Das 20. JahrhundertRatgeber
Die Kubakrise 1962: dreizehn Tage am Rand des Atomkriegs
Die Kubakrise war der Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion im Oktober 1962 um sowjetische Atomraketen auf Kuba. Sie begann mit der Entdeckung der Raketenstellungen durch ein US-Aufklärungsflugzeug am 14. Oktober und endete am 28. Oktober, als Chruschtschow den Abzug zusagte. Im Gegenzug verzichteten die USA auf eine Invasion Kubas und zogen später ihre Jupiter-Raketen aus der Türkei ab.

Im Oktober 1962 standen die USA und die Sowjetunion so nah an einem Atomkrieg wie nie zuvor im Kalten Krieg. Auslöser waren sowjetische Raketen auf Kuba, die Atomsprengköpfe tragen konnten. Die Insel liegt in unmittelbarer Nähe der USA, von der Sowjetunion aus mussten Raketen und Soldaten über mehr als 10.000 Kilometer übers Meer gebracht werden [2]. Zwischen der Entdeckung der Stellungen und dem Einlenken Moskaus lagen zwei Wochen [1, 3].
Kuba zwischen den Supermächten
Nach der Revolution von 1959 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Kuba und den USA rasch. Fidel Castro reiste im April 1959 noch auf Einladung amerikanischer Zeitungsverleger in die USA, verstaatlichte danach aber die Zuckerrohrplantagen. Im Februar 1960 sagte eine sowjetische Handelsdelegation unter Anastas Mikojan Kuba Unterstützung zu. Im Januar 1961 brach Präsident Dwight D. Eisenhower die diplomatischen Beziehungen ab [2].
Am 19. April 1961 scheiterte die Landung von Exilkubanern in der Schweinebucht. Rund 1.500 Mann wurden dafür in Guatemala ausgebildet, 118 Exilkubaner wurden getötet [2]. Präsident John F. Kennedy ordnete danach die verdeckte Operation "Mongoose" an, die CIA plante sogar die Ermordung Castros. Ab Mitte 1961 lieferte die Sowjetunion Waffen nach Kuba [2].
Auch zwischen den Supermächten selbst wuchs die Spannung. Im Oktober 1961 kündigte Chruschtschow auf dem 22. Parteitag der KPdSU den Test einer Wasserstoffbombe mit über 50 Megatonnen an. Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Roswell Gilpatric hielt öffentlich dagegen, die USA verfügten allein über 600 schwere Langstreckenbomber für einen Vergeltungsschlag [2].
Die Operation Anadyr
Im Mai 1962 war der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow in Bulgarien. Dort erfuhr er von den amerikanischen Mittelstreckenraketen vom Typ "Jupiter" in der Türkei, die mit etwa 2.400 Kilometern Reichweite sowjetisches Gebiet erreichen konnten [2]. Am 21. Mai 1962 stimmte der sowjetische Verteidigungsrat einer Stationierung von Raketen auf Kuba zu, am 10. Juni billigte das Präsidium der KPdSU den Plan. Er bekam den Decknamen "Anadyr" [2].
Geplant war nach der Darstellung des Historikers Reiner Pommerin unter anderem [2]:
| Waffensystem | Anzahl | Reichweite oder Sprengkraft |
|---|---|---|
| Mittelstreckenraketen R-12 | 24 | etwa 2.000 km |
| Mittelstreckenraketen R-14 | 16 | etwa 4.500 km |
| Nukleare Marschflugkörper | 2 Regimenter mit je 80 | 5,6 bis 12 Kilotonnen |
| Luftabwehrraketen S-75 | 114 | keine Atomsprengköpfe |
| Soldaten | über 40.000 | davon 10.000 in vier motorisierten Regimentern zum Schutz |
Jeder Sprengkopf der Mittelstreckenraketen sollte eine Sprengkraft von einer Megatonne haben, das entspricht 66 Hiroshima-Bomben. Die Transporte liefen nachts per Bahn zu Häfen am Schwarzen Meer, an der Ostsee und an der Barentssee, die Überfahrt dauerte 15 bis 20 Tage. Der Geheimdienst KGB überprüfte alle Beteiligten und tauschte rund 1.500 Personen aus, um das Unternehmen geheim zu halten [2]. Was eine einzelne Atombombe anrichtet, zeigt der Artikel über Hiroshima und Nagasaki.
Die Entdeckung der Raketenstellungen
Schon am 5. August 1962 fotografierte ein amerikanisches U-2-Flugzeug Erdarbeiten für Luftabwehrstellungen auf Kuba. CIA-Direktor John McCone vermutete im August Mittelstreckenraketen, fand im Weißen Haus aber zunächst kein Gehör [2]. Nachdem China am 8. September eine von Taiwan aus geflogene U-2 mit einer S-75 abgeschossen hatte, wurden die Flüge über dem Inneren Kubas eingestellt [2].

Am 14. Oktober 1962 fotografierte eine U-2 erste Spuren einer Raketenbasis im Westen der Insel. Am 15. Oktober waren sich die Auswerter sicher, dass dort Abschussrampen für 16 bis 24 Raketen mit rund 1.800 Kilometern Reichweite entstanden [3]. Am 16. Oktober rief Kennedy einen Krisenstab ein, das Executive Committee des Nationalen Sicherheitsrats, kurz ExComm. Es tagte von da an täglich [2].
Im ExComm standen zunächst drei Wege zur Wahl. Luftangriffe hätten nicht garantiert, dass alle Raketen zerstört würden, eine Invasion hätte auf beiden Seiten große Verluste gekostet. Am 19. Oktober schlugen die Oberkommandierenden einen massiven Luftangriff vor und bestanden auf einer militärischen Lösung. Die Mehrheit des Gremiums neigte zu einer Seeblockade, obwohl eine Blockade die bereits gelieferten Raketen nicht entfernen würde. Über allen Beratungen stand die Sorge, Moskau könne in Berlin zurückschlagen [2]. Noch am 18. Oktober bestritt der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko bei einem Besuch im Weißen Haus, dass es offensive Waffen auf Kuba gebe [2].
Die Rede vom 22. Oktober und die Blockade
Am Abend des 22. Oktober 1962 informierte Kennedy in einer Radio- und Fernsehrede die Weltöffentlichkeit über die Raketen. Er forderte ihren Abbau und kündigte eine "Quarantäne" an. Den Begriff "Blockade" ersetzte er durch das weniger kriegerische Wort "Quarantäne" [2, 3]. Zugleich verstärkte er den Stützpunkt Guantánamo und drohte mit Vergeltung für jeden Raketenangriff aus Kuba. UN-Generalsekretär U Thant war vorab informiert worden [2]. Zwei Tage später ordnete er die Seeblockade an [1].

Moskau nannte die Quarantäne am 23. Oktober "Piraterie" und verlangte ihre Aufhebung [3]. Gleichzeitig rief die sowjetische Führung ihre Schiffe zurück, die auf dem Weg nach Kuba waren. Die US-Marine kontrollierte nur einen einzigen Frachter, ein libanesisches Schiff [2].
Die Krise betraf auch Deutschland. Im Kriegsfall wären Berlin und die beiden deutschen Staaten Schauplatz gewesen, die Armeen in Ost und West wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt [1].
Der Schwarze Samstag
Am 26. Oktober bot Chruschtschow in einem Brief den Abzug der Raketen an, wenn die USA auf eine Invasion Kubas verzichteten. Am 27. Oktober folgte ein zweiter Brief, in dem er zusätzlich den Abbau der Jupiter-Raketen in der Türkei verlangte [2, 3]. Am Nachmittag desselben Tages wurde über Kuba die U-2 von Major Rudolf Anderson abgeschossen. Der Pilot kam ums Leben [2].
Auf See wurde es am selben Tag gefährlich. Vier sowjetische Diesel-U-Boote der Foxtrot-Klasse waren am 1. Oktober von der Halbinsel Kola Richtung Kuba ausgelaufen. Die amerikanische Marine wusste nicht, dass jedes von ihnen einen Torpedo mit Atomsprengkopf an Bord hatte. Die Kommandanten hatten mündliche Anweisung, ihn einzusetzen, wenn sie angegriffen und ihr Rumpf getroffen würde [4]. Um getauchte U-Boote zum Auftauchen zu zwingen, warf die amerikanische Marine kleine Signalsprengkörper ab. Die sowjetischen Kommandanten kannten dieses Verfahren nach eigenen Angaben nicht. Ein amerikanischer Marineoffizier räumte später ein, dass die Detonationen für die Besatzung unter Wasser ganz anders geklungen haben dürften als beabsichtigt [4]. Am 27. Oktober stellten amerikanische Zerstörer das U-Boot B-59 unter Kommandant Valentin Sawizki. Der Funkaufklärer Wadim Orlow berichtete später, wie nah Sawizki daran war, den Atomtorpedo einsatzbereit zu machen. Nach seiner Schilderung beruhigte ihn der stellvertretende Brigadekommandeur Wassili Archipow, und die Offiziere beschlossen aufzutauchen [4, 5]. Orlows Bericht ist die wichtigste Quelle für diese Szene, in Einzelheiten aber umstritten [4, 5].
Die Lösung am 28. Oktober
Am 28. Oktober 1962 stimmte das Präsidium des ZK in Moskau dem Abzug zu. Raketen und Soldaten wurden in die Sowjetunion zurückgebracht [2]. Anfang November waren die Raketen abtransportiert [3]. Die USA sagten in einem Brief Kennedys zu, Kuba nicht anzugreifen [2]. Den Abzug der Jupiter-Raketen aus der Türkei stellten sie nur inoffiziell in Aussicht [3]. Er folgte im April 1963 [2].
Die Lösung kam über geheime Verhandlungen zustande [1]. Kennedy nahm Chruschtschows Bedingungen an und erklärte sich in einem Brief bereit, auf eine Invasion zu verzichten. Justizminister Robert Kennedy übergab das Schreiben dem sowjetischen Botschafter Anatoli Dobrynin und sagte mündlich auch den Abzug der Jupiter-Raketen zu. Diese Zusage sollte geheim bleiben [2].
Folgen für den Kalten Krieg
Beide Seiten zogen aus den dreizehn Tagen Lehren. Am 20. Juni 1963 unterzeichneten die USA und die Sowjetunion in Genf ein Abkommen über eine direkte Fernschreibverbindung zwischen Weißem Haus und Kreml, den "heißen Draht" [7]. Die erste Nachricht lief am 30. August 1963 über die Leitung [6]. Sie sollte Missverständnisse in künftigen Krisen verhindern [3]. Am 5. August 1963 unterzeichneten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien in Moskau einen Vertrag, der Atomwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser verbot. Unterirdische Tests blieben erlaubt [3]. 1968 folgte der Atomwaffensperrvertrag [3]. Wie die Rüstung trotzdem weiterging, beschreibt der Artikel über das Wettrüsten.

Zusammen mit dem Mauerbau 1961 gilt die Kubakrise als Höhepunkt des Kalten Krieges. Danach setzten die Supermächte stärker auf Entspannung, und die Deutschlandpolitik wurde mehr und mehr zur Sache der Deutschen selbst [1]. Die Konflikte verlagerten sich in andere Weltregionen, wie der Artikel über Stellvertreterkriege im Kalten Krieg zeigt.
Für die beiden Hauptakteure endete die Zeit danach bald. Kennedy wurde am 22. November 1963 in Dallas erschossen, Chruschtschow am 14. Oktober 1964 abgelöst [2]. Kennedys Weg ins Amt und seine Präsidentschaft beschreibt das Lebensbild John F. Kennedy.
- Organisation Andreas Grau, Markus Würz: Kuba-Krise (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 22.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Reiner Pommerin: Die Kuba-Krise 1962. Vorgeschichte und Verlauf (APuZ). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 23.09.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Manfred Görtemaker: Vom Kalten Krieg zur Ära der Entspannung (Informationen zur politischen Bildung). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 09.07.2004. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Thomas Blanton, William Burr, Svetlana Savranskaya: The Underwater Cuban Missile Crisis (Electronic Briefing Book 399). National Security Archive, George Washington University. Stand 24.10.2012. abgerufen am 29.10.2026
- Studie The Submarines of October (Electronic Briefing Book 75). National Security Archive, George Washington University. Stand 31.10.2002. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Hotline Agreements. Arms Control Association. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Hotline. Federation of American Scientists. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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