]. Wie die Spannungen 1914 in den Krieg führten, beschreibt der Artikel über den Ersten Weltkrieg.
Nach dem Krieg begrenzte der Versailler Vertrag das deutsche Heer auf 100.000 Berufssoldaten und die Marine auf 15.000 Mann, schwere Waffen und Luftstreitkräfte waren verboten [3].
Atombombe, Wasserstoffbombe und Raketen
Die USA zündeten im Juli 1945 die erste Atombombe und warfen im August 1945 zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Vier Jahre später testete die Sowjetunion ihre erste Atombombe. Großbritannien folgte 1952, Frankreich 1960 und China 1964 [4]. Die Vorgeschichte erklären die Artikel Die Entwicklung der Atombombe und Hiroshima und Nagasaki.
Der nächste Schritt war die Wasserstoffbombe. Die USA zündeten ihre erste am 1. November 1952 auf dem Eniwetok-Atoll, sie setzte 10,4 Megatonnen TNT-Äquivalent frei [5]. Die Sowjetunion folgte am 12. August 1953 mit einer Bombe von etwa 400 Kilotonnen [16]. Am 30. Oktober 1961 zündete sie über Nowaja Semlja die "Zar-Bombe" mit 50 Megatonnen, die stärkste Kernwaffe, die je gezündet wurde. Die USA hatten ihre Sprengkraft zunächst auf 57 Megatonnen geschätzt, russische Angaben nennen seit 1991 50 Megatonnen [17].
Am 4. Oktober 1957 brachte die Sowjetunion mit Sputnik 1 den ersten künstlichen Satelliten in eine Erdumlaufbahn. Im selben Jahr testete sie die erste Interkontinentalrakete. In den USA wuchs die Sorge, technisch zurückzuliegen, die Regierung steckte mehr Geld in Raumfahrt- und Waffenprogramme [6]. John F. Kennedy warf seinem Vorgänger im Wahlkampf eine "Raketenlücke" vor. Nach seinem Amtsantritt stellte seine Regierung fest, dass das Kräfteverhältnis weiter zugunsten der USA lag [7].
Abschreckung und das Gleichgewicht des Schreckens
Beide Seiten bauten riesige Bestände auf. Das US-Arsenal erreichte seinen Höchststand Ende des Haushaltsjahres 1967 mit 31.255 Sprengköpfen [11]. Weltweit lag der Höchststand 1986, mit rund 23.000 amerikanischen und 40.000 sowjetischen Sprengköpfen [12].

| Zeitpunkt | Atomsprengköpfe |
|---|---|
| USA, Ende Haushaltsjahr 1967 | 31.255 |
| USA und Sowjetunion, 1986 | rund 23.000 und 40.000 |
| USA, bei Mauerfall Ende 1989 | 22.217 |
| USA, September 2023 | 3.748 |
| alle Atommächte zusammen, Juni 2026 | etwa 12.200 |
Die Zahlen stammen aus dem US-Energieministerium, der bpb und der Arms Control Association [11, 12, 4]. Hinter der Rüstung stand das Prinzip der Abschreckung. Weil beide Seiten nach einem Angriff noch zurückschlagen konnten, hätte jeder Erstschlag zur gegenseitigen Vernichtung geführt, englisch "mutually assured destruction". Gerade das sollte jede Seite davon abhalten, einen Atomkrieg zu beginnen [8]. Wie nah die Welt im Oktober 1962 trotzdem an einem Atomkrieg war, beschreibt der Artikel Die Kubakrise 1962.
Erste Verträge: Teststopp und Atomwaffensperrvertrag
Über ein Testverbot verhandelten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien schon seit 1958 und hielten sich zeitweise freiwillig an einen Teststopp. Strittig blieb die Kontrolle: Die Westmächte verlangten Inspektionen vor Ort, die Sowjetunion lehnte sie ab. Nach dem Abschuss eines amerikanischen U-2-Aufklärungsflugzeugs über der Sowjetunion 1960 rückte eine Einigung in weite Ferne, beide Seiten testeten wieder [7]. Die Kubakrise drängte beide Seiten zu Verhandlungen. 1963 unterzeichneten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien den Vertrag über das begrenzte Verbot von Kernwaffentests. Er verbot Atomtests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser, unterirdische Tests blieben erlaubt [7]. Auf die Entwicklung der Waffen hatte er wenig Einfluss, aber er war das erste Rüstungskontrollabkommen des Kalten Krieges [7]. 1974 unterzeichneten die USA und die Sowjetunion einen weiteren Vertrag, der unterirdische Tests auf Sprengkräfte bis 150 Kilotonnen begrenzen sollte [7].
Der Atomwaffensperrvertrag wurde 1968 unter anderem am 1. Juli in Moskau unterzeichnet und trat 1970 in Kraft [8, 19]. Er sollte verhindern, dass weitere Staaten Atomwaffen bekommen [8]. Anerkannte Atommächte sind nach dem Vertrag die fünf Staaten China, Frankreich, Russland, Großbritannien und die USA [4].
SALT, NATO-Doppelbeschluss und INF-Vertrag
Die Gespräche über die Begrenzung strategischer Waffen (SALT) begannen am 17. November 1969 in Helsinki. Am 26. Mai 1972 unterzeichneten Richard Nixon und Leonid Breschnew in Moskau den ABM-Vertrag über Raketenabwehr und ein Interimsabkommen. Zum ersten Mal begrenzten die beiden Mächte die Zahl ihrer Atomraketen [9]. Der ABM-Vertrag erlaubte jeder Seite höchstens 200 Abfangraketen an zwei Standorten [9]. Das Interimsabkommen fror die Zahl der Raketensilos ein, bei 1.054 für die USA und 1.618 für die Sowjetunion [10]. SALT II folgte am 18. Juni 1979 in Wien und sah eine Obergrenze von 2.250 Trägersystemen vor. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan bat Präsident Jimmy Carter den Senat, den Vertrag nicht zu beraten. In Kraft trat er nie [9, 10].

Mitte der 1970er Jahre stellte die Sowjetunion neue Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 auf. Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte 1977 eine Antwort der NATO. Am 12. Dezember 1979 beschlossen die NATO-Staaten den Doppelbeschluss: Verhandlungen über den Abbau der Mittelstreckenraketen, und falls sie scheiterten, ab Ende 1983 die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa [13]. In der Bundesrepublik kamen Anfang der 1980er Jahre zu den bundesweiten Kundgebungen der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten insgesamt mehrere Hunderttausend Menschen [14]. Am 22. November 1983 stimmte der Bundestag der Stationierung zu, einen Tag später brach die Sowjetunion die Genfer Gespräche ab [13]. Wie der Bundestag heute arbeitet, erklärt die Seite Der Bundestag.
Am 23. März 1983 kündigte US-Präsident Ronald Reagan in einer Ansprache an die Nation die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) an, ein satellitengestütztes System zur Abwehr von Raketen im Weltraum [15]. Verteidigungsminister Les Aspin erklärte am 13. Mai 1993 die "Star Wars"-Ära für beendet, die zuständige Organisation hieß danach Ballistic Missile Defense Organization [18]. Unter Michail Gorbatschow kam es zur Wende: Am 8. Dezember 1987 unterzeichneten die USA und die Sowjetunion den INF-Vertrag. Er verpflichtete beide, alle landgestützten Raketen mit 500 bis 5.500 Kilometern Reichweite nachprüfbar zu beseitigen, und trat am 1. Juni 1988 in Kraft [10]. Mehr zu Gorbatschow steht in seinem Lebensbild.
Abrüstung nach 1991 und neue Rüstungsspirale
Nach dem Ende des Kalten Krieges schrumpften die Arsenale stark. START I, unterzeichnet am 31. Juli 1991, begrenzte jede Seite auf 1.600 Trägersysteme und 6.000 Sprengköpfe und trat am 5. Dezember 1994 in Kraft [10]. New START, unterzeichnet am 8. April 2010 und in Kraft seit dem 5. Februar 2011, erlaubte jeder Seite 1.550 einsatzbereite strategische Sprengköpfe auf 700 Trägersystemen [10].
Seit den 2000er Jahren lösten sich die Verträge auf. Die USA traten im Juni 2002 aus dem ABM-Vertrag aus und am 2. August 2019 aus dem INF-Vertrag, nachdem sie Russland vorgeworfen hatten, einen verbotenen Marschflugkörper zu entwickeln [10]. Russland setzte seine Teilnahme an New START im Februar 2023 aus. Im Februar 2026 lief der Vertrag aus [4]. Nach Angaben der Arms Control Association modernisieren die USA und Russland ihre Trägersysteme, und China hat sein Arsenal in den letzten Jahren deutlich vergrößert [4]. Den größeren Zusammenhang des Ost-West-Konflikts beschreibt der Artikel Der Kalte Krieg.
- Behörde Rüstungskontrolle (Politiklexikon, nach Schubert/Klein, 7. Aufl. 2020). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Klaus-Peter Merta: Der Flottenbau (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 15.10.2004. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: Der Versailler Vertrag (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Nuclear Weapons: Who Has What at a Glance. Arms Control Association. Stand 06.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde The Island is Missing (Operation Ivy). U.S. Army. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Sputnik, 1957 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde The Limited Test Ban Treaty, 1963 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde The Nuclear Non-Proliferation Treaty (NPT), 1968 (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Strategic Arms Limitations Talks/Treaty (SALT) I and II (Milestones). U.S. Department of State, Office of the Historian. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation U.S.-Russian Nuclear Arms Control Agreements at a Glance. Arms Control Association. Stand 10.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Transparency in the U.S. Nuclear Weapons Stockpile. U.S. Department of Energy, National Nuclear Security Administration. Stand 07.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Annette Schaper: Internationale Atomwaffenkontrolle. Stand und Perspektiven (APuZ). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 26.04.2019. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Wettrüsten (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 05.05.2003. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Friedensbewegung (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 22.09.2014. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde March 23, 1983: Strategic Defense Initiative (SDI). U.S. Department of Energy. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Soviet Hydrogen Bomb Program. Atomic Heritage Foundation, National Museum of Nuclear Science & History. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Tsar Bomba (Soviet Nuclear Tests). Nuclear Weapon Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde SMDC History: GPALS becomes missile defense. U.S. Army Space and Missile Defense Command. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons (NPT). United Nations Office for Disarmament Affairs. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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