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Ägyptologie: wie die Forschung das Alte Ägypten entschlüsselt

Die Ägyptologie erforscht die Hochkultur des Alten Ägypten von der Vorgeschichte im 5. Jahrtausend v. Chr. bis zur arabischen Eroberung Ägyptens 641 n. Chr. Als Wissenschaft entstand sie im 19. Jahrhundert, nachdem Jean-François Champollion 1822 den Weg zur Entzifferung der Hieroglyphen gezeigt hatte. Heute verbindet sie Sprachforschung und Archäologie mit naturwissenschaftlichen Verfahren.

Ein Grabungsschnitt im Wüstensand am frühen Morgen mit Messschnüren, Pinseln und Kellen auf einem Holzbrett
Bild: KI-generiert

Die Ägyptologie befasst sich mit allen Bereichen der altägyptischen Hochkultur: Sprache und Literatur, Geschichte, Religion, Kunst, Wirtschaft, Recht und Alltag. Zeitlich reicht sie von der Vorgeschichte im 5. Jahrtausend v. Chr. bis zur arabischen Eroberung Ägyptens 641 n. Chr. [15]. Die Schwerpunkte unterscheiden sich je nach Institut: In Heidelberg ist das Fach etwa zu gleichen Teilen philologisch, archäologisch und kulturgeschichtlich ausgerichtet, mit einem Schwerpunkt auf der Philologie [15]. Was über Pharaonen, Tempel und den Alltag am Nil bekannt ist, fasst der Artikel über das Alte Ägypten zusammen.

Napoleons Gelehrte in Ägypten

Im Mai 1798 brach Napoleon Bonaparte mit 400 Schiffen und 54.000 Soldaten und Matrosen nach Ägypten auf. Mit ihnen reisten etwa 150 Gelehrte [16], darunter Mathematiker, Astronomen, Ingenieure, Naturforscher, Architekten und Zeichner [2]. Noch 1798 gründete Napoleon in Kairo das Institut d'Égypte, das Vergangenheit und Gegenwart des Landes untersuchte [2]. Im Spätsommer 1801 mussten die Franzosen abziehen. Ihre Aufzeichnungen durften die Gelehrten behalten, Fundstücke wie den Stein von Rosette beschlagnahmten die Briten [2].

Ein Zelt eines Forschers neben einer halb verschütteten Tempelsäule, auf dem Klapptisch Zeichengeräte und Papierrollen
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Aus den Aufzeichnungen entstand die "Description de l'Égypte". Die erste Ausgabe erschien von 1809 bis 1828 in 23 Bänden mit insgesamt 837 Kupferstichen [16]. Von den 1.000 Exemplaren der ersten Ausgabe ging etwa die Hälfte an Teilnehmer der Expedition, nur 150 wurden frei verkauft. Ein Exemplar im Institut d'Égypte überstand 2011 einen Brand, der große Teile der dortigen Bibliothek zerstörte [2]. Das Werk gilt als wichtiger Anstoß für die Ägyptologie [2]. Mehr über den Feldherrn steht im Artikel über Napoleon Bonaparte.

Der Stein von Rosette und Champollion

1799 fanden französische Soldaten bei Bauarbeiten in der Hafenstadt Rosette, arabisch el-Raschid, einen Stein mit einer Inschrift in drei Schriften [3, 4]. Oben stehen Hieroglyphen, in der Mitte demotische Schrift und unten Griechisch. Der Text ist ein Beschluss ägyptischer Priester aus Memphis zu Ehren des Königs Ptolemaios V., datiert auf den 27. März 196 v. Chr. [3, 4]. Der griechische Teil verlangte, den Beschluss in drei Schriften aufzustellen. Daraus schlossen die Gelehrten, dass alle drei Fassungen denselben Inhalt haben [4]. Der Stein ist je nach Angabe 112 bis 114 Zentimeter hoch und steht heute im British Museum in London [3].

An der Entzifferung arbeiteten mehrere Forscher, darunter Silvestre de Sacy, Johan David Åkerblad und Thomas Young [3]. Young erkannte, dass die ovalen Ringe, die Kartuschen, Königsnamen enthalten, und las den Namen Ptolemaios. Er hielt die Hieroglyphen aber für reine Symbolzeichen [5]. Jean-François Champollion, 1790 in Figeac geboren, nahm an, dass ein fremder Name wie Ptolemaios mit Lautzeichen geschrieben sein musste. Mit einem zweisprachigen Obeliskensockel, der die Namen Ptolemaios und Kleopatra trägt, bestimmte er die Lautwerte vieler Zeichen. Sein Ergebnis: Hieroglyphen verbinden Lautzeichen und Bildzeichen [5]. Den Durchbruch beschrieb er 1822 in seinem Brief an den Sekretär der Pariser Akademie, der "Lettre à M. Dacier" [3].

Wie die Schrift aufgebaut ist und wie man sie liest, erklärt der Artikel Hieroglyphen: die Schrift der Ägypter.

Lepsius und die preußische Expedition

Karl Richard Lepsius (1810 bis 1884) hatte noch bei Champollion gelernt. 1842 schickte ihn der preußische König Friedrich Wilhelm IV. als Leiter einer Expedition nach Ägypten [6]. Die Reise dauerte bis 1845. Sie führte von den Pyramiden bei Kairo den Nil hinauf bis Luxor und weiter zu den Königsstädten im heutigen Sudan, auf dem Rückweg bis zum Sinai [6]. Lepsius hatte Architekten, Maler und eigens ausgebildete Hieroglyphenzeichner dabei [6].

Die Expedition brachte 7.408 Papierabdrücke von Inschriften, 1.315 Zeichnungen, 75 Gipsabgüsse und über 1.900 antike Objekte nach Berlin [7]. Die Ergebnisse veröffentlichte Lepsius in den "Denkmälern aus Ägypten und Äthiopien", 12 Tafelbänden und 5 Textbänden [6]. Er gilt als Begründer der deutschen Ägyptologie [6].

Petrie und die moderne Ausgrabung

Der Brite William Matthew Flinders Petrie grub 1894 und 1895 im Gräberfeld von Naqada in Oberägypten mit rund 2.000 Gräbern [8]. Er ordnete die Gräber nach ihrer Keramik. Er wertete 900 ausgewählte Gräber aus Naqada, Ballas und Diospolis Parva aus, sortierte die Gefäße nach Form, Ton und Verzierung und gab jedem Grab einen Pappstreifen mit neun Feldern, eines für jede große Keramikgruppe [8]. Die Streifen legte er so, dass ähnliche Gräber nebeneinander lagen, und teilte sie in 50 Gruppen mit den Nummern 30 bis 80 ein. Diese "Sequenzdaten" sind eine relative Reihenfolge ohne Jahreszahlen [8].

Einfache rötliche Tongefäße stehen sortiert auf einem langen Holztisch in einem Grabungsmagazin im staubigen Licht
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Petrie erhielt den ersten Lehrstuhl für Ägyptologie am University College London [1]. Seine Arbeit in Naqada bildet bis heute die Grundlage für die Abfolge der Vorgeschichte Ägyptens [8].

Große Funde des 20. Jahrhunderts

Am 6. Dezember 1912 barg der deutsche Ägyptologe Ludwig Borchardt in Tell el-Amarna die Büste der Königin Nofretete [9]. Amarna ist die von Pharao Echnaton gegründete Hauptstadt Achet-Aton, die um 1346 v. Chr. bezogen und unter Tutanchamun um 1331 v. Chr. allmählich aufgegeben wurde [9]. Bei den Grabungen kamen rund 14.000 Objekte zutage. Nach der damals üblichen Fundteilung zwischen der ägyptischen Altertümerverwaltung und den Ausgräbern gingen etwa 5.500 davon nach Berlin in den Besitz von James Simon, der die Grabung bezahlt hatte. 1920 schenkte er die Funde dem Ägyptischen Museum [9].

Zehn Jahre nach dem Fund der Nofretete entdeckten Howard Carter und Lord Carnarvon im Tal der Könige das Grab des Tutanchamun. Am 5. November 1922 notierte Carter, er habe unter dem Grab Ramses' VI. ein Grab mit unversehrten Siegeln gefunden [10]. Die Ausgrabung dauerte zehn Jahre. Der Fotograf Harry Burton dokumentierte sie. Vom 11. bis 19. November 1925 untersuchte das Team die Mumie des Königs [10]. Carters vollständige Grabungsunterlagen übergab seine Nichte Phyllis Walker nach seinem Tod dem Griffith Institute der Universität Oxford. Burtons Fotos sind dort online einsehbar [10]. Die 5.398 Fundstücke aus dem Grab sind seit 2025 erstmals alle gemeinsam ausgestellt [12].

JahrEreignis
1798Napoleons Feldzug, Gründung des Institut d'Égypte
1799Fund des Steins von Rosette
1822Champollions "Lettre à M. Dacier"
1842 bis 1845Preußische Expedition unter Lepsius
1894 bis 1895Petrie gräbt in Naqada
06.12.1912Fund der Nofretete-Büste in Amarna
05.11.1922Carters Tagebucheintrag zum Grab des Tutanchamun
01.11.2025Offizielle Eröffnung des Großen Ägyptischen Museums

Methoden heute

Neben Sprachforschung und Archäologie [15] arbeitet das Fach heute mit naturwissenschaftlichen Verfahren. Ein Beispiel ist die Radiokarbondatierung. 2010 veröffentlichte ein Team um Christopher Bronk Ramsey in der Zeitschrift Science 211 Messungen an kurzlebigen Pflanzenresten aus Museumssammlungen [11]. Sie verbanden die Messwerte in einem statistischen Modell mit den überlieferten Regierungslängen der Könige. Danach begann die Regierung des Djoser zwischen 2691 und 2625 v. Chr. und das Neue Reich zwischen 1570 und 1544 v. Chr., jeweils früher als manche ältere Schätzung [11].

Eine Forscherin mit Handschuhen untersucht im hellen Labor mit einer Pinzette eine kleine alte Pflanzenprobe
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Moderne Bildgebung hilft bei empfindlichen Funden. Ein Beispiel ist die Berliner Büste des Echnaton aus Amarna. Sie wurde in mehrere Teile zerschlagen gefunden, weil Echnatons Nachfolger ihn als Ketzer verfolgten und sein Bild in der Antike absichtlich zerstört wurde. 1913 setzten Restauratoren die Bruchstücke zusammen. Für die Ausstellung 2012 entstand aus CT-Aufnahmen, gemeinsam mit der Charité und der TU Berlin, eine genaue Nachbildung [9]. Auch Klimadaten fließen ein. In Ägypten folgte auf das Alte Reich die Erste Zwischenzeit, eine unruhige Phase von etwa 2181 bis 2055 v. Chr. Ob eine Dürre um 2200 v. Chr. dazu beitrug, ist umstritten, viele Ägyptologen sind bei dieser Erklärung zurückhaltend [13]. Die gleiche Dürre spielt in der Debatte um das Ende des Reiches von Akkad eine Rolle.

Museen und Forschung in Ägypten

Am 1. November 2025 wurde nach vielen Verschiebungen das Große Ägyptische Museum bei den Pyramiden von Gizeh offiziell eröffnet [12]. Pläne dafür gab es seit 1992. Das Haus hat knapp 81.000 Quadratmeter Nutzfläche (872.000 Quadratfuß) und 12 Hauptgalerien und gilt als größtes Museum für eine einzelne Kultur [14]. Bekanntestes Stück ist die Goldmaske des Tutanchamun [14]. Wie die Pyramiden in seiner Nachbarschaft gebaut wurden, beschreibt der Artikel Die Pyramiden von Gizeh.

  1. Ägyptologie. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  2. Description de l'Égypte. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Rosetta (Glossar). Global Egyptian Museum. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Lene Kemling: Der Stein von Rosette (Planet Wissen). Westdeutscher Rundfunk. Stand 09.12.2020. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Lene Kemling: Jean-François Champollion (Planet Wissen). Westdeutscher Rundfunk. Stand 09.12.2020. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Die Expedition von Lepsius. Institut für Ägyptologie und Koptologie, Universität Münster. Stand 2025. abgerufen am 29.10.2026
  7. Rolf Brockschmidt: Die Anfänge der Ägyptologie in Deutschland. Preußische Abenteuer am Nil. Der Tagesspiegel. Stand 16.10.2022. abgerufen am 29.10.2026
  8. Petrie at Naqada (Great Discoveries). World Archaeology. Stand 28.05.2012. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Pressemitteilung: Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete. Staatliche Museen zu Berlin. Stand 05.12.2012. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Discovering Tutankhamun. Griffith Institute, University of Oxford. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Christopher Bronk Ramsey u. a.: Radiocarbon-based chronology for dynastic Egypt (Science 328, S. 1554 bis 1557). American Association for the Advancement of Science. Stand 18.06.2010. abgerufen am 29.10.2026
  12. Sarah Griffiths: GEM officially open (Ancient Egypt, Heft 152). The Past. Stand 13.12.2025. abgerufen am 29.10.2026
  13. Studie Michael Marshall: Did a mega drought seed global chaos 4,200 years ago? (Nature 601, S. 498 bis 501). Springer Nature. Stand 27.01.2022. abgerufen am 29.10.2026
  14. Lauren Keith: The Grand Egyptian Museum is opening in full. National Geographic Traveller (UK). Stand 16.10.2025. abgerufen am 29.10.2026
  15. Organisation Ägyptologie (Studienfach). Universität Heidelberg. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  16. Organisation The Napoleonic Invasion of Egypt (Napoleon and the Scientific Expedition to Egypt). Linda Hall Library. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.