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Die Kabinettskriege: wie Europas Fürsten im 17. und 18. Jahrhundert Krieg führten
Kabinettskriege nennt man die Kriege europäischer Fürsten zwischen dem Westfälischen Frieden 1648 und der Französischen Revolution 1789. Der Name kommt von der Kabinettsregierung, denn über Krieg und Frieden entschieden der Herrscher und seine Berater. Typisch waren kleine stehende Heere, begrenzte Ziele und wechselnde Bündnisse.

Zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Französischen Revolution führten die Mächte Europas viele Kriege um Erbfolgen, Grenzprovinzen und das Gleichgewicht der Kräfte. Historiker fassen sie unter dem Begriff Kabinettskriege zusammen [1, 2]. Gemeint ist ein Kriegstyp, der die Zeit des Absolutismus prägte. Ob diese Kriege wirklich so begrenzt waren, wie der Begriff nahelegt, ist umstritten [1].
Woher der Begriff kommt
Der Name geht auf die Kabinettsregierung zurück. Über die meisten Kriege dieser Zeit entschieden die Herrscher mit ihren Beratern im Kabinett, ohne dass die Öffentlichkeit beteiligt war [1]. Zeitlich reicht die Epoche vom Westfälischen Frieden 1648 bis zur Französischen Revolution 1789 [1, 2]. Ältere Darstellungen lassen sie schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts enden [1].
Abgegrenzt werden die Kabinettskriege von den Religionskriegen davor und den Volkskriegen der Revolutionszeit danach [1]. Bekannt gemacht hat den Gegensatz zwischen Kabinettskriegen und Kriegen ganzer Staaten und Völker der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke der Ältere [2]. Was den Kriegen vorausging, erzählt der Artikel zum Dreißigjährigen Krieg.
Die Merkmale
Nicht jeder Krieg der Epoche zeigt alle Merkmale. In den Darstellungen kehren aber dieselben Punkte wieder [1, 2]:

- kleine stehende Heere mit meist adligem Offizierskorps [1]
- begrenzte Kriegsziele, etwa ein Erbe, eine Provinz oder das Gleichgewicht der Mächte [1, 2]
- häufig wechselnde Bündnisse zwischen den Kriegsparteien [1]
- Regeln für die Kriegführung und der Versuch, Menschen und Sachwerte zu schonen [1]
- Religion spielte als Kriegsgrund kaum noch eine Rolle [2]
- keine Beteiligung der Öffentlichkeit an der Entscheidung über Krieg und Frieden [1]
Die Führung lag in den Hauptstädten. In Österreich steuerte der Hofkriegsrat in Wien die Feldzüge oft bis in Einzelheiten, und Feldherren wie Prinz Eugen wichen nur gelegentlich von seinen Anweisungen ab [2]. Russland war eine Ausnahme, denn dort führte Peter I. selbst den Oberbefehl [2].
Heere und Kampfweise
Aus den Söldnerhaufen des 16. und 17. Jahrhunderts wurden in dieser Zeit disziplinierte Regimenter [1]. Wie die Landsknechte zuvor angeworben wurden und kämpften, beschreibt der Artikel Söldner und Landsknechte. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts machten das Steinschlossgewehr, Papierpatronen und das Bajonett die Pike überflüssig. Anfang des 18. Jahrhunderts hatten Füsiliere die Pikeniere ersetzt [3].

Auf dem Schlachtfeld galt die Lineartaktik. Die Infanterie stand zunächst in vier, später meist in drei Gliedern nebeneinander und feuerte in Salven. Beim Pelotonfeuer rückte ein Bataillon etwa 10 bis 12 Meter pro Minute vor und eröffnete das Feuer auf rund 200 Meter [3]. Die langen Linien hatten noch einen anderen Zweck: Sie erschwerten es zwangsweise angeworbenen Soldaten zu desertieren [3]. Ihre Schwäche waren die Flanken, deshalb deckte meist Reiterei die Flügel [3].
Ihren Höhepunkt erreichte die Lineartaktik im Siebenjährigen Krieg. Friedrich II. von Preußen setzte die schiefe Schlachtordnung ein, bei der ein Flügel verstärkt angriff. Bei Leuthen 1757 siegten so die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Preußen über die Österreicher [3]. Mehr zur Person steht im Artikel über Friedrich den Großen.
Die großen Kriege im Überblick
Fast jede Generation erlebte in dieser Zeit einen großen Krieg. Oft ging es um ein Erbe, weil ein Herrscherhaus ohne Söhne ausstarb und mehrere Familien Ansprüche erhoben [5, 6, 8]. Im Großen Nordischen Krieg griffen Russland, Sachsen-Polen und Dänemark-Norwegen das Schweden Karls XII. an. Der Frieden von Nystad beendete 1721 Schwedens Rolle als Großmacht [9].
| Krieg | Jahre | Worum es ging |
|---|---|---|
| Holländischer Krieg | 1672 bis 1678 | Frankreich gegen die Niederländische Republik, Frieden von Nimwegen [10] |
| Pfälzischer Erbfolgekrieg | 1688 bis 1697 | Krieg Ludwigs XIV. gegen das Reich [1, 4] |
| Großer Nordischer Krieg | 1700 bis 1721 | Vorherrschaft im Ostseeraum [1, 9] |
| Spanischer Erbfolgekrieg | 1701 bis 1714 | Erbe des letzten spanischen Habsburgers [5] |
| Polnischer Thronfolgekrieg | 1733 bis 1738 | Besetzung des polnischen Throns [1] |
| Österreichischer Erbfolgekrieg | 1740 bis 1748 | Erbe Maria Theresias, Schlesien [6] |
| Siebenjähriger Krieg | 1756 bis 1763 | Schlesien, Kolonien in Übersee [7] |
| Bayerischer Erbfolgekrieg | 1778 bis 1779 | Erbe der bayerischen Wittelsbacher [8] |
Der Spanische Erbfolgekrieg
Als Karl II., der letzte spanische Habsburger, starb, beanspruchten zwei Familien sein Erbe. Ludwig XIV. unterstützte seinen Enkel Philipp von Anjou, Kaiser Leopold I. seinen jüngeren Sohn Karl [5]. Auf der Seite Österreichs standen England und die Niederlande, die sich 1701 in der Großen Haager Allianz verbündet hatten, dazu Brandenburg, Hannover und ab 1703 Savoyen. Frankreich hatte Bayern, Kurköln und bis 1703 Savoyen auf seiner Seite [5].
Am 13. August 1704 siegten Österreicher und Engländer bei Höchstädt, 1704 eroberten die Engländer Gibraltar [5]. Die Verbündeten unter dem Herzog von Marlborough und Prinz Eugen gewannen weitere Schlachten, etwa bei Ramillies 1706, Oudenaarde 1708 und Malplaquet 1709, entschieden den Krieg aber nicht [5]. Nach dem Frieden von Utrecht 1713 schloss sich der Kaiser am 6. März 1714 in Rastatt und am 7. September 1714 in Baden an. Philipp V. blieb König von Spanien, die Habsburger erhielten die Spanischen Niederlande, Neapel, Mailand und Sardinien [5].
Der Österreichische Erbfolgekrieg
Nach dem Tod Kaiser Karls VI. 1740 stellten mehrere Staaten das Erbrecht seiner Tochter Maria Theresia infrage, obwohl sie es vorher in der Pragmatischen Sanktion anerkannt hatten [6]. Im Dezember 1740 besetzte Friedrich II. von Preußen Schlesien. Bayern, Frankreich und Spanien verbündeten sich 1741 im Vertrag von Nymphenburg, und der bayerische Kurfürst Karl Albrecht wurde 1742 als Karl VII. zum Kaiser gewählt [6]. Maria Theresia eroberte mit ungarischer Hilfe ihre Länder zurück und besetzte Bayern. Im Frieden von Dresden 1745 musste sie aber den größten Teil Schlesiens an Preußen abtreten [6]. Der Aachener Friede beendete den Krieg 1748 [6]. Über die Herrscherin informiert der Artikel zu Maria Theresia.
Der Siebenjährige Krieg
Im Sommer 1756 erfuhr Friedrich II. von einem geplanten Bündnis Österreichs mit Frankreich, Sachsen und Russland. Am 29. August 1756 fiel er ohne Kriegserklärung in Sachsen ein [7]. Preußen kämpfte im Bündnis mit Großbritannien gegen Österreich, Frankreich, Russland und Schweden. Nach Siegen bei Roßbach und Leuthen 1757 erlitt es am 12. August 1759 bei Kunersdorf eine fast vernichtende Niederlage [7]. Gerettet hat Preußen der Tod der Zarin Elisabeth. Ihr Nachfolger Peter III. schloss am 5. Mai 1762 einen Separatfrieden [7].

Der Frieden von Hubertusburg vom 15. Februar 1763 stellte den Zustand vor dem Krieg wieder her, Schlesien blieb preußisch [7]. Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums starben rund 180.000 preußische, 140.000 österreichische und 120.000 russische Soldaten, dazu Zehntausende Zivilisten [7]. Weil der Krieg auch in Übersee geführt wurde und schätzungsweise eine Million Menschen das Leben kostete, gilt er nicht als typischer Kabinettskrieg [1].
Der Bayerische Erbfolgekrieg
Am ehesten entspricht der Bayerische Erbfolgekrieg dem Bild eines Kabinettskriegs [1]. Am 30. Dezember 1777 starb die ältere Linie der bayerischen Wittelsbacher aus. Kaiser Joseph II. handelte mit dem Erben Karl Theodor von der Pfalz einen Tausch Bayerns gegen die Niederlande aus [8]. Der nächste Erbe, Karl von Zweibrücken, wandte sich an Preußen, das daraufhin den Krieg gegen Österreich eröffnete. In Böhmen erzielte keine Seite Erfolge [8]. Frankreich und Russland vermittelten, und am 13. Mai 1779 kam der Friede von Teschen zustande. Österreich verzichtete auf Bayern und erhielt das Innviertel [8].
Wie begrenzt die Kriege wirklich waren
Kritiker halten den Begriff für beschönigend [1]. Bauern mussten Truppen verpflegen und unterbringen, manche Dörfer gingen dabei zugrunde, und Soldaten vergewaltigten Frauen [1]. Der Historiker Michael Salewski führt die Zurückhaltung der Feldherren eher auf knappe Mittel zurück als auf die Ideen der Aufklärung [1].
Zwei Beispiele zeigen, wie weit die Zerstörungen gehen konnten. Im Holländischen Krieg ließ Wilhelm III. 1672 Deiche durchstechen, große Flächen standen unter Wasser [1]. Der Krieg weitete sich aus, als Spanien und das Reich die Niederlande unterstützten. Frankreich behielt nach dem Frieden von Nimwegen 1678 die meisten seiner Eroberungen [10]. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg verwüsteten französische Truppen Teile Südwestdeutschlands, darunter Heidelberg und Speyer [1]. Soldaten unter General Ezéchiel Mélac brannten 1689 den größten Teil Heidelbergs nieder. Zeitgenössische Flugblätter prangerten diese Politik der verbrannten Erde an [4]. Auch im Siebenjährigen Krieg lagen Preußen und Sachsen am Ende verwüstet [7].
Das Ende der Kabinettskriege
Mit der Französischen Revolution änderte sich der Krieg. Historiker setzen das Ende der Kabinettskriege meist mit der Wehrpflicht und der Massenaushebung, der levée en masse, an [2]. Die Revolutionsheere verbanden Linien mit Kolonnen, Napoleon übernahm diese Kampfweise, und in Preußen wurde sie durch die Heeresreformen zur Regel [3]. Mehr dazu erzählen die Artikel zur Französischen Revolution und zu den Napoleonischen Kriegen.
Einzelne Kriege des 19. Jahrhunderts werden trotzdem noch als Kabinettskriege eingeordnet, etwa der Krimkrieg von 1853 bis 1856 oder der Preußisch-Österreichische Krieg von 1866 [1]. Den Deutsch-Französischen Krieg von 1870 plante Moltke ebenfalls als Kabinettskrieg, er weitete sich aber aus [1].
- Kabinettskrieg. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Cabinet wars. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Lineartaktik. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Flugblatt zur Zerstörung Heidelbergs im Jahre 1689 unter Führung des französischen Generals Mélac. German History in Documents and Images, Deutsches Historisches Institut Washington. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Spanischer Erbfolgekrieg (AEIOU Österreich-Lexikon). Austria-Forum, Technische Universität Graz. Stand 26.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Österreichischer Erbfolgekrieg (AEIOU Österreich-Lexikon). Austria-Forum, Technische Universität Graz. Stand 26.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Arnulf Scriba: 1763, das Ende des Siebenjährigen Krieges (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 02.2013. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Bayerischer Erbfolgekrieg (AEIOU Österreich-Lexikon). Austria-Forum, Technische Universität Graz. Stand 26.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Großer Nordischer Krieg. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Holländischer Krieg. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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