Ur- und FrühgeschichteRatgeber

Die Erfindung des Rades: von Scheibenrädern im Moor bis zum Laufrad

Das Rad hat keinen einzelnen Erfinder. Belege für Räder und Wagen tauchen in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. fast gleichzeitig in Europa, im Kaukasus, in Mesopotamien und im Nahen Osten auf. Das älteste gut datierte Rad mit Achse stammt aus dem Moor von Ljubljana und wird auf 3340 bis 3030 v. Chr. datiert.

Ein weites Moorgebiet mit Schilf und flachen Wasserläufen im Morgennebel, im Hintergrund bewaldete Hügel
Bild: KI-generiert

Einen Erfinder des Rades kennt die Forschung nicht. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. erscheinen Hinweise auf Wagen mit Rädern fast gleichzeitig im nördlichen und südlichen Kaukasus und in Osteuropa [2]. Funde von Rädern selbst gibt es aus dieser Zeit in Europa, im Kaukasus, in Mesopotamien und im Nahen Osten. Es waren Scheibenräder mit etwa 40 bis 80 Zentimeter Durchmesser [1].

Vor dem Rad: Schlitten und Rollen

Bevor es Räder gab, bewegten die Menschen schwere Lasten auf Schlitten und Schleifen [1]. Im bronzezeitlichen Ägypten ist auch das Rollen von Lasten auf untergelegten Rollen belegt. Über lange Strecken war das aber unpraktisch [1]. Schon vor 4000 v. Chr. gab es nordwestlich des Schwarzen Meeres kleine Räder aus Ton, und ab der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. tauchen in ganz Europa Wagenmodelle auf [1].

Die frühesten Belege

Die ältesten Zeugnisse sind teils Bilder und Spuren, teils erhaltene Räder. Die Übersicht zeigt die wichtigsten Funde mit den Daten, die die Quellen nennen [1, 2, 10]:

FundArtDatierung
Bronocice, PolenWagenbild auf einem Gefäß der Trichterbecherkultur3500 bis 3350 v. Chr. oder 3631 bis 3380 v. Chr.
Uruk, MesopotamienWagen in Bildzeichen auf Tontafelnum 3500 bis 3350 v. Chr.
Flintbek, Schleswig-HolsteinRadspuren unter einem Grabhügel3420 bis 3385 v. Chr.
Stare Gmajne, SlowenienRad mit Achse aus HolzRad 3340 bis 3030 v. Chr.
Ananauri, GeorgienReste zweier Wagen unter einem Grabhügelum 2400 v. Chr.
Pingliangtai, ChinaRadspurenum 2200 v. Chr.

Das Gefäß von Bronocice gilt als älteste bekannte Darstellung eines Wagenrads. Die Radiokarbondatierung ergibt nach der Übersicht von Mischka 3631 bis 3380 v. Chr. [10]. Die deutsche Wikipedia nennt 3500 bis 3350 v. Chr. [1]. Die Bildzeichen aus dem Eanna-Bezirk von Uruk stammen aus derselben Zeit. Uruk war eine der Städte, die der Beitrag über Sumer vorstellt. Aus China kennt man außer den Spuren von Pingliangtai auch Radspuren aus Yanshi um 1700 v. Chr. [2]. Aus der Indus-Kultur sind Räder vom Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. bekannt, deren Datierung aber unsicher ist [2]. Viel jünger ist das Rad aus Must Farm: Es ist nach der Universität Cambridge das erste vollständig erhaltene Rad dieser Art, das in Großbritannien gefunden wurde, und wird auf 1100 bis 800 v. Chr. datiert [1, 9].

Das Rad aus dem Moor von Ljubljana

Im Jahr 2002 grub ein Team um den slowenischen Archäologen Anton Velušček im Moor von Ljubljana nahe der Stadt Vrhnika [4]. Sein Kollege Janez Dirjec bemerkte ein seltsam geformtes Holzstück, das zunächst wie ein Brett aussah. Es war ein Rad, wenig später fand das Team in der Nähe eine Achse [4]. Das Rad ist aus Eschenholz, die Achse aus Eiche. Keile aus Eiche halten die Achse im Rad fest, sodass sich beide zusammen drehen [3]. Für den Durchmesser nennen die Angaben 70 oder 72 Zentimeter, für die Achse 120 oder 124 Zentimeter [3].

Ein schweres Scheibenrad aus Holz liegt auf feuchter dunkler Erde in einem Grabungsschnitt
Bild: KI-generiert

Nach der Radiokarbondatierung stammt das Rad aus der Zeit von 3340 bis 3030 v. Chr., die Achse aus der Zeit von 3360 bis 3045 v. Chr. [1]. Es gehörte wohl zu einem zweirädrigen Karren [3, 4]. Damit das feuchte Holz beim Trocknen nicht zerfiel, wurde es zur Behandlung nach Deutschland geschickt [4]. Heute zeigt es das Stadtmuseum von Ljubljana [3]. Das Holz stammt von einem Baum, der nahe den Pfahlbauten wuchs; diese Häuser wurden etwa alle 10 bis 20 Jahre neu errichtet [3]. Der Fund trug dazu bei, dass die UNESCO die Pfahlbauten der Gegend 2011 in die Welterbeliste aufnahm [4]. Ähnliche, aber kleinere und jüngere Räder kennt man aus der Schweiz und aus Südwestdeutschland [3]. Dazu gehört ein rund 5.000 Jahre altes, aus zwei Teilen zusammengesetztes Rad aus Seekirch-Achwiesen am Federsee [1].

Töpferscheibe und Wagenrad

Schnell drehende Töpferscheiben entstanden etwa zur selben Zeit wie das Wagenrad oder etwas früher. Auch sie liefen auf Gleitlagern, die man also schon gut beherrschte [1]. Die älteste erhaltene Töpferscheibe aus dem Nahen Osten stammt aus Ur und ist etwa 3100 v. Chr. alt [2]. Eine noch ältere aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Westukraine wird in die Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. datiert [2].

Speichenrad und Streitwagen

Die schweren Scheibenräder der Steinzeit machte man leichter, indem man Rillen in sie schnitt. Die Speiche ist eine Erfindung der Bronzezeit und kam im Nahen Osten um 2000 v. Chr. auf [1]. Räder aus der späten Bronzezeit und danach bestanden meist aus Holz, mit Beschlägen aus Metall an Nabe und Felge. Speichen aus Metall wurden erst im 19. Jahrhundert wieder üblich [1]. Die ältesten bekannten Speichenräder aus Holz stammen aus der Sintaschta-Kultur am Krivoe-Ozero und werden auf etwa 2000 v. Chr. datiert [2]. Mehr über die Epoche steht im Beitrag über die Bronzezeit.

Eine offene Grassteppe unter weitem Sommerhimmel, am Horizont flache Grabhügel und zwei grasende Pferde
Bild: KI-generiert

Eine Studie von S. Lindner aus dem Jahr 2020 untersuchte ein Grab im Fundplatz Kamennyj Ambar-5 im südlichen Transural [5]. Grab 8 im Kurgan 2 enthält parallele Gruben für Räder, Pferdeknochen und Teile von Zaumzeug [5]. Die übliche Radiokarbondatierung ergibt etwa 1970 bis 1770 v. Chr., ein bayessches Modell der Studie grenzt das Grab auf etwa 1950 bis 1880 v. Chr. ein [5]. Nach der Studie sind diese Wagen nicht jünger als die ersten Vorläufer von Streitwagen im Alten Orient, die Rollsiegel aus Kültepe um 1900 v. Chr. zeigen [5]. Ob die Technik aus Mesopotamien kam oder in der Steppe eigenständig entstand, ist nach der Studie weiter umstritten [5]. In China stammen die frühesten Speichenräder, zwei Naben aus Qinghai, aus der Zeit von 2000 bis 1500 v. Chr. [2].

Amerika: Räder an Tonfiguren

An Fundorten in Mexiko kamen kleine Gegenstände mit Rädern zutage, die oft als Spielzeug gelten. Einige sind um 1500 v. Chr. alt [2]. Für Fahrzeuge nutzte man das Rad in Mesoamerika vor dem 16. Jahrhundert nie [2]. Ein Beispiel ist eine Jaguarfigur aus Veracruz im Bowers Museum in Kalifornien. Sie stammt aus der klassischen Zeit, etwa 550 bis 800 n. Chr., und hat Räder und Achslöcher anstelle von Füßen [6]. Die Achsen bestanden vermutlich aus Holz oder einem anderen vergänglichen Stoff [6]. Die meisten dieser Figuren wurden von Hand geformt, Köpfe und Räder teils mit Modeln. Am Gesicht des Jaguars haften noch Reste von Chapopote, einem natürlichen Asphalt [6]. Zur Zeit der spanischen Eroberung stellte man solche Figuren nicht mehr her [6].

Wozu die Figuren dienten, ist ungeklärt. Manche Fachleute halten sie für Spielzeug, andere für Ritualgegenstände. In Veracruz fanden sich solche Figuren in Gruppen, die mit dem Bau von Erdhügeln verbunden waren [6]. Dass es keine Wagen gab, erklärt das Museum mit dem Fehlen von Zug- und Lasttieren: Die größten Haustiere waren kleine Hunde und Truthühner. Gebirge, Regenwälder und Sümpfe erschwerten Fahrzeuge zusätzlich [6]. Wie die Reiche Mittel- und Südamerikas ohne Wagen lebten, zeigt der Beitrag über Maya, Azteken und Inka.

Afrika und Australien

Im vorkolumbischen Amerika und in Australien waren Fahrzeuge mit Rädern unbekannt [1]. In Afrika südlich der Sahara nutzte man das Rad lange kaum für den Transport, mit Ausnahme von Äthiopien und Somalia, und das bis weit ins 19. Jahrhundert [2]. In Westafrika dienten Fahrzeuge mit Rädern ab dem 18. Jahrhundert vor allem bei Zeremonien, etwa in Dahomey [2]. In Nubien setzte man Räder nach etwa 400 v. Chr. als Wasserräder ein, die vielleicht Ochsen antrieben [2].

Räder als Antrieb: das Wasserrad

Räder bewegten bald auch Maschinen. Griechische Ingenieure erfanden im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. das Wasserrad und machten damit die Kraft des fließenden Wassers nutzbar [8]. Vor der Zeitenwende waren Schöpfräder zur Bewässerung in den hellenistischen Staaten und im Römischen Reich verbreitet, später auch in Indien und China [8]. Der römische Architekt Vitruv beschrieb im 1. Jahrhundert v. Chr. in seinem zehnten Buch über die Architektur ein Wasserrad mit Schöpfeimern und eine Wassermühle mit Zahnrädern [11]. Der früheste Nachweis einer Wassermühle in Deutschland ist eine Mühle an der Inde aus der Zeit um Christi Geburt. Ab dem 12. Jahrhundert waren Wassermühlen in Mitteleuropa weit verbreitet [8].

Vom Laufrad zum Fahrrad

Im 19. Jahrhundert kam ein Fahrzeug auf zwei Rädern hinzu, das ein Mensch selbst antrieb [7]. Am 12.06.1817 fuhr Karl Freiherr von Drais mit seiner Laufmaschine von Mannheim bis zur Pferdewechselstation auf halbem Weg nach Schwetzingen und war dabei schneller als die Postkutsche [7]. Das Stadtmuseum Karlsruhe besitzt ein Exemplar aus seinem Nachlass, das auf um 1820 datiert wird und aus Holz, Leder und Eisen besteht [7]. Zu Lebzeiten von Drais setzte sich das Gerät nicht durch: Behörden verhängten Fahrverbote, und die Straßen waren schlecht. Erst der Pedalantrieb der 1860er Jahre und der Kettenantrieb der 1870er Jahre machten das Fahrrad erfolgreich [7]. Wie Maschinen und Räder Arbeit und Verkehr veränderten, beschreibt der Beitrag über die Industrielle Revolution, den größeren Zusammenhang der Beitrag Wissenschaft und Technik in der Geschichte.

Ein hölzernes Laufrad aus dem frühen 19. Jahrhundert steht auf dem Kopfsteinpflaster einer Altstadtgasse
Bild: KI-generiert
  1. Rad. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Wheel. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Ljubljana Marshes Wheel. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. A remarkable wheel was found buried in the Ljubljana Marshes (Slovenia Revealed). RTV Slovenija. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Studie S. Lindner: Chariots in the Eurasian Steppe: a Bayesian approach to the emergence of horse-drawn transport in the early second millennium BC (Antiquity 94, Nr. 374, S. 361 bis 380). Cambridge University Press. Stand 2020. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Wheeled Jaguar Effigy, Veracruz, Mexico (Collections Blog). Bowers Museum. Stand 18.07.2012. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Draisine/Laufmaschine aus dem Nachlass des Freiherrn von Drais (Inv.-Nr. 1960/675). Stadtmuseum Karlsruhe, museum-digital:baden-württemberg. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Wasserrad. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Most complete Bronze Age wheel to date found at Must Farm near Peterborough. University of Cambridge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Studie D. Mischka: The Neolithic burial sequence at Flintbek LA 3, north Germany, and its cart tracks: a precise chronology (Antiquity 85, S. 742 bis 758). Cambridge University Press, Universität Kiel. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  11. Vitruvius: On Architecture, Book X (englische Übersetzung von M. H. Morgan 1914). LacusCurtius, University of Chicago. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.