Das 21. JahrhundertRatgeber

Die Klimakrise als historisches Thema: von der Kleinen Eiszeit bis Paris

Das Klima hat sich auch früher verändert, etwa in der Kleinen Eiszeit, deren Beginn Werner Rösener im 14. Jahrhundert und Philipp Blom im späten 16. Jahrhundert ansetzt. Neu ist die Erwärmung durch vom Menschen ausgestoßene Treibhausgase, die Svante Arrhenius schon 1896 berechnete. Seit Gründung des Weltklimarats 1988 und der Klimarahmenkonvention 1992 ist sie ein Thema der Weltpolitik, 2024 lag die globale Temperatur erstmals ein ganzes Jahr über 1,5 Grad.

Ein zugefrorener Fluss in einer weiten Winterlandschaft mit kahlen Bäumen, einer Windmühle und fernen Schlittschuhläufern
Bild: KI-generiert

2024 war nach Angaben des europäischen Copernicus-Klimadienstes das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die globale Durchschnittstemperatur lag mit 15,10 Grad Celsius um 1,60 Grad über dem Mittel der vorindustriellen Jahre 1850 bis 1900 [1]. Damit war 2024 das erste Kalenderjahr über der Marke von 1,5 Grad. Die Grenze des Pariser Abkommens ist damit noch nicht überschritten, denn sie bezieht sich auf Mittelwerte über mindestens 20 Jahre [1]. Die Kohlendioxidkonzentration erreichte 2024 einen Jahresmittelwert von 422 ppm, auch das ein Rekord [1]. 2025 war nach Copernicus mit 14,97 Grad Celsius das drittwärmste Jahr, 1,47 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Jahre 2023 bis 2025 lagen zusammen im Mittel erstmals für einen Dreijahreszeitraum über 1,5 Grad [12]. Historiker sehen in der Klimakrise auch ein Thema der Geschichte: die Geschichte des Klimas, die Geschichte seiner Erforschung und die Geschichte der Politik, die darauf reagierte [2].

Klima hat eine Geschichte

Auch vor der Industrialisierung hat sich das Klima Europas gewandelt. Der britische Klimahistoriker Hubert Lamb datierte den Höhepunkt einer mittelalterlichen Warmzeit auf etwa 1000 bis 1300 [3]. Nach dem Agrarhistoriker Werner Rösener beruhte dieses Wärmeoptimum auf natürlichen Ursachen. Die Vegetationszeit verlängerte sich um bis zu vier Wochen, und Weinberge reichten bis nach Holstein und Ostpreußen [3].

Ein verregnetes Getreidefeld mit niedergedrückten Halmen, ein einfaches Bauernhaus und Sturmwolken über Hügeln
Bild: KI-generiert

Darauf folgte die sogenannte Kleine Eiszeit. Rösener beschreibt sie als Klimaphase vom 14. bis ins frühe 19. Jahrhundert mit einer langfristigen Abkühlung um ein bis zwei Grad Celsius [3]. Der Historiker Philipp Blom lässt sie dagegen im späten 16. Jahrhundert beginnen und je nach Schätzung im späten 17. oder frühen 19. Jahrhundert enden, bei einem Rückgang der Durchschnittstemperatur um etwa zwei Grad [11]. Nach Rösener führten strenge Winter und verregnete Sommer zur Großen Hungersnot von 1315 bis 1317. In Island musste der Getreideanbau ganz aufgegeben werden, anderswo ersetzten Hafer und Roggen den Weizen [3]. Der Schweizer Umwelthistoriker Christian Pfister hat diese Zeit am Beispiel der Schweiz genau untersucht. Zwischen 1565 und 1601 sanken die Sommertemperaturen um 0,8 Grad, schwere Überschwemmungen wurden viermal so häufig, und die Getreideerträge der Spitalgüter in Zürich, Basel und Winterthur fielen um 18 Prozent [3]. Wie sich der Alltag der Menschen über die Jahrhunderte veränderte, beschreibt Alltag und Gesellschaft im Wandel der Zeit.

Die Entdeckung des Treibhauseffekts

Die physikalischen Grundlagen wurden im 19. Jahrhundert erforscht [4]. Der Franzose Joseph Fourier rechnete 1824 aus, dass die Erde ohne einen wärmenden Effekt viel kälter sein müsste, als sie ist. Claude Pouillet vermutete 1838, dass Wasserdampf und Kohlendioxid die Lücke erklären könnten [4]. Der Ire John Tyndall wies 1859 im Labor nach, dass Wasserdampf, Kohlendioxid und Methan Infrarotstrahlung aufnehmen, Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff dagegen nicht [4].

Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius berechnete in einer 1896 veröffentlichten Arbeit, um wie viel sich die Erde erwärmen würde, wenn sich der Kohlendioxidgehalt der Luft verdoppelte. Er kam auf 11 bis 14,5 Grad Fahrenheit, heutige Modelle liegen bei 5,5 bis 9 Grad Fahrenheit [4]. Beunruhigt war Arrhenius nicht. In seinem Buch "Worlds in the Making" von 1908 hoffte er auf Zeitalter mit gleichmäßigerem und besserem Klima [4]. 1903 erhielt er den Nobelpreis für Chemie [2]. Seine Klimaarbeit geriet für mehr als ein halbes Jahrhundert weitgehend in Vergessenheit [4].

Messen und beschleunigen

Erst Messungen um die Mitte des 20. Jahrhunderts zeigten, dass der Kohlendioxidgehalt der Luft Jahr für Jahr stieg, und ließen Arrhenius im Rückblick vorausschauend wirken [4]. Das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58 war der Ausgangspunkt der Messreihe von Kohlendioxid auf dem Mauna Loa in Hawaii, der sogenannten Keeling-Kurve [2]. In den 1980er-Jahren lieferten französisch-sowjetische Eisbohrungen an der Station Wostok in der Antarktis Klimadaten über 420.000 Jahre [2]. 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine Studie "Die Grenzen des Wachstums" [2].

Eine weiße Messstation mit Masten und kleinen Hütten auf einem kahlen Vulkanhang über den Wolken
Bild: KI-generiert

Christian Pfister prägte in den 1990er-Jahren den Begriff "1950er Syndrom". Er beschreibt damit, dass fast alle Kennzahlen für den menschlichen Einfluss auf die Umwelt nach 1945 steil anstiegen. Der Umwelthistoriker John McNeill spricht von der "großen Beschleunigung" [2]. Frank Uekötter sieht im Kalten Krieg einen Katalysator der Klimaforschung, weil er globales Denken und Großforschung hervorbrachte [2]. Mehr über diese Epoche steht im Artikel über den Kalten Krieg.

Vom Fachthema zur Weltpolitik

In Deutschland erreichte das Thema 1986 die breite Öffentlichkeit, als der "Spiegel" im Sommer den im Meer versinkenden Kölner Dom auf dem Titel zeigte. Die Warnung kam vom Arbeitskreis Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft [2]. 1988 gründeten die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) den Weltklimarat IPCC [5]. Der IPCC betreibt keine eigene Forschung. Er wertet die veröffentlichten Studien aus und fasst den Stand des Wissens in Berichten zusammen [5]. 2007 erhielt der IPCC gemeinsam mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis [5].

Auf dem Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro zeichneten zunächst 154 Staaten die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, die 1994 in Kraft trat [6]. Ihr Ziel ist es, die Konzentration der Treibhausgase auf einem Niveau zu halten, das eine gefährliche vom Menschen verursachte Störung des Klimasystems verhindert [6]. Die erste Vertragsstaatenkonferenz fand im Frühjahr 1995 in Berlin statt. Ihr "Berliner Mandat" war die Grundlage für das spätere Kyoto-Protokoll [6]. Seitdem treffen sich die Vertragsstaaten jedes Jahr zu einer Weltklimakonferenz [7]. Welche Rolle die Vereinten Nationen in der Weltpolitik spielen, zeigt der Artikel Die Vereinten Nationen.

Von Kyoto nach Paris

Im Kyoto-Protokoll von 1997 verpflichteten sich die Industriestaaten, ihre Treibhausgasemissionen zwischen 2008 und 2012 um mindestens 5 Prozent unter den Stand von 1990 zu senken [8]. Das Protokoll trat 2005 in Kraft, die Bundesrepublik war beigetreten [9]. Spätere Klimakonferenzen scheiterten nach der Darstellung des Hauses der Geschichte [9]. Eine Verlängerung in Doha verpflichtete die Industriestaaten, bis 2020 insgesamt 18 Prozent gegenüber 1990 einzusparen [8].

Am 12. Dezember 2015 einigten sich in Paris die Vertreter aller 195 Mitgliedstaaten der Klimarahmenkonvention auf ein neues Abkommen [8]. Der Anstieg der globalen Temperatur soll deutlich unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit bleiben, möglichst bei 1,5 Grad. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sollen Ausstoß und Bindung von Treibhausgasen im Gleichgewicht sein [8]. Statt eines gemeinsamen verbindlichen Minderungsziels legt jeder Staat eigene Beiträge vor, die ab 2023 alle fünf Jahre überprüft und verschärft werden sollen [8]. Das Abkommen trat 2016 in Kraft [7].

Wichtige Stationen von der Forschung bis zur Politik [1, 2, 4, 5, 6, 8, 10]:

JahrEreignis
1859Tyndall weist die Aufnahme von Infrarotstrahlung durch Kohlendioxid nach
1896Arrhenius berechnet die Erwärmung bei doppeltem Kohlendioxidgehalt
1957/58Internationales Geophysikalisches Jahr, Beginn der Keeling-Kurve
1988Gründung des Weltklimarats IPCC
1992Klimarahmenkonvention in Rio de Janeiro
1997Kyoto-Protokoll
2015Pariser Abkommen
2021Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts
2024erstes Kalenderjahr über 1,5 Grad

Klimaschutz vor Gericht

Am 24. März 2021 entschied das Bundesverfassungsgericht über mehrere Verfassungsbeschwerden gegen das Klimaschutzgesetz vom 12. Dezember 2019. Die Regeln zu den Klimazielen und den erlaubten Jahresemissionen bis 2030 waren nach dem Beschluss teilweise mit den Grundrechten unvereinbar, weil Vorgaben für die Zeit ab 2031 fehlten [10]. Die Vorschriften verschöben hohe Minderungslasten "unumkehrbar auf Zeiträume nach 2030" und gefährdeten so die Freiheit künftiger Generationen. Der Gesetzgeber musste die Ziele für die Zeit nach 2030 bis zum 31. Dezember 2022 regeln [10].

Klimapolitik in Deutschland

Das Haus der Geschichte zählt mehrere Schritte der deutschen Klimapolitik auf: mehr Strom aus Wind und Sonne, Biokraftstoffe, höhere Energieeffizienz und Umweltzonen für bessere Luft in den Städten [9]. Umstritten blieb manches davon. Kirchen kritisierten, dass Getreide zu Biokraftstoff verarbeitet wird, und auch die Förderung von Schiefergas und die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid waren umstritten [9]. Umweltschutzgruppen forderten stärkere Anstrengungen [9]. Nach Angaben des Umweltbundesamts lagen die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland 2025 bei 649 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten, 48,2 Prozent unter dem Wert von 1990. Gegenüber 2024 sanken sie um 0,1 Prozent [13]. Die Vorgeschichte der Industriegesellschaft erzählt der Artikel über die Industrialisierung.

Windräder auf einem grünen Hügel neben einer Fläche mit Solarmodulen unter hellem Himmel
Bild: KI-generiert

Wie Historiker die Klimakrise deuten

Der Umwelthistoriker Frank Uekötter hat 2019 eine kleine Geschichte der Klimadebatte geschrieben. Er hält es für eine historisch gewachsene Entscheidung und keine Notwendigkeit, dass Klimapolitik vor allem auf Nationalstaaten setzt, deren Steuerungsfähigkeit schwindet [2]. Materialismus und Wachstumsdenken hätten sich gegen moralische Appelle als widerstandsfähig erwiesen. Zwischen Wissen und Handeln sieht er eine Kluft, die sich mit moralischer Zuspitzung nicht schließen lasse [2]. Die Klimageschichte kann nach seiner Deutung als Korrektiv gegen Vereinfachungen dienen, und mit der Anpassung an die Erwärmung rücken regionale Blickwinkel wieder nach vorn [2].

Philipp Blom nennt Hungersnöte, Seuchen und Brotaufstände als Folgen der Kleinen Eiszeit. Auf strenge Winter folgte nach seiner Darstellung besonders in Mitteleuropa oft eine Welle von Hexenprozessen, in denen Angeklagten unter anderem vorgeworfen wurde, Ernten verdorben und Unwetter gemacht zu haben [11]. Mehr dazu steht im Artikel über die Hexenverfolgung. Als mögliche Ursachen der Abkühlung diskutiert die Forschung laut Blom Schwankungen der Sonnenaktivität, Veränderungen der Erdachse und die Eroberung Amerikas, nach der dort durch Seuchen weniger Land gerodet wurde. Keine davon gilt bisher als ausreichend belegt, um die Kleine Eiszeit allein zu erklären [11]. Wie eng Klima, Handel und Politik weltweit zusammenhängen, beschreibt der Artikel über die Globalisierung.

  1. Organisation Copernicus: 2024 is the first year to exceed 1.5°C above pre-industrial level. Copernicus Climate Change Service (C3S), Europäische Kommission und ECMWF. Stand 10.01.2025. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Frank Uekötter: Kleine Geschichte der Klimadebatte (Aus Politik und Zeitgeschichte, Klimadiskurse). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 15.11.2019. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Werner Rösener: Landwirtschaft und Klimawandel in historischer Perspektive (Aus Politik und Zeitgeschichte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 25.01.2010. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Rudy M. Baum Sr.: Future Calculations (Distillations). Science History Institute. Stand 18.07.2016. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Vor 35 Jahren: Gründung Weltklimarat IPCC. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 06.12.2023. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Umweltbundesamt. Stand 30.01.2024. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Klaus Schubert, Martina Klein: Weltklimakonferenz, in: Das Politiklexikon, 7. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung (Lizenzausgabe, Dietz). Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Der neue Weltklimavertrag (Hintergrund aktuell). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 12.2015. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Markus Würz: Klimawandel und Energieressourcen (LeMO). Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stand 07.03.2016. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Pressemitteilung Nr. 31/2021: Verfassungsbeschwerden gegen das Klimaschutzgesetz teilweise erfolgreich (Beschluss vom 24.03.2021, 1 BvR 2656/18 u. a.). Bundesverfassungsgericht. Stand 29.04.2021. abgerufen am 29.10.2026
  11. Studie Philipp Blom: Zeiten des Klimawandels (Aus Politik und Zeitgeschichte 21-23/2018). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.05.2018. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation 2025 was the third-warmest year on record, Copernicus data show. ECMWF, Copernicus Climate Change Service (C3S). Stand 14.01.2026. abgerufen am 29.10.2026
  13. Behörde Treibhausgas-Emissionen in Deutschland. Umweltbundesamt. Stand 02.07.2026. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.