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Die Reformation: von Luthers Thesen bis zum Religionsfrieden
Die Reformation begann 1517, als Martin Luther in Wittenberg mit 95 Thesen die Ablasspraxis der Kirche in Frage stellte. Aus ihr gingen die evangelischen Kirchen hervor. Im Reich erkannte der Augsburger Religionsfrieden von 1555 die Lutheraner neben der alten Kirche an, in Zürich, Genf und England entstanden eigene Formen der Reformation.

Reformation nennt man die Erneuerungsbewegung des 16. Jahrhunderts, aus der die evangelischen Kirchen hervorgingen. Am Anfang standen 95 Thesen, mit denen der Wittenberger Theologe Martin Luther 1517 die Ablasspraxis der Kirche in Frage stellte [2]. Gut 37 Jahre später erkannte der Augsburger Religionsfrieden vom 25. September 1555 die Anhänger des lutherischen Bekenntnisses neben der alten Kirche im Reich an [13]. In Zürich, Genf und England entstanden in denselben Jahrzehnten eigene Formen der Reformation [14, 15, 16].
Die Kirche um 1500
Der Historiker Axel Gotthard beschreibt die Kirche des späten Mittelalters als Klerikerkirche, in der Laien wenig zu sagen hatten [1]. Die Päpste des 15. Jahrhunderts traten als Politiker und Mäzene auf, die Reformforderungen der Konzilien setzten sie nicht um [1]. Kirchliche Leistungen hatten einen Geldwert: Pfründen, Dispense, Rechtsentscheide und Ablässe ließen sich kaufen [1]. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts klagten die Reichstage regelmäßig, dass zu viel deutsches Geld nach Rom fließe. Diese Beschwerden hießen Gravamina der deutschen Nation [1].

Auch die Geistlichen selbst standen in der Kritik. Domkapitel waren weitgehend mit Adligen besetzt, viele Geistliche hielten mehrere Pfründen zugleich, und nur wenige Pfarrer hatten Theologie studiert [1]. Petrus Valdes, John Wyclif und Jan Hus hatten schon früher einiges gefordert, was Luther später vertrat, etwa die Bibel als Maßstab und Übersetzungen in die Volkssprache. Das Konzil von Konstanz verurteilte Hus 1415 als Ketzer und ließ ihn trotz zugesagten freien Geleits verbrennen [1]. Die Frömmigkeitsbewegung Devotio moderna warb für persönliche Andacht und Bibellektüre, und manche Städte stellten eigene Prediger an [1].
Luther und die 95 Thesen
Martin Luther wurde nach der üblichen Angabe am 10. November 1483 in Eisleben geboren. Nach dem Studium in Erfurt bat er am 17. Juli 1505 um Aufnahme ins dortige Kloster der Augustiner-Eremiten, am 18. oder 19. Oktober 1512 wurde er in Wittenberg zum Doktor der Theologie promoviert [19]. Seinen Lebensweg erzählt der Artikel über Martin Luther.
Nach der Überlieferung schlug Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Gotthard hält diese Szene für eine Legende [2]. Zeitgenössische Zeugnisse fehlen, und der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh stellte den Anschlag 1962 in Frage [2]. Zum ersten Mal behauptete ihn Philipp Melanchthon in einer Vorrede, einige Monate nach Luthers Tod 1546. Melanchthon war erst seit August 1518 in Wittenberg [2]. Belegt ist, dass Luther am 31. Oktober an seine kirchlichen Vorgesetzten schrieb, darunter den Erzbischof, und auf deren Antwort wartete [2]. Eine 2007 in Jena gefundene Notiz von Georg Rörer erwähnt Thesen an den Kirchentüren, doch Rörer kam erst 1522 nach Wittenberg [2].
Bekannt wurden die Thesen trotzdem schnell. Luther schickte sie an Fachkollegen, Humanisten machten sie in der gelehrten Welt bekannt, und ohne sein Wissen wurden sie an mehreren Orten im Reich gedruckt [2]. Wie der Druck mit beweglichen Lettern solche Texte verbreitete, beschreibt der Artikel über den Buchdruck. An den 31. Oktober erinnert bis heute der Reformationstag.
Was Luther lehrte
Im Zentrum stand für Luther die Gnade. Nach seiner Lehre kann sich der Mensch das Heil nicht durch gute Werke verdienen, er erhält es allein durch den Glauben, lateinisch sola fide [3]. Damit verlor für ihn auch das Leben im Kloster seinen Wert [3]. Als Maßstab der Wahrheit ließ Luther allein die Bibel gelten, weder die kirchliche Überlieferung noch das Lehramt [3]. Jeder Gläubige könne die Wahrheit in der Schrift selbst finden und brauche dafür weder Priester noch das römische Lehramt [3].
Daraus folgte, dass die Menschen lesen können mussten. Gotthard beschreibt die Reformation deshalb auch als Bildungsbewegung [3]. Der Gottesdienst sollte in der Volkssprache stattfinden, und die Verkündigung des Wortes in der Predigt rückte in die Mitte [3].
Worms 1521 und die Bibel auf Deutsch
Rom eröffnete ein Verfahren gegen Luther, im Januar 1521 schloss ihn eine päpstliche Bulle aus der Kirche aus [4]. Nach mittelalterlichen Vorbildern hätte die Reichsacht folgen müssen. Karl V. hatte bei seiner Wahl aber zugesagt, niemanden ohne Anhörung zu ächten [4]. Deshalb wurde Luther im März 1521 vor den Reichstag in Worms geladen. Im April trafen er und der Kaiser zum ersten und einzigen Mal aufeinander, und Luther widerrief nicht [4]. Der berühmte Satz "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" ist nach Gotthard nicht echt. Lektoren einer Druckerei schmückten die Mitschrift der Rede später damit aus, Luther wusste davon sehr wahrscheinlich nichts [4, 8]. Am 19. April 1521 ließ Karl V. seine Antwort verlesen. Das Wormser Edikt verhängte die Reichsacht über Luther und ordnete an, seine Bücher zu verbrennen [4]. Mehr über den Kaiser steht im Artikel über Karl V.

Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebte Luther auf der Wartburg und übersetzte dort in etwa elf Wochen das Neue Testament [19, 5]. Er arbeitete nach der griechischen Ausgabe des Erasmus von Rotterdam. Das Buch kam am 21. September 1522 ohne Verfassernamen in etwa 3000 Exemplaren in den Handel und ist als Septembertestament bekannt [6]. Die erste vollständige Bibel in Luthers Übersetzung druckte Hans Lufft 1534 in Wittenberg [7, 19]. Die erste gedruckte deutsche Bibel war das nicht: Sie erschien 1466, und bis 1522 sind 22 vollständige deutsche Ausgaben belegt [8]. Wie die biblischen Bücher selbst entstanden, erklärt die Seite Wie die Bibel entstanden ist.
Der Bauernkrieg von 1525
Vom 15. bis 20. März 1525 berieten Vertreter oberschwäbischer Bauerngruppen in Memmingen. Ihre Zwölf Artikel erschienen am 19. März 1525 zum ersten Mal im Druck [9]. Darin forderten sie unter anderem, dass Gemeinden ihre Pfarrer selbst wählen, dass die Leibeigenschaft endet und dass Frondienste begrenzt werden [9]. Michael Haspel von der Universität Erfurt nennt die Zwölf Artikel die erfolgreichste Flugschrift der ganzen Reformation und den Aufstand von 1525 den größten in Europa vor der Französischen Revolution [9]. Er wurde brutal niedergeschlagen [9].

Luther kritisierte die Artikel in seiner "Ermahnung zum Frieden". Nach Haspel versuchte er, Thomas Müntzer alle Schuld am Aufstand zuzuschieben [9]. Kurz nach seiner Rückkehr nach Wittenberg am 6. Mai schrieb er die Schrift "Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren", die 1525 unter anderem in Nürnberg gedruckt wurde [5]. Im selben Jahr heiratete er Katharina von Bora, eine frühere Nonne [19]. Die Trauung vollzog Johannes Bugenhagen am Abend des 13. Juni im Wittenberger Augustinerkloster [5].
Protestanten: Speyer 1529 und Augsburg 1530
Auf dem Reichstag in Speyer beschloss die katholische Mehrheit 1529, die Ausbreitung der Lehre Luthers zu stoppen und weitere Neuerungen bis zu einem Konzil zu verbieten [10]. Am 20. April 1529 überreichten ein Kurfürst und vier Fürsten dagegen eine Protestation, nämlich Kursachsen, Hessen, Brandenburg-Ansbach, Braunschweig-Lüneburg und Anhalt. In den folgenden Tagen schlossen sich 14 Reichsstädte an [10]. Ihr Grundsatz lautete, dass sich in Glaubensfragen die Minderheit nicht der Mehrheit beugen muss [10]. Das Wort "Protestanten" war zunächst ein abwertender Name aus altgläubigen Kreisen, als Selbstbezeichnung übernahmen es die Evangelischen erst seit dem 18. Jahrhundert [10].
Ein Jahr später legten die Lutheraner dem Kaiser auf dem Reichstag in Augsburg ihr Bekenntnis vor, das nach der Stadt Confessio Augustana heißt [11].
Krieg und Religionsfrieden
Im Sommer 1546 griff Karl V. den Schmalkaldischen Bund der protestantischen Stände mit Waffen an [12]. Nach der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 unterwarf sich Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen dem Kaiser. Auf Karls Seite hatte der lutherische Herzog Moritz von Sachsen gestanden [12]. Das Augsburger Interim von 1548 sollte die Glaubensfrage vorläufig und im katholischen Sinn regeln und scheiterte weitgehend [12]. Es folgten der Fürstenkrieg und der Markgrafenkrieg, der vor allem in Franken verheerend war [13].

Der Augsburger Religionsfrieden wurde am 25. September 1555 als Teil des Reichsabschieds besiegelt [13]. Er erlaubte das unbefristete Nebeneinander der Confessio Augustana und der alten Religion. Jeder Landesherr, in Reichsstädten der Rat, wählte eine der beiden Konfessionen, und diese Wahl galt für sein ganzes Gebiet. Später fasste man das in die Formel "cuius regio, eius religio" [13]. Wer den Glauben seiner Obrigkeit nicht annehmen wollte, durfte auswandern [13]. Calvinistische Glaubenspraxis war nach katholischer Lesart nicht vom Frieden gedeckt, und es blieb umstritten, ob die deutschen Calvinisten unter die Confessio Augustana fielen [13]. Nach dem geistlichen Vorbehalt verlor ein Bischof oder Abt, der evangelisch wurde, sein Amt. Dieser Klausel hatten die Protestanten nicht zugestimmt [13].
Zürich, Genf und England
Huldrych Zwingli, geboren am 1. Januar 1484, wurde 1519 Leutpriester am Grossmünster in Zürich. Im Januar und im Oktober 1523 hielt die Stadt zwei Disputationen über die Reform ab [14]. Beim Marburger Religionsgespräch 1529 einigten sich Zwingli und Luther in 14 von 15 Punkten, beim Abendmahl blieben sie uneins [14]. Zwingli fiel im Oktober 1531 im Zweiten Kappelerkrieg [14].
Johannes Calvin, am 10. Juli 1509 in Noyon geboren, veröffentlichte 1536 die erste Fassung seiner "Institutio" und ließ sich im selben Jahr zum Bleiben in Genf überreden. 1541 holte ihn die Stadt zurück, dort starb er am 27. Mai 1564 [15]. Im Reich wandte sich die Kurpfalz seit dem Ende der 1550er-Jahre dem Calvinismus zu, 1563 erschien der Heidelberger Katechismus. Historiker sprechen hier von der Zweiten Reformation [17].
In England ging der Bruch mit Rom vom König aus. Erzbischof Thomas Cranmer annullierte im Mai 1533 die erste Ehe Heinrichs VIII., der Act of Supremacy vom 28. November 1534 machte den König zum obersten Haupt der Kirche [16]. Zwischen 1536 und 1540 wurden die Klöster aufgelöst [16]. Mehr dazu steht im Artikel über Heinrich VIII.
Folgen bis 1648
Die katholische Kirche antwortete mit dem Konzil von Trient, das zwischen 1545 und 1563 in drei Perioden tagte [17]. Was es beschloss, steht im Artikel über die Gegenreformation. Die Lutheraner stritten nach Luthers Tod 1546 eine Generation lang über die Lehre, etwa darüber, ob gute Werke zum Heil nötig sind. Die Konkordienformel von 1577 und das Konkordienbuch von 1580 sollten den Streit beenden und grenzten das Luthertum scharf vom Calvinismus ab [17].
Die Konfession konnte nach Gotthard die Identität eines Territoriums stärken und dem Herrscher eine geistliche Legitimation verschaffen [18]. Im Reich verhärteten sich die Fronten bis zum Dreißigjährigen Krieg. In ihm sank die Bevölkerung von etwa 16 bis 17 Millionen auf rund 10 Millionen Menschen, erst der Westfälische Friede von 1648 beendete ihn [18].
Auch auf die Sprache wirkte die Reformation. Dass Luther die neuhochdeutsche Schriftsprache geschaffen habe, hält Gotthard für "mehr falsch als richtig". Kanzleien wie die in Eger und Nürnberg oder die Kanzlei Kaiser Friedrichs III. hatten großen Anteil daran, Luthers Bibel machte die Schriftsprache weiter bekannt [8]. Die Orte, an denen Luther lebte und lehrte, stellt die Seite Lutherstadt Wittenberg mit dem Rad vor.
- Studie Axel Gotthard: Kirche im ausgehenden Mittelalter (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Schlaglicht 1517: der sogenannte Thesenanschlag (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Luthers Kernanliegen (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Schlaglicht 1521: Luther und Karl V. in Worms (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Martin Luther. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Septembertestament. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Lutherbibel. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Populäre Irrtümer rund um die Reformation (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Michael Haspel: Ein bedeutender Impuls für die Freiheitsbewegung in Deutschland (Forschungsblog WortMelder). Universität Erfurt. Stand 19.03.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Schlaglicht 1529: die "Protestation" (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Stationen der deutschen Reformationsgeschichte (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Schlaglicht 1546: der erste deutsche Konfessionskrieg (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Schlaglicht 1555: der Erste Religionsfrieden (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: Huldrych Zwingli. World History Encyclopedia. Stand 13.01.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Joshua J. Mark: John Calvin. World History Encyclopedia. Stand 16.03.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: English Reformation. World History Encyclopedia. Stand 13.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Es gibt nicht "den" Protestantismus (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Axel Gotthard: Ausblicke: Wirkungen und Fernwirkungen der Reformation (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Martin Luther (Neue Deutsche Biographie, Band 15). Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Stand 1987. abgerufen am 29.10.2026
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