Antike und AltertumRatgeber
Die Indus-Kultur: Harappa, Mohenjo-daro und eine ungelöste Schrift
Die Indus-Kultur, auch Harappa-Kultur, war eine Hochkultur der Bronzezeit im heutigen Pakistan und Nordwestindien. Ihre reife Phase mit großen, planvoll angelegten Städten wie Mohenjo-daro und Harappa dauerte etwa von 2600 bis 1900 v. Chr. Ihre Schrift ist bis heute nicht entziffert.

Die Indus-Kultur, nach ihrem ersten Fundort auch Harappa-Kultur genannt, war eine Hochkultur der Bronzezeit im Tal des Indus und seiner Nebenflüsse. Ihr Gebiet im heutigen Pakistan und in Nordwestindien umfasste rund 1.250.000 Quadratkilometer, mehr als Ägypten und Mesopotamien zusammen [1, 2]. Bekannt sind über 1.050 Fundorte, davon über 140 Städte und größere Siedlungen. Ausgegraben ist erst etwa ein Zehntel [1]. Zur Blütezeit lebten dort nach Schätzungen über fünf Millionen Menschen [1].
Zeitraum und Phasen
Die Forschung teilt die Kultur in drei Abschnitte. In der frühen Phase entstanden Dörfer und kleine Orte, um 2600 v. Chr. wuchsen daraus Städte [1]. Die reife Phase mit den großen Städten dauerte bis etwa 1900 v. Chr., danach folgte eine späte Phase mit kleineren Siedlungen [1]. Eine Studie unter Leitung des Geologen Liviu Giosan rechnet in Jahren vor heute: frühe Phase vor 5.200 bis 4.500 Jahren, städtische Blüte vor etwa 4.500 bis 3.900 Jahren, also rund 600 Jahre [2].
| Phase | Zeitraum (etwa) | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Frühe Harappa-Phase | 3300 bis 2600 v. Chr. [1] | Dörfer, aus denen um 2600 v. Chr. Städte wurden [1] |
| Reife Harappa-Phase | 2600 bis 1900 v. Chr. [1] | große geplante Städte, Siegel mit Schrift [4] |
| Späte Harappa-Phase | 1900 bis 1300 v. Chr. [1] | Städte verlassen, kleinere Dörfer [2] |
Wie die Bronzezeit in anderen Weltgegenden aussah, zeigt der Beitrag über die Bronzezeit.
Die Wiederentdeckung
1844 beschrieb der Reisende Charles Masson die Ruinen von Harappa als zerstörte Befestigung aus Ziegeln. 1857 holten die Briten beim Bau der Punjab-Eisenbahn gebrannte Ziegel aus dem Hügel von Harappa [1]. 1912 fand J. Fleet Siegel mit unbekannten Schriftzeichen [1]. R. D. Banerji vom Archaeological Survey of India besuchte 1919 und 1920 Mohenjo-daro und fand einen Feuersteinschaber, der ihn vom hohen Alter des Ortes überzeugte [3]. 1921 und 1922 leitete John Marshall Grabungen in Harappa und Mohenjo-daro [1].
Städte nach Plan
Mohenjo-daro in der pakistanischen Provinz Sindh wurde um 2500 v. Chr. erbaut und um 1700 v. Chr. verlassen. Die Fläche wird auf rund 250 Hektar geschätzt [3]. Häufig ist von mindestens 40.000 Einwohnern die Rede, doch das Oxford Handbook of Cities in World History nennt diese Zahl schwach belegt [3]. Die Hauptstraßen waren zehn Meter breit, die Zitadelle maß etwa 200 mal 400 Meter [1]. Die Ziegel folgten in ihren Maßen dem Verhältnis 1:2:4 [1].

Die Häuser waren über Tonröhren an eine öffentliche Kanalisation angeschlossen und holten Wasser aus eigenen Brunnen [1]. In Mohenjo-daro gab es über 700 Brunnen, etwa einen für drei Häuser, und abgedeckte Abwasserkanäle entlang der großen Straßen [3]. Etwa die Hälfte der Wohnhäuser hatte 50 bis 100 Quadratmeter Fläche, nur wenige 210 bis 270 Quadratmeter [1].
Auf der Zitadelle liegt das Große Bad, ein Becken von 12 Metern Länge, 7 Metern Breite und 2,4 Metern Tiefe, mit Bitumen abgedichtet. Vermutlich diente es der rituellen Reinigung [3]. Ein großer Bau daneben gilt seit Mortimer Wheeler als Getreidespeicher. Der Archäologe Jonathan Mark Kenoyer fand später keine Spuren von Getreide und spricht von einer großen Halle [3]. Seit 1980 gehört Mohenjo-daro zum Welterbe der UNESCO [3].
Dholavira und Lothal
Dholavira liegt auf der Insel Khadir Bet im Kachchh in Gujarat. Ab 1989 grub der Archaeological Survey of India dort unter Ravindra Bisht, mit 13 Grabungskampagnen von 1990 bis 2005 [6]. Die Stadt legte mindestens 16 Wasserbecken an. Drei davon sind freigelegt, jedes etwa 7 Meter tief und 79 Meter lang [6]. Am nördlichen Tor fand sich eine Tafel mit zehn großen Zeichen der Indus-Schrift, jedes rund 37 Zentimeter hoch [6]. Seit dem 27. Juli 2021 ist Dholavira Welterbe der UNESCO [6]. Die Grabungen brachten 225 Siegel, rund 12.000 Perlen aus Stein und Metall und fast 1.000 Gewichte zutage [6]. Seit Oktober 2014 wird außerdem ein rechteckiger Stufenbrunnen von 73,4 mal 29,3 Metern und 10 Metern Tiefe freigelegt [6].

Lothal im Bezirk Ahmedabad entdeckte der Archaeological Survey of India 1954. Gegraben wurde dort vom 13. Februar 1955 bis zum 19. Mai 1960 [7]. Die Siedlung mit harappazeitlicher Kultur wird auf etwa 2400 bis 1900 v. Chr. datiert [7]. Dort liegt ein trapezförmiges Becken von durchschnittlich 215 mal 35 Metern. Der Ausgräber S. R. Rao deutete es als Hafenbecken für Schiffe [7]. Andere Forscher halten es eher für einen Speicher zur Bewässerung, weil der Zulauf für Seeschiffe zu schmal sei. Für Meerwasser sprechen Funde von Foraminiferen, Salz und Gips, die das National Institute of Oceanography in Goa nachwies [7].
Handel mit Mesopotamien
In Keilschrifttexten aus Mesopotamien taucht ein Land namens Meluhha auf. Die meisten Forscher setzen es mit der Indus-Kultur gleich [1, 5]. Bei Grabungen in Mesopotamien kamen Siegel, Perlen und Keramik aus dem Indusgebiet zutage [5]. Der Perlenumhang aus dem Grab der Königin Puabi in Ur besteht wahrscheinlich größtenteils aus indischen Perlen, vor allem aus Karneol [5].

Auch Menschen aus Meluhha lebten in Mesopotamien. Manche nannten sich "Sohn von Meluhha", Texte erwähnen Dörfer und Speicher der Meluhhaer [5]. Ein Mann namens Schu-ilischu besaß ein Siegel als Übersetzer der Sprache von Meluhha [5]. Sargon von Akkad rühmte sich, dass Schiffe aus Meluhha, Magan und Dilmun im Hafen seiner Hauptstadt anlegten [5]. Mehr dazu steht in den Beiträgen über Sumer und Akkad.
Für den Handel nutzten die Menschen am Indus einheitliche Gewichte. Die Grundeinheit wog etwa 28 Gramm. Ein Maßstab aus Elfenbein aus Lothal hat Teilstriche von etwa 1,7 Millimetern, gezählt wurde im Zehnersystem ohne Null [1].
Eine Schrift, die niemand lesen kann
Die Indus-Schrift ist bis heute nicht entziffert, und es gibt keine zweisprachige Inschrift, die helfen könnte [4]. Bis 1977 waren mindestens 2.906 lesbare Inschriften bekannt, 1992 etwa 4.000 [4]. Die meisten stehen auf kleinen Siegeln von 2 bis 3 Zentimetern Seitenlänge [4]. Typische Inschriften haben nicht mehr als vier oder fünf Zeichen, die längste bekannte 26 [1]. Iravatham Mahadevan zählte 1977 insgesamt 419 verschiedene Zeichen, Bryan Wells kam 2015 auf etwa 694 [4]. Die meisten Fachleute lesen die Schrift von rechts nach links [4].
Seit den 1920er Jahren sind über 100 Entzifferungsversuche erschienen, die sich gegenseitig ausschließen [4]. Steve Farmer, Richard Sproat und Michael Witzel vertraten 2004 die These, die Zeichen gäben gar keine Sprache wieder. Asko Parpola widersprach 2005, ihre Argumente ließen sich leicht entkräften [4]. Im Jahr 2025 setzte der Regierungschef des indischen Bundesstaats Tamil Nadu, M. K. Stalin, einen Preis von einer Million US-Dollar für die Entzifferung aus [4].
Religion und Gesellschaft
Weil die Texte nicht lesbar sind, bleibt vieles Deutung. Königsgräber oder wertvolle Grabbeigaben wurden bisher nicht gefunden. Männer und Frauen wurden gleich bestattet, was auf eine wenig hierarchische Gesellschaft hindeuten kann [1]. Eine Figur auf einem Siegel aus Mohenjo-daro wurde in der Forschung als "Proto-Shiva" gedeutet, also als frühe Gestalt des späteren Gottes Shiva. Ob es diesen Zusammenhang mit dem späteren Hinduismus gibt, ist offen.
Zwei Figuren aus Mohenjo-daro sind weltbekannt. Die "Tänzerin" ist eine 10,5 Zentimeter hohe Bronze, gefunden 1926, heute im Nationalmuseum in Neu-Delhi. Der "Priesterkönig" aus Speckstein ist 17,5 Zentimeter hoch, wurde 1927 gefunden und steht im Nationalmuseum in Karatschi [3].
Das Ende der Städte
Ab etwa 3.900 Jahren vor heute schrumpften die besiedelten Flächen, viele Orte wurden aufgegeben. Zwischen 3.900 und 3.000 Jahren vor heute entstanden stattdessen viele kleine Dörfer [2]. Um 1800 v. Chr. waren die meisten Städte verlassen [1]. Die Studie von Giosan und Kollegen führt das auf den schwächer werdenden Monsun zurück. Die Flüsse, die vom Monsun gespeist wurden, trockneten nach und nach aus oder führten nur noch zeitweise Wasser [2]. Das heute weitgehend trockene Flusssystem des Ghaggar-Hakra wurde im Holozän nach dieser Studie nur vom Monsun gespeist und von keinem großen Gletscherfluss aus dem Himalaya [2].
Die Studie zum Genom aus Rakhigarhi fand eine Mischung aus Abstammung, die mit frühen Bewohnern Irans verwandt ist, und aus Abstammung von Jägern und Sammlern Südasiens. Die Autoren halten es deshalb für möglich, dass der Ackerbau in Südasien von einheimischen Gruppen übernommen wurde und nicht mit Bauern aus dem Fruchtbaren Halbmond kam. Sie betonen, dass weitere Daten nötig sind [8].
Was nach den Städten kam, erzählt der Beitrag über das antike Indien.
- Indus-Kultur. Wikipedia. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Liviu Giosan u. a.: Fluvial landscapes of the Harappan civilization (PNAS 109, Nr. 26, S. E1688 bis E1694). Proceedings of the National Academy of Sciences. Stand 29.05.2012. abgerufen am 29.10.2026
- Mohenjo-daro. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Indus script. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie The Middle Asian Interaction Sphere (Expedition Magazine). Penn Museum, University of Pennsylvania. Stand 15.03.2007. abgerufen am 29.10.2026
- Dholavira. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Lothal. Wikipedia (englisch). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Vasant Shinde, Vagheesh Narasimhan u. a.: An Ancient Harappan Genome Lacks Ancestry from Steppe Pastoralists or Iranian Farmers (Cell 179, Nr. 3). Cell Press. Stand 05.09.2019. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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